„In Männer-Tränen baden“, ironische Männerfeindlichkeit und „Agree and Amplify“ – Male Tears

In den Kommentaren entspannte sich zwischen Schoppe, Mitm, mir und anderen eine Debatte über „Male Tears“ und Aussagen von Feministinnen, dass sie in diesen Baden.

Das klassische Bild dazu ist inzwischen Jessica Valenti:

Jessica Valenti badet gerne in Männer-Tränen

Jessica Valenti badet gerne in Männer-Tränen

Aber auch andere Motive finden sich reichlich:

male tears 2

male tears

male tears

Oder eben auch Bilder mit in lächerlich gezogenen weinenden Männern:

white male tears

white male tears

Was hinter der Verwendung der  „Männertränen“ aus feministischer Sicht steckt wird beispielsweise hier erklärt:

“Misandry”—literally, the hatred of men—is an accusation that’s been flung at feminists since the dawn of the women’s movement: By empowering women, critics argue, feminists arereally oppressing men. Now, feminists are ironically embracing the man-hating label: The ironic misandrist sips from a mug marked “MALE TEARS,” frosts her cakes with the phrase “KILL ALL MEN,” and affixes “MISANDRY” heart pins to her lapel. Ironic misandry is “a reductio ad absurdum,” explains Jess Zimmerman, an editor at Medium and the proud owner of a “MALE TEARS” mug. (“I drink them to increase my strength,” she notes.) “It’s inhabiting the most exaggerated, implausible distortion of your position, in order to show that it’s ridiculous.”
On its most basic level, ironic misandry functions like a stuck-out tongue pointed at a playground bully: When men’s rights activists hurled insults at feminist writer Jessica Valenti on Twitter last month, she posted a picture of herself grinning in an “I BATHE IN MALE TEARS” T-shirt, and dedicated the message to the “misogynist whiners.”

„Reducito ad absurdum“ ist eigentlich eine Argumentationsweise, die wie folgt verläuft:

Die Reductio ad absurdum (von lat. für Zurückführung auf das widrig Klingende, Ungereimte, Unpassende, Sinnlose) ist eine Schlussfigur und Beweistechnik in der Logik. Bei der Reductio ad absurdum wird eine Aussage widerlegt, indem gezeigt wird, dass aus ihr ein logischer Widerspruch oder ein Widerspruch zu einer bereits anerkannten These folgt. (…)

Ein einfaches Beispiel: Um zu zeigen, dass nicht alle Menschen Griechen sind, wird zunächst das genaue Gegenteil angenommen, nämlich dass alle Menschen Griechen sind. Aus dieser Annahme folgt zum Beispiel, dass Cicero ein Grieche war. Es ist aber bekannt, dass Cicero kein Grieche war (sondern Römer). Dass Cicero aber zugleich sowohl ein Grieche als auch kein Grieche war, ist ein Widerspruch. Damit wurde die Aussage, dass alle Menschen Griechen sind, auf einen Widerspruch zurückgeführt (reductio ad absurdum) und so gezeigt, dass nicht alle Menschen Griechen sind.

Das macht eigentlich recht deutlich, dass es sich hier nicht um eine Reducitio ad absurdum handelt. Eher dürfte es schlicht eine Form des Scheinarguments in der Form der Übertreibung sein, wozu die Wikipedia vermerkt:

Mit dem Argumentum ad consequentiam wird aus einer richtigen Schlussfolgerung, aus deren Wahrheit der Aussage unangenehme oder scheinbar unerträgliche Konsequenzen folgen würden, die Falschheit, Unwichtigkeit oder Belanglosigkeit der Aussage durch Übertreibung unterstellt, um den Gegner lächerlich zu machen. Beispiel: „Wenn die Erde sich tatsächlich durch den von uns verursachten Kohlendioxid-Ausstoß erwärmen würde und dies unabsehbare Folgen hätte, dann müssten wir den Energieverbrauch durch fossile Brennstoffe in der Tat drastisch einschränken. Da dies aber unsere Industrie, unsere Autos und Haushalte sowie das ganze wirtschaftliche Leben aller hier Anwesenden vollkommen ruinieren würde, brauchen wir nicht weiter darüber zu diskutieren.“

Hier wäre der Vorwurf der Misandry etwas, was der Feminismus nicht gerne sehen würde, da man sich ja zu den Guten zählt. Also macht man diese Position durch Übertreibung lächerlich, wobei man hieraus kein Argument aufbaut, sondern einfach nur die Position ins lächerliche Überzieht.

Diese Figur ist ansonsten auch unter dem Stichwort „Agree and Amplify“ bekannt:

Auf einen Vorwurf hin stimmt man diesem zu und übertreibt ihn gleichzeitig ins lächerliche.

Beispiele aus dem Pickupbereich, wo diese Technik gerne gegen „Shit-Tests“ empfohlen wird, findet man zB bei Heartiste:

If you aren’t a natural at deflecting shit tests of all varieties, then you must teach yourself. For those men not blessed with the quickness of mind and aloofness of temperament to handle shit tests like a champ, a system must be devised. I’ve found one. I call it the Agree & Amplify anti-shit test counterinsurgency.

The concept is simple. When you are hit with a shit test, agree with your girl, and then amplify your agreement. Here are some examples:

GIRL: “Why didn’t you call last night? Are you dating someone else?”

YOU: “Yep, I’ve got a harem to service. Be happy you’re in the top tier.”


GIRL: “Are you just going to sit around all day playing video games?”

YOU: “Damn straight. With enough hard work I should be able to push this to a full month.”


GIRL: “We’re going to that restaurant again?”

YOU: “Yeah, and because you’ve bitched, we’re going there for the next ten years.”


GIRL: “Sometimes you can be such an asshole. My ex knew how to treat a lady.”

YOU: “I bet he did. You should beg him to take you back. I could use the peace and quiet.”

In der Tat ist „Agree and Amplify“ ein hoch wirksames Mittel gegen solche Shittests und auch sonstige Vorhalte in vielen Bereichen.

Die Wirkung beruht darauf, dass man durch die Zustimmung eine gewisse Angriffsfläche nimmt und durch die Übertreibung gleichzeitig die Gegenseite in die Lage bringt, dass sie die Übertreibung abbauen muss. Wenn er die Übertreibung angeht, dann wirkt derjenige gleichzeitig aber etwas hilflos.

Der Dialog wäre also etwa der Folgende:

M: „Feministinnen sind männerfeindlich, weil…“

F: „Stimmt, wir brauchen die Männertränen für unserer tägliches Bad, deswegen quälen wir Männer bis aufs Blut“

M: „Das habe ich nicht behauptet. Ich habe darauf abgestellt, dass konkrete Theorien im Feminismus aus diesen und jenen Gründen männerfeindlich sind“

F: „Männerfeindlich ist noch zu wenig gesagt, wir unterdrücken Männer aus reinem Spass an der Sache, und außerdem, weil ihre Tränen einfach köstlich sind“

M: „…“

Man präsentiert also schlicht keine Gegenargumente, sondern bleibt dabei, dass die Position lächerlich ist, ohne inhaltlich etwas dazu zu sagen. Die Gegenseite muss dann irgendwann erkennen, dass sie hier nicht rational argumentieren kann. Insofern scheint der Feminismus hier „unlauterer und menschenverachtende Pickuptechniken“ zu verwenden.

In dem Artikel geht es wie folgt weiter:

But ironic misandry is more than just a sarcastic retort to the haters; it’s an in-joke that like-minded feminists tell even when their critics aren’t looking, as a way to build solidarity within the group. “A lot of young feminists who I follow on Instagram and love this shit are teenagers,” Valenti says. (Search the tag #maletears and you’ll find dozens of young women—and a few young men—posed with a novelty mug.) “The feminism they grew up with was the feminism of snarky blog posts, and this is a natural extension of that.”

Also dazu noch über das Lustig machen über die Kritik ein gruppenbildender Effekt. Das kann ich mir vorstellen, denn Agree and Amplify läßt einen herrlich über den Dingen schweben und baut in gewisser Weise Status auf: Man steht über der Position des anderen, es ist eine Form der „amused Mastery“.

Im Artikel heißt es weiter:

But man-hating is not just for fun: It’s also a clever tactic for furthering the feminist agenda. As Jillian Horowitz notes in a recent essay at Digital America, ironic misandry is typically paired with expressions of “overt femininity, bordering on the exaggerated”: Think of the mild-mannered ladies’ book club, the domesticmisandrist cross-stitch, or this “misandry makeup tutorial.” The exaggerated femininity works in two directions: On one level, pairing misandry with the trappings of girlish innocence helps puncture the image of feminists as man-hating monsters. But at the same time, lining feminine spaces with images of weaponry is a sly recognition that female solidarity can still pose a powerful threat to the status quo. Advocating for women’s rights won’t lead to the castration and extermination of all men, of course, but it will require the deflation of male power: Putting more women in the Senate will mean fewer male senators; elevating more women’s voices to the op-ed page will require silencing some men. Ironic misandry, then, allows feminists to contest the idea that they are radical man-haters, while simultaneously owning the fact that full equality between men and women remains a radical notion.

Das „ironische  Männerfeindlichkeit“ mit besonderer Weiblichkeit einhergeht wäre mir noch nicht aufgefallen. Vielleicht sind Bilder wie dieses gemeint:

Fuck the Patriarchy

Fuck the Patriarchy

Das wäre immerhin ein bizarres Spiel mit den Geschlechterrollen, die man ja eigentlich aufheben möchte, ein verstecken hinter der „weiblichen Unschuld“, mit der man eben auch solche Vorwürfe gut ins lächerliche ziehen kann. Die versteckte Aussage wäre dann „meinst du wirklich, dass wir Frauen irgendwas schlimmes gegen Männer machen? Wir sind dafür ja viel zu harmlos, wir sind keine Männer, deren Frauenhass sich tatsächlich in Toten und Vergewaltigten auswirkt“. Was eben dann noch zusätzlich dazu dient, den Vorwurf ins lächerliche zu ziehen und auch etwas mit „Hast du etwa Angst, dass dir Frauen Gewalt antun? Bist du nicht stark genug, dich da zu wehren?“ spielt.

Das dann nach deren Vorstellung gleich doch wieder die Vorstellung hängen bleiben soll, dass Frauen vielleicht doch gefährlich sein können, ist da etwas widersprüchlich.

In dem Artikel heißt es dann:

There’s another reason that the once ubiquitous “This Is What a Feminist Looks Like” T-shirt has officially been usurped by a cheeky “Ban Men.” Sincere feminist identification can sometimes feel like more trouble than it’s worth. When women don’t identify as feminists, they’re scolded that feminism simply means equality between men and women, and they’d have to be ignorant to reject the label. But women who do embrace the term find that feminist identification is not so simple: They stand to see every little personal choice dissected and critiqued from a feminist perspective, from the color of their wedding dresses to the filters on their selfies. It can be freeing, then, to instead adopt an ironic stance that allows women to identify against what they clearly are not: A cartoonish man-hater bent on total male destruction. And by squarely targeting anti-feminists, ironic misandry avoids dwelling on what feminists themselves are doing right or wrong. As Zimmerman puts it, it allows women to criticize “patriarchal ideals without also shitting on your fellow gal-identified types.”

Das ist noch einmal eine interessante Funktion: In dem man den Angriff gegen sich übertreibt und darauf abstellt, dass alle einen für Männerhasser halten, schafft man eine „Wir werden angegriffen“-Zustand. Das ist ein Zustand, der im Feminismus ganz gerne beschworen wird: Man greift eine bestimmte Gruppe an, indem man ihnen Sexismus vorwirft, wenn diese sich dann wehren, dann sieht man das als haltlosen Angriff gegen sich selbst, übertreibt das noch etwas und schon kann man die Reihen gegen den Angriff schließen.

Insofern keine dumme Strategie.