Wünsche und Verhalten

Da Elmar zumindest mal etwas konkreter geworden ist will ich natürlich auch darauf antworten:

Zuerst scheinen mir diese Beispiele interessant:

Darüberhinaus lassen sich Wünsche wie Präferenzen offenbar hierarisch anordnen – was wir hier schon einmal durchgekaut haben:

  • (4a) Nehmen wir an, daß A drogensüchtig ist. Dann könnte A sich unreflektiert und zügelos seiner Sucht hingeben. Dann bildet er bzgl. seines Wunsches nach der Droge keine Wünsche aus und wir würden A vielleicht als triebhaft süchtig bezeichnen. Von einer Freiheit, wünschen, was A will, kann man kaum sprechen, daß A ohne jede Reflexion jede Möglichkeit der Einflußnahme abgeht.
  • (4b) Doch A könnte seine Sucht auch ablehnen und sich deshalb zu einer Therapie entschließen. In diesem Fall hat A den Wunsch, den Wunsch nach der Droge nicht zu haben: A hat einen Wunsch zweiter Ordnung nach einem Wunsch und wir würden ihn als Süchtigen wider Willen bezeichnen, weil er nicht möchte, daß sein Wunsch nach der Droge auf seine Handlungen durchschlägt.
  • (4c) Doch A muß gar nicht soweit gehen. Er kann auch den Wunsch haben, nicht drogenabhängig zu sein, ohne daß dieser Wunsch zweiter Ordnung in seinen Handlungen durchschlägt. In diesem Fall würde wir uns vorstellen, wie A abends mit seiner Droge am Kamin sitzt, sie verflucht, seufzt, wie schön er ohne die Droge leben könnte und sich Tagträumen über sein drogenfreies Leben macht – gerade unter dem verstärkenden Einfluß der Droge. Auch in diesem Fall ist A frei, zu wünschen, was er wünschen will, aber er macht von dieser Freiheit keinen Gebrauch.

Wäre A nur ein Knecht seiner Wünsche erster Ordnung, würden wir A nicht als frei und folglich nicht als autonom betrachten. (4b) zeigt auch, daß es Wünsche zweiter Ordnung gibt, deren Objekte Wünsche erster Ordnung (hier: nach der Droge) gibt. (4c) zeigt sogar, daß die Frage, ob der Wunsch zweiter Ordnung in den Handlungen von A durchschlägt, eine Rolle spielt für das Porträt, daß wir von A als Person zeichnen. (4) ist daher klarerweise ein gutes Motiv, zu glauben, daß gilt:

  • Entscheidungen sind nur dann eigene Entscheidungen, wenn bei ihrer Entstehung Wünsche oder Präferenzen mindestens zweiter Ordnung mitgewirkt haben.

Daß Wünsche hierarchisch angeordnet werden können, spielt daher eine wichtige Rolle beim Verständnis von Personen – hier gibt es dazu Beispiele.

Hier scheint mir bereits eine erste Abweichung vorzuliegen in dem Verständnis gerade von körperlich erzeugten Wünschen. Denn Elmar betrachtet das Thema Drogen sehr abstrakt und dabei geht aus meiner Sicht der eigentliche Gehalt einer Sucht verloren.

Wenn A nämlich drogensüchtig ist, dann aktivieren bestimmte Substanzen sein körpereigenes Belohnungssystem und lassen ihn Glück und Hochgefühle erleben. Im Körper wird dies als gute Erfahrung abgespeichert und es entsteht der Wunsch, diese Gefühle nochmals zu haben. Dabei haben diese Wünsche Auswirkungen auf sein Denken und Handeln: Sein Denken wird immer mehr auf eine Art gefärbt, die sich mit diesen Substanzen beschäftigt, wenn er zu lange diese Substanz nicht hat. In sein Denken schleichen sich immer wieder Fragen an, wie er an die Substanz kommt. Der Wunsch danach führt bei starken Drogen dazu, dass der Süchtige zwischen dem Drogenrausch und Tätigkeiten, die ihm schnell weiteren Zugriff auf die Substanz ermöglichen, hin- und herpendelt.

Der Satz „Er könnte seine Sucht auch ablehnen und sich deshalb zu einer Therapie entscheiden“ muss für jeden, der sich mit härteren Drogen auskennt, geradezu grotesk klingen. Denn die Entscheidung dafür, dass man keine Drogen mehr nimmt, kann man nicht im gleichen Maßt rational treffen und umsetzen wie die Frage, ob man ein Auto in der Farbe Silber oder Schwarz nimmt. In gewissen Phasen wird der Süchtige von den Drogen wegkommen wollen, er wird aber gleichzeitig den starken Wunsch verspüren, wieder Drogen zu nehmen. A ist, wenn er von Drogen wegkommen will, nicht frei zu wünschen, was wünschen will. Er ist in einem Konflikt zwischen seinem rationalen Denken, dass ihm bewusst macht, dass ihm die Drogen sein Leben kaputt machen, und dem Wunsch, wieder den gleichen Kick zu erfahren, den Rausch, die Probleme hinter sich zu lassen, die Handlung „Nehmen von Drogen“ durchzuführen, die ihm sein Körper bzw. sein Gehirn als sehr wichtigen Wunsch vorgibt.

Die Droge ist nichts absolut künstliches, was neben dem Wünschen steht. Sie erzeugt über den Funktionsweise unseres Gehirns, zB das Belohnungssystem, direkte Wünsche, die der betreffende auch als ein Wollen, einen Wunsch wahrnimmt. Gleichzeitig kann das Gehirn auch über die negativen Folgen der Drogen den Wunsch aufbauen, diese nicht mehr zu nehmen. Beide Wünsche stehen dann nebeneinander und sind nicht unbedingt logisch gebildet. Der Wunsch nach der Droge hat allerdings den “Vorteil”, dass er auf ein sehr kurzfristig zu erreichendes Ziel, eine direktere und einfachere Suchtbefriedigung ausgerichtet ist als der Vorgang des Entzugs.

Die Drogensucht in ein rationales Handlungs- und Wünschesystem einzustellen, ohne sich den Charakter als Wunsch bewußt zu machen, macht es dann sicherlich einfacher, die Biologie auszuklammern. Das ist aber ein schlichtes Wegdefinieren und nicht wirklich eine Behandlung der Frage, wie sich körperlich erzeugte Wünsche im Konflikt mit rationalen Denken auswirken

Elmar scheint mir hier einfach bereits eine künstliche Trennung in rationale Gründe und Triebe vorzunehmen und nur bei letzteren überhaupt von Wünschen zu sprechen. Wenn aber Wünsche nur das ist, was sich aus rational ermittelten Motiven ergibt, aus dem Verstand, welches das Wollen bestimmt, dann hat man per Definition den biologischen Anteil ausgeklammert.

Nun aber zu seinen Theorien zur Biologie:

IV. Kurzes Innehalten: Wie hälst du’s mit der Biologie?

Es ist an dieser Stelle leicht absehbar, daß viele – aber nicht unbedingt alle – Bedürfnisse eine biologische Quelle haben: Daß ein Säugling nicht frieren, hungern oder eine volle Windel nicht spüren will, ist vermutlich eine Sache mit der er auf die Welt gekommen ist. Auch für sehr elementare Präferenzen mag das gelten.

Da würde sich dann die Trennung auch weiter Auswirken. Bedürfnisse und Wünsche werden insoweit getrennt. Dass diese Bedürfnisse dann selbst zu Wünschen und dann wieder zu Handlungen führen können, geht etwas unter. Darauf aufbauend können biologisch erzeugte Bedürfnisse wohl auch nur Elementar sein, also eben die Grundbedürfnisse abdecken. Alles Höhere ist dann wohl eher die rationale Umsetzung der Bedürfnisbefriedigung: „Ich habe das Bedürfnis Drogen zu nehmen, entscheide mich aber rational für die Umsetzung meines Wunsches, eine Therapie zu machen“. Das hier viel irrationales hineinspielt und Wünsche disponiert, was so ziemlich das gesamte Problem einer Umsetzung des Wunsches, einen Drogenentzug zu machen, betrifft, dass geht vollkommen unter.

Doch während die Voreiligen an dieser Stelle bereits innerlich aufjubeln, ist anderen klar, daß das Grab der Vulgärbiologismus anfängt, Formen anzunehmen. Und zwar so:

„Das Grab des Vulgärbiologismus“. Mal schauen, ob Elmar hier tatsächlich eine Liegestätte für den diesen ausbuddelt oder eher sein eigenes (argumentatives) Grab.

  • i) Gäbe es nur Bedürfnisse, dann wäre die deterministische Grundintuition des Vulgärbiologismus und ihre biologische und evolutionäre – leider auch völlig akzidentielle – Verbrämung ein stärker Gegner – keine Frage. Doch da es noch mehr Pro-Einstellungen gibt, bleibt die Diskussion an dieser Stelle erst mal offen.

 

  • ii) Der Vulgärbiologismus hat die Idee, daß wenigstens die Bedürfnisse biologischer Provenienz etwas Zwingendes für die Entscheidungen im Rest des menschlichen Daseins an sich haben. Wenn man jedoch zeigen kann, daß diese Bedürfnisse untergehen oder wenigstens durch andere Pro-Einstellungen überlagert oder überschrieben werden können, dann könnte man eventuell eine persönliche Freiheit unserer Entscheidungen etablieren, die verständlich macht, daß Menschen im Laufe ihres Lebens wirklich dazulernen, sich über ihre biologischen Dispositionen erheben können, und daher der kulturelle Anteil an jeder Entscheidung dominiert – falls die Person jahrelang brav an sich gearbeitet hat. Das kostet einen weiteren post.

Natürlich können Leute auch gegen ihre Biologie handeln. Ein einfaches aber aus meiner Sicht durchaus extremes Beispiel wäre ein Homosexueller, der – beispielsweise aufgrund eines strikt christlichen Hintergrundes – seine Homosexualität als schlecht ansieht und daher von dieser „geheilt“ werden möchte. Er lebt dann in einer heterosexuellen Beziehung mit einer Frau und 3 Kindern. Solche Fälle kann ich mir problemlos vorstellen. Aber wird man hier wirklich argumentieren, dass er hier frei handelt, dass die biologischen Vorgaben und seine seit der Geburt vorliegenden Partnerwahlkriterien überschrieben worden sind?

Eher wird man davon ausgehen, dass er sich etwas vormacht. Er wird voraussichtlich sehr wenig Sex mit seiner Frau haben. Er wird wahrscheinlich beim Anblick von sexuell für ihn interessanten Männern immer noch den Reiz spüren und die Wahrscheinlichkeit, dass er irgendwo eine paar Nacktbilder von attraktiven Männern versteckt hat und dazu masturbiert oder das er sich gelegentlich in ein schwules Badehaus schleicht sind groß. Ebenso groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn sein Versuch, gegen seine biologische Veranlagung zu leben sehr schwer fällt, vielleicht zu erheblichen seelischen Problemen führt, ihn Kraft kostet. Hier wurde ja bereits mit erheblichen Druck gearbeitet: Homosexualitätwurden in früheren Zeiten sogar mit dem Tode bestraft. Es dürfte kaum eine höhere Motivation geben, sich über seine biologischen Grundlagen hinwegzusetzen und diese einfach zu „überschreiben“. Anscheinend ist es dennoch vielen nicht gelungen.

 

Dass man Homosexualität biologisch begründen kann, dass mag für Elmar dann wieder „Vulgärbiologismus“ sein, aber die Fakten sprechen aus meiner Sicht dafür. Wenn er das aus seiner Kritik ausklammern würde, dann würde ich mich fragen, wie das in seine Theorien passt: Wenn man in diesen Bereich Verhalten biologisch festlegen kann, nämlich in dem Sinne, dass bestimmte Begehren bewirken, dass man nur mit einem bestimmten Geschlecht Sex haben will, warum sollen diese gleichen Funktionsweisen nicht auch in den anderen Bereichen wirken können?

Dass dies im Geschlechterbereich auch an anderen Stellen vorkommt, das wird an verschiedenen Fällen deutlich:

  • Bei CAH handelt es sich um einen Zustand, bei dem die Nebennierenrinden zuviel von unter anderem Testosteron produzieren und dies bereits vor der Geburt, also pränatal. Bei Mädchen mit CAH zeigt sich ein eher für Jungs typisches Verhalten, sie spielen eher wie Jungs und sie verhalten sich auch später eher wie Männer. Diese Frauen wählen auch später eher als andere Frauen technische oder anderweitig männerlastigere Berufe
  • Fälle wie David Reimer und andere seiner Art, etwa auch aufgrund cloacal exstrophy (einer Konstellation, bei der direkt nach der Geburt aufgrund Deformationen und fehlenden Penis bei männlichen Babies eine Operation durchgeführt werden muss, die zu einigen weiteren Konstellationen wie David Reimer führte) machen deutlich, dass man sich nicht einfach entscheiden kann, wie man leben will, sondern das man Abweichungen zu seinen biologischen Vorgaben als starke Belastung empfinden kann.
  • Transsexualität als Wechsel zwischen den Geschlechterrollen verläuft in Familien und ist insoweit erblich, andere Varianten wie Alternating gender incongruity (AGI) fügen sich gut in diese Theorien ein.
  • Auch sonstige soziale Experimente wie etwa das Kibbuz sind gescheitert, obwohl in diesen gerade versucht wurde „Hart an sich zu arbeiten“ und im Sinne der dortigen Ideologie „dazuzulernen“.
  • Und wenn man Leuten mehr Freiheiten lässt, dann nutzen sie diese nicht, um im Elmarschen Sinne frei von den Vorgaben der Biologie zu werden, sondern eher dazu, dieser zu folgen, weil sie eben genau das als Freiheit empfinden: So zu sein, wie sie sein wollen.

Elmar stellt also die falschen Frage, wenn er fragt, ob sich die Leute über ihre biologischen Disopositionen erheben können. Es geht eher darum, warum ihnen dies überhaupt sinnvoll erscheinen sollte und warum sie die damit verbundenen Kosten auf sich nehmen sollen. Zudem sprechen diese Punkte auch dagegen, dass es möglich ist, diese Erfahrungen tatsächlich komplett überlagern und überschreiben können. Eher scheinen sie sie häufig unterdrücken zu müsse, verbunden mit einem stetigen Kampf darum, sie nicht hochkommen zu lassen.

  • iii) Wenn der Determinismus aber nicht zwingend ist, dann haben Menschen eine Chance – wenngleich keine Garantie – auf personale Autonomie.

Auch hier müsste Elmar aufteilen:

  1. kann man sich gegen seine Disposition verhalten?
  2. welche Folgen haben in diesem Zusammenhang neue Erfahrungen? Führen sie zu einem Überlagern oder einem Überschreiben der biologischen Disposition?
  3. Welche Kosten sind damit verbunden, sich gegen seine Disposition zu verhalten?
  4. wenn damit Kosten verbunden sind: Warum sollte das Individuum sie dann tragen wollen?

Meine Antworten wären

  1. Ja, man kann.
  2. Erfahrungen können natürlich in einigen Bereichen dazu führen, dass man eine neue Form der Ausformung findet und gerade in Bereichen, in denen der biologische Einfluss gering ist, kann man auch über neue Erfahrungen sehr weitgehend sein Verhalten neu gestalten. In einigen Bereichen ist der biologische Anteil allerdings relativ hoch und ein Überschreiben nicht möglich, man kann diesen dann lediglich unterdrücken. Dann lebt man häufig etwas, in dem man sich nicht wohl führt. Das kann ein Verhalten sein, dass zu dem „äußeren Geschlecht“ passt oder auch ein Verhalten, welches eben gerade nicht zu dem „äußeren Geschlecht“ passt.
  3. Damit, sich gegen seine Dispositionen zu verhalten, können ganz enorme Kosten verbunden sein. Es kann sich „falsch“ anfühlen, keinen Spass machen, man kann sich zu einem anderen Verhalten sehr stark hingezogen fühlen und entsprechend versuchen, sich so verhalten zu können. Der Versuch, jemanden entgegen dieser Dispositionen zu erziehen, kann dann sogar dazu führen, dass er diese im Gegenzug noch stärker ausbildet, da er eine Erziehung in die von ihm als falsch empfundene Richtung, ablehnt.
  4. Es sind Gesellschaften möglich, in denen es sinnvoll ist, diese Kosten zu tragen. Um so höher aber die Kosten erscheinen, um so eher wird derjenige, sie vermeiden wollen. Freiheit ist dann nicht, sich entgegen dieser zu verhalten, sondern sich entsprechend dieser verhalten zu können.

Elmar weiter:

Wir erinnern uns, daß personale Autonomie zwei approaches hat: einen prozeduralen der Entscheidungsentstehung und einen strukturellen der Entscheidungsbegründung.  Es ist klar, daß der von Feministen bevorzugte Ansatz der prozeduralen Entscheidungsentstehung viel bessere Chancen hat, mit einem Determinismus verträglich zu sein, als der strukturelle Ansatz der Entscheidungsbegründung. Schon aus diesem Grunde ist leuchtet ein, daß der Vulgärbiologismus nicht unbedingt die schärfste Waffe gegen Feminismus sein wird – aus begrifflichen Gründen muß es schärfere Waffen geben. Doch dafür muß man zeigen, daß personale Autonomie am besten analysiert wird, durch den strukturellen Ansatz der Entscheidungsbegründung – in einem zweiten post (wenn das mal reicht).

Ich finde Argumentationen vom Ziel her immer sehr schwach. Selbst wenn man eine „bessere Waffe“ gegen den Feminismus haben könnte ändert das ja nichts daran, wie etwas erst einmal ist. Wenn die biologischen Theorien die sind, die am ehesten die Wahrheit abbilden, dann kommt es nicht darauf an, ob man auf anderem Wege den Feminismus noch umfangreicher ablehnen könnte. Denn diese anderen Wege hätten dann eben den Nachteil, dass sie falsch wären. (Sicherlich wäre es besser, wenn 10 Soldaten + 10 Soldaten 1010 Soldaten geben würde, aber deswegen gewinnt man den Kampf gegen den Feind, der mit 500 Mann anrückt trotzdem nicht, auch wenn es auf dem Papier gut aussieht).

Aber auch ansonsten ist das Argument aus meiner Sicht falsch: Im Feminismus entsteht die Entscheidung aufgrund einer sozialen Determinierung durch die Geschlechterrollen. Das wichtigste Ziel des Feminismus ist demnach eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Gesellschaft so ausgerichtet ist, dass jeder sich frei entscheiden kann. Mit dem biologischen Ansatz hingegen muss diese Theorie aufgegeben werden: Die Häufungen bei den Geschlechterrollen wären dann weit weniger durch gesellschaftliche Umwandlung zu verändern. Die Abweichungen von den Häufungen wären dann nicht mehr Zeichen dafür, dass die Geschlechterrollen falsch sind und aus ihnen ausgebrochen werden sollte, sondern einfach andere biologische Grundlagen des Individuums aus dem man wenig gegen die anderen Häufungen herleiten kann: Im Gegenteil: Wenn man will, dass jeder so leben kann, wie er will, dann wird dies eben zu gewissen Häufungen nach Geschlecht führen und gerade nicht zu einer Gesellschaft, in der Geschlecht statistisch keine Rolle mehr spielt für die Frage, wer sich wie verhält. Was Elmar genau vertritt weiß man nicht. Aber nach bisherigen Andeutungen scheint die Entscheidungsentstehung bei ihm ja auch auf bestimmten Erfahrungen zu beruhen, die gerade Männer oder Frauen machen. Etwa „Weil Jungen mehr Herausforderungen erleben, Frauen aber alles auf dem Silbertablett präsentiert wird, verhalten sich Frauen so oder so“. Das ist im Vergleich zum Feminismus wesentlich näher als die Biologie, denn so muss man nur die Begründung diskutieren, welche Erfahrungen maßgeblich sind. Der Feminismus wird die Erfahrungen aufgrund von Geschlechterrollen für wichtig halten, Elmar die von ihm ausgesuchten Erfahrungen aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit.

  • iv) Danach muß gezeigt werden, daß der strukturelle Ansatz der Entscheidungsbegründung, der bei der Analyse personaler Autonomie verwendet wurde, nicht nur mit Wünschen und Präferenzen arbeitet, sondern auch genau diejenigen Freiheiten aussschöpft, die Menschen gegenüber ihren Bedürfnissen haben – in einem dritten post. Kann man das zeigen, dann kann man diese philosophische Position antifeministisch nennen. Ich habe das hier immer getan.

Dazu muss man natürlich erst einmal genau untersuchen, welche Freiheiten der Mensch hat und unter welchen Umständen er sie ausüben will.

  • v) Stimmt das alles, dann muß es eine Klasse von Handlungen geben, die der Vulgärbiologismus nicht erklären oder voraussagen kann – Handlungen ohne Motive sozusagen. Die Existenz dieser Klassen von Handlungen nachzuweisen, wäre der empirische Test meiner Argumentation – vierter post. Insbsondere würde aus solchen Beispielen folgen, daß Christians Gesetze der Verhaltensgenetik nicht stimmen können.

Wer behauptet denn, dass man Verhalten vollumfänglich vorhersagen kann? Natürlich gibt es neutrale Handlungen, bei denen die Biologie einen geringen Einfluss hat. Und natürlich gibt es auch zwischen den Menschen erhebliche Unterschiede. Die Existenz von Asexuellen beispielsweise zeigt aus meiner Sicht, dass man Interesse an Sex trotz dessen ganz entscheidender Bedeutung für evolutionäre Theorien nicht annehmen kann. Gleichzeitig spricht sie wiederum für einen biologischen Hintergrund von Sex, denn diese Leute können in bestimmten Ausprägungen von Asexualität häufig das Konzept von Sex an sich nicht verstehen, obwohl ihnen dies das Leben in unserer Gesellschaft sehr kompliziert macht. Die biologischen Theorien behaupten nicht, dass alles biologisch determiniert oder auch nur disponiert ist. Allerdings ist es in vielen Fällen natürlich auch eine Frage, wie weit man bestimmte Konzepte zieht: Das Spielen von Videospielen könnte man als Handlung zum Zeitvertreib sehen, allerdings auch als Flucht in eine Welt, in der man biologische Bedürfnisse wie Status erwerben, Aufgaben meistern etc lösen kann. Dass diese Aufgaben real überhaupt keine reale Funktion erfüllen, sondern einem nur farbige Pixel auf einem Bildschirm angezeigt werden, muss das Erlebnis nicht schmälern, dass Spiel X durchgespielt zu haben und zB die gallischen Provinzen mit der römischen Armee eingenommen zu haben.

Wie er genau daraus ableiten will, dass die „Gesetze der Verhaltensgenetik“ deswegen nicht stimmen (die auch nicht von mir aufgestellt worden sind, sondern von Turkheimer) erschließt sich mir auch nicht. Die Regeln lauten:

First Law: All human behavioural traits are heritable.
Second Law: The effect of being raised in the same family is smaller than the effect of the genes.
Third Law: A substantial portion of the variation in complex human behavioural traits is not accounted for by the effects of genes or families.

„Behavioural Traits“ sind solche Verhaltenszüge, die innerhalb einer Spezies, hier den Menschen vorliegen. Demgegenüber stellt Elmar auf allgemeine Handlungen ab, also etwas vollkommen anderes. Zudem sagt Turkheimer auch nicht, dass sie genetisch determiniert sind, sondern nur, dass sie einen vererblichen Anteil haben, dass also ein gewisser Anteil der Unterschiede in diesem Bereich auf die Biologie zurück zu führen ist, ein anderer auf die Umgebung (dabei allerdings auch die vorgeburtliche Umgebung etc), ein weiterer auf die Erfahrungen etc.

v) Und wer jetzt noch den Überblick und nichts falsch gemacht hat, der kann versuchen, sich von diesem Standpunkt aus zu überlegen, wie eine Theorie der Geschechter auszusehen hat. Dabei sollte allerdings an dieser Stelle schon eines glasklar sein: Wenn man unter diesen Umständen eine Theorie der Geschlechter finden kann, dann wird es keine Theorie der Klasse der Menschen mit weiblichen Geschlechtsorganen sein, sondern eine Theorie über weibliches Handeln – genau wie vorhergesagt.

Elmar ist zuzustimmen, dass es keine Theorie ist, die einfach nur auf die Geschlechtsorgane abstellt. Denn statt der Geschlechtsorgane ist die Wirkung der pränatalen und postnatalen Hormone viel interessanter. Recht eindeutig sieht man das bei Transsexuellen, aber auch bei CAH-Mädchen oder CAIS. Innenliegende Hoden können trotzdem Testosteron produzieren, produziertes Testosteron kann nicht erkannt werden, Umwandlungen an der Blut-Hirn-Schranke können scheitern, es gibt viele Gründe aus denen uns die Geschlechtsorgane sehr wenig sagen.

Das es eine Theorie sein wird, die lediglich das Handeln betrachtet finde ich dann sehr unwahrscheinlich. Um die Biologie kommt man bei einer Theorie der Geschlechter  nicht herum.

vi) Zusätzlich sollte der dann entwickelte Standpunkt es erlauben, auf seriöse Weise mit der Dateninterpretation aus einer Unzahl von Studien, die EvoChris immer raussucht fertig zu werden.

Das wäre mal ein interessanter Ansatz von dem ich hoffe, dass Elmar ihn weiter verfolgt: Mal was konkretes zu Studien sagen. Meiner Meinung nach wäre es natürlich einfacher, sich erst einmal die Daten der Studien zu betrachten und daraus eine Theorie zu entwickeln als erst ohne Kenntnis der Forschung eine Theorie in den Raum zu stellen und dann zu schauen, wie man die Studien weg bekommt. Aber gut

Auch das – der fortgesetzte Nachweism daß Biologen ihre eigenen Daten nicht verstehen, wäre ein empirischer Test meiner Theorie.

Allerdings wäre es auch ein empirischer Test, wenn sich herausstellt, dass die Biologen ihre Daten verstehen und diese mit der Theorie von Elmar nicht in Einklang zu bringen sind. Letzeres würde ich eher vermuten.