Die Vorteile der Einsicht, dass wir biologische Grundlagen haben

Noch eine interessante Stelle von dem Buch „Genome: The Autobiography of a Species in 23 Chapters“ (PDF) (S. 160). Diesmal deutlich kürzer:

Meanwhile, the discovery that personality has a strong genetic component can be used in some very non-genetic therapy. When naturally shy baby monkeys are fostered to confident monkey mothers, they quickly outgrow their shyness. It is almost certainly the same with people – the right kind of parenting can alter an innate personality. Curiously, understanding that it is innate seems to help to cure it. One trio of therapists, reading about the new  results emerging from genetics, switched from trying to treat their clients‘ shyness to trying to make them content with whatever their innate predispositions were. They found that it worked. The clients felt relieved to be told that their personality was a real, innate part of them and not just a bad habit they had got into. ‚Paradoxically,depathologising people’s fundamental inclinations and giving group members permission to be the way they are seemed to constitute the best insurance that their self-esteem and interpersonal effectiveness would improve.‘ In other words, telling them they were naturally shy helped them overcome that shyness. Marriage counsellors, too, report good results from encouraging their clients to accept that they cannot change their partners‘ irritating habits – because they are probably innate – but must find ways to live with them. The parents of a homosexual are generally more accepting when they believe that homosexuality is an immutable part of nature rather than a result of some aspect of their parenting. Far from being a sentence, the realisation of innate personality is often a release.

Danach ist es also für viele Leute eine Erleichterung und gut für ihr Selbstbewußtsein, wenn sie sich oder andere so akzeptieren können, wie sie sind und dies als Grundlage eröffnet ihnen dann gleichzeitig die Möglichkeit, auch an sich zu arbeiten und so etwas wie Schüchternheit eher zu verbessern. Weil es einem eine Grundlage bietet und auch eine Erklärung: Man muss sich keine Vorwürfe mehr machen und kann daher leichter mit der Sache umgehen.

Ein ähnliches Phänomen hatte ich schon einmal bezüglich der Geschlechterrollen dargestellt:

Eine interessante Beobachtung machte Trautner bei Längsschnittstudien mit anfangs auffällig streng einteilenden Kindern: Wer als Kleinkind seine Welt besonders klar in männlich/weiblich aufteilte, konnte später lockerer mit den Kategorien umgehen. Das entspricht der Alltagswahrnehmung. Männer und Frauen, die früh in eine sichere Geschlechtsrolle gefunden haben, müssen sich nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch präpotentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern. Sie können sich auch vom Rollenklischee abweichendes Verhalten erlauben.

Die klare Vorstellung von der Geschlechterdifferenz und der eigenen Zugehörigkeit ist offenbar eine gute Basis für einen späteren freien Umgang mit Stereotypen. Man kann sich dann Interesse und sogar Freude und Spaß an der Differenz leisten. Und man kann dann auch Unterschiede ertragen. Denn Differenz, darauf weist der Sozialwissenschaftler Amendt hin, macht eben nicht nur stolz. Sie erzeugt auch Neid. Penisneid ist da bloß ein Beispiel. Nur starke Menschen halten die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus.

Auch hier sind also Menschen, die meinen, sich selbst gefunden zu haben, sicherer. Und auch dabei kann einem dann vielleicht das Wissen, dass man eben auf eine bestimmte Weise ist, helfen.

Ich vermute, dass es auch durchaus Nachteile geben kann, wenn man ohne Grund annimmt, wegen bestimmter angeblich bestehender Geschlechterunterschiede etwas nicht zu können, zB eine Frau, die meint, sie kann keine Bohrmaschine bedienen oder ein Mann, der meint, dass er nicht kochen kann. Allerdings wären das eben auch Vorstellungen, die sehr essentialistisch sind und den Rahmen der Biologie stark überziehen.

Des weiteren vermute ich, dass genau dieser Umstand, dass man sich gern in einer Rolle sicher ist, bestimmte Leute, die in die normalen Rollen und Muster nicht passen, eher motiviert, sich mit Queertheorie und Genderfeminismus zu beschäftigen. Denn dort ist man eben auch plötzlich „richtig“, alle anderen sind falsch. Ich vermute allerdings, dass dort des häufigeren die kognitiven Dissonanzen größer werden, weil man dort ja darauf achten muss, dass man nicht doch ein falsches verhalten, etwas zu stereotyp, zeigt. Da bieten aus meiner Sicht die biologischen Theorien, wenn sie richtig verstanden werden, mehr halt.

40 Gedanken zu “Die Vorteile der Einsicht, dass wir biologische Grundlagen haben

  1. Ist der hier beschriebene Gedanke nicht das exakte Gegenteil des Bildungsplans in BW und NS?

    Auf welche empirischen Untersuchungen stützt sich der eigentlich?

    • @only me

      Keine Ahnung. Der Bildungsplan scheint mir eher Benennen zu wollen als Grundlagen dafür darlegen zu wollen. Ich denke die theoretische Grundlage ist klassisches Queertheorie bzw. poststrukturalistischer Genderfeminismus, wie sehr das dort benannt wird kann ich aber nicht sagen

    • Oder um rationaler und „maskuliner“ zu antworten: Deine Vermutung, es gehe den Bildungsplan um geschlechtliche Verwirrung, beruht in Wesentlichen auf homophober Propaganda.

      • Und was ist mit denen, die sich bei man-tau informieren?

        „Für die Lesenden ist nicht nachvollziehbar, inwieweit die Ausführungen des Autorenteams faktenbasiert sind oder sich auf Annahmen beziehen. So heisst es beispielsweise auf S. 40 unkommentiert, dass die Auseinandersetzung mit Vielfalt in der Sexualpädagogik mit Sicherheit die eigene Weltsicht bereichert, obwohl gerade dieser Punkt regelmässig zu Diskussionen in der Gestaltung sexualpädagogischer Angebote führt.“
        So der Pädagogikprofessor Daniel Kunz in einer Rezension. Das ist durchaus beachtlich: Während Tuider und ihre Mitschreiber durchgängig das Ziel formulieren, hergebrachte Vorstellungen zu reflektieren, zu ihrer „VerUneindeutigung“ und „Verwirrung“ (40) beizutragen, reflektieren und belegen sie ihre eigenen Grundannahmen nirgendwo.

        Der Kieler Pädagogik-Professor Uwe Sielert schreibt schon 2001 in seinem Text Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt:
        „Sich auf einige kulturell festgelegte Markierungen (wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Kernfamilie, biologische Elternschaft) sicherheitsheischend zu verlassen bedeutet, der Selbst-Entfaltung, dem aufregenden und zugleich befriedigenden Selbst-Entwurf aus dem Weg zu gehen.“ (S. 22)
        Damit aber niemand auf die Idee kommt, jetzt dürfe also jeder so sein, wie er wolle, fügt Sieler gleich hinzu:
        „Das Dominanzmuster des klassisch Männlichen gibt inzwischen am Wenigsten her.“
        Das wäre ja auch noch schöner, wenn jemand sich selbst-entfaltend und selbst-entwerfend ausgerechnet zu einem klassischen Mann entwickeln würde.

        Ist „Sexualpädagogik der Vielfalt“ nicht das theoretische Werk hinter dem Bildungsplan?

    • „…Zur Grundlage sexualpädagogischen Arbeitens und Handeln unter Diversityaspekten gehört deswegen die fortlaufende Reflexion, Sensibilität und Verstörung von Selbstverständlichkeiten. …

      E. Tuider.“

      Man möchte offenkundigerweise schon sehr gern verstören. Und sagt es auch.

      So ’n bisserl bloß. Is ja nich schlimm, wenn man das nun auch mit Kindern macht!

      „Deine Vermutung, es gehe den Bildungsplan um geschlechtliche Verwirrung, beruht in Wesentlichen auf homophober Propaganda.“

      Wie lange wir uns wohl dieses absichtliche Abtun und auf Charakter-Smearing abzielende Unterstellen gefallen lassen?

      Genauso, Adrian, wie deine Aussagen über’s GG.

      Abschaffen und neue Menschen, die LGBT und alle anderen sich dazu erklärten Opfergruppen mehr als akzeptieren, schaffen. Per Zwang. Denn alle anderen, die sie nicht mögen, weil sie z.B. so angegriffen werden und ihnen vorgeschrieben werden soll was sie zu denken und zu fühlen haben, sollen z.B. in den Homophoben-Gulag verschwinden.

      Denn sie machen sich eines Verbrechens schuldig:

      Menschen wie die Genderdaueropfer und stilisierten IN-Gruppen nicht gleich zu mögen und per selbstpostuliertem „Gender“ Respekt entgegenzubringen, obwohl niemand das sonst so bekommt, sondern sich Menschen den normalerweise verdienen müssen.

      Eigentlich herkömmlicher beißender Narzissmus, der über diese ziemlich raffinierte „Masche“, die menschliches Gewissen missbraucht, und so versucht Befriedigung zu erlangen.

      So in etwa, Adrian, ist es doch, nicht?

      U.a. aber auch ein Eliten-Herrschaftsschema! Identität, die zertrümmert ist oder wird, lässt sich auch besser beherrschen. Und man kann es zum Zwang benutzen. Interessant auch immer die klebrige Eugeniknähe dieser Menschen, die das propagieren. Und hier wird’s tatsächlich gefährlich.

      • „Man möchte offenkundigerweise schon sehr gern verstören. Und sagt es auch.“

        Ein gewisses Maß an Verstörung halte ich auch für angebracht. So wie jedes Kind vertsörenderweise lernen sollte, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, sehe ich jetzt kein grundsätzliches Problem in der verstörenden Einsicht, dass Heterosexualität nicht alles ist, was existiert.

        „Wie lange wir uns wohl dieses absichtliche Abtun und auf Charakter-Smearing abzielende Unterstellen gefallen lassen?“

        So lange, wie es Meinungsfreiheit gibt. Solange ich der Mienung bin, dass z. B. Kelle Homos nicht mag, solange werde ich das auch sagen.

        „Genauso, Adrian, wie deine Aussagen über’s GG.“

        Denen Du bislang noch nicht argumentativ begegnen konntest. Ich halte es nun einmal für eine vergleichsweise schlechte und alberne Verfassung. Wenn Du anderer Meinung bist, dann überzeug mich halt eines Besseren.

        „sollen z.B. in den Homophoben-Gulag verschwinden.“

        Wenn der kommen solte, werde ich Dich aus Solidarität dorthin begleiten.

        „Menschen wie die Genderdaueropfer und stilisierten IN-Gruppen nicht gleich zu mögen und per selbstpostuliertem “Gender” Respekt entgegenzubringen, obwohl niemand das sonst so bekommt, sondern sich Menschen den normalerweise verdienen müssen.“

        Mein Respekt vor Deiner sexuellen Orientierung musst Du Dir nicht erst verdienen.
        Aber gut, dass z. B. Homosexuelle erst Deines Respektes würdig sind, wenn sie gesellschaftliche Verantwortung tragen – was auch immer das konkret bedeutet – hast Du ja bereits mehrfach postuliert.

        „So in etwa, Adrian, ist es doch, nicht?“

        Nun ja, es ist vor allen eine sehr nebulöse, emotionale Panikargumentation.

  2. Jedoch: Die persönlichen Nachteile oder Vorteile sollten nicht als Indikator dafür herangezogen werden, eine Theorie für richtig oder falsch zu halten.

    • @kardamon

      Nein, natürlich nicht. Allerdings kann der Umstand, dass es Leuten hilft, auch ein Indiz sein, dass es förderlich sein kann, mit diesen Theorien zu arbeiten, gerade wenn auch ansonsten viel für ihre Richtigkeit spricht.

      Ich würde es interessant finden, wenn man mal mit einer Klasse im Biologieunterricht die Theorien zur Entstehung von sexueller Identität durch Hormone bespricht und schaut, ob sie dadurch toleranter gegenüber Homosexuellen etc werden. Ich denke, dass das den richtigen unterricht vorausgesetzt durchaus der fall ist.

    • @ratloser

      It is wrong to suggest that people make errors because they are not intelligent enough. Even the simplest of human intellects is perfectly able to understand the cases described above. The errors arise not because the brain’s reasoning circuits are too weak; they arise because they get overridden by the brain’s emotional circuits.

      In other words, blue-pill thinkers make elementary errors not because they lack the intelligence, but rather because they lack the ability to control their emotions.

      Scientific breakthroughs in the last fifty years support this claim. Drew Westen, the director of clinical psychology at Emory University conducted a study which proves that the frontal cortex, responsible for rational thought, literally switches off when blue-pillers try to analyze information.

      In his study, both Republican and Democratic party members were asked to evaluate information which threatened their preferred candidate while their brain activity was monitored. Westen discovered that:

      “none of the circuits involved in conscious reasoning were particularly engaged. But there was a rise in serotonin levels after the information was ignored.”

      The awful truth that this experiment reveals is not that the blue-pillers in this experiment were not thinking incorrectly, it is rather they were literally not thinking at all. Instead, it was the emotional part of the brain which was being triggered.

      The subjects reacted to the information as someone would a shocking scene in a horror movie, or as primate would a snake. Furthermore, after they had ignored the information, they experienced a feel-good rush that one would normally expect to happen after riding a rollercoaster, not after analyzing facts and figures. Stefan Molyneux elaborates on this phenomenon in his video:

      ich sehe nicht, warum dieser Vorgang auf „Blue Pillers“ beschränkt sein soll. „Rep Pillers“ haben lediglich andere Themen, bei denen das so ist.
      Ich meine Haidt hat dazu auch mal was geschrieben

      Democracy would be a perfectly fair system if the world had no problems which require rational thinking to solve. However, this is simply not the case. Democracy is not adequate to tackle the problems of massive debts, declining birth rates, and peak oil because the majority of people are not capable of thinking rationally.

      Es ist die Frage, ob wir mit rein rational denkenden Menschen besser dran wären. Einige sehr „unmenschliche Gedanken“ sind rational. Ich meine einige Psychopathen beispielsweise fehlt ein Teil der emotionalen Kontrolle, sie kennen kein Mitleid und finden es logisch jemanden umzubringen, wenn es keiner merkt und ihnen einen Vorteil bringt. Natürlich hat das auch negative Seiten. Aber Schulden per se sind ja nicht reine Emotion. Sie sind aus Sicht eines Politikers sehr logisch, denn er möchte die Wahlen gewinnen. Und keine Kinder zu bekommen oder wenige ist auch durchaus logisch: Es ist eine Frage, auf welche Perspektive man abstellt. Aus der Sicht „wie gefällt mir mein Leben am besten“ oder „wir haben eh zuviele Menschen auf der Erde“ ist es nicht unlogisch.
      Seine eigene Position per se als logischer zu benennen ist eine gefährliche Sache. Es verschleiert häufig, dass man Emotionen in eine bestimmte Richtung hat, die einen nur eine bestimmte Perspektive einnehmen lassen, aus der heraus sich die Logik ergibt.

      • @ christian

        Wir alle, bis auf pathologische Ausnahmen, unterliegen dem Primat des Emotionalen…Du und ich natürlich auch.

        Die Frage ist, inwieweit wir in der Lage sind, das zu reflektieren, bzw. überhaupt den Gedanken zuzulassen, dass dem so ist.

        Bezüglich der Resistenz von Menschen gegenüber emotionaler Manipulation mache ich mir seit langem keine Illusionen mehr. Die emotionale Manipulierbarkeit ist fast grenzenlos…noch dazu, wenn eine stark tendenziöse „Information“ erfolgt.

        Die kognitive Dissonanz in fast allen Lebensfragen, die das juste milieu zu tragen in der Lage ist, wird ja immer grotesker.

        Ich finde den Ansatz, mittels Vernunft solche Ideologien wie den Feminismus zu entschärfen, anerkennenswert. Und das meine ich nicht zynisch.

        Ich finde auch Dein Beharren auf dem Versuch, einen rationalen Dialog mit Anhängern dieser Ideologie herzustellen, begrüßenswert.

        Aber ich weiss, dass diese Versuche zum Scheitern verurteilt sind, solange nicht die emotionalen Dispositionen, Motive verändert werden.

        Die postmoderne Gesellschaft scheint mir aber diesbezüglich mittlerweile ein psychopathologisches (im Sinne emotional bedingter autodestruktiver Handlungen) perpetuum mobile zu sein.

        Es gibt zuviele Variablen, die sich gegenseitig stützen, verstärken..Kollusionen.

        Das Thema Feminismus inkl. Genderismus mit all seinen individuell psychologischen bis hin zu gesellschaftspolitischen Implikationen ist ja ein hervorragendes Beispiel hierfür.

        Die Entfernung dessen, was offizieller bildungspolitischer Kanon ist, von der Realität wäre ja enorm witzig, hätte die zugrunde liegende Ver-Rückung nicht solch traurige Auswirkungen…ich muss mal wieder Havel´s „Die Macht der Mächtigen“ lesen…

  3. Politisch könnte man durchaus argumentieren dass die Mutabilität der Menschen ein günstiges Argument ist.

    Es gibt ja genug Leute die eine Erkenntnis über biologisch erklärbare Dispositionen freudig nehmen, und ohne einen Gedanken an die Robustheit des beobachteten Effekts oder die Effektstärke zu verschwenden, oder kurz darüber nachzudenken, warum das Ding als Häufigkeitsverteilung dargestellt ist, losrennen und triumphierend verkünden: ‚Da seht ihr es. Männer sind eben so und Frauen ganz anders. Das kann man nicht ändern. Hört sofort auf Arbeit und Geld in Maßnahmen zu stecken, die zu größerer Akzeptanz von Leuten mit abweichendem Geschlechtsrollenausdruck oder nicht so häufigen sexuellen Vorlieben führen könnten, zu stecken.

    Ich persönlich bin da bekennender Feigling. Wenn ich irgendwo eine Studie sehe die besagt, dass biologisches Geschlecht M bei Aufgabe A im Schnitt etwas besser ist als biologisches Geschlecht W, dann denke ich mir: ‚Jap. Anscheinend gibt es da Dispositionen. Nun wäre es interessant zu wissen wie stark die sich auswirken. Wenn ich dann eine leicht variierte Studie sehe, bei der der genannte Effekt durch einfaches psychologisches Priming zum Verschwinden gebracht wurde, dann denke ich mir ‚In dem Fall können wir die Effektstärke wohl als vernachlässigbar einstufen.

    Ähnlich geht es mir, wenn ich eine Dokumentation sehe, die darauf hinweisst, dass ein Versuch durch institutionelle Erziehung soziale Geschlechtsrollen aufzweichen, nach einer Generation noch kein durchschlagender Erfolg war. Ich denke mir dann: Ja, interessant. Aber eine über Jahrhunderte tradierte Arbeitsteilung aufzubrechen kann man wohl als epochale soziale Veränderung bezeichnen, und kulturelle Epochen misst man normalerweise in Jahrhunderten, nicht in Generationen. Ausserdem kann ich mir eine ganze Reihe anderer Vektoren als institutionelle Erziehung vorstellen, über die tradierte Rollenbilder weitergegeben werden.. Ich gebe aber zu dass die dogmatische Starrheit der von Eia interviewten Experten bedenklich ist.

    Insofern bin ich nicht wirklich begeistert, wenn durch die Bank biologische Argumente als wichtige politische Argumentationsgrundlage angesehen werden, und kann durchaus verstehen, wenn Leute den relativ konstanten Faktor (Evolution ist ja eher langsam im Vergleich zu kulturellen Umwälzungen) , dessen Effekstärke je nach untersuchtem Gebiet wohl oft tatsächlich vernachlässigbar ist, zugunsten des veränderbaren Faktors vernächlässigen, und einfach von einem ‚Blank Slate ausgehen‘.

    Für mich persönlich ärgerliche politische Argumentationslinien von konservativer Seite kann ich auf beiden Seiten der Debatte sehen. Wenn ein Mann z.B. einen eher traditionell weiblichen Geschlechtsrollenausdruck und sexuelle Dispositionen hat, dann ist es primär sicher vorteilhaft, sich auf eine biologische Disposition als Grund zurückziehen zu können. Wenn das nichts Anderes tut, dann entlastet es immerhin konservative Eltern und den Betroffenen von Schuldgefühlen, weil sie ja davon ausgehen können, nichts falsch gemacht zu haben, bezwiehungsweise nichts an sich ändern zu müssen.

    Ausserdem entzieht es Leuten die gerne Varianz heilen wollen, unabhängig davon ob der Betroffene tatsächlich unter der Varianz, oder nur unter den Reaktionen seiner Umwelt leidet, die Argumentatiosngrundlage.

    Ich kann mir aber mühelos vorstellen, dass Leute mit konservativem Geschlechtsrollenbild damit auch anfangen zu rennen, und z.B. Maßnahmen implementieren wollen, nach denen Gendervarianz oder Homosexualität auf keinen Fall ermutigt werden sollen, weil es ihr biologisch rationalisiertes Weltbild weniger stört. Im Ausgleich könnten sie dann geschlechtsangleichende Operationen und andere Mittel in der Richtung fördern, damit die lästigen Abweichler, wenn sie schon keine ‚richtigen Männer‘ sein wollen, wenigstens ‚richtige Frauen‘ werden.

    Das mag zwar jetzt für einen Gemäßigten auf den ersten Blick etwas paranoid wirken, aber nach Allem was ich weiss, operieren die religiösen Autoritäten z.B. im Iran nach einer ähnlichen Geisteshaltung, und Leute wie der gute Pat Robertson in den U.S.A halten Homosexualität immer noch für ganz schrecklich, haben aber kaum Einwände gegen Geschlechtswechsel.

    Nicht dass man mich mißversteht. Ich habe grundsätzlich nichts dagegen (nach diesem Drei-Zentren-Modell) teilweise als Weibchen verdrahtet zu sein, aber die Art wie Leute manchmal damit argumentieren und das Modell wild verallgemeinern, schmeckt mir nicht.

    Von daher: Ja, biologisch zu argumentieren hat schon gelegentlich Vorteile, und liefert meiner Anbsicht nach sogar oft bessere Modelle, aber ich bin mit dem Primat der Biologie politisch nicht wirklich glücklich.

    • @nachtschattengewächs

      „Wenn ich dann eine leicht variierte Studie sehe, bei der der genannte Effekt durch einfaches psychologisches Priming zum Verschwinden gebracht wurde, dann denke ich mir ‘In dem Fall können wir die Effektstärke wohl als vernachlässigbar einstufen.“

      Die Primingstudien haben ja auch so ihre Schwierigkeiten. Hast du mal ein gutes Beispiel dafür?

      Das Menschen mit anderer Einstellung großes Vollbringen können, bedeutet ja auch nicht zwangsläufig, dass sie das immer können oder man dies beliebig konstruieren kann.
      Wenn eine Regionalmannschaft im DFB-Pokal gegen einen Bundesligisten antritt und alle darauf eingestellt werden, dass das ihre große Chance ist, entdeckt zu werden, Helden zu sein, in diesem Spiel über sich hinauszuwachsen, während der Bundesligist eher darauf aus ist, sich nicht zu verletzen, dann kommt es sicherlich dazu, das Regionalligisten gegen Bundesligisten gewinnen. Die Leistung, die letztere Dauerhaft abrufen können macht sie dennoch zu der besseren Mannschaft.

      Ein anderer Effekt, der gerne genutzt wird, ist die Fähigkeiten auf einer niedrigen Ebene zu testen. Etwa räumliches Denken mit einfachen Aufgaben, bei denen Motivation und Leistungswille viel ausmacht. Das bedeutet nicht, dass bei einer höheren Leistungsabfrage in einem höheren Leistungsbereich dann dies auch bringen kann.
      Ein Beispiel wäre ein leichtes Gewicht zu heben. Wenn man die Frauen mit Priming dazu bringt, dass sie davon ausgehen, dass sie dies in der Zeit 20 Mal schaffen, die Männer aber glauben läßt, dass man es üblicherweise nur 10 mal schafft, dann werden die Frauen vielleicht besser abschneiden. Sie heben aber im schnitt dennoch weniger Gewicht.

      Ich bin auch dagegen, dass man Geschlechterunterschiede absolut setzt. Es sind eben in der Regel unterschiede im Schnitt. Allerdings können sich diese durchaus auswirken, gerade wenn andere Faktoren, die auch im Schnitt bestehen, zusammenwirken (etwa höheres Interesse von Männern im Schnitt an Status und Wettbewerb).

      „Ich kann mir aber mühelos vorstellen, dass Leute mit konservativem Geschlechtsrollenbild damit auch anfangen zu rennen, und z.B. Maßnahmen implementieren wollen, nach denen Gendervarianz oder Homosexualität auf keinen Fall ermutigt werden sollen, weil es ihr biologisch rationalisiertes Weltbild weniger stört. Im Ausgleich könnten sie dann geschlechtsangleichende Operationen und andere Mittel in der Richtung fördern, damit die lästigen Abweichler, wenn sie schon keine ‘richtigen Männer’ sein wollen, wenigstens ‘richtige Frauen’ werden.“

      Ja, dass alles kann ich mir auch vorstellen. Ich halte den Hinweis auf Varianz und das Verständnis, was ein Genpool ist und warum die meisten Geschlechterunterschiede eher Normalverteilungen als absolute eigenschaften sind für sehr wichtig.

      • „Im Ausgleich könnten sie dann geschlechtsangleichende Operationen und andere Mittel in der Richtung fördern, damit die lästigen Abweichler, wenn sie schon keine ‘richtigen Männer’ sein wollen, wenigstens ‘richtige Frauen’ werden.”

        Das geschieht ja bspw. im Iran. Auf Homosexualität steht die Todesstrafe, Geschlechtsumwandlungen sind aber legal und werden vom Staat bezahlt.

      • Die Primingstudien haben ja auch so ihre Schwierigkeiten. Hast du mal ein gutes Beispiel dafür?

        Die Cordelia Fine hat ein paar aufgeführt, neben der Methodenkritik. Wenn du Spezifische diskutieren willst, muss ich dich um etwas Zeit bitten, bis ich mich wieder in die Details eingelesen habe. Es ist nicht wirklich mein Fach.

        Wenn eine Regionalmannschaft im DFB-Pokal gegen einen Bundesligisten antritt und alle darauf eingestellt werden, dass das ihre große Chance ist, entdeckt zu werden, Helden zu sein, in diesem Spiel über sich hinauszuwachsen, während der Bundesligist eher darauf aus ist, sich nicht zu verletzen, dann kommt es sicherlich dazu, das Regionalligisten gegen Bundesligisten gewinnen. Die Leistung, die letztere Dauerhaft abrufen können macht sie dennoch zu der besseren Mannschaft.

        Das ist korrekt, und im Leistungssport haben wir, sportlichem Wettkampf sei Dank, eine wirklich schön große Probenmenge mit systematischer Datenerfassung über lange Zeiträume hinweg. Da fühle ich mich halbwegs sicher Voraussagen zu machen.

        Ein anderer Effekt, der gerne genutzt wird, ist die Fähigkeiten auf einer niedrigen Ebene zu testen. Etwa räumliches Denken mit einfachen Aufgaben, bei denen Motivation und Leistungswille viel ausmacht. Das bedeutet nicht, dass bei einer höheren Leistungsabfrage in einem höheren Leistungsbereich dann dies auch bringen kann.
        Ein Beispiel wäre ein leichtes Gewicht zu heben. Wenn man die Frauen mit Priming dazu bringt, dass sie davon ausgehen, dass sie dies in der Zeit 20 Mal schaffen, die Männer aber glauben läßt, dass man es üblicherweise nur 10 mal schafft, dann werden die Frauen vielleicht besser abschneiden. Sie heben aber im schnitt dennoch weniger Gewicht.

        Und wenn mir sowas bei einer in einer Diskussion angeführten Studie auffällt, verspreche ich dir dass ich die Leute die es aufgebracht haben auch haue, im übertragenen Sinne natürlich. 🙂

        Ich bin auch dagegen, dass man Geschlechterunterschiede absolut setzt. Es sind eben in der Regel unterschiede im Schnitt. Allerdings können sich diese durchaus auswirken, gerade wenn andere Faktoren, die auch im Schnitt bestehen, zusammenwirken (etwa höheres Interesse von Männern im Schnitt an Status und Wettbewerb).

        Ich nehme das jetzt einfach als Fakt und es heisst ja ‚contra facta non fit argumentum‘. Aber da habe ich halt wieder das Problem, dass wir keinen soziologischen Reinraum haben. Jede Studie zu biologischen Ursachen sozialen Verhaltens basiert zwangsläufig auf einer kontaminierten Probenmenge. Ausnahmen sind z.B. die Studie von der Pinkerstudentin mit Neugeborenen, aber die ist mangels Kommunikationsfähigkeit und leichter methodischer Schwächen nicht unbedingt bestandskräftig. Weisst du gerade aus dem Kopf ob die ein paar Mal repliziert worden ist?

        Mein zweites Problem ist die mangelnde Kausalkette. Wir haben Korrelationen zwischen prä- und postnatalen Hormonleveln und beobachteten Verhaltensweisen, aber ich sehe keine Kausalkette von den Strukturen zum Verhalten. Ich sage nicht dass die biologischen Herleitungen falsch sind, und ich mag einige biologische Modelle als Arbeitshypothese. Aber ich möchte auf der Basis wirklich ungern Schlüsse ziehen..

        Ja, dass alles kann ich mir auch vorstellen. Ich halte den Hinweis auf Varianz und das Verständnis, was ein Genpool ist und warum die meisten Geschlechterunterschiede eher Normalverteilungen als absolute eigenschaften sind für sehr wichtig.

        Danke. Ehrlich.

    • @ Nachtschattengewächs

      Der Umgang mit biologischer Determinierung und mit biologisch bedingter Unterschiedlichkeit ist ein Dilemma.

      Grundsätzlich ist die Akzeptanz biologischer Determinierung (in welchem Ausmaß auch immer) schwer für uns Menschen. Es kränkt uns, nicht Herr unserer selbst zu sein – zumindest nicht in dem Umfang, in dem wir es gerne wären.

      Die biologische Determinierung (z.B. von Intelligenz oder von geschlechtsspezifischer Persönlichkeit) zu leugnen, um solch unangenehme Gefühle zu verhindern, liegt erstmal nahe.

      Leider ändert das aber am Sachverhalt und seinen konkreten individuellen wie gesellschaftlichen Konsequenzen nichts.

      Wir versuchen, ein Problem mittels intellektueller Unaufrichtigkeit zu vermeiden und lösen dadurch nur neue aus.

      Sei es durch die hierdurch induzierte Überzeugung, diskriminiertes Opfer zu sein, weil es mit der Gleichheit nicht hinhaut oder sei es durch falsch geleitete Ressourcenallokation, weil man nicht von seinen falschen Prämissen ablassen möchte…ablassen kann.

      Wie gesagt, ein Dilemma.

      • Wir versuchen, ein Problem mittels intellektueller Unaufrichtigkeit zu vermeiden und lösen dadurch nur neue aus.

        Das ist ehrlich gesagt nicht mein Problem. Ich habe nichts dagegen zu einem gewissen Grad biologisch determiniert zu sein. Ich habe ein Problem mit Ideologen die voreilige Schlüsse aus Biologiebüchern ziehen und biologische Modelle weit über ihren vernünftigen Geltungsbereich hinaus überinterpretieren. Ich habe Probleme mit Leuten die Korrelationen zwischen neurologischen Strukturen, Hormonleveln und beobachteten oder angenommenen Verhaltensweisen in einem Leap-of-Faith als Begründungen verwenden, ohne auch nur den Ansatz einer Kausalkette vorweisen zu können, und versuchen diese angenommene Causa zu instrumentalisieren. Und das durchaus auf beiden Seiten.

        Wolle Pelz illustriert hier ja wie die feministische Seite das auch macht.

    • Der große Teil der Homobewegung hat ja in den letzen Dekade verstärkt mit dem Argument um Akzeptanz geworben, dass Homosexualität natürlich/normal weil biologisch/angeboren ist und man sich diese nicht aussucht. Und obwohl ich anerkenne, dass dies im Endeffekt offenbar eine recht erfolgreiche Strategie ist, bin ich damit auch nicht recht glücklich. Es ist nämlich durchaus auffallend, dass sie letztendlich in der Argumentation mündet, dass man Homos akzeptieren solle, weil die können ja nix dafür, dass sie so sind.

      Hardcore-Homophobe überzeugt das eh nicht. Für sie ist Homosexualität, wenn sie die Prämisse von Biologie akzeptieren, dann halt eine biologische Mutation, die man in naher Zukunft mittels Gentechnik hoffentlich ausrotten kann.

      Eine Akzeptanz von Geschlechtervarianzen auf der Basis von individueller Freiheit wäre mir persönlich lieber.

      Hierzu auch:
      https://gaywest.wordpress.com/2014/05/17/ich-bin-schwul-weil-ich-es-sein-will/

      • @adrian

        „Es ist nämlich durchaus auffallend, dass sie letztendlich in der Argumentation mündet, dass man Homos akzeptieren solle, weil die können ja nix dafür, dass sie so sind.“

        Ich sehe einen weitergehenden Ansatz: Man versteht, was das Verhalten hervorruft, sowohl bei Hetero- als auch Homosexuellen und das eigentlich kein Anlass für Outgrouping besteht, weil der Unterschied lediglich eine andere Hormonkonzentration in der pränatalen Phase ist.

        „Hardcore-Homophobe überzeugt das eh nicht“

        Die überzeugt aber auch nichts anderes. Forderungen nach mehr Toleranz werden sie eher wütend machen

        „Für sie ist Homosexualität, wenn sie die Prämisse von Biologie akzeptieren, dann halt eine biologische Mutation, die man in naher Zukunft mittels Gentechnik hoffentlich ausrotten kann.“

        Bliebe der Ansatz, dass man Homosexualität dann am schnellsten ausrottet, wenn man sie zu ihrer Homosexualität stehen lässt und sie sie nicht verbergen (dann haben sie nämlich eher mit Frauen Sex und bekommen Kinder). (wobei man dann auch noch bei Frauen mit vielen Nachkommen aufpassen müsste wegen Fraternal Birth order und der Theorie zu der erhöhten Fruchtbarkeit.

        „Eine Akzeptanz von Geschlechtervarianzen auf der Basis von individueller Freiheit wäre mir persönlich lieber.“

        Ja, aber das ist ein sehr ideeles Konzept

        • „Bliebe der Ansatz, dass man Homosexualität dann am schnellsten ausrottet, wenn man sie zu ihrer Homosexualität stehen lässt und sie sie nicht verbergen (dann haben sie nämlich eher mit Frauen Sex und bekommen Kinder).“

          So oder so, entscheidend wie man mit Homosexualität umgehend, sind eher die gesellschaftlichen Umstände.

        • „und das eigentlich kein Anlass für Outgrouping besteht, weil der Unterschied lediglich eine andere Hormonkonzentration in der pränatalen Phase ist.“

          Ja. Weshalb man Heterosexuellen mit Achtung, Mitleid und Takt begegnen sollte…

  4. „‘Paradoxically,depathologising people’s fundamental inclinations and giving group members permission to be the way they are seemed to constitute the best insurance that their self-esteem and interpersonal effectiveness would improve.’“

    Ach was! Mein Gott, was für ein Durchbruch, Heureka!
    Wer hätte das denn gedacht? Gut dass wir Wissenschaftler haben. Vielleicht gibt es auch bald Wissenschaftler, die untersuchen können, ob Wasser nass ist. Würde mich nämlich sehr interessieren.

    • @atacama

      Es muss nichts schlechtes sein, so etwas festzustellen.
      Denn der umgekehrte Versuch, den gibt es ja häufig genug:
      – „weibliche“ Jungs, die in die Militärakademie sollen um zu echten Männern zu werden
      – Tomboy-Mädchen, denen man beibringt still zu sitzen
      – Männern, bei denen alles männliche als „mackerhaft“ geframed wird und die das gefälligst ablegen sollen
      – Frauen, die sich für die gleichen Sachen wie Männer interessieren sollen

      Die Frage ist doch meist, welche Form des „Selbst seins“ man akzeptiert und welche nicht. Der Konservative akzeptiert die Abweichung von der Norm nicht, der linke will die Abweichung zur Norm machen.

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