Biologie des Menschen und was ich dazu nicht vertrete

Mal ein abgrenzender Artikel, ich hoffe er bringt etwas Klarheit:

1. Vorhersagbarkeit einzelner Handlungen

Ich vertrete nicht, dass man mit der Biologie einzelne Handlungen einzelner Menschen vorhersagen oder erklären kann. Es ergibt sich also beispielsweise nicht aus der Natur des Menschen, dass ich jetzt diesen Beitrag schreibe. Ebenso wenig ergibt sich aus der Natur des Menschen, dass Caesar durch Senatsmitglieder an dem besagten Tag erstochen werden musste. Dieser Vorgang ist besser durch geschichtliche Analysen der Gesamtsituation zu erklären, die dann in einem ggfs. fächerübergreifenden Erklärungsversuch untersucht werden können. Dabei spielt vielleicht auch hinein, dass Cäsar seiner Natur und seiner Erziehung oder Lebensgeschichte nach sehr ehrgeizig war und einen hohen Status erlangen wollte. Auch ist erklärbar, warum wir Menschen gerade so etwas wie einen obersten Herrscher für eine Gruppe haben. Und das die anderen Senatoren selbst wiederum Macht haben wollten und sich hier In-Groups und Out-Groups gebildet haben. Die konkreten Ereignisse gerade an diesem Tag dieses Tat zu begehen sind damit aber nicht erklärbar.

Ich schreib auf einen ähnlichen Vorhalt von Elmar:

Ich behaupte auch nicht individuelle einzelne Handlungen voraussagen zu können. Aber das bedeutet nicht, dass diese Motivationen wirkungslos sind. Es ist eben kein zufälliges Verhalten, ob sich die Leute zu Tode hungern. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie essen ist deutlich höher.

Wir können ja eine einfache Wette abschließen:  Ich wette, dass sich der Kollege in deinem Institut, dessen Name dir im Alphabet am nächsten ist, innerhalb des nächsten Jahres nicht tothungert. Du wettest das Gegenteil. Einsatz: 100 €

Du wirst die Wette nicht annehmen. Weil es eben kein beliebiges Ereignis ist, sondern es seinen Bedürfnissen entspricht zu essen. Wenn ein Mensch aus biologischen Gründen oder aufgrund von Drogen kein Hungergefühl hat, dann kann diese Wette schon ganz anders aussehen. Vielleicht vergisst er einfach zu essen.

Wenn Männer zB aus biologischen Gründen mehr Interesse an Sex ohne große Gefühlsbindung haben, Frauen das aber (im Schnitt) eher anders sehen, dann können wir nicht voraussagen, ob eine bestimmte Frau an dem Abend in einer Disko nicht einen Mann nach Hause nimmt. und wir können auch nicht sagen, ob ein Mann auf ein Angebot einer Frau eingeht. Aber wenn wir eine durchschnittlich attraktive Frau und einen durchschnittlich attraktiven Mann rumschicken, der/die direkt nach Sex fragen, dann wird die Frau eben mehr Zusagen erhalten als der Mann.

Schon haben wir Geschlechterunterschiede, die sich dann natürlich in der Masse auswirken.

Wenn der stärkere Sexualtrieb zumindest zu einem gewissen Faktor mit (pränatalen und postnatalen) Testosteron zusammenhängt, dann würden wir bei einer hinreichend großen Studie vielleicht sogar feststellen, dass die Frauen, die dennoch mitgehen, eher einen höheren Faktor in diesem Bereichen haben.

Demnach kann man zwar einzelne Handlungen nicht voraussagen, man kann aber durchaus dennoch Voraussagen über das Verhalten von Menschen machen und diese können auch dennoch einem biologischen Einfluss unterliegen. Der Schluss, dass für eine Beeinflussung des Verhaltens durch die Biologie die Voraussage einzelner Verhalten notwendig ist, weil ansonsten eben jedes Verhalten abweichen kann, berücksichtigt nicht, dass bei Vorliegen einer bestimmten Motivation die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mensch nach dieser verhält, erhöht. Ein einfaches Beispiel dazu: Leute kaufen bereits ein Produkt X zum Preis von 100 €. Wenn in einer Sonderaktion eine Preissenkung auf 80  € erfolgt, dann wird das Produkt eher mehr gekauft werden, auch wenn ich nicht sagen kann, ob A das Produkt unter diesen Bedingungen kauft.

2. Alles ist reine Biologie

Biologie bildet häufig die Grundlagen und es lassen sich für viele Gefühle, Motivationen und Bedürfnisse, die wir haben, sehr gute auf dieser Basis aufbauende Theorien entwickeln. Dennoch sind wir natürlich auch lernende und soziale Wesen. Unsere Erziehung und unsere persönlichen Erfahrungen und die Umwelt, in der wir aufwachsen, prägen uns ebenso und bestimmen unseren Charakter mit. Ein bereits der Biologie nach besonders jähzorniger Mensch, der nie gelernt hat, sich zu beherrschen oder dies nie lernen musste, wird insoweit sicherlich noch jähzorniger sein als jemand, der das sich beherrschen gelernt hat.

Und Kultur hat ebenso seinen Platz wie Geschlechterollen.

Auf eine Beleidigung mit einem Duellforderung oder mit einer leichten Verstimmung und dem Beschluss diese Person zu meiden, wenn es geht, zu reagieren, ist Kultur. Sie hat ihre biologischen Grundlagen aber durchaus in dem Umstand, dass wir innerhalb des Zusammenlebens in der Gruppe sowohl sozial und freundlich sein müssen, aber auch nicht den Eindruck erwecken dürfen, dass wir ausgenutzt werden können. Um dies zu verhindern, bestehen Gefühle wie ein Ehrgefühl, die Eigenschaft auf Herausforderungen zu reagieren und der Wunsch, seinem sozialen Umfeld zu zeigen, dass man etwas nicht hinnimmt, also nicht einfach ausgenutzt werden kann. Die Form der Ausgestaltung und die Anforderungen der Gesellschaft, mit denen man dies beweisen muss, können dabei stark variieren bis dahin, dass man heute kaum noch tatsächlich reagiert, weil körperliche Auseinandersetzungen selbst einen Makel darstellen und als übertriebene Reaktion wahrgenommen werden.

Bei Geschlechterrollen würde ich auch darauf verweisen, dass diese eine biologische Grundlage haben, die häufig auch in dem liegen, was das andere Geschlecht als attraktiv ansieht. Sie werden dann wiederum durch Kultur ausgeformt und es kann auch hier gewaltige Unterschiede geben. Man muss beispielsweise in Deutschland üblicherweise nicht beweisen, dass man einen Feind töten kann, um ein Mann zu sein, eher muss man häufig einfach ein gewisses Alter und eine gewisse Unabhängigkeit erreichen.

In diesem Bereich der Ausformung würde ich sozialen Theorien und Theorien außerhalb der Biologie durchaus eine hohe Bedeutung zugestehen. Es ist schade, dass dieser Sektor aber anscheinend eher unterentwickelt ist. Ich bin aber immer an Theorien aus dem Bereich interessiert.

Ich vertrete kein rein biologisches Modell, sondern ein Modell, welches beide Seiten berücksichtigt:

FireShot capture #037 - 'Standard social science model - Wikipedia, the free encyclopedia' - en_wikipedia_org_wiki_Standard_social_science_model

Also noch einmal ausdrücklich:

  • das menschliche Verhalten ist das Ergebnis einer Interaktion zwischen evolvierten psychologischen Mechanismen und kulturellen und umgebungsbezogenen Einflüssen
  • Kultur selbst basiert auf einer universellen menschlichen Natur und wird durch diese auch eingeschränkt (ist aber auch eine Ausformung dieser innerhalb dieser Einschränkung)
  • Um Verhalten zu verstehen muss man die Interaktion zwischen Natur und Sozialen Verhalten verstehen