Die Unfähigkeit im Feminismus, die Perspektive eines männlichen Subjekts einzunehmen

Schoppe schrieb in einem Kommentar etwas interessantes zum Thema Objektifizierung, also dem Vorwurf, dass man andere Leute als Objekt wahrnimmt oder zu diesem macht, der häufig aus dem Feminismus kommt:

“Das Objektfifizierungsargument ist schwach.” Ich finde es ohnehin schwach, auch in anderen Zusammenhängen. Natürlich nehmen wir einander als Objekte wahr – als was denn sonst? Zu denken, ich würde einen anderen Menschen ganz als Subjekt wahrnehmen können, als würde ich die Welt ganz aus seiner Perspektive sehen – das wäre anmaßend. Es geht probeweise, als Gedankenexperiment – aber trotzdem bleibt der andere Mensch immer auch ein Objekt.

Für Mead ist das sogar der Beginn der Reflexionsfähigkeit und der zivilen Kompetenz – zu lernen, sich auch selbst als Objekt wahrnehmen, sich nämlich durch die Augen der anderen sehen zu können. Eben das ist etwas, was feministische Positionen in der Regel verweigern – die sind festgetackert in der eigenen Perspektive.

“I bathe in male tears” – DAS ist wirklich eine Objektifizierung, die widerlich ist. Statt das zu sehen, wird eine bekloppte Doppelmoral aufgefahren: “Ich genieße den Schmerz, das Leid von anderen” – das ist super, eine tolle emanzipatorische Botschaft. “Ich finde andere schön.” – SEXIST PIG, objektifizierendes Arschloch!

Wer das Leid von anderen genießt und damit noch prahlt – der besteht tatsächlich darauf, dass der andere Mensch ganz Objekt bleiben muss, dass er auch nichts anderes sein darf, dass seine Perspektive niemals zählt. Wer andere schön findet und das zeigt, kann hingegen zugleich problemlos auch deren Perspektiven wahrnehmen.

Objektifizierend ist also gerade die feministische Perspektive, die mit ihrem Gerede von Definitionsmacht und Patriarchat die Perspektiven von Männern (und von nicht-feministischen Frauen) ausgrenzt und diffamiert. Das merken deren Protagonistinnen nur nicht – eben weil sie gar nicht in der Lage sind, sich selbst ab und zu auch mal mit den Augen anderer zu sehn.

Die These, dass Feministinnen sich weigern, sich einmal für eine Situation in die Perspektive des Mannes zu versetzen, ist interessant. Mich würde interessieren, was Feministinnen dazu sagen würden. Vielleicht, dass sie sehr wohl auf die männliche Perspektive abstellen und diese eben aufgrund der Geschlechterrollen von einer verinnerlichten Frauenfeindlichkeit bestimmt sein muss. Und das man ja diese innere Haltung gerade ändern will, indem man die Geschlechterrollen aufbricht, wozu man „das Gerede über Definitonsmacht und Patriarchat“ braucht, denn mit diesem will man ja gerade erreichen, dass Opfern geholfen wird und neue Machtverhältnisse entstehen, die dann zu echter Gleichberechtigung führen. Auch hier wird aber nicht wirklich auf die Subjektebene gewechselt, der einzelne Mann wird hier in vermeintliche Gruppeninteressen der Männer eingeordnet, die zudem auf einem extremen Feindbild beruhen.

Und im Rahmen dieses Feindbild wird der Mann eben klassisch als Outgroup definiert, dessen Empfindungen relativ egal sind und dem man alles Schlechte unterstellen kann.

Bei „I bathe in male tears“ wäre die Argumentation, dass man ironisch ist. Denn die feministischen Handlungen können keine Unterdrückung oder Benachteiligungen, die tatsächliche Tränen wert sind, auslösen. Weil Männer ja mangels Macht der Frauen nicht unterdrückt werden können. Auch diese Angabe macht aber eher die Weigerung deutlich, Männer wirklich als Person zu sehen, die über ihre Gruppenzugehörigkeit hinaus Menschen sind und auch keineswegs an der Spitze der Gruppe stehen müssen. Eine tatsächliche Betrachtung dessen, wie der Mann beispielsweise Macht von Frauen erlebt und wie er dadurch betroffen ist, etwa in Beziehungen etc, findet nicht statt.

Auch interessant ist die Aussage, dass man sich selbst, wenn man die Sicht eines anderen einnimmt, zwangsläufig auch als ein Objekt sehen können muss, wenn man dessen Perspektive einnehmen will. In der Hinsicht muss dem Arzt bewußt sein, dass er für den Patienten eben ein Arzt ist, und nur eingeschränkt ein subjektives Wesen. Natürlich gesteht man auch jemanden, dem man als Arzt sieht, menschliches zu, möchte aber eben nicht dessen Probleme lösen, wenn man ihn als Arzt besucht, sondern möchte seine Dienstleistung als Arzt entgegennehmen. Deswegen kann man sich trotzdem auch daneben mit ihm als Mensch zB über seinen letzten Urlaub unterhalten.

Wenn der Feminismus hier Männer und Frauen außerhalb ihrer Gruppen als Subjekte wahrnehmen würde, dann müsste man sich dort wohl bemühen, auch dessen Sorgen aufzunehmen, etwa die Probleme eines Mannes, der sein Kind nicht sieht und bei dem es egal ist, dass seine Gruppe abstrakt in einigen Punkten zB bei der Anzahl der Führungspositionen besser abschneidet. Die Perspektive des Mannes, der nicht einfach nur „23% mehr Gehalt“ überwiesen bekommt, sondern der zB dem Kinderwunsch seiner Frau nachgegeben hat und jetzt, wo seine Frau wegen der Kinderbetreuung aussetzt, die Last der finanziellen Verantwortung spürt und deswegen Überstunden macht, der Hauskredit zahlt sich eben nicht von alleine ab. Oder man würde dort eben auch wahrnehmen, dass Frauen an Männer Anforderungen stellen, dass diese das Verhalten des Mannes mitbestimmen, dass Frauen also die Regeln der Gesellschaft genauso mitbestimmen wie Männer und hier über ihr auf ihre Wünsche erhebliche Macht ausüben. Das eben auch Männer Objekte aus Sicht der Frauen sind und in der Hinsicht genutzt werden – als Beschützer, Versorger, Liebhaber etc.

Es würde dort vielleicht auch deutlich werden, dass die Betrachtung des Geschlechterthemas als Nullsummenspiel um Macht zwischen den Geschlechtern die Wirklichkeit nicht abbilden kann. Das Männer und Frauen versuchen Kooperativ miteinander zu spielen und gleichzeitig auch in Konkurrenz zu einander und untereinander stehen. Das dabei unterschiedliche Perspektiven, Fähigkeiten und Vorstellungen von Subjekten aufeinander stoßen und nicht nur Rollen und Gruppen. Und dass das Häufungen innerhalb dieser Gruppen trotzdem nicht ausschließen muss, dies aber dennoch kein Zeichen von Unterdrückung sein muss.