Robert Trivers zur Selbsttäuschung

LoMi hatte neulich etwas über „Selbstbestimmung vs. Biologismus“ geschrieben:

Das Unbehagen an solchen Theorien rührt daher, dass Experten sich anmaßen, alles über mich, meine Motive und mein Handeln zu wissen. Sie meinen es sogar besser zu wissen als ich. Wenn ich mich anders beschreibe, gilt das aus Sicht der Evolutionisten und Ökonomisten als “Rationalisierung” und “Selbstbetrug”. Man will mir also einreden, dass ich generell mich über meine Absichten täusche. Prinzipiell gehört es zu unserer Kultur, anzunehmen, dass man Selbsttäuschungen erlegen ist. Aber niemand würde behaupten, dass er sich in allem täuscht. Jeder nimmt letztlich für sich in Anspruch, doch auch einen authentischen Kern zu besitzen und sich selbst angemessen beschreiben zu können. Auch verteidigt letztlich Jeder seine eigene Selbstbeschreibung gegen Fremdbeschreibungen.

Zeitgleich habe ich in einem Buch einige interessante Passagen dazu gelesen, dass eine Evolution dahin, dass man aus anderen Gründen handelt als man es wahrnimmt, durchaus wahrscheinlich ist.

Eine Passage aus der Wikipedia zur Selbsttäuschung gibt das grundsätzliche dazu wieder:

Trivers‘ theory of self-deception
It has been theorized that humans are susceptible to self-deception because most people have emotional attachments to beliefs, which in some cases may be irrational. Some evolutionary biologists, such as Robert Trivers, have suggested[7] that deception plays a significant part in human behavior, and in animal behavior, more generally speaking. One deceives oneself to trust something that is not true as to better convince others of that truth. When a person convinces themself of this untrue thing, they better mask the signs of deception.

This notion is based on the following logic: deception is a fundamental aspect of communication in nature, both between and within species. It has evolved so that one can have an advantage over another. From alarm calls to mimicry, animals use deception to further their survival. Those who are better able to perceive deception are more likely to survive. As a result, self-deception evolved to better mask deception from those who perceive it well, as Trivers puts it: „Hiding the truth from yourself to hide it more deeply from others.“ In humans, awareness of the fact that one is acting deceptively often leads to tell-tale signs of deception, such as nostrils flaring, clammy skin, quality and tone of voice, eye movement, or excessive blinking. Therefore, if self-deception enables someone to believe her or his own distortions, they will not present such signs of deception and will therefore appear to be telling the truth.

Self-deception can be used both to act greater or lesser than one actually is. For example, one can act overconfident to attract a mate or act under-confident to avoid a predator or threat. If a person is capable of concealing their true feelings and intentions well, then they are more likely to successfully deceive others.

It may also be argued that the ability to deceive, or self-deceive, is not the selected trait but a by-product of a more primary trait called abstract thinking. Abstract thinking allows many evolutionary advantages such as more flexible, adaptive behaviors and innovation. Since a lie is an abstraction, the mental process of creating a lie can only occur in animals with enough brain complexity to permit abstract thinking.[citation needed] Self-deception lowers cognitive cost; that is to say, it is less complicated for one to behave or think in a certain manner that implies something is true, if one has convinced oneself that that very thing is indeed true. The mind will not have to think constantly of the true thing and then the false thing, but simply convince itself that the false thing is true.

 

Der Grundgedanke ist, dass bestimmte Handlungen aus bestimmten Gründen vorteilhaft sein können, es aber besser sein kann, wenn die Leute meinen, dass man nicht aus diesen Gründen, sondern aus „moralisch besseren“ Gründen handelt. Oder das es günstiger sein kann, sich zB für etwas besser zu halten als man ist, damit man auch etwas mehr versucht. Andere Beispiele sind etwa der Umstand, dass wir Versagen in einem Bereich gerne auf Pech zurückführen, Erfolg aber auf unsere Leistung (und bei Gegnern umgekehrt). Wir schützen insofern unser Ego.

Es ist zum Beispiel  günstiger, wenn jemand einfach davon ausgeht, dass man ihn als Freund mag und eine Bindung zu ihm aufgebaut hat als wenn die unterbewußte Kalkulation des gegenseitigen Gebens und Nehmens im Sinne eines reziproken Altruismus und die potentielle Nützlichkeit als Verbündeter offen dargelegt würde und das ganze als ein reines Geschäft erscheinen lässt, dass man abbricht, wenn es ungünstig ist. Tatsächlich führen wir aber durchaus Buch auf eine gewisse Weise uns sind beleidigt, wenn der andere zu wenig gibt, etwa wenn sich ein Freund davor drückt einem beim Umzug zu helfen, obwohl man dies und jenes für ihn gemacht hat.

Es ist hier noch einmal wichtig, sich bewußt zu machen, dass unser Gehirn nicht per se darauf optimiert ist, logisch, ehrlich und frei zu sein. Es ist – nach dem Prinzip der egoistischen Gene – das Produkt eines Selektionsvorganges, in dem die Gene übriggeblieben sind, die mittels des Baus von Körpern als Genvehikel für eine Anreicherung von Kopien ihrer selbst im Genpool gesorgt haben. Es gibt keinen darüber hinausgehenden Sinn und auch kein Ziel der Evolution oder ein Bestreben eine höhere Entwicklungsstufe der Freiheit zu erreichen.

Wenn eine höhere Selbsterkenntnis oder ein freierer Wille dazu führt, dass die Gene, auf denen diese Fähigkeiten beruhen, seltener weitergegeben werden, dann verschwindet mit den Genen auch diese Fähigkeit aus dem Genpool bzw. fasst dort erst gar nicht Fuß.

Die Fähigkeit, selbst etwas zu glauben und sich damit nach außen gut darzustellen, während man unterbewußt nach anderen Kritierien arbeitet, kann dabei durchaus einen evolutionären Vorteil bieten.

Selbsttäuschung ist also insbesondere in den Bereichen zu erwarten, wo eine Interaktion stattfindet, bei der egoistische Motive Nachteilhaft für den anderen sind und diesen damit abschrecken könnten, hingegen ein positiveres Bild von einem selbst diesen verleiten könnten, eher mit einem zu Interagieren.

Ein Gebiet, indem diese eine große Rolle spielen kann, ist auch die Partnerwahl. Denn hier besteht ein potentielles Prisoners Dilemma, in dem beide Geschlechter darauf angewiesen sind, dass der andere kooperativ spielt und nicht einfach nur seinen eigenen Vorteil wahrnimmt. Beispielsweise muss die Frau befürchten, dass er sie schwängert und dann verläßt, der Mann muss befürchten, dass sie ihn nur als Versorger will, und sich evtl Genmaterial bei einem anderen holt. Beide müssen also befürchten, dass der andere eine Langzeitstrategie vortäuscht und eine Kurzzeitstrategie fährt. Weswegen sich vielleicht Männer teilweise nicht bewusst sind, wie leicht sie mit Sex zu ködern sind, weil sie es mit Liebe verwechseln und Frauen sich nicht bewußt sind, wie stark sie auf Status und Ressourcen anspringen können, sondern eher davon ausgehen, dass diese Kriterien für sie gar nicht interessant sind.  Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Dämonisierung des männlichen Sexualtriebs und das auf ein Podeststellen der Frau aus nichtsexuellen Gründen so einfach ist: Es passt gut zu der Selbsttäuschung, dass wir „mehr“ wollen, dass wir die guten sind, weil wir nicht nur Sex wollen. Dass wir Frauen aus noblen Gründen helfen und sie unterstützen und beschützen wollen, und nicht, weil wir bei ihnen landen wollen.