Selbermach Samstag 112 (29.11.2014)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

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Der Frauenmangel in China und seine Auswirkungen

In der Welt ist ein interessanter Bericht über China und die dortigen Verhältnisse. Da dort auf 118 Männer 100 Frauen kommen, können die Frauen aussuchen und es zieht sie anscheinend insbesondere zum Wohlstand:

Ein einfacher Mann in türkisfarbenem Regenmantel, der den Blick oft schüchtern auf den Boden richtet. Auch er hat keine Frau. „2003 hatte ich mal eine Freundin, die habe ich unten beim Fluss bei der Arbeit in der Fabrik kennengelernt. Aber als sie sah, wie arm das Dorf ist, hat sie mich verlassen“, sagt er. „Ich will jetzt nur einfach eine Frau.“ Wie sie aussieht, was sie macht, wer sie ist: egal.

Der Bürgermeister ist ein Mann in den Vierzigern in braun-weiß gestreiftem Poloshirt, der lässig mit seinem Mofaschlüssel spielt. „Die jungen Frauen auf den Dörfern, die wollen in die Städte. Die wollen Fernseher haben, die wollen nicht arm sein. Die Frauen wollen Männer mit Geld und Perspektiven.“ Für Frauen ist es leichter, ohne viel Bildung eine Arbeit in der Serviceindustrie der Städte zu finden, als für Männer. Auch das Heiraten in den Städten ist für sie einfacher. Denn selbst in der modernen Gesellschaft der chinesischen Wirtschaftszentren gilt die traditionelle Regel: Die Frau sollte kleiner sein als der Mann. In jeder Hinsicht. Körperlich, geistig, gesellschaftlich. Dass ein Chinese in der Großstadt eine Bäuerin heiratet, wird akzeptiert. Eine Chinesin aus der Stadt würde indes nie einen Bauern heiraten. Das ist einer der Gründe, warum viele gebildete Frauen alleine leben.

Trotz der extremen Situation scheinen also gewisse Regeln fortzubestehen. Etwa körperliche Größe und die Erwartung, dass der Mann einen gewissen Status hat.

Ein paar Hundert Kilometer flussabwärts, in Shanghai, sitzt Frau Yan hinter einem Regenschirm im Volkspark. Es ist Sonntagnachmittag, Marktzeit, ein Heer von Menschen zieht an ihr vorbei. Ein Heer von Eltern. An den Regenschirm hat Frau Yan einen Steckbrief ihrer Tochter geheftet. Ärztin, Ende zwanzig, Festanstellung in einem Krankenhaus, gutes Einkommen.

Samstags und sonntags findet hier ein riesiger Heiratsmarkt statt, die „Liebesecke“. Deswegen sitzt die alte Frau seit fast einem Jahr jedes Wochenende hier und tauscht Telefonnummern mit den Eltern junger Männer aus. In den Wirtschaftszentren Chinas sind die Frauen der Ober- und Mittelschicht, die keine Männer finden. „Junge Frauen stellen heute ihre Karriere vor die Suche des Ehepartners.

Erst die Uni, dann die Arbeit, und irgendwann sind sie übrig geblieben“, sagt Frau Yan traurig. Die Übriggebliebenen, so heißen in China Frauen über 27 ohne Ehepartner. Sie sind zu gebildet für Chinas Männer, bei denen die Emanzipation noch nicht angekommen ist, und vor allem zu alt. Es gibt Schilder hier auf dem Markt, auf denen Eltern Töchter anpreisen mit Doktor- und Professorinnen-Titel. Für im Ausland ausgebildete Chinesen gibt es eine eigene Ecke. Kleine Landesfahnen stehen dort. Deutsche, amerikanische, englische.

Erstaunlich, dass sich trotz der engen Wirtschaftslage keine Männer finden. Wobei es vielleicht auch daran liegt, das man einen gleichen Status will, in diesem Bereich aber für die gut aufgestellten Männer bessere Optionen (jünger, hübscher, mehr in das gesellschaftliche Bild der „kleinen Frau“ (s.o.) passend) vorhanden sind.

Wenn auf der einen Seite Frauen auf Versorgung und Status achten, dann sind halt trotz Knappheit der Frauen die gut aufgestellten Männer dennoch eine Minderheit und können ihrerseits ihre Kriterien zur Geltung bringen. Wenn sich diese nicht ergänzen, dann können auch in einem für sie sonst guten Markt Frauen übrig bleiben, die nicht „gut genug“ für oben sind und andererseits ihrerseits nicht bereit sind „nach unten“ zu heiraten.

„Unsere Töchter haben zu hohe Ansprüche“, sagen beide. Und Hand in Hand mit den hohen Ansprüchen der Frauen, so erklären es die beiden älteren Damen, gehe die Verunsicherung der jungen Männer. Seit Frauen zur Konkurrenz an den Unis und bei der Arbeit wurden, „sind die Jungen hier Schisser geworden“, sagt Frau Yan. „Die sind gar keine Männer mehr“, sagt Frau Cho. Was sie beide nicht wahrhaben wollen, ist: dass für ihre Kinder die Liebe mehr bedeutet, als einfach jemanden zu heiraten. Man hat hohe Ansprüche, man will sich aber nicht vorschreiben lassen, wen man heiraten soll, denn Teil dieser Ansprüche ist: die Liebe selbst.

Die chinesischen Männer, die ich kenne (das sind nicht viele) sind in der Tat oft sehr weich von der Art her, mit Frauen unerfahren, voller romantischer Vorstellungen, dabei aber auch sehr traditionell. Das kann auch an der Auswahl liegen. Es wird andere geben.

Johanna sagt, dass die Liebesagenturen eine gute Sache seien. Man finde ja sonst kaum einen, „der unserem Standard entspricht“ oder sozialen Aufstieg verheiße. Sie hat da so ihre Vorstellungen. „Er muss einen guten Job haben, mindestens so angesehen wie meiner später, er muss viel Geld verdienen und viele Sprachen sprechen.“ Es klingt, als zählte sie die Ausstattung eines Autos auf, das sie kaufen möchte. „Und groß muss er sein!“ Weil sich viele Frauen einen großen Mann wünschen, aber die Natur keine sonderlich großen chinesischen Männer vorgesehen hat, hat sich in China eine kuriose Branche etabliert. Verzweifelte Chinesen können sich ihre Beine operativ verlängern lassen. Das kostet etwa 12.000 Euro und bedeutet, dass sie ein Jahr lang Schrauben in den Knochen tragen müssen, um dann sechs bis acht Zentimeter größer zu sein.

Johanna muss los, zurück in die Uni. Bevor sie sich verabschiedet und im Getümmel der Mall verschwindet, erzählt sie noch schnell eine Geschichte. In einer Dating-Show im Fernsehen, da habe einmal ein Mann eine Frau gefragt: „Willst du mit mir Fahrrad fahren?“ Ihre Antwort: „Lieber würde ich in einem BMW sitzen und weinen.“ Johanna kann das gut verstehen.

Dem Spruch mit dem BMW habe ich auch schon aus der Ecke gehört. Er scheint in China eine gewisse Bekanntheit zu haben (oder es war Zufall). Interessant ist aber, dass hier auch eine Industrie zur Vergrößerung von Männern entstanden ist. Jeder versucht eben auf dem sexuellen Markt so gut wie möglich darzustehen.