„Wenn Frauen nicht Feministinnen sind, verstehen sie ihr Leben als Leben zweiter Ordnung“

Antje Schrupp schreibt einen Artikel dazu, dass Frauen nicht per se Feministinnen sind und zur Mitwirkung der Frauen am Patriarchat:

Es ist aber die traurige Wahrheit: Das Patriarchat ist nie einfach die Herrschaft von Männern über Frauen. Sondern überall dort, wo es existiert, kann es auf die Unterstützung von Frauen zählen. Viele Frauen akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle einer Existenz zweiter Ordnung. Einer Existenz, die vom Mann abgeleitet ist. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesenen Aufgaben, mehr noch, sie machen sie sich zu Eigen. Und: Sie sind es, die diese Ordnung anderen Frauen gegenüber vertreten, oft unbarmherzig.

Frauen sind nicht von Natur aus Feministinnen, sie müssen es werden, in einem bewussten Akt der Entscheidung, die alte symbolische Ordnung der Vorherrschaft des Männlichen nicht mehr zu akzeptieren. Ob es wahrscheinlicher ist, dass eine Frau diese Entscheidung trifft als ein Mann? Vielleicht, weil der Leidensdruck höher ist, weil sie mehr zu gewinnen hat. Vielleicht aber auch nicht, weil auch der Preis höher ist, den sie bezahlt. Eine Frau hat oft auch mehr zu verlieren.

Finde ich klasse in der Einfachheit der Schuldverlagerung: Dass die Gesellschaft und alles, was einem daran nicht gefällt ein Patriarchat ist, dass ist wohl unumstößliche Wahrheit. Wenn Frauen dann mitmachen, dann eben nur, weil die Frauen sich unterordnen. Warum sollten auch Frauen ganz bewußt an so etwas schmutzigen wie dem Patriarchat (welches dann auch nicht definiert wird und vollkommen vage bleibt) mitarbeiten? Es gibt ja für sie anscheinend keinerlei Vorteile.

Und natürlich hat die Frau da auch mehr zu gewinnen. Was wird allerdings nicht gesagt. Eben so wenig wie etwa eine feministische Gegenwelt beschrieben wird. Klar, der Vorstandsposten gibt mehr Kohle, er kommt aber auch nicht selten mit einer Menge Arbeit, viel Stress etc. Und der Job einer Frau eines Vorstandschefs ist in dieser Welt Unterdrückung. Wie schrecklich das aussehen kann, sieht man zum Beispiel hier an Ursula Piech.

Selbstbestimmte Frauen, die eigene Ziele verfolgen kommen hier nicht vor. Was erstaunlich ist, denn diese Beschreibung macht eigentlich nahezu alle möglichen Lebensweisen für Frauen zu einer Unterordnung: Die Karrierefrau biedert sich dem Patriarchat genauso an wie die Hausfrau, weil beide nach dessen Regeln spielen. Es würde mich interessieren, bei welchen Lebensentwürfen Antje da keine Unterwerfung sieht.

Auch ein weiterer Absatz ist interessant:

Dass es beim Feminismus nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer geht, wird oft gesagt, aber diese Aussage ist zwiespältig. Einerseits ist es natürlich auf eine banale Weise wahr. Trotzdem habe ich dabei ein leichtes Unbehagen, weil dieses „Es geht nicht gegen Männer“ leicht so verstanden werden kann, als sollten wir unsere Radikalität im Zaum halten, um die Männer nicht vor den Kopf zu stoßen, sie einzubeziehen, sie „abzuholen“.

Aber das ist nicht der Punkt. Beim Feminismus geht es aus einem viel schlichteren Grund nicht um einen Kampf von Frauen gegen Männer: Weil viele Frauen einen solchen Kampf gar nicht kämpfen, sondern sich mit dem Bestehenden arrangieren oder es sogar gut finden. Oder weil sie schlicht noch gar nicht auf die Idee gekommen sind, dass sie es überhaupt in Frage stellen könnten. Weil sie, die ja genauso wie die Männer in der herkömmlichen symbolischen Ordnung aufgewachsen und sozialisiert worden sind, vielleicht zwar ein diffuses Unbehagen verspüren, aber dafür bisher keinen politischen Ausdruck gefunden haben.

Der Absatz scheint mir etwas misslungen zu sein: Feministinnen sind ja nach ihrer Auffassung diejenigen, die sich gerade nicht arrangiert haben oder es gut finden. Also können sie auch gegen Männer kämpfen, was ja dann irgendwie als Forderung durchschimmert. Oder ist es kein Kampf gegen Männer, weil es auch ein Kampf gegen Frauen ist, eben gegen die, die sich arrangiert haben?

Feminismus ist die Weigerung, eine gesellschaftliche und kulturelle Ordnung anzuerkennen, die Frauen als vom Mann abgeleitete Wesen versteht. Als Wesen, die nicht ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern sozusagen nur über Bande mitspielen: Die die Welt verbessern, indem sie die Männer verbessern, die sich in der Welt behaupten, indem sie Männer imitieren, oder die die Gesetze der Männer anderen Frauen gegenüber exekutieren.

Eine recht sinnlose Definition, zumal die Hauptthese, dass diese Frauen in ihrem Leben keine eigenen Ziele verfolgen, kaum auch nur im Ansatz hinterfragt wird. Was ist, wenn Frauen zB das Ziel haben

  • in einer glücklichen Partnerschaft mit Arbeitssteilung zu leben
  • Mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen
  • Karriere nicht als Ziel sehen, dem sie ihre Lebensqualität unterordnen

All dies sind ja keine Ziele die nicht die eigenen eines Menschen sein können. Und was ist wenn sie beispielsweise sich gar nicht von ihrem Mann ableiten, sondern ebenso Forderungen an diesen stellen, etwa

  • das dieser ein guter Versorger und Beschützer ist
  • das der Mann nebenher noch möglichst sich an der Hausarbeit beteiligt
  • das der Mann auch ansonsten ihr zuarbeitet

Ist es dann eine Ableitung vom Mann, in dem sie leben?

Man kann den Mann verbesseren eben auch als Verlagerung von Tätigkeiten sehen, ein bestimmtes Verhalten nicht als imitieren sehen, sondern als Anpassung an einen Markt oder einen Beruf und dessen Regeln, die man als praktikabel und erfolgsversprechend erkannt hat und die „Gesetze der Männer“ als richtig ansehen, aus eigener Überzeugung, und in einer Demokratie als Gesetze der von einem selbst gewählten Vertreter im Parlament. Man kann auch von Männer gemachte Gesetze als frauenfreundlich und männerbenachteiligend ansehen, weil sich Männer anbiedern, um die Gunst weiblicher Wähler buhlen etc.

Eine Feministin erkennt man nicht an den Inhalten ihrer politischen Forderungen und Ansichten, sondern daran, ob sie aufgehört hat, ihr eigenes Leben (und das Leben anderer Frauen) als eines zweiter Ordnung zu verstehen

Also zB unabhängig von Unterhalt, Zugewinn, Versorgungsausgleich? Aber Spass beiseite: Eine ziemlich arrogante Aussage: Frauen, die ihr eigenes Leben leben, sind also zwangseingemeidet, alle anderen leben ein Leben zweiter Ordnung.

Eine ziemliche Abwertung der wohl nach ihrer Auffassung meisten Frauen.