Story Telling und „Canned material“

Ein Freund von mir kann wunderbar erzählen, aber er hat auch seine besonderen Lieblingsgeschichten. Wenn wir in einer neuen Gruppe sind und es auf bestimmte Themen kommt, dann erkenne ich mitunter schon seine leichten Überleitungen zu einer der Geschichten und weiß, dass er sie gleich erzählen wird. Sie sind gut und kommen in der Regel gut an, aber ich habe sie auch schon zwanzig mal gehört. Ich habe inzwischen sogar schon eine Anschlußgeschichte parat, die ebenfalls lustig ist. Je nach Stimmung schiebe ich sie nach. Sie gehört zu meinem Fundus von Geschichten, die ich auch ansonsten gern erzähle.

Jeder hat solche Geschichten, die er in bestimmten Situationen gerne erzählt und bei denen die Freund bereits beim Ansetzen schmunzeln, weil sie wissen, was kommt.

Das ist normal.

Neulich war ich auf einer Party und in der Runde, in der ich mich aufhalte stehen Männer und Frauen recht gemixt. Es ist eine WG-Party, Informatiker sind bunt gemischt mit Medienwissenschaftlern, Lehrämtlern und was noch nicht alles. Einer der Gäste flirtet mit einer recht hübschen Frau, sie scheinen sich gut zu verstehen, es ist eine gute Dynamik, in die auch der Rest der Gruppe eingebunden ist. Er erzählt ein paar lustige Geschichten, was zwei andere Gäste daran an eine andere lustige Geschichte erinnert, die ihnen beiden geschehen ist. Der eine von beiden, sagen wir mal erkennbar nicht derjenige, der erfolgreich bei Frauen ist, hatte wohl auf einer Party eine Frau kennengelernt, der andere, der sonst keinen auf der Party kannte, hatte keine Lust alleine zu sein und hat solange schlechte Geschichten über seinen Freund erzählt, bis es der Frau zu blöd wurde und sie gegangen ist. Dabei ist es durchaus lustig, was er über seinen Freund erzählt hatte, er merkt aber gar nicht, dass es ihn selbst und seinen Freund erneut verdammt schlecht aussehen lässt. Denn der eine hat es ihm erkennbar nicht gegönnt, dass er eine Frau kennen lernt und das gibt für beide kein gutes Bild. Weder er noch sein Freund merken es. Sie finden die Geschichte lustig und merken ihre Wirkung gar nicht. Man merkt ihm auch an, dass er sie gerne erzählt.

Das alles erinnert mich an einige Lektionen aus Pickup in denen es darum geht, dass man sich etwas „Füllmaterial“ beschafft, um die erste Zeit mit einer Frau zu gestalten, wenn man diese als neuen Kontakt anspricht. Der Gedanke dabei ist, dass derjenige, der jemanden anspricht, interessant sein muss, damit der andere das Gespräch fortsetzen will. Kommt es zu „Hi, ich bin X, wie heißt du“ Ich heiße Y“ „Achso …. äh…. *grillenzirpen* *einrunderbuschballrolltdurchdasgespräch* … Was machst du so?“ dann wird sie den ersten Kontakt nicht als anregend wahrnehmen und – sofern sie nicht zufällig bereits aufgrund körperlicher Anziehungskraft oder anderen Umständen eh auf einen steht, eher nach Möglichkeiten suchen, einen wieder loszuwerden.

Pickup geht daher davon aus, dass es in dieser Phase, in der man quasi Anziehung generieren muss, am besten etwas material parat hat, was man statt der nutzen kann, dass man also Routinen und Stories entwickelt, mit denen man über die erste Zeit hinwegkommt. Dazu gibt es verschiedene Routinen, Spiele oder sonstiges Material, bei dem man schauen muss, ob es zu einem passt. Am interessantesten fand ich aber die dortigen Ausführungen dazu, wie man sein eigenes Material verbessert und sortiert.

In einer Flirtsituation sollte man danach nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern eine, die einen in einem guten Licht darstellt und die richtigen Gefühle erzeugt. In einem der Bücher war irgendwo das Beispiel, dass einer die Geschichte erzählte, wie er in einem Fastfoodrestaurant in einem Bürger mal auf eine dort enthaltene Schabe gebissen habe. Selbst wenn man diese Geschichte gut erzählt erzeugt sie im wesentlichen Ekel, der dann mit dem Erzähler verbunden wird und den Gedanken, diesen zu küssen, sicherlich eher nach hinten verlagert.

Statt solcher Geschichten wird demnach – da man sich in einer Phase befindet, in der es um sexuelle Anziehung geht – eher dazu geraten, dass man eine Geschichte erzählt, die klassische „Attraction Switches bedient, also:

  • Pre-selected by women (“Von anderen Frauen für gut befunden)
  • Leader of men. (Anführer anderer Menschen)
  • Protector of loved ones (Beschützer von ihm Nahestehenden)
  • Willing to emote (In der Lage gesunde Gefühlsbindungen einzugehen)

Geschichten können ein Bild von einem selbst transportieren und das kann positiv oder negativ sein. Es liegt an einem selbst, da ein gutes Bild darzustellen. Natürlich kann das ein schmaler Grad sein: Wer es übertreibt, der wirkt nicht mehr authentisch, seine Geschichten wirken überkonstruiert. Wer eine Geschichte erzählt, bei der er alle Frauen bekommen hat, alle Männer ihn folgten und er am Ende noch seine Nichte aus dem brennenden Haus rettet, dem wird man in den meisten Fällen nicht glaube.

Man muss also eine Geschichte auswählen, die zu einem passt und nicht einfach irgendetwas aus dem Netz nehmen. Aber es kann sich lohnen, seine bereits bestehenden Lieblingsgeschichten mal daraufhin zu untersuchen, ob sie diese Elemente enthalten. Und die dann vielleicht etwas mehr zu betonen. Und die, die das nicht tun, daraufhin zu untersuchen, was sie eigentlich für ein Bild von einem transportieren.

Pickup rät auch, dann an seinem Stil zu arbeiten. Eine gute Geschichte nimmt einen mit auf eine Reise, sie erzeugt Gefühle. Eine gute Geschichte hat eine Struktur und passend gesetzte Pointen/Höhepunkte. Die gleiche Geschichte wird von einem Erzähler langweilig, vom zweiten super lustig sein. Weil er ihren Rhythmus falsch setzt oder die Pointe vorwegnimmt. Weil er sie zu trocken erzählt oder zu lang und mit zu vielen unwichtigen Details. Weil er nicht darauf achtet, ob seine Zuhörer die tolle Geschichte auch wirklich interessiert – die beste Geschichte ist verloren, wenn das Publikum nicht für sie bereit ist und eigentlich zB gerade den Ort wechseln möchte.

Gegen Canned Material wird häufig eingewandt, dass nichts langweiliger ist, als eine Geschichte immer wieder zu erzählen und man nicht der Typ sein möchte, der das macht. Aber wir alle haben für klassische Gesprächssituationen unserer Standarderwiderungen, wir haben unsere Standardgeschichten und unsere Standardwitze. Es fällt einem nur vielleicht nicht so auf, wenn man es sich nicht bewußt macht. Natürlich: Wenn das Gespräch eh fließt, dann kann man auch gut darauf verzichten. Aber es schadet nichts, ein paar Pfeile im Köcher zu haben, die einen etwas interessanter machen. Und wer daran arbeitet, diese immer weiter zu verbessern oder sich auch nur allgemein damit auseinandersetzt, wie man eine Geschichte besser erzählt, der kann dieses Wissen und diese Geschichten einsetzen, wenn er sie braucht.

Vorbereitet zu sein ist selten ein Fehler.

 

6 Gedanken zu “Story Telling und „Canned material“

  1. Ist doch Super gelaufen. Die beiden hatten Spaß und haben sich für die Frau nicht verbogen. Alles richtig gemacht. Man muss Männern mehr sagen, dass sie sich so verhalten sollen, wie es ihnen beliebt und nicht das tun, was die Frau möchte. Ist wesentlich gesuender, besser und Mann hat mehr spass

  2. @ Christian

    * Wer eine Geschichte erzählt, bei der er alle Frauen bekommen hat, alle Männer ihn folgten und er am Ende noch seine Nichte aus dem brennenden Haus rettet, dem wird man in den meisten Fällen nicht glaube.*

    Wenn der Erzähler beiläufig erwähnt, dass er mit seiner 15-jährigen Nichte gerade im Bett lag, als die Bude zu brennen begann und alle Männer ihm hinterherrannten beim Hinaustragen des nackten Mädchens aus dem brennenden Haus, dann glaubt man ihm sicher.

    Zumindest wenn er Moslem ist.

    Falls nicht, wirkt der Teil mit den folgenden Männern in der Tat ein wenig unglaubwürdig in der heutigen aufgeklärten Zeit.

    *Weil er nicht darauf achtet, ob seine Zuhörer die tolle Geschichte auch wirklich interessiert *

    Na ja, interessant macht einen so eine Geschichte sicher.

    *Vorbereitet zu sein ist selten ein Fehler.*

    Ja, man sollte wissen, ob und wo die Wohnung einen Hinterausgang hat.

    Falls vorne die Polizei vorfährt.

  3. Es gibt sogar eine noch bessere Möglichkeit als vorbereitete Geschichten: Man hat einfach tatsächlich genügende interessante Sachen erlebt und gemacht, so dass man sich über viele Themen unterhalten kann. Und man muss trotzdem nicht alles sagen, was man zu einem Thema weiß. Und wenn der Gesprächspartner etwas erzählt, kann man Fragen stellen, anstatt gleich selbst einen Monolog abzuspulen.

    Das kommt, oh Wunder, nach meiner Erfahrung am besten an und gilt sogar geschlechtsunabhängig und egal, ob man jetzt flirten oder sich einfach nur mit Leuten nett unterhalten will.

    Allgemeinbildung, Neugier und Empathie sind drei gute Eigenschaften, um mit unbekannten Menschen schnell warm zu werden. Das herüberzubringen ist ein besseres Ziel als Geschichten.

    • Es gibt sogar eine noch bessere Möglichkeit als vorbereitete Geschichten: Man hat einfach tatsächlich genügende interessante Sachen erlebt und gemacht, so dass man sich über viele Themen unterhalten kann.

      Ach so, hier geht es um erfundene Geschichten. Das hatte ich beim Überfliegen gar nicht kapiert, weil es mir einfach zu abwegig erscheint. Wie schwach ist das denn?

      Je mehr ich mich mit PU beschäftige, desto mehr Abgründe tun sich da auf.

      • Ich habe es eher so verstanden: Man nimmt schon wenn möglich Sachen aus seinem eigenen Leben. Aber es gibt wohl keine Hemmschwelle, nicht auch erfundene Geschichten zu benutzen. Dass man auch ohne Pickup gerne Geschichten erzählt, in denen man sich möglichst positiv darzustellen versucht, ist ja nichts Neues.

        Gerade weil das aber fast alle machen, ist es aus meiner Sicht überhaupt keine gute Methode, um zu signalisieren, dass man jemand Besonderes ist. Zumal man Geschichten erzählen können muss und die Leute, die sich Tipps für sozialen Umgang holen, das am Anfang in der Regel nicht sind.

        Eine Geschichte hat außerdem den Nachteil, dass man sie ganz zuende erzählen muss. Oft geht es in Gesprächen jedoch darum, dass man umschwenken kann. Genau das sollte man üben.

        Was ebenfalls ganz viele können, aber längst nicht jeder macht: Sich wirklich für sein Gegenüber interessieren. Über die Perspektive einer Bettgeschichte hinaus.

        Hier könnte man die von david angebrachte Pickup-Kritik der mangelnden Empathie einbringen: Man kann sich kaum vorstellen, wie positiv viele Frauen reagieren, wenn sie feststellen, dass man tatsächlich ein Gespräch führen will und keine billige Anmache startet – das bekommen sie anscheinend viel zu selten geboten. Was natürlich genau dann glaubwürdig funktioniert, wenn man genau das macht. Catch-22 sozusagen. Aber mehr Spaß als angestrengtes Flirten macht das allemal.

  4. Pingback: Überblick: Pickup und Game | Alles Evolution

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.