Geoffrey Miller zu evolutionärer Psychologie und der Unbestimmtheit des Statusbegriffs beim Menschen

Eine interessante Aussage von Geoffrey Miller zu Pickup und Evolutionärer Psychologie

Erst einmal sagt er einiges dazu, wie der Bereich der Evolutionären Psychologie entstanden ist und was für Schwierigkeiten man dort hat:

[Geoffrey Miller] Yeah I’d say about seventy percent of evolutionary psychology is about mating, attraction, physical attractiveness, mental attractiveness, potential conflicts between men and women, and how those play out. But then other evolutionary psych people study all kinds of other things, like the learning and memory that Wikipedia mentioned. …

[Geoffrey Miller] Well one thing to note is it’s a pretty new field. I was literally at Stanford University when the field got invented by some of the leading people, who kind of had a joint retreat there at a place called The Center for Advanced Study in Behavioral Sciences. 1989, 1990.

And they actually strategized about, „How do we create this new field? What should we call it? How do we launch it? What kind of scientific societies and journals do we establish?“

So the field’s only twenty-five years old. It started out pretty strongly though, because the people who went into it were brilliant, really world-class geniuses, and that’s one of the things that attracted me to the field when I was a grad student.

Since then, the quality of the research has gotten way better. It’s a very progressive field in the sense that we actually build on each other’s insights. Other areas of psychology, everybody wants to coin and patent their own little term, their own, almost, trademarked little theory, and try to ignore a lot of what other people do.

We tend to be in more of the tradition of mainstream biology, where you actually respect what other people have done before, and try to build on it. So I think we’re really good at doing that.

The other thing to remember, apart from it being a young field, is it’s a pretty small field. There’s fewer than a thousand people in the world actively doing evolutionary psych research, compared to fifty thousand people doing neuroscience research, or probably a hundred thousand scientists doing cancer research.

So it’s not a huge field. There’s probably more science journalists trying to cover evolutionary psychology than there are evolutionary psych researchers. …

[Geoffrey Miller] Well I’ll tell you what areas of science really impress me at the moment, in terms of being super high-quality and sophisticated. One is behavior genetics. Twin studies. So I did a sabbatical in Brisbane, Australia with one of the big twin research groups, back in 2007.

And they were just making this shift. They had tracked thirty thousand pairs of twins in Australia for the previous twenty years, and given them literally hundreds of surveys, and measurements, and experiments over the years. And they were just starting to collect DNA from all these twin pairs.

And what you have now is big international networks of people working in behavior genetics, sharing their data, publishing papers with fifty or a hundred scientists on the paper, working together and being able to identify, „Hey, here’s where the genes for, like, how sexually promiscuous you are overlap with the genes for this personality trait, or the genes for this physical health trait.“

And it’s amazingly sophisticated. It’s powerful. The datasets are huge. The problem is a lot of that stuff is very politically incorrect, and it makes people uncomfortable. And people are like, „You can’t say that propensities for murdering people are genetic. Or, propensities for having a lot of musical creativity are genetic,“ people don’t want to hear that. So there’s a big kind of ideological problem there. But honestly that’s where some of the best research is being done in the behavioral sciences. …

Das Gebiet an sich ist also noch vergleichsweise jung und vergleichsweise wenige Personen sind darin tätig. Was vielleicht auch daran liegt, dass es eher „Grundlagenforschung“ ist, ohne das man daraus direkt Medikamente oder Heilmethoden herleiten kann. Zudem ist man in dem Bereich eben schnell in relativ strittigen Bereichen, etwa eben der Frage, wie sich unserer Biologie auswirkt und damit auch bei der biologischen Kränkung.

Dann sagt er noch etwas zu einem meiner Lieblingsthemen, nämlich Status:

[Geoffrey Miller] Well one big thing is I think a lot of the pickup artist guys who quote The Mating Mind book, or refer to evolutionary psychology, get all obsessed with status, and they talk about alpha males, and beta males, and gamma males, and omega males, and whatever. Status, status, status. And that’s fine. Status is important, no doubt.

But the idea that you can simply categorize human males into, „Oh, you’re an alpha. You’re a beta.“ That works for gorillas. It works for orangutans, where the different statuses are actually associated with different body sizes. Like an alpha orangutan is literally twice as heavy as a beta orangutan, and has huge cheek pads, and the beta doesn’t. And they have completely different mating strategies.

But for humans, status is way more complicated. It’s fluid, it depends on context. …

 Ich bin auch der Auffassung, dass es keine strikte Unterteilung in Alpha und Beta gibt, keine feste Grenze, sondern dass es ein sehr stark kontextabhängiger Bereich ist, der einer starken kulturellen Ausgestaltung unterliegt, wenn es auch bestimmte Regeln gibt, nach denen es verläuft. Das hat bereits häufig zu der Kritik geführt, dass mit dieser Fluidität der gesamte Begriff wertlos ist. Was aus meiner Sicht falsch ist: Soziale Hierarchien können vielfältig ausgeprägt sein und stark subjektiv sein: Wer für den einen Bodensatz der Gesellschaft ist mag aus der Sicht eines anderen eine rankhohe Person sein, weil er in der jeweiligen Welt einen hohen Rank hat (ein klassisches Beispiel wäre wieder der Punker, der aus Sicht eines Bankers vielleicht Bodensatz der Gesellschaft ist, in seiner Gruppe aber der Anführer. Oder der Sektenführer, der aus Sicht von Leuten außerhalb der Sekte ein Spinner, innerhalb dieser aber ein Gott ist.
Schon weil wir heute in großen Gruppen leben, in denen zahlreiche Gruppenstrukturen sich überschneiden und durchdringen oder auf Ebenen nebeneinander liegen, und wir gleichzeitig starke formelle Gleichheit anstreben,  ist bei uns Status zwangsläufig kompliziert: Es ist kein einfaches „Ich bin stärker“ oder „ich kann mir lauter auf die Brust trommeln“, sondern es ist in kulturelle Zeichen eingebunden, die je nach Gruppe einen eigenen Wert oder eine andere Signalstärke haben.

14 Gedanken zu “Geoffrey Miller zu evolutionärer Psychologie und der Unbestimmtheit des Statusbegriffs beim Menschen

  1. ät Evochris:

    Du hattest ja mal geschrieben, daß Du einen Kumpel in der Kneipe als „Goldmedailengewinner“ mit Status aufgeladen hast, was die Mädels am Tresen rollig machte.

    Status ist in der Gesellschaft also recht fluide.
    Es kommt vielleicht daher, daß unser heutiger Status nach Titeln, Bildung, Besitz und so weiter „künstlich“ ist und von der Natur so gar nicht vorgesehen.

    Daher sind unsere jungen zivilisatorischen Statusbegriffe wahrscheinlich auch nur sekundär. Sie repräsentieren nur etwas anderes, worauf es ankommt.

    In der Wildbeuterzeit vor der Einführung seßhafter Lebensweise war der „natürliche“ Status getragen von der macchiavellistischen Machtposition in der Gruppe, von Alter, von Erfahrung, von Jagdleistung u.ä. (Ok, das kennen wir heute), und nicht zuletzt von körperlichen Vorzügen (Schönheit, Größe&Kraft).

    Einige Parameter für Status waren damals auch schon veränderlich, wie Jagdglück, Qualität und Anzahl der Konkurrenten um die Macht etc. Kein Wunder also, daß Status teil schwer zu quantifizieren oder exakt festzumachen ist.

    Eine Anekdote von Jan Fleischhauer aus seiner Schulzeit: “ Mädchen waren die härteste Währung für Status.“
    —————

    Hattest Du meinen Vorschlag von gestern zu Ideologie und Intelligenz gelesen?

  2. Guter Kommentar!
    Schwierig zu sagen was in unserer modernen Gesellschaft den Status bestimmt. Ist es der formelle Bildungsabschluss, das Einkommen oder irgendwelche Statusmarker wie Autos etc.
    Ich würde auch sagen dass das Verhalten/Auftreten und die Gruppe in der man sich bewegt wesentlich den Status bestimmt.

    In den AB Foren wird ja oft gesagt dass auch Männer mit hohem Bildungsabschluss (also mit eigentlich hohem Status) Probleme haben Beziehungen zu beginnen.

    • Merci!
      AB- Abs. Beginner?

      „dass auch Männer mit hohem Bildungsabschluss (also mit eigentlich hohem Status) Probleme haben Beziehungen zu beginnen.“

      Na ja, die Nerds eben. Ich kenne ne hübsche Blondine, die Informatik studiert. Die 95% Männer dort belästigen sie überhaupt nicht.

      Interessante Folge der Zivilisation: Früher praktisch kaum nützliche Männer werden plötzlich hochrangig, nutzen den Status aber gar nicht für den vorgesehenen Zweck, die Befruchtung.

      Kennst Du „House of lies“? Herrlich.

      Wieso die Natur „Nerd“-Typen selektiert hat, ist mir schleierhaft. Vielleicht als Langfrist-Strategen. Wobei, wenn die keine Frau anquatschen, haben sie eigentlich gar keine Strategie.

      • ja AB ist Absolute Beginner.

        Ich hab mal in einem Blog gelesen Nerds seien schlechte Eroberer aber dann gute Ehemänner weil sie viel in das Kind investieren (parental investment) und ihrer Frau treu sind.

        • Na ja, langfristige Strategie.
          Die Bespringer hingegen sind früh aktiv und kriegen die Frauen ab ca. 15a, lassen dann aber spätestens nach der Berufsausbildung nach: Fußball, Alkohol, Niedriglohnjobs….

    • @Axel:
      Wenn du das Fleischhauer-Zitat noch um den Folgesatz erweiterst, hast du das Nerd-Thema auch mit drin:

      Mädchen sind die härteste Währung, nach der sich unter Heranwachsenden der Status in der Sozialhierarchie bemisst. Als Tierpräparator oder Mathegenie stand man auf verlorenem Posten.
      (Jan Fleischhauer, Unter Linken)

      Viele Absolute Beginner haben MINT-Fächer studiert und verdienen weit über dem Durchschnitt. Für sie ist es besonders hart zu sehen, wie leicht bildungsferne Versagertypen an hübsche Frauen rankommen.

      Warum wirkt sich hier Gehalt und beruflicher Erfolg nicht auf den Status und den Frauenerfolg aus?

      Frauen fragen nicht nach dem Kontostand, wenn sie jemand kennenlernen. Sie achten in erster Linie auf dominantes Alpha-Verhalten, aber auch auf Statussymbole, Habitus etc. Da ABs typischerweise weder Führungsqualitäten besitzen, noch ihr Geld in sichtbare Statussymbole (z.B. teure Autos) investieren, bleiben sie in der Statushierarchie trotz hohem Einkommen ganz unten.

      Warum hat die Evolution Nerds hervorgebracht?

      Und warum hat sich eigentlich die Kurzsichtigkeit entwickelt? Welchen evolutionären Vorteil bringt die Mukoviszidose? Warum haben manche Menschen eine Prädisposition für bestimmte Krebsarten? Warum gibt es Homosexualität?
      Es ist m.E. wenig zielführend, über die evolutionsbiologischen Vorteile von Minderheiteneigenschaften nachzudenken. Es hat schon seinen Grund, warum solche Menschen in der Minderheit sind: Weil es evolutionär nicht so viel Sinn macht.
      Und warum gibt es überhaupt solche Eigenschaften?
      Bei sich ändernden Umweltbedingungen kann es für das Überleben einer Art sehr nützlich sein, wenn es einzelne Individuen gibt, die an die alten Bedingungen schlecht angepasst waren, an die neuen aber sehr gut. Deshalb ist eine gewisse Variationsbreite mit teilweise offensichtlich negativen Merkmalen sinnvoll.

      • @dirk

        „Frauen fragen nicht nach dem Kontostand, wenn sie jemand kennenlernen. Sie achten in erster Linie auf dominantes Alpha-Verhalten, aber auch auf Statussymbole, Habitus etc. Da ABs typischerweise weder Führungsqualitäten besitzen, noch ihr Geld in sichtbare Statussymbole (z.B. teure Autos) investieren, bleiben sie in der Statushierarchie trotz hohem Einkommen ganz unten.“

        Mit der Einschränkung, dass der Kontostand natürlich durchaus auch ein Statussymbole an sich sein kann.
        Und das man Statussymbole wie teure Autos eben auch entsprechend ausfüllen können muss. Der unselbstbewußte Nerd, der erkennbar nur etwas kompensieren will mit dem schicken Sportwagen, wird deren Effekt auch nur sehr eingeschränkt nutzen können

      • @dirk

        „Frauen fragen nicht nach dem Kontostand, wenn sie jemand kennenlernen. Sie achten in erster Linie auf dominantes Alpha-Verhalten, aber auch auf Statussymbole, Habitus etc. Da ABs typischerweise weder Führungsqualitäten besitzen, noch ihr Geld in sichtbare Statussymbole (z.B. teure Autos) investieren, bleiben sie in der Statushierarchie trotz hohem Einkommen ganz unten.“

        Mit der Einschränkung, dass der Kontostand natürlich durchaus auch ein Statussymbole an sich sein kann.
        Und das man Statussymbole wie teure Autos eben auch entsprechend ausfüllen können muss. Der unselbstbewußte Nerd, der erkennbar nur etwas kompensieren will mit dem schicken Sportwagen, wird deren Effekt auch nur sehr eingeschränkt nutzen können

      • ät Dirk:

        „Es hat schon seinen Grund, warum solche Menschen in der Minderheit sind: Weil es evolutionär nicht so viel Sinn macht.“

        Du sagst es: Die Variationsbreite könnte an sich schon selektiert worden sein (d.h., daß die genetische Struktur viele Phänotypen ausbringen kann).

        Bei Männern, gerade jüngeren, spielt denke ich, auch noch das Körperliche eine größere Rolle. Größe und Kraft, ein männlicher Schädel wirken nach meiner Erfahrung sehr attraktiv in der Schulzeit. Erst wenn die Fortpflanzung dann tatsächlich ansteht, scheinen die Mädchen/Frauen dann tatsächlich mehr auf Status & Verläßlichkeit zu gehen.

        • „Bei Männern, gerade jüngeren, spielt denke ich, auch noch das Körperliche eine größere Rolle.“
          In unserer Gesellschaft spielen junge Menschen v.a. noch nicht in der Welt der „Großen“, sondern primär untereinander in der Schule. Die müssen dort nur untereinander konkurrieren und die Jungs nicht mit Berufstätigen — wogegen sie i.A. schlecht aussehen. Die Mädchen hingegen konkurrieren eben nicht mit den Älteren, wohingegen die Jungen hier einen eher noch höheren Marktwert bekommen würden.
          In einer „egalitär“ Gesellschaft ohne Trennung nach Alter sähe das garantiert alles anders aus. (Diese Idee ist afair von Roy Baumeister)

    • Eine Korrelation macht noch keinen Kausalzusammenhang: Er hat vermutlich nicht deswegen wenig Erfolg bei Frauen, weil er ein Nerd ist; sondern eher umgekehrt: Da er keinen Erfolg bei Frauen hat, investiert er sehr viel Energie in ein Thema um als Spezialist zu punkten (in der grauen Vorzeit vielleicht als Waffen-/Werkzeugmacher oder Schamane)

  3. Nach meiner Erfahrung ändert sich das mit dem Alter. Zuerst (etwa in der Schule) interessieren sich Mädchen für die „hübschen“ Jungs, dann (nach der Schule) ziehen athletische, sportliche Typen die Aufmerksamkeit auf sich, auch wenn sie nicht so hübsch sind. Im Erwachsenenleben schließlich scheint mir der soziale Status zu dominieren, so dass auch wenig attraktive Männer Chancen bei tollen Frauen haben können.

    Ideal ist natürlich immer noch eine Kombination von allen dreien, die aber schwer zu finden sein dürfte.

    • für den Mocho:

      Na logisch. So wie es ja auch kaum Frauen gibt, die alles haben: Hübsch&kurvig. Denk mal an Rachel McAdams..

      Was die Sportlichen angeht, da würd ich sagen, daß Mädchen auch die neben den „Hübschen“ bevorzugen. Eine Erfahrung aus meiner Schulzeit: Die zerbrechliche Daniela, blond und klein, hat dem Weben des großen und groben Andreas nachgegeben, obwohl jeder sofort wußte, daß er sie nur verar… So hat er sie nach einer Woche denn auch abserviert.

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