Identitätspolitik versperrt den Blick auf alles außerhalb der Gruppe

Gerade stolperte ich noch mal über einen älteren Kommentar von Nick, den ich gerne noch mal einstellen will:

Es ging in dieser Hinsicht um den „pragmatischen Alltagsfeminismus“ und seine Art, eher auf den konkreten Fall und die persönlichen Erfahrungen abzustellen. Nick meinte dazu:

Hmm. Ich habe auch mit diesem Gedanken gespielt. Bis aus der Ecke der Einwand kam, dass doch schließlich niemand wissen könne wie sie sich in ihrem persönlichen Leben positioniere.

Also darum geht es offenbar: the personal is political. Was sollte “Alltag” in diesem Kontext auch anders bedeuten?

The personal is political, also termed The private is political, is a political argument used as a rallying slogan of student movement and second-wave feminism from the late 1960s. It was a challenge to the nuclear family and family values.[1] It differentiated the second-wave feminism of the 1960s and 1970s from the early feminism of the 1920s, which was concerned with achieving the right to vote for women. The phrase was popularized by feminist Carol Hanisch in her 1969 essay of the same name.

(Diese Sicht auf den 1st Wave ist wohl .. etwas fragwürdig)

http://en.wikipedia.org/wiki/The_personal_is_political

Zu Pragmatismus:

We have not done much trying to solve immediate personal problems of women in the group. We’ve mostly picked topics by two methods: In a small group it is possible for us to take turns bringing questions to the meeting (like, Which do/did you prefer, a girl or a boy baby or no children, and why? What happens to your relationship if your man makes more money than you? Less than you?). Then we go around the room answering the questions from our personal experiences. Everybody talks that way. At the end of the meeting we try to sum up and generalize from what’s been said and make connections.

http://www.carolhanisch.org/CHwritings/PIP.html

Diese Vorgehensweise unterscheidet sich stark von herkömmlicher politischer Theoriefindung. Herkömmliche politische Theoriefindung schaut erstmal, was so alles zu dem Thema schon gedacht wurde und welche Strömungen es gibt, und versucht, dies zu bewerten und sich dazu zu positionieren. Evtl. wird auch alles, was es gibt begründet verworfen. Es wird versucht, Persönliche Erfahrungen (->Alltag) in einen Kontext zu bereits Gedachtem und Praktiziertem zu stellen. Hier wird hingegen versucht, aus gemeinsamen persönlichen Erfahrungen eine Struktur herauszukristallisieren. Man erfindet (scheinbar) das Rad neu.

Wenn man Politik als das Treffen kollektiver Entscheidunden begreift, dann hat man hier also, als wie auch immer geartetes Kollektiv “Feministinnen”, die Entscheidung getroffen diverse persönliche Probleme als Probleme einer Identitätsgruppe in einem gemeinsam herauszuarbeitendem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten, und eine Opposition dazu zu formieren.

Grundsätzlich ist das nicht verkehrt: Auch Männerrechtler sehen diverse Probleme in ihrem sozialen Nahbereich als Phänomene eines gesellschaftlichen Kontextes. Allerdings wird bei Männerrechtlern offenbar sichtbarer, was passiert wenn alleine die persönlichen Erfahrungen zum Maßstab gemacht werden und anhand dessen ein Weltbild gestrickt wird.

Eine Neigung, sämtliche persönlichen Probleme in diesen Deutungsrahmen zu stellen ist dabei fast nicht vermeidbar. Da man diese Probleme als Konflikt seiner Identitätsgruppe vs. “der Anderen” deutet, versperrt man sich so den Blick für gegenseitige Bedingtheiten, für individuelle Komponenten und für gesellschaftliche Bedingungen, die auf alle Beteiligten des sozialen Umfeldes einwirken.

Es besteht insbesondere die Gefahr, dass man alles, was irgendwie frustrierend oder verletzend ist, als Symptom eines Interessenskonfliktes der eigenen Identitätsgruppe vs. “der Anderen” deutet. Gruppendynamiken tragen dazu bei, dass man sich darin gegenseitig enorm bestärkt.

Wenn man anhand so entwickelter Theorien dann auch noch Makropolitik entwickelt, ist dann alles zu Spät: Man betreibt eine reine Feindkollektivpolitik.

Das zeigt aus meiner Sicht in der Tat die Gefahr auf, die eine solche Betrachtung mit sich bringt: Wenn man seine eigenen Erfahrungen und Gefühle zugrunde legt und diese nur innerhalb der eigenen Gruppe abgleicht, dann versperrt man sich eben schnell die Perspektive auf die die andere Seite.

Bei radikalen Feministinnen entsteht dann aus dem gemeinsamen Gefühl, dass Männer mehr erreichen können, das Gefühl der Unterdrückung, bei radikalen Maskulisten aus dem Gefühl, dass sie an die Frauen zahlen das Gefühl des Ausgebeutet-Seins etc

Diese Gefühle werden gegenseitig verstärkt und absolut gesetzt, die andere Perspektive kommt dabei schnell zu kurz.

Ein passender Tweet dazu:

https://twitter.com/Mandelbroetchen/status/531376705039241216

„Bewegungen verlieren Realitätsbezug, wenn sie sich mit ihren Zielen gleichsetzen und Kritik an der Gruppe als Angriff auf die Ziele werten.“

 

 

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47 Gedanken zu “Identitätspolitik versperrt den Blick auf alles außerhalb der Gruppe

  1. Carol Hanisch war auch Mitglied der Redstockings, deren schönes Manifest in nuce die Ummünzung Marxschen Denkens für feministische Zwecke umschreibt.

    http://www.redstockings.org/index.php?option=com_content&view=article&id=76&Itemid=59

    Frauen als Klasse werden von den Männern als Klasse von altersher unterdrückt und ausgebeutet.

    In diesem Kontext ist auch der Kampf gegen die Familie zu sehen, die als Unterdrückungs- und Aubeutungsmittel des Patriarchates gegenüber der Frau analysiert wird.

    Von dieser Klassenkampfanalyse des Geschlechterverhältnisses ist es dann kein weiter Weg nehr zur Theorie der hegemonialen Männlichkeit der Raewyn Connell.

    Und dass Feminismus mit der Überwindung des Patriarchates auch den Kapitalismus zu überwinden sucht im Weltbild der Carol Hanisch & Co versteht sich von selbst.

    *The group published an anthology in 1968, Notes From the First Year, in which Carol Hanisch’s paper was called „Women of the World Unite–We Have Nothing to Lose But Our Men.“ This was a direct take-off of the lines in The Communist Manifesto, „Workers of the world, unite“ and „The proletarians have nothing to lose but their chains.“ Carol Hanisch saw similarities between the struggles of oppressed women and the class struggles of the working poor who were oppressed by capitalism.*

    *@ Christian

    Diese Gefühle werden gegenseitig verstärkt und absolut gesetzt, die andere Perspektive kommt dabei schnell zu kurz.*

    Du unterschätzt hier meiner Meinung nach den von vorneherein geplanten Ausschluss der männlichen Perspektive, der sich nicht einfach beim Zusammenglucken nur unter Frauen ergibt.

    Wer DEN MANN als Repräsentanten einer DEN FRAUEN feindlichen, diese unterdrückenden Klasse ansieht, die es in einem Klassenkampf zu entmachten gilt zur Befreiung der eigenen Klasse, kann von vorneherein die Perspektive der Feindgruppe nicht verstehend einbeziehen, sondern bestenfalls aus taktisch-strategischen Gründen, als Funktion der effektiveren Bekämpfung des Klassenfeindes, analysieren.

    Aus der neuen Einleitung (2006) zur ihrem 69’er-Essay (auch unter dem Link zu finden):

    http://www.carolhanisch.org/CHwritings/PIP.html

    *Recognizing the need to fight male supremacy as a movement instead of blaming the individual woman for her oppression was where the Pro-Woman Line came in. It challenged the old anti-woman line that used spiritual, psychological, metaphysical, and pseudo-historical explanations for women’s oppression with a real, materialist analysis for why women do what we do. (By materialist, I mean in the Marxist materialist (based in reality) sense, not in the “desire for consumer goods” sense.) Taking the position that “women are messed over, not messed up” took the focus off individual struggle and put it on group or class struggle, exposing the necessity for an independent WLM to deal with male supremacy.*

    So ist es nicht allein individualistische Blickverengung identitärer Gruppen, sondern logische Folge des Einstufens DER Männer als Klassenfeinde DER Frauen, dass männliche Probleme hier nicht angesprochen/gesehen werden/werden können, das Einnehmen auch einer männlichen Perspektive, ihre Einbeziehung, gar nicht erwünscht ist.

    DER MANN als Klasse ist Feind, neben dem kapitalistischen System natürlich, auch hier (Carol Hanisch, 2010):

    *Consciousness-raising was a way to use our own lives—our combined experiences—to understand concretely how we are oppressed and who was actually doing the oppressing.

    Consciousness-raising as a deliberate program was sparked in a New York Radical Women meeting early in 1968 when Anne Forer remarked that she had only begun thinking about women as an oppressed group and that we needed to “raise our consciousness.” Anne went on to list a number of things women had to do to make themselves attractive to men, like not wearing our glasses, playing dumb, doing all kinds of painful things to our bodies, wearing uncomfortable clothing and shoes, going on diets—all because “people don’t find the real self of a woman attractive.”

    This was picked up on by Kathie Sarachild, who had long been aware of women’s oppression having read Simone de Beauvoir’s The Second Sex as a teenager (after discovering it on her mother’s bookshelf).

    In the 1960s, women’s liberation groups waged a battle and won the right for women to meet outside the earshot of the oppressor. Feminists today often limit their definition of oppressor to “sex roles” or “gender” and welcome men into their meetings, since they no longer consider men (and bosses) to be the beneficiaries of women’s oppression.

    Many women’s studies programs have turned into “gender studies,” expanding on what used to be called “sex roles” and ignoring the fact that women’s oppression is rooted in our special labor of reproducing humanity (bearing children) and a false division of labor in raising them—a division that benefits both men and the owning classes.

    Consciousness-raising groups of the grassroots are a badly needed antidote to a good deal of what is wrong with feminism today. It is true that much has changed—some wins and some losses–in the decades since it made its imprint on the world. Unfortunately the wins are often proving temporary or turn out to be mere chameleon-like changes in male supremacy’s outward appearance that protect it from discovery—or rediscovery. The world as a whole is changing rapidly as well. The current financial and social crisis can’t help but have an effect on women’s oppression and how we carry on the fight for liberation.*

    http://www.ontheissuesmagazine.com/2010spring/2010spring_Hanisch.php

    Bemerkenswert, wie sehr sich das Redstockingsmanifest als Handlungsanleitung feministischer Politik lesen lässt, auch aktueller.

    • @ Roslin

      „Bemerkenswert, wie sehr sich das Redstockingsmanifest als Handlungsanleitung feministischer Politik lesen lässt, auch aktueller.“

      Bemerkenswert ist vor allem, wie sehr die klassische Radikalfeministin Carol Hanisch – die selbstverständlich in keiner Richtung/Strömung/Schule des Marxismus als „marxistische Feministin“ anerkannt wird, da sie nunmal keine marxistische Feministin ist, sondern klassische Radikalfeministin – den zeitgenössischen (vulgär-)poststrukturalistschen Gender/Queer-Feminismus ablehnt.

      Wir erinnern uns: Carol Hanisch war Mit-Initiatorin der bekannten (von mehreren Anhängerinnen des klassischen Radikalfeminismus aus verschiedenen Ländern unterzeichneten) GEGEN den postmodernen Gender/Queer-Feminismus gerichteten Schrift „Forbidden Discourse: The Silencing of Feminist Criticism of ‚Gender'“. Wird auch in ihrem englischen Wikipedia-Artikel ausdrücklich erwähnt:

      http://en.wikipedia.org/wiki/Carol_Hanisch

      Der Text „Forbidden Discourse: The Silencing of Feminist Criticism of ‚Gender'“ kann hier

      http://meetinggroundonline.org/wp-content/uploads/2013/10/GENDER-Statement-InterActive-930.pdf

      oder hier gelesen werden:

      http://genderidentitywatch.files.wordpress.com/2013/08/forbidden-discourse_-the-silencing-of-feminist-criticism-of-e2809cgendere2809d-_-pandagon.pdf

      Auch aus den obigen Zitaten von Carol Hanisch geht ihre Ablehnung des postmodernen Gender/Queer-Feminismus deutlich hervor:

      „Feminists today often limit their definition of oppressor to “sex roles” or “gender” and welcome men into their meetings, (…)“

      Mit diesem Satz bezieht sich Carol Hanisch indirekt darauf, dass auf gender/queer-feministischen Veranstaltungen Mann-zu – Frau-Transsexuelle zugelassen werden, was auf Veranstaltungen von klassischen Radikalfeministinnen abgelehnt wird. Eben daran entzündete sich auch der Konflikt, der zu dem Text „Forbidden Discourse: The Silencing of Feminist Criticism of ‚Gender“ führte, denn die klassischen Radikalfeministinnen bekamen seitens der Gender/Queer-Feministinnen und Transgender-Aktivisten – nicht zu Unrecht – Transphobie vorgeworfen.

      „Many women’s studies programs have turned into “gender studies,” expanding on what used to be called “sex roles” and ignoring the fact that women’s oppression is rooted in our special labor of reproducing humanity (bearing children) and a false division of labor in raising them—a division that benefits both men and the owning classes.“

      Auch in diesem Zitat kommt Carol Hanischs Ablehnung der Gender Studies deutlich zum Ausdruck.

      Insofern handelt es sich hierbei vor allem um interessante Dokumente über die zunehmenden Konflikte zwischen den beiden zeitgenössischen Hauptströmungen des radikalen Feminismus – dem klassischen Radikalfeminismus und dem postmodernen Gender-Feminismus – wie sie sich ja in ähnlicher Form auch in Deutschland abspielen, siehe z.B. Alice Schwarzers gegen den postmodernen Gender/Queer-Feminismus gerichteten Text „Femen, #Aufschrei und die Neofeministinnen“:

      http://www.aliceschwarzer.de/artikel/femen-aufschrei-und-die-neofeministinnen-154451

      Wahr ist natürlich, dass beide Hauptströmungen des zeitgenössischen radikalen Feminismus in westlichen Gesellschaften männerfeindlich sind und unter das fallen, was ich als „Paradigma des Radikalfeminismus“ bezeichne:

      https://allesevolution.wordpress.com/2014/03/30/das-paradigma-des-radikalfeminismus/

      Davon abgesehen darf man allerdings die gravierenden theoretischen Unterschiede, die den Konflikten beider Richtungen zugrundeliegen nicht übersehen, denn eine Feminismuskritik, die die unterschiedlichen Positionen dieser beiden feministischen Strömungen z.B. zu Themen wie Sexarbeit, Pornographie, BDSM, Multikulturalismus, Intersektionalität, Transsexualität, z.T. auch Homosexualität nicht angemessen berücksichtigt, ist auf der analytischen Ebene nicht besonders ernst zu nehmen.

      Nebenbei bemerkt: Die klassisch-radikalfeministischen Redstockings waren bekanntlich homophob und lehnten übrigens den sozialistischen Feminismus ab.

      http://en.wikipedia.org/wiki/Redstockings

      http://en.wikipedia.org/wiki/Redstockings#Ideology

  2. Etwas zu Identitätspolitik im Sinne einer Auflösung natürlicher Identitäten:

    Heinz-Jürgen Voss (editiert; bitte keine Namensverhunzungen) hält am Mittwoch in Jena an der dortigen Gender-Universität einen Vortrag zur „Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Pluralität (besser: Ambiguität) mit der europäischen Moderne“

    Ich bin ab morgen beruflich in Jene auf Dienstreise. Vielleicht schaff ich´s ja hinzugehen. 😉

    „Seit der europäischen Moderne zeigt sich ein massives Streben nach geschlechtlicher und sexueller Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit in Europa. Jeder Mensch sollte nun Mann oder Frau sein, sein sexuelles Tun vereindeutigte sich in starren Identitäten als hetero-, bi- oder homosexuell.

    Diese Zusammenhänge hatte zunächst Michel Foucault herausgearbeitet. Er stellte dar, wie im Abendland zunächst durch das christliche Beichtgeheimnis das stete Sprechen über Sexualität angeregt wurde. Aber erst mit der aufkommenden Moderne etablierte sich die massive Verfolgung von problematisierten Sexualitäten – zunächst geschah dies unter „Sodomie“-Paragrafen. Tausende Menschen wurden so verurteilt. Mit dem 19. Jahrhundert setzte eine Medizinisierung ein, bei der zahlreiche sexuelle Verhaltensweisen und geschlechtliche Merkmale als „unnormal“ und „pathologisch“ dargestellt wurden.

    Im Vortrag arbeiten wir auf, wie sich starre sexuelle und geschlechtliche Identitäten und Normen herausgebildet haben und wie davon abweichende Verhaltensweisen und auch körperliche Geschlechtsmerkmale in zunehmendem Maße als problematisch betrachtet und schließlich pathologisiert und getilgt wurden. Es wird der Frage nachgegangen, wie Europa toleranter gegenüber Mehrdeutigkeiten werden und dafür unter anderem aus anderen geographischen Regionen lernen könnte.“

    https://gleichstellung.stura.uni-jena.de/index.php/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen/78-aktionswoche-gesellschaft-macht-geschlecht-2014

      • @axel

        „Da hab ich hier aber schon ganz andere Sachen gelesen.“

        Eben. Davon will ich weg. Also muss ich leider verstärkt bei Kleinigkeiten eingreifen. Also bitte sachlicher werden. Positiver Nebeneffekt: Wenn du Kritik mit dem tatsächlichen Namen schreibst ist sie über google findbar

        „Warum so sensibel heute, Evochris?“

        Weil es überhand nimmt.

      • Nicht nur das. Wenn er ernsthaft behauptet, daß die Zweigeschlechtlichkeit erst unter Hitler „festgeschrieben“ wurde, bezieht er sich vermutlich auf die esoterischen Schriften von Magnus Hirschfeld, der auch schon irgendwas mit x Geschlechtern fantasiert hatte.

        Und das als Beweis für die geistige Welt unter Kaiser Wilhelm und in der Weimarer Republik. Der nimmt wirklich nur wahr, was ihm ideologisch in den Kram paßt.

        Und schreibt das unwidersprochen in seine Doktorarbeit. Note: sehr gut.

    • “Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Pluralität (besser: Ambiguität) mit der europäischen Moderne”

      Was sich der Mann da zusammenreimt ist amüsant.

      Europa wurde wesentlich durch das Christentum geprägt. Wer auch nur über rudimentäre Kenntnisse der europäischen Geschichte verfügt, wird dem zustimmen. Eigentlich eine triviale Erkenntnis.

      Meines Wissens ist in der Bibel nicht von 256 Geschlechtern die Rede, sondern von Mann und Weib, wobei beiden ziemlich klare Geschlechterrollen zugewiesen werden. Das biblische Menschenbild war lange Zeit prägend für Europa und ist es zumindest teilweise auch heute noch.

      Ich weiss echt nicht, woher der Typ seine Geschichten her hat. Sind sehr wahrscheinlich Produkte seiner regen Fantasie mit dem albernen Hintergedanken, alle als Nazis zu labeln, die nicht an Vossens wundersame Vermehrung der Geschlechter glauben.

      Wer fast ausschliesslich mit Gendersektierern verkehrt, dem kann schon mal das Koordinatensystem durcheinander geraten.

      Genderisten sind Sektierer, die man mit einem rational geführten Diskurs nicht erreichen kann.

  3. Das kommt eben daher, dass man auf dem Weg in die Uni und von dort zur Szenekneipe und dann wieder nach Hause nur begrenzt in Kontakt mit der Realität außerhalb der eigenen Gruppe kommt.

    Ein nur aus Büchern und Gesprächen mit Gleichgesinnten gewonnenenes Weltbild stößt sich notwendig an der Realität. Zumal wenn die eigenen, angemaßten moralischen Standards eine Offfenheit für andere Positionen oder gar eine revision der eigenen nicht zulassen.

    • ät Mocho:

      Ah so. Die beiden sind sich aber nicht ganz unähnlich.

      Bei Voss (editiert: Bitte keine Namensverhunzungen) wundert man sich allerdings über diese geistige Sterilität. Er hat bis zum Diplom ja immerhin richtige harte Wissenschaft betrieben.
      OK, „nur“ ökologische Bakterienkunde, wenn ich das richtig erinnere. Da kann man den Homo sapiens schon ausklammern.

      Aber solche Ideologien sind bei beschränkten Menschen ja gang und gäbe. Meine Uni ist voll davon; zumindest in den entsprechenden Fachbereichen. Der eigentliche Skandal ist eher, daß die Politik solche flachen und schwachen Denker wie Vossi fördert und mit Pöstchen bedenkt.

      • ät Evochris und ddbz:

        Chis:
        Als Freund der gepflegten Zensur könntest Du wenigstens ehrlicherweise davon sprechen. „Vossxyz“[bär?] ist auch nicht wirklich justitiabel.
        Sehr humorvoll bist Du wirklich nicht. Soll Dein Blog seine Pirincci’sche Kraft und den Saft wirklich verlieren?

        DDbz:
        Du meinst wegen der asexuellen Vermehrung von Bazillen? Hihi, ist mir gar nicht aufgefallen…
        Jaja, vielleicht kommt das daher! Hat immer nur die geschlechtslosen Thiobazillen-ferrooxidans kennengelernt und wunderte sich, wie das bei Eukaryonten anders sein soll. Geht ja gar nicht!
        Dötlis und Mumus müssen anerzogen sein. Thiobazillen haben schließlich auch keine!

        • @axel

          „Soll Dein Blog seine Pirincci’sche Kraft und den Saft wirklich verlieren?“

          Ja, unbedingt. Ich finde nicht, dass es eine Kraft ist, beleidigend oder abwertend zu sein. Halte dich bitte daran. Ansonsten steht es dir natürlich frei, dir einen Blog zu suchen, der diesen Ton lieber mag.

          • @Axel

            Bisher habe ich eine Sperre und das ist Männerstreik, der sowohl massiv beleidigen als auch Klarnamen veröffentlichen wollte. Er musste sich dafür ziemlich anstrengen.
            Dennoch halte ich es nicht für zuviel verlangt, wenn man sich an einen bestimmten Ton hält, der mir Moderationsarbeit abnimmt. Das sollte eine Frage allein der Höflichkeit mir gegenüber sein

        • @ christian

          Ich gehe mal davon aus, dass Du zukünftig auch redigierend eingreifst, wenn mich hier mal wieder jemand als „Rassist“ diffamiert. Denn DAS ist justiziabel!

          😉

        • ät Ratloser:

          Ist schon auffällig, daß Evochris seine geliebten (?) Genderlinksautoren mit Nachsicht behandelt.

          Wenn ich dran denke, wie abfällig Elmar sich ihm gegenüber zuletzt gegeben hat („Du bist doch kein Akademiker…“).

          Statt ne Vollsperre zu setzen, hat er fleißig weiterdiskutiert.

        • Na ja.

          Finde auch schon, dass es sich in Maßen halten und eher diskussionsorientiert sein sollte.

          Mit dem Anstreben von Sachlichkeit. Aber im zwischenmenschlichen Gespräch eben auch Spontanes zulassend. Das macht es doch aus und interessant.

          Balance. Und frei.

        • @ ratloser

          *wenn mich hier mal wieder jemand als “Rassist” diffamiert. Denn DAS ist justiziabel!*

          Ich glaube, der Soziologe Lomi war das, nicht wahr?

          Je nun.

          Was soll ein Soziologe machen, wenn die Natur selbst „rassistisch“ ist und auch noch „sexistisch“ und obendrein auch noch „klassistisch“

          Wer das WAHRnimmt, ist ein Ketzer.

          Ketzerei ist allerdings altmodisch, aus einer Welt, die gar nicht progressiv, kritisch und modern ist wie die moderne, kritische und progressive Soziologie.

          So wird der moderne Ketzer Rassist genannt oder Sexist und damit die eigentlich einmal sinnvollen Begriffe inflationiert, d.h.entwertet.

          Wenn man sie eines Tages brauchen sollte, um echte Rassisten/Sexisten zu benennen und zu bekämpfen – und sie werden kommen, die neuen, alten Barbaren, in Massen werden sie wieder kommen! – werden keine Begriffe mehr zur Verfügung stehen.

          Auch dieser Limes wird geschleift sein.

        • ät Evochris:

          A propos Moderation: Deine Vordrängelei find ich langsam nicht mehr lustig.

          Deswegen erwarte ich auch gar keine „Moderation“ von Dir, die ich angeblich schwer mache. Wegen des kleinen V-bären muß man nun wirklich keine Aufstände machen.

          Ja, und ich halte Elmar und einige andere wie Maren für „Genderlinksautoren“. Für was sonst? Moderne Wertkonservative?

          Und Du hast ja zugegeben, daß Du mehr von denen hier haben willst. Ist theoretisch verständlich, um mehr Würze reinzubringen.
          Praktisch aber völlig sinnlos, da Genderologen idR eine sehr eingeengte Bildung haben und über Biologiethemen überhaupt nichts wissen können – und wollen.

          Wie Voltaire schrieb, man KANN mit Fanatikern NICHT diskutieren. Außer vor kritischem Publikum, daß sich bei ideologischen Verstiegenheiten an die Birne greift.

          Dafür ist es aber notwendig, daß die Fanatiker nicht selbst im Publikum sitzen!

          • @axel

            „A propos Moderation: Deine Vordrängelei find ich langsam nicht mehr lustig.“

            Das macht die WordPress-Software automatisch, kann ich wenig machen

            „Deswegen erwarte ich auch gar keine “Moderation” von Dir, die ich angeblich schwer mache“

            Ist ja deine Sache. Wenn mir Moderation zu aufwändig wird, werde ich zu beanstandende Kommentare löschen. Dann musst du dir überlegen, ob dir das die Mühe wert ist.

            “ Wegen des kleinen V-bären muß man nun wirklich keine Aufstände machen.“

            Muss man nicht. Aber dies ist mein Blog

            „Ja, und ich halte Elmar und einige andere wie Maren für “Genderlinksautoren”. Für was sonst? Moderne Wertkonservative?“

            Finde ich nur lustig, weil Elmar das wohl so gar nicht teilen würde.

            „Wie Voltaire schrieb, man KANN mit Fanatikern NICHT diskutieren. Außer vor kritischem Publikum, daß sich bei ideologischen Verstiegenheiten an die Birne greift.“

            Das mag ja auch deine Sicht sein und du musst mit ihnen ja auch nicht diskutieren. Du musst nur einen höflichen Ton berücksichtigen, wenn du kommentierst.

        • ät Evochris:

          Gut, wenn WordPress für die Drängelei verantwortlich ist, ziehe ich die Kritik zurück.

          „Muss man nicht. Aber dies ist mein Blog“
          Ein Blog ist keine Zeitschrift, Du hast also keinen Tendenzschutz.
          Hey, schau Dir mal an, wieviele Leute hier gerne mitdiskutieren! Freu Dich doch mal.

          Und der Vorwurf der parteiischen Kritik Deinerseits, selbst bei Kleinigkeiten wie Vbären, bleibt bestehen.
          Zensur bei den Linken hab ich bis jetzt nur ein mal bei Leszek gesehen.

  4. Da „Identitätspolitik“ das heutige Thema ist, schauen wir doch mal, was der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt in seinem Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA zu den ideengeschichtlichen Wurzeln der zeitgenössischen postmodernen Identitätspolitik schreibt:

    „Der transformative Multikulturalismus hat seine Wurzeln in den politischen Erfahrungen der 60er und 70er Jahre, und seine philosophischen Grundlagen speisen sich aus Theorien, die in dieser Zeit entwickelt wurden. Von grundlgender Bedeutung sind dabei das „Black Power Movement“ und das „Ethnic Revitalization Movement“. In beiden Bewegungen wurde zum einen eine grundsätzliche Kritik der europäischen, insbesondere aber der amerikanischen Zivilisation entwickelt. Der Hauptgegner war die Kultur der White-Anglo-Saxon-Protestants (WASPs).
    Durch die Rezeption euro-afrikanischer Kolonialismustheorien und deren Übertragung auf die US-amerikanische Gesellschaft entstanden die Theorien des „Institutional Racism“ oder der „Structural Oppression“: Sie behaupteten die Unterdrückung all jener Minoritätenkulturen, die nicht zur WASP-Kultur gehören. Diese beiden Formen der Unterdrückungstheorie wurden im Rahmen des sich entwickelnden Multikulturalismus immer stärker mit dem Kulturbegriff der amerikanischen „Cultural Anthropology“ synthetisiert, der gewissermaßen die theoretische Grundlage des multikulturellen Kulturverständnisses lieferte.
    Ein weiteres wesentliches Ergebnis des „Black Power Movements“ und des „Ethnic Revitalization Movements“ war die Betonung der partikularen Identitäten der Minoritäten und der damit verbundene Aufstieg der „Identity Politics“. Der Multikulturalismus „drew from American identity politics. Its fundamental unit was the identity politics idea that in cultural affairs, the single most important way to classify people is by race, ethnicity, and gender – the kind of thinking that leads us to define one person as white male, somenone else as an Asian female, a third person as a Latina lesbian, and so forth“ (Berman 1992b: 13). Unter dem Blickwinkel dieser „Identity Politics“ rezipierten amerikanische Intellektuelle im Laufe der 70erund 80er Jahre im wesentlichen zwei europäische philosophische Quellen. Zu diesen gehören zum ersten die deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Ludwig Wittgensein; zum zweiten der französische Strukturalismus von Ferdinand de Saussure, Claude Levis-Strauss und Roland Barthes und dem französischen Post- oder Ultrastrukturalismus von Michel Foucault, der Friedrich Nietzsche weiterführte, Jacques Lacan und Jacqes Derrida, deren Denken stark durch Martin Heidegger geprägt waren und der postmodernen Theorie Jean-Francois Lyotards, der stark auf die späte Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins zurückgriff. (…)
    Diese, in erster Linie europäischen Quellen postmodernen Denkens erhielten bei ihrer Rezeption eine eigentümliche amerikanische Wendung durch die Verbindung mit der „Identity Politics“ und führten zu einer typisch US-amerikanischen Ausbildung des postmodernen Diskurses in Form der „Politics of Difference“ (…).
    Diese Mischung aus (…) psychologischen und insbesondere postmodernen Theorien ist derart grundlegend für den amerikanischen „Multiculturalism“, das ohne diesen philosophischen Hintergrund die viel gescholtenen Phänomene der „Political Correctness“ gar nicht existieren würden (…).“

    (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, S. 93 f.)

    • Mag ja irgendwie sein. Da sind aber noch andere Einflüsse. 68er Linke und Frankfurter Schule.

      Aber die Denke, dass sich das so formell in den Mainstream überträgt halte ich für Unsinn.

      Das ist eher aus den letztendlich auch mit feministisch geprägten linken Anti-Bewegungen der 68er entstanden. Gedankengut das sich heutzutage eher politisch benutzend und missbräuchlich äußert und in einer Art Hysterie und Totalitarismus endet, nämlich der Wahn mit Identity Politics könne man irgend etwas verbessern.

      Es führt in gruppenrassistische Diskriminierungspolitik, getarnt als Anti-Diskriminierung und dient zur Gewissensberuhigung von bessergestellten Kreisen, z.B. der Liberals in den USA und hier bei uns einer leider ideologisch korrumpierten SPD etc.( siehe FES etc.). Die übrigens ausgesprochen sexistisch und rassistisch werden, sollten ihre Pfründe angetastet oder das die PC-Gaukelei auf sie selbst angewendet werden.

      Und sorry, Leszek. Das ist vorwiegend linkes korrupt-kollektivistisches Denken, das dahinter steht und zur PC führt. Eben „das Private ist politisch“. Es verbindet sich so mit einem eigentümlichen solipsistisch dekadenten Rosinenpickerhedonismus heutiger Prägung. (meinetwegen Poststrukturalismus etc.) und dringt in die persönliche Sphäre von Menschen nötigend und stigmatisierend ggf. sogar kriminalisierend ein.

      Ein Herrschaftsinstrument.

      Auch wenn die Anstöße dazu hundertmal feinsinnig woanders her kommen oder kämen. Aufgegriffen bzw. instrumentalisiert wird es so und nicht anders.

      Und dies heißt nicht, dass ich jetzt gegen eine (nicht in dieser Weise korrupte) Linke wäre. Denn die sehe ich mit einem tatsächlichen Klassenanliegen für die Arbeiter (z.B. speziell Leiharbeiter) auch als notwendig präsent an. Und hier herrscht Mangel, weil die Motive offenbar weitgehend unlauter sind. Eben DDR 2.0.

      Mit der heftigsten Ausprägung in den nunmehr deutlich missbräuchlichen modernen feministischen Vulgärverhetzerinnen, den sog. „Social Justice Warriers“ mit ihren „Moralunternehmertum“, dass noch Viktorianer verblassen lässt und an totalitär-feudalistische Tendenzen mit den Epochen der „Untermenschen“ (Sklaven etc.) erinnert.

      • @ Petpanther

        „Mag ja irgendwie sein. Da sind aber noch andere Einflüsse. 68er Linke und Frankfurter Schule.“

        Irgendwas wild behaupten, aber nichts belegen können, wird dir allerdings auch diesmal nichts nützen, Petpanther.

        Die Frankfurter Schule hat auf den US-amerikanischen Poststrukturalismus und die postmoderne Identitätspolitik keinen nennenswerten Einfluss, da sie ganz andere theoretische Grundlagen hat als diese.

        Um das zu wissen, hätte es übrigens ausgereicht nur mal in ein paar Einführungswerke zu verschiedenen Strömungen des US-amerikanischen Poststrukturalismus reinzuschauen, ich besitze zufällig mehrere und weiß, worauf diese im Wesentlichen Bezug nehmen und worauf nicht.

        Klassischer Marxismus, Frankfurter Schule oder andere linke Strömungen wurden im Kontext der Etablierung des US-amerikanischen akademischen Geflechts von Multikulturalismus und Political Correctness weitgehend durch postmoderne/poststrukturalistische Einflüsse in den Hintergrund gedrängt – leider – und spielen dort nur eine sehr untergeordnete Rolle, wie Mathias Hildebrandt in seinem Buch auch in einer Fußnote erwähnt:

        „Nach meinen Erkenntnissen spielen die Frankfurter Schule und der Marxismus nur eine sehr untergeordnete Rolle und können nicht den Hauptkomplex des Multikulturalismus, die „Identity Politics“ erklären; Berman (1992b: 12-15) stimmt mit meiner Betonung des Einflusses des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus überein.“

        (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, S. 94 )

        Und was Einflüsse der von mir in ihren anti-autoritären Flügeln sehr geschätzten 68er-Bewegung angeht, wurden solche in dem Text ja erwähnt, (u.a. die französischen Denker des Strukturalismus und Poststrukturalismus – die allerdings für den Mißbrauch ihres Werkes durch einige ihrer US-amerikanischen Fans auch nicht verantwortlich sind).

        68er Linke gibt es außerdem nicht als eigenständige geschlossene Strömung, 1. wei 68 seit ein paar Jahrzehnten vorbei ist und 2. weil die 68er Bewegung sich nach wenigen Jahren in zahlreiche konkurrierende Strömungen gespalten hat, in Deutschland bereits Anfang der 70er Jahre.

        „Aber die Denke, dass sich das so formell in den Mainstream überträgt halte ich für Unsinn.“

        Das überträgt sich aus mehreren Gründen in den Mainstream, u.a., weil die politischen und ökonomischen Eliten Vorteile von dem „Identity-Politics“-Quatsch haben, denn dieser begünstigt eine „Teile-und-herrsche-Politik“ und behindert den Klassenkampf:

        http://newleftreview.org/II/52/walter-benn-michaels-against-diversity

        „Und sorry, Leszek. Das ist vorwiegend linkes korrupt-kollektivistisches Denken, das dahinter steht und zur PC führt. Eben “das Private ist politisch”.“

        Dann wird es dich ja sicherlich freuen zu hören, dass der von mir geschätzte neo-marxistische Theoretiker Herbert Marcuse ein Kritiker der Auffassung war, dass das Private politisch sei.

        Dazu ein paar Zitate von Herbert Marcuse zur Verteidigung des Privaten:

        „Ich habe immer den Wert der Privatheit ungeheuer hoch geschätzt und kann mir keine anständige Gesellschaft vorstellen, in der dieser Bereich des Privaten nicht beschützt würde.“

        (aus: Gespräch mit Herbert Marcuse, in: links, Jg.5 (1974), Nr.60 (November 1974), S. 9 – 10.)

        “Solche individuelle Befreiung bedeutet jedoch ein Überwinden des bürgerlichen Individuums (…) und gleichzeitig eine Wiederherstellung jener Dimension des Ichs, der Privatheit, die einst von der bürgerlichen Kultur geschaffen wurde.“

        (aus: Herbert Marcuse – Konterrevolution und Revolte, S. 61)

        “Im äußersten Fall ‚löst sich’ der Konflikt zwischen privaten und öffentlichen Werten in völliger Gleichschaltung ‚auf’: das Indivduum denkt, fühlt und wertet privat, wie in der ‚öffentlichen Meinung’ gedacht, gefühlt und gewertet wird und wie dies sich in öffentlichen politischen Maßnahmen und Erklärungen ausdrückt. (…) Eine solche Gleichschaltung kann durch Terror, durch die standardisierenden Tendenzen der ‚Massenkultur’ oder durch eine Kombination beider erreicht werden. Die Kosten für das Individuum und für die Gesellschaft sind unvergleichlich größer, wenn sie durch Terror zustande kommt, und der Unterschied kann durchaus der zwischen Leben und Tod sein. Am Ende des Gleichschaltungsprozesses jedoch, nachdem die Konformität erfolgreich hergestellt wurde, ist die Auswirkung auf die Hierarchie der Werte tendenziell die gleiche: die individuelle Denk- und Gewissensfreiheit scheint ihren unabhängigen und unbedingten Wert zu verlieren und in der Vereinheitlichung von privatem und öffentlichem Dasein unterzugehen”

        (aus: Herbert Marcuse – Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, S. 199 f.)

        „Der Drang nach mehr »Lebensraum« macht sich nicht nur in internationaler Aggressivität geltend, sondern auch innerhalb der Nation. Hier ist die Expansion in allen Formen der Zusammenarbeit, des Gemeinschaftslebens und Vergnügens in den Innenraum der Privatsphäre eingedrungen und hat praktisch die Möglichkeit jener Isolierung ausgeschaltet, in der das Individuum, allein auf sich zurückgeworfen, denken, fragen und etwas herausfinden kann. Diese Art Privatsphäre – die einzige Bedingung , die auf der Basis befriedigter Lebensbedürfnisse der Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens Sinn verleihen kann – ist seit langem zur teuersten Ware geworden, nur den sehr Reichen verfügbar (die keinen Gebrauch von ihr machen). Auch in dieser Hinsicht offenbart die “Kultur” ihre feudalen Ursprünge und Schranken. Sie kann nur (…) demokratisch werden, wenn es nämlich der Gesellschaft gelingt, die Vorrechte der Privatsphäre wieder herzustellen, indem sie sie allen gewährt und bei jedem einzelnen schützt. (…)
        Kann eine Gesellschaft, die außerstande ist, das private Dasein des Individuums auch nur in den eigenen vier Wänden zu schützen, rechtmäßig behaupten, dass sie das Individuum achtet und eine freie Gesellschaft ist? Sicher ist eine freie Gesellschaft durch mehr und grundlegendere Errungenschaften gekennzeichnet als durch private Autonomie. Und doch beeinträchtigt deren Fehlen selbst die augenfälligsten Institutionen der ökonomischen und politischen Freiheit – dadurch, dass in ihren verborgenen Wurzeln keine Freiheit anerkannt wird.”

        (aus: Herbert Marcuse – Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, S. 255 f.)

        • @ Leszek

          Die Frankfurter Schule wird heute an amerikanischen Universitäten aber durchaus rezipiert. Du wirst wohl keine größere Uni finden, die nicht mindestens einen Kurs dazu im Angebot hat. Hier nur einmal eine ganz knappe Auswahl nach 5 Minuten googlen:

          http://criticaltheory.berkeley.edu/about/

          http://registrar.princeton.edu/course-offerings/course_details.xml?courseid=003158&term=1144

          http://www.registrar.fas.harvard.edu/courses-exams/course-catalog/visual-and-environmental-studies-289-frankfurt-school-mass-media-and

          http://oyc.yale.edu/english/engl-300/lecture-17

          Über den Einfluss, den die kritische Theorie auf gewisse intellektuelle Strömungen in den USA genommen hat, lässt sich sicherlich trefflich streiten, unbekannt sind die Frankfurter dort aber keineswegs!

        • Leszek, du musst unbedingt mal dieses Buch lesen:

          http://www.amazon.de/Positivismusstreit-Auseinandersetzungen-Positivismus-amerikanischen-Rationalismus/dp/3518286587/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1415700821&sr=1-2&keywords=positivismusstreit

          Der Autor zeichnet darin die Zeit nach, die Adorno und Horkheimer im amerikanischen Exil verbrachten, wobei sie in Verbindung mit den Neopositivisten um Otto Neurath und Rudolf Carnap standen. Und sich denen gegenüber zeimlich schäbig verhalten haben, finde ich.

          Und es stimmt, die haben relativ wenig Einfluss gehabt in den USA, weil sie sich, als Bannerträger der deutschen Kultur, weigerten, etwas auf Englisch zu veröffentlichen. Anders als Marcuse.

        • @ Neuer Peter

          „Die Frankfurter Schule wird heute an amerikanischen Universitäten aber durchaus rezipiert.“

          Das ist auch gut so. Wäre ja schade, wenn sie dort in Vergessenheit geraten würden.

          Sie haben für die Theoriebildung im Poststrukturalismus/Postmodernismus und seinen Unterströmungen aber keine nennenswerte Relevanz.
          Wenn man sich Schriften aus den Bereichen Gender Studies, Queer-Theorie, Critical Whiteness etc. durchliest, dann wird nur selten auf die Frankfurter Schule Bezug genommen.
          Insbesondere auch in Einführungswerken zu diesen Strömungen, in denen deren wesentliche Vorläufer und Quellen genannt werden, tauchen sie nicht auf.

          Dass an US-amerikanischen Universitäten in Bereichen, in denen linke Theorien behandelt werden, nicht ausschließlich zu 100 % Poststrukturalismus vorkommt und sonst gar nichts, dass auch andere linke Strömungen noch vorhanden sind, ist sicherlich richtig. Aber andere linke Strömungen dominieren nicht, der Poststrukturalismus/Postmodernismus ist gegenwärtig die einflussreichste linke Strömung dort, andere linke Strömungen wurden dadurch nicht ausgelöscht, aber eben in den Hintergrund gedrängt.

          „Über den Einfluss, den die kritische Theorie auf gewisse intellektuelle Strömungen in den USA genommen hat, lässt sich sicherlich trefflich streiten, unbekannt sind die Frankfurter dort aber keineswegs!“

          Das wäre ja auch schwer möglich. Herbert Marcuse hat ja lange in den USA gelebt. Aber auch in den USA taucht Marcuse in der zeitgenössischen linken Theoriebildung eben sehr selten auf.

          @ EL_Mocho

          Danke, ich schaue es mir bei Gelegenheit mal an.

    • Lieber Leszek,

      auch wenn du bei der derzeitigen Stammbelegschaft hier vielleicht nicht gut gelitten bist, wollte ich dir doch noch mal sagen, dass ich deine ideengeschichtlichen Ausführungen immer mit großem Gewinn lese. Lass dich also nicht davon abbringen!

      • Ät NP und Leszi:

        Och, so schlecht ist der gar nicht gelitten.
        Ich denke, Leszek ist ein braver Theoretiker, der keine Steine schmeißt.

        Und daß er Gender und PC als herablassende Mode der edellinken Spinner an der Uni entlarvt, macht ihn bei den Konservativen und Reaktionären hier geradezu sympathisch.

      • @ Leszek

        Das Interview hattest du übrigens neulich mal verlinkt, ich lese es gerade komplett und das ist wirklich sehr, sehr interessant. Bringt für mich eigentlich auf den Punkt, weshalb mich der ganze Genderquark überhaupt interessiert.

        Eigentlich sollten es auch Roslin & Co. mal aufmerksam lesen, aber ob sie es tun werden… ich glaube nicht.

        http://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

        „But you can sort of see it, because they recognize in illegal immigration a form of capitalism that has finally begun to emerge as a threat to the middle class and even a little bit to the upper middle class, but the only way that they can conceptualize it is as “communism.” They are so committed to a kind of capitalism, which neoliberalism is in fact destroying, that when they see neoliberalism in action they just identify it as “communism.”“

        „Professors don’t really worry about any form of inequality that isn’t produced by discrimination. We worry a lot about whether women are treated fairly in math classes but we don’t worry at all about that the salaries of the women who clean our offices. More often than not I would guess we feel like those salaries are what those women are worth.“

        • Da ist übrigens auch eine Kritik an Kempers Klassismustheorie drin:

          „the state of the art thing which is to say, “No actually it’s false. White people have been the victim of discrimination, because the lower class is itself a victim of discrimination.”

          I wrote a piece on this last year based on the Gates episode for the London Review of Books, a review of a book that had just come out in the U.K. about extending anti-discrimination to deal with the white working class, as if the problem with the white working class was that it was insufficiently respected and that if you could only get a few more White working class guys up at the top … basically just treating the white working class as if it were an identity. That’s cutting edge neoliberalism.“

        • @ ichichich

          „Das Interview hattest du übrigens neulich mal verlinkt, ich lese es gerade komplett und das ist wirklich sehr, sehr interessant. Bringt für mich eigentlich auf den Punkt, weshalb mich der ganze Genderquark überhaupt interessiert.“

          Es war El_Mocho gewesen, der den Autor Walter Benn Michaels ursprünglich entdeckt hatte und mehrere Texte von ihm hier verlinkt hatte.

          Hier sind noch drei weitere:

          http://www.theguardian.com/commentisfree/2008/jun/11/uselections2008.useconomicgrowth

          http://www.lrb.co.uk/v31/n16/walter-benn-michaels/what-matters

          http://newleftreview.org/II/52/walter-benn-michaels-against-diversity

          Es gibt auch ein interessantes Buch von ihm zum Thema:

          Walter Benn Michaels – The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality

          In Christians Postfach liegt übrigens auch eine deutsche Erstübersetzung eines Textes von ihm. Leider wird sie wohl für immer dort verrotten. 😦

        • Falls Christian es verbaselt hat oder den Text aus einem anderen Grund nicht gleich veröffentlichen mag (ich nehme mal an, es ist ein längerer und komplizierterer Text, zu dem er sich auch erst mal Gedanken machen müsste, bevor er ihn angemessen kommentieren kann), schick ihn doch einfach mal an Graublau, der kann das dann aufs Allerlei stellen.

  5. Pingback: Doktorant: Identitätspolitik – Eine Analyse | Alles Evolution

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