Argumente, die totalitäres Handeln rechtfertigen

Graublau  legt auf Geschlechterallerlei gerade richtig los und schreibt einen Artikel nach dem anderen. Bis Weihnachten soll an jedem Tag ein Artikel erscheinen. Ein Besuch lohnt sich. In einem Artikel habe ich diese kurze Zusammenfassung gefunden:

Ich vermeine mich an folgende Argumentation zu erinnern, um solche Warnsignale zu übergehen:

  • Jegliche Einschränkung in der Wahl der Mittel eines Aktivisten für eine gute Sache ist Teil der reaktionären Agitation für das herrschende System
  • Außerdem sind die Leute außerhalb der Gruppe der “Guten” so gehirngewaschen / unwissend, dass sie überhaupt nicht in der Lage sind, qualifizierte Kritik zu leisten.

Damit kann man in der Tat jedes Verhalten zumindest intern rechtfertigen. Und damit auch jede Untat. Es wird ausgeblendet, dass man damit auch einen Mißbrauch von Macht Tür und Tor öffnet.

Dazu hatte Neuer Peter hier auch einen interessanten Kommentar geschrieben:

Wie überzeugt man angeblich aufgeklärte Menschen, ein autoritär-totalitäres Weltbild zu übernehmen, das vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nur so trieft?

Die Rechtfertigung, dass das eigene Handeln legitim ist, weil man sich gegen schier unermessliche Ungerechtigkeiten lediglich zur Wehr setzt, ist altbekannt. Falls ihr mir den Godwin nachseht: Deswegen waren der Nazi-Ideologie nach “Entglasungen” nur recht und billig, weil “der Jude” mittels einer internationalen Weltverschwörung “die Deutschen” ins Unglück stürzte. Deswegen sind Benachteiligungen und die Verächtlichmachung des Mannes als Repräsentant des unterdrückerischen Patriarchats moralisch nicht nur erlaubt, sondern auch geboten.

Auch wissen wir, wie out-grouping und Dehumanisierung im Grunde funktionieren und wir können diese Tendenzen auch im radikalen Feminismus erkennen: der Sex-Dämon ist es nicht wert, dass man ihm einen fairen Prozess zugesteht.

Das ist alles ein alter Hut und aufgeklärte Menschen sollten in der Lage sein, diese Dynamiken zu erkennen, zu benennen und nicht auf sie hereinzufallen.

Das wirklich Neue am autoritären Feminismus, der Grund warum diese tendenziell totalitäre Ideologie es schafft, Menschen zu verführen, die es eigentlich besser wissen sollten, ist aber der Folgende.

Der autoritäre Feminismus hat seiner Hauptzielgruppe erfolgreich weis gemacht, dass sie den Verlockungen autoritär-totalitärer Denkmuster gegenüber immun sind. Faschismus, Gewalt, Machtmissbrauch, und Unterdrückung sind männlich. Eine Frau – edel, hilfreich und gut wie sie ist – kann so gar nicht denken. Mithin kann der autoritäre Feminismus als Frauenbewegung schlicht nicht autoritär sein. Das ist ein männliches Attribut.

Aus diesem Grunde muss man sich auch keine Sorgen machen, dass die immer weitreichenderen und Grundrechte verletzenden Befugnisse, die der autoritäre Feminismus bestimmten Frauen zusprechen will, missbraucht werden. Eine Schuldvermutung gegenüber dem durch eine Frau angeklagten Mann, eine Aufhebung seines Rechts auf einen fairen Prozess ist so lange kein Problem, wie die Frau als Wesen angesehen wird, dass schlicht nicht lügen kann.

17 Gedanken zu “Argumente, die totalitäres Handeln rechtfertigen

  1. Evolutionspsychologisch betrachtet ist dieses Innengruppe-Außengruppe-Denken nichts Neues.
    Jared Diamond hat berichtet, daß die Menschen zweier Dörfer auf Neuguinea, die er besuchte, sich gegenseitig verachteten. Obwohl sie äußerlich weitgehend identisch waren.

    Die moderne Symbolgruppenbildung mittels Ideologie, so vermute ich, ist eine Anpassung an gigantisch große Gesellschaften. Mittels eines Glaubenssystems wird sozusagen ein kleines „Dorf“ geschaffen.
    Dabei kommen die typischen Elemente zum Tragen: absurde Überzeugungen, die Fremde draußen und die MItglieder zusammen halten; Missionswille; definiertes Feindbild; Machtstreben; Vernichtungsbereitschaft; festgefügtes Denkraster usw.

    Und natürlich fleißig Selbstbetrug. Denn kommt eine Glaubensgruppe mal tatsächlich an die Macht, zeigt sich sehr schnell, daß das interne propagierte Wertesystem kaum einen Pfifferling wert ist.

    Was macht man dagegen? Grundsätzlich gar nichts, würde ich sagen. Denn ist eine gefährliche Glaubensgruppe besiegt, kommt nach dem Kastenteufelprinzip gleich die nächste angesprungen.

    Wir können also wie beim Genderismus nur den Mund aufmachen, um zu zeigen, daß Widerstand geleistet wird.

    Da Gender eine recht junge intellektuelle Mode ist, könnte sie in vielleicht 15-20 Jahren besiegt worden sein.

    Was denkt Ihr, mit was kommen die radikalen wohlhabenden Bürgerkinder dann? Antifa dürfte immer gehen; vielleicht auch Antikapitalismus.

    • „Was macht man dagegen? Grundsätzlich gar nichts, würde ich sagen.“

      Nun ja, es hat ja historisch relativ erfolgreiche Versuche gegeben, etwas dagegen zu tun, Demokratie und Gewaltenteilung, Rechtsgleichheit und Unschuldsvermutung, Trennung von Kirche und Staat., usw. Aus meiner Sicht alles Versuche, die unselige „Wir gegen die Anderen“-Denkweise zu neutralisieren.

      Die Grundtendenz, die du richtig beschreibst, bleibt natürlich erhalten; wir sehen das täglich in der Politik, wo alle möglichen Interessengruppen, rechte wie linke, versuchen, das Gemeinwohl für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

      Es bleibt daher immer eine gewisse Unzufriedenheit mit der Moderne und ihren unvollständigen Lösungen, aber die Gesellschaften, die diese Mechanismen anwenden, stehen eindeutig besser da, als die, die es nicht tun; vor allem auch ökonomisch.

      Radikalfeministischen Butler-Fans mögen ja subjektiv wirklich nur das beste wollen, Freiheit und Glück für alle Menschen, aber leider haben die ihren eigenen Kopf und möglicherweise ganz andere Vorstellungen von Freiheit und Glück, und so läuft es letzten Endes auf einen Machtkonflikt hinaus, an dessen Ende eine Art jakobinischer Schreckensherrschaft stehen könnte.

  2. ät Mocho:

    Mhja, stimmt, so könnte man die Demokratie interpretieren, guter Ansatz, denke ich. Die Macht auf breite Basis stellen, damit Haßgruppen in ihrer Wirksamkeit beschränkt bleiben.

    Eine hochinteressantere Erweiterung der Gedanken dieses Buches:

    Pikant ist natürlich die Gegenstrategie moderner Haßgruppen wie Politkorrektionalismus oder Gender: Sie haben sich Anti-Haß auf ihre Fahnen geschrieben und werben geradezu mit ihrer Freiheitlichkeit, Offenheit und Toleranzfreude.

    Perfide, perfide; denn es fällt dann ausgesprochen schwer, ihnen ihren Haß, Freiheitsfeindlichkeit, Verschlossenheit und Intoleranz nachzuweisen.

    „Radikalfeministischen Butler-Fans mögen ja subjektiv wirklich nur das beste wollen, Freiheit und Glück für alle Menschen“
    – Das ist sozusagen die Perfidie der Natur: Unsere Glaubensprozessoren gaukeln uns vor, der Glaube sei uneigennützig und moralisch.

    Was könnte man tun, um ihnen ihren Glauben zu nehmen? Wohl auch grundsätzlich nichts, denke ich. Man muß diese Leute kleinhalten, ihnen Ressourcen wie z.B. Jobs und Titel verweigern. Klappt natürlich nicht, wenn gerade die mächtige Oberschicht mit Vorliebe die Haß-Glaubenssysteme entwickelt.

  3. Ja, so nützlich die moralische Selbsimmunisierung einer Gruppe ist, so schädlich ist sie doch hinsichtlich der Vernunft.

    Wenn man jemanden erstmal fest genug davon überzeugt hat, wirklich DER Gute zu sein (und nicht nur besser als sein Gegner), kann dieser bald tun, was er will, ohne einen Widerspruch zu bemerken. Simpelstes Beispiel das Christentum, das die Worte ihres eigenen Religionsgründers ja über Jahrhunderte hinweg immer wieder ignorieren konnte, weil es so davon überzeugt war, dass es Vertreter des Guten und Richtigen war.
    Geht übrigens nicht nur mit Moral, auch mit Intellekt: Wenn ich mitbekomme, wie plump und widersprüchlich einige Mode-Atheisten Religionen bashen, die (unabhängig, ob irrational) in sich tausendmal durchdachter sind, als ihr falsch verstandenes Dawkins-Nachplappern, sieht man den gleichen Mechanismus.

    • ät DMJ:

      Ja, kenne ich von GiordanoBruno-Stiftung-Mitgliedern. 😉
      Einer meinte zu mir, sie seien nicht nur gegen Religion, sondern auch gegen Ideologien. Ganz gut eigentlich. Aber dann fragen sie den marxistischen Philosophie-Fachschaftsrat, ob er nicht mitmachen will. Jo!

      • Aha, „gegen Ideologien“.
        Und nehmen den Ideologischen Charakter ihrer eigenen Einstellungen nicht zur Kenntnis.

        Niemand kann sich wirklich völlig frei von jeglicher Ideologie machen.
        Schlimm ist nicht, einer Ideologie anzuhängen – schlimm ist, sie zu verabsolutieren und von jeder Kritik auszuschließen.
        Ein moderner Mechanismus dazu ist, den Ideologischen Charakter der eigenen Einstellung zu leugnen. Man erhebt sich damit „über“ jede Ideologie, beansprucht eine absolute Wahrheit – und entzieht sich damit jeder Kritik.
        Macht allerdings damit exakt das, was Ideologien überhaupt gefährlich macht.

    • Was genau ist Vernunft?

      In „Des Kaisers neue Kleider“ haben alle ihre Vernunft bemüht, um dem Kaiser die neuen Kleider zu loben.

      Der Einzige, der seinen Verstand nutzte, war ein Kind.

      Es kann mal vorkommen, dass Erwachsene sich selbst belügen, aus Angst vor den Konsequenzen die sie zu ertragen hätten, wenn sie der Wahrheit beistehen würden. So entstehen Ideologien, wie der Feminismus.

    • „Simpelstes Beispiel das Christentum, das die Worte ihres eigenen Religionsgründers ja über Jahrhunderte hinweg immer wieder ignorieren konnte, weil es so davon überzeugt war, dass es Vertreter des Guten und Richtigen war.“

      Aus ihrer eigenen Logik heraus haben die Christen das Wort Jesu nie ignoriert. Sie haben argumentiert, dass Gott niemals einen Massenmord in seinem Namen zulassen würde. Und da das massenhafte Töten Andersgläubiger möglich war, war es also auch logischerweise Gottes Wille.

      Genauso argumentieren die Gender-Feministinnen. Sie sagen „Da einer Frau schon genetisch Böses absolut fremd, ja unmöglich ist, können die Taten und Worte einer Frau nie böse sein.“

      So wird dann auch ein Mord letztlich nur ein Akt der Notwehr – und sei es, vorauseilend, wenn das Mordopfer selbst gar keinen Anlass für seine Tötung gegeben hatte.

      • @carnofis

        „Aus ihrer eigenen Logik heraus haben die Christen das Wort Jesu nie ignoriert. Sie haben argumentiert, dass Gott niemals einen Massenmord in seinem Namen zulassen würde. Und da das massenhafte Töten Andersgläubiger möglich war, war es also auch logischerweise Gottes Wille.“

        Das ist ja eine ganz hervorragende Argumentation! Damit kann man alles rechtfertigen, denn die Fälle göttlichen Eingreifens bei Massenmorden sind ja nun äußerst gering (=0). Solange also nur irgendjemand gesagt hat, dass er in Gottes Namen handelt wäre dies alles Gottes Wille.

        • @ christian

          Derzeit müssen wir uns über das christliche Gewaltpotential eher weniger Gedanken machen.

          Es sind eher die „verirrten Einzeltäter“, die für Unterhaltung sorgen.

        • „Solange also nur irgendjemand gesagt hat, dass er in Gottes Namen handelt wäre dies alles Gottes Wille.“

          So ist es.
          Und nun schau mal auf die Islamisten, die moderne Geisel der Menschheit. Du findest exakt diese Grundlage wieder.

          Erstmalig fand ich die Argumentation bei einem der großen Hexenjäger des 17. Jahrhunderts, der damit seine eigene Mutter auf den Scheiterhaufen brachte. Frag mich jetzt nicht nach Quellen, das ist fast 30 Jahre her, dass ich in der Thematik steckte.
          Aber für den Mann war ein Irrtum Gottes (oder gar dessen komplette Abwesenheit) derart fürchterlich, eigentlich unvorstellbar, dass ihn vermutlich nicht einmal Gewissensbisse ob der Schmerzensschreie der armen Frau bewegten, die ihn zur Welt gebracht und aufgezogen hatte.

          „Damit kann man alles rechtfertigen, denn die Fälle göttlichen Eingreifens bei Massenmorden sind ja nun äußerst gering (=0).“

          Glücklicherweise nicht. Manchmal fliegen die Bombenbauer bei ihrem mörderischen Treiben ja doch schon vorab mit ihren Höllenmaschinen in die Luft.
          Das kann sogar ich dann als Heide als göttlichen Fingerzeig akzeptieren 😀

    • @DMJ

      Christen haben nie die Worte ihres Stifters ignoriert, sondern immer „nur“ zweckdienlich, d.h. ihrem Egoismus, von dem Christen so wenig frei sind wie alle anderen Menschen auch, interpretiert und gewichtet.

      Die Rechtfertigung der Inquisition fand sich u.a. in diesen Jesusworten:

      *Matthaeus 18

      7 Weh der Welt der Ärgernisse halben! Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!

      8 So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

      9 Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist dir besser, daß du einäugig zum Leben eingehest, denn daß du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen.*

      Das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“, hat man in den Hintergrund treten lassen.

      Man wollte Schlimmeres verhüten.

      Was konnte es Schlimmeres geben, als Menschen Gott abspenstig zu machen und sie duch Irrlehren um ihr Seelenheil zu betrügen, sie der ewigen Verdammnis zu überliefern?

      Dieser „uneigennützige“ Zweck verbündete sich ganz wunderbar mit dem Macht-und Alleinvertretungsanspruch der Kirchemänner.

      Das Teuflische ist ja, dass echter Idealismus sich dienstbar zeigt ganz ordinärem Egoismus.

      So dass es schwer ist, uneigennützigen Idealismus von eigennützigem Egoismus zu scheiden, schwer ist, zu entscheiden, ob man wirklich dem Anderen dienen will oder doch nur sich selbst.

      „Die wirklich großen Verbrechen werden guten Gewissens begangen“, bemerkte schon Voltaire.

      Der Täter mit schlechtem Gewissen erlahmte bald in seinem Tun, ginge rasch darüber zugrunde, würde Alkoholiker, suizidal etc., wäre zu der großen Energieleistung, die große Verbrechen ja immer auch darstellen, gar nicht fähig.

      Aber wenn er reinen Herzens daran glauben kann, sein Tun diene einem guten Zweck, ist er fähig zu großen Untaten.

  4. „Faschismus, Gewalt, Machtmissbrauch, und Unterdrückung sind männlich. Eine Frau – edel, hilfreich und gut wie sie ist – kann so gar nicht denken. Mithin kann der autoritäre Feminismus als Frauenbewegung schlicht nicht autoritär sein. Das ist ein männliches Attribut.“

    Die Logik haben wir vergessen. Auch die ist rein männlich, obwohl es von einem weiblichen Artikel begleitet wird.

    Mittlerweile weigert man sich auch elementare Grundsätze der Logik zu respektieren. Obwohl die Politik uns weismachen will, dass das aktive und passive Wahlrecht die Grundlage einer Demokratie sei, wird sie nicht müde uns überzeugen zu wollen, dass gerade solche Verbote für Männer, wie im Bundesgleichstellungsgesetz, der Demokratie nicht abträglich wären.
    http://mann-om-man.blogspot.de/2014/12/hallo-bundestag.html

  5. Pingback: Warum ich auf die bedingte Wahrscheinlichkeit eingehe | Geschlechterallerlei

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