Selbst Bilder von Anti-Vergewaltigungskampagnen oder Berichten sind eigentlich Rape Culture

Bei der Mädchenmannschaft stellt Steinmädchen, von der ich auch hier schon mal einen Artikel besprochen hatte, klar, dass auch die Berichte über Vergewaltigungen selbst auf perfide Art Sexismus und selbst Rape Culture sind:

Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, solange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln hergestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.

Dabei geht es jetzt nicht im irgendwelche Vergewaltigungsszenen in Filmen oder Gewalt in Pornos, sondern um Bilder und Berichte bzw. um Kampagnen gegen Vergewaltigungen, also zB um Bilder wie diese:

Vergewaltigung in dunkler Gasse

Vergewaltigung in dunkler Gasse

Vergewaltigung im dunklen Park

Vergewaltigung im dunklen Park

Hier wird kritisiert, dass diese Bilder ja Vergewaltigungsmythen bedienen, denn Frauen werden eben seltener im Park vergewaltigt oder in dunklen Gassen, sondern eher zuhause. Nach dieser Auffassung müssten entprechende Kampagnen demnach andere Bilder zeigen:

Sonst würden auf den Bildern auch nicht Parkbänke und Schummerlicht im Dunkeln zu sehen sein, sondern Wohnungstüren.

Geschlossene Räume müssten auf den Bildern sein und der liebende Boyfriend. Aber unsere Gesellschaft lehrt uns immer wieder: Nur das Fremde ist gefährlich. Andere Bilder würden sich nicht so gut verkaufen, sie würden zu tief reingreifen in unsere patriarchale und rassistische Gesellschaftsstruktur. Es ist Teil einer Männerfantasie, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, Teil einer Fantasie, in der im nur der Andere ein Täter sein kann, in der sexualisierte Gewalt ihre eigene Frauen, ihren Besitz angreift. Das kann natürlich nur im Außen passieren.

Wer also bei einer Anti-Vergewaltigungskampagne nicht den liebenden Freund darstellt, der bedient Männerfantasien und schützt die Vergewaltigungskultur. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Bei Vergewaltigungskampagnen muss man sich die heimische Wohnung und den liebenden Freund vorstellen, sonst ist man quasi Teil des Patriarchats oder arbeitet diesem zu.

Das viele Frauen selbst diese Fantasien einfach nicht haben wollen und das keineswegs aus patriarchalen Gründen, sondern weil es eine Sicht ist, die man einfach nicht gerne hat, das ist im Feminismus dieser Art schwer vermittelbar. Dort gilt eben, dass die Rape Culture so schonungslos wie möglich bekämpft werden muss und da darf man vor solchen Gedanken eben nicht zurückschrecken.

Auch die Frau, die dargestellt wird, entspricht nicht feministischen Anforderungen:

Eine Frau, die vergewaltigt wird, ist immer sehr feminin dargestellt. Sie entspricht den gesellschaftlichen, heteronormativen Vorstellungen von Weiblichkeit. Sie ist jung und schlank, hat keine sichtbaren körperlichen Einschränkungen, meist lange Haare und ist niemals androgyn, burschikos, gar trans – nichts an ihr stellt Weiblichkeitskonzepte in Frage. Das sind in diesen Bildern Frauen, bei denen sich vorgestellt werden kann, dass sie vergewaltigt werden. Hässlichkeit und Abweichung von Geschlechtsvorstellungen wirkt in diesen Bildern letztendlich als Gegenbild – geschützt vor Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt durch Abnormitäten. Dass dies mit der Realität nichts zu tun hat, hindert nicht daran, diese Bilder immer wieder zu verbreiten. Denn sie sind Teil einer Männerfantasie, in der Vergewaltigung immer etwas Erotisches hat und das würde gestört werden, wenn deutlich werden würde, wer alles vergewaltigt wird.

In dieser Weltsicht ist das Schutz des Egos. Ich vermute, dass es der klassische Weg ist, der auch ansonsten in der Werbung eingeschlagen wird: Wer für ein Opfer werben will, der muss eine Identifikationsfläche bieten und den Wunsch zu beschützen hervorrufen. Und der entsteht eben bei schönen Menschen eher und mit schönen Menschen können wir uns auch eher identifizieren. Das kann man unter allgemeinen Schönheitszwang einordnen, also letztendlich unter Patriarchat, ich würde eher vermuten, dass es klassische Biologie ist: Leuten mit hohem Partnerwert will man eben eher helfen, man will lieber etwas schönes retten, findet es schlimmer, wenn etwas schönes angegriffen wird.

In Steinmädchens Sicht muss es natürlich eine Form der Erotik sein. Was schon eine sehr bizarre Sicht ist, was genau würde gestört werden, wenn auf so einem Plakat eine hässliche Frau abgebildet ist? Steinmädchen scheint die Männer masturbierend vor den Fotos von Anti-Vergewaltigungskampagnen sitzen zu sehen. Oder sie scheint die Ersteller dieser Kampagnen als Männer zu sehen, die sabbernd vor dem Foto sitzen und sagen „mach die mal hübscher, das hässliche Ding vergewaltigt doch keiner“. Was sollten Männer damit eigentlich erreichen wollen? Wenn Vergewaltigungskultur den Postern nach nur hässliche Frauen treffen würde, dann hätte wir sie aus meiner Sicht weitaus eher verharmlost („es trifft ja eh nur die hässlichen, die keinen Mann abbekommen, der sie beschützt, nimm also besser ab und mach Sport“).  Oder es würde zu Witzen einladen wie „eine hässliche wie die bekommt auch anders keinen Mann ab“. Es sind die hübschen Frauen, die Männer schützen und begehren wollen.

Auch die Haltung vergewaltigter Frauen ist nach diesen Bildern immer eindeutig: Zusammengekauert, mit den Armen die Beine umschlungen. (Habt ihr das mal probiert? Es ist keine so einfache Position! Ich schwöre, mit ein paar Fettfalten dazwischen funktioniert das zusammenkauern einfach nicht mehr.) Immer wieder werden diese Bilder reproduziert.

Das Gesicht der Frauen bleibt fast immer unsichtbar, ihre Augen sind bedeckt von Händen – oder der ganze Kopf ist gebeugt. Oft sind es eben auch die Bilder wie oben, der Blick des Mannes und Täters wird zur Blickrichtung auf die Frauen, die Bilder zeigen Männerfantasien. In den Bildern wir eins immer und immer wieder klar: Die Frau ist in sich passiv.

Was sind wir Männer doch für durchtriebene Schurken. Da machen wir mit den Postern zum einen noch Fat Shaming und stellen solche Frauen auch noch leidend und hilflos dar. Natürlich: Wir wollen ja damit auch nicht etwa Mitleid oder Schutzinstinkte ansprechen und über die Gesichtslosigkeit darstellen, dass es jede Frau treffen kann und über die Passivität auch nicht, dass sie Hilfe braucht, sondern wir wollen einfach nur deutlich machen, dass man sich als Frau nicht gegen Vergewaltigungen wehren kann und besser passiv bleiben soll:

Wenn das Wehren erfolgreich ist, wird dies in der Zeitung nicht so kommuniziert. Die Frau bleibt Opfer. Es ist, als könnte sie nichts anderes sein. Selbst wenn ein Täter in die Flucht geschlagen wird, er bleibt das Subjekt, sie flieht. Er bleibt immer Subjekt, sie Objekt. Es wäre leicht zu schreiben: Frau schlägt Vergewaltiger in die Flucht. Aber das ist nicht der Text, nicht das Bild. Ihr passiert, er tut. Manchmal kommt die Tat in den Fokus. Niemals ist es ihr Blick, der zählt.

Ich würde wirklich gerne mal ein von Steinmädchen entworfenes Bild sehen. Auf den ersten Blick würde man folgendes Motiv versuchen: Eine nicht hübsche, vermutlich schwarze queere Frau schlägt ihren Freund bei einer versuchten Vergewaltigung in die Flucht, sie als Mittelpunkt des Bildes, er fliehend. Würde ich gerne die feministische Reaktion drauf wehren: Sie muss sich also wehren, sind dann Frauen schuld die das nicht schaffen? Werden etwa nur hässliche Frauen vergewaltigt? Warum guckt sie so selbstbewußt, wenn sie eigentlich gerade von ihrem Freund traumatisiert wurde? Soll das leiden von Frauen herabgesetzt werden? Natürlich kann es gar kein richtiges Bild geben. Es ist klassischer „Nicht gut genug Feminismus

Es ist kein Wunder, dass in unserer Gesellschaft Vergewaltigung nicht verurteilt wird, wenn das die Bilder sind, die davon gepredigt werden, immer und immer wieder. Man kann noch so oft rufen: Vergewaltigern auf’s Maul, denn es gibt doch keine Täter. Vergewaltiger können dank dieser Bilder sagen: Das bin nicht ich, ich habe nicht in einer Unterführung gestanden und bin brutal über ein Frau hergefallen. Das war halt eine Freundin, die es eigentlich ja auch wollte.

Die Antivergewaltigungskampagnen sind schuld an den Freisprüchen von Vergewaltigern. Habe ich das gerade richtig im ersten Satz gelesen? Und die übrigen Sätze scheinen davon auszugehen, dass Vergewaltiger (ich vermute sie setzt hier eigentlich „Männer“ ein) Berichte über andere Taten lesen und sich denken „Vergewaltigung ist eine dunkle Gasse und eine kauernde Frau, da kann ich ja jetzt mal meine Freundin zum Sex zwingen, das ist ja nicht so schlimm, da sie gerade nicht kauert und wir auch nicht in einer dunklen Gasse leben“. Scheint mir eine geradezu bizarre Vorstellung zu sein.

Dank dieser Bilder können Betroffene sich keinen Glauben schenken. Es war ja nicht wie auf den Bildern. Also kann es nicht echt gewesen sein.

Steinmädchen hat die Lösung: Einfach keine Bilder mehr in Zeitungen und Antivergewaltigungskampagnen. Schon würden alle den Betroffenen glauben. Die Bilder hingegen scheinen in ihrer Vorstellung noch nicht einmal nur eine Mitschuld zu haben, sondern sie sind der Anlass. Das an sich ist schon eine sagenhafte Übertreibung, aber durchaus typisch für einen so radikalen Feminismus: Jede Kleinigkeit kann aufgebläht werden, bis sie gleich dem Patriarchat ist.

Denn wahrhaft glaubhaft kann eine Vergewaltigung nur sein, wenn alle Mythen erfüllt werden, der Täter in rassistische Schemata passt, massive Verletzungen vorliegen – und am besten tödlich geendet hat

Oben war ich noch gar  nicht darauf eingegangen: Wo nimmt sie eigentlich das rassistische Schema her? Gibt es irgendwo auch nur eine Kampagne gegen Vergewaltigung, die andeutet, dass der Täter Ausländer ist? Es würde sich meiner Meinung nach keine Kampagne trauen.

Denn wenn es im eigenen Zimmer war, wenn sich nicht „genug gewehrt“ ™ wurde, dann muss sie es ja doch gewollt haben. Der Tod bietet die Gewissheit, dass sie es wirklich nicht gewollt hat. Vorher bleiben immer diese Zweifel, ob die Frau es nicht doch gewollt hat, die Tat herbeigeführt, provoziert hat. Eine seltsame Vorstellung, kombiniert mit der Vorstellung der absoluten Passivität gibt es hier eine Männeropferfantasie, die Hure, das Monster, die alle Männer ihrer Kontrolle beraubt.

Da der gesamte Diskurs mehr von Männerfantasien geprägt ist als von Realitäten, ist es kein Wunder, dass Vergewaltigung nicht verurteilt wird. Diese Bilder, die täglich in Berichten zu sehen sind, halten diese Mythen aufrecht, sie sind Teil der Fantasien.

Schon interessant, wie viel hier aus Bildern hergeleitet wird. In ihrem Artikel betont sie die Männerphantasie der Vergewaltigung. Das diese Bilder der Idee nach gegen Vergewaltigungen gerichtet sind, Mitleid und Sympathie gegenüber der Frau erzeugen sollen, dass hat in ihrem Weltbild keinen Platz.

In den Kommentaren in ihrem Blog schreibt sie immerhin:

Eine Männerfantasie ist es deshalb, weil es einen patriarchalen Blick auf Sexualität und Gewalt widerspiegelt. Diese Fantasie wird jedoch nicht nur von Männern geteilt, sondern zieht sich durch Geschlechter durch. Wirkmächtige Fantasien nisten sich in unseren Köpfen ein und sind schwer zu bekämpfen.
Deshalb benenne ich sie als Männerfantasie, nicht weil ich denke, dass alle Männer zwangsläufig diese Fantasien haben und Frauen und Transpersonen nicht, sondern ich benne sie so, um die strukturelle Herkunft dieses Blickes greifbarer zu machen.

Also auch Frauen scheinen darauf wert zu legen, dass Frauen eigentlich bei der Vergewaltigung irgendwie doch selbst schuld sind und scheinen zu denken, dass hässliche Frauen nicht vergewaltigt werden. „Strukturelle Herkunft“ ist dabei eine typische feministische Aussage: Irgendwie haben Männer und Frauen diese Gedanken, weil die Gesellschaft sie eben allen einpflanzt (und Frauen zu blöd sind um zu merken, dass sie in einer Vergewaltigungskultur leben und diese damit unterstützen), aber die Männer oder jedenfalls die hegemonialen Männer sind ja die eigentlichen Strippenzieher, die an allem Schuld sind.

Männermenschen bleiben letztendlich doch die Schlimmsten.