Gesellschaftliche Regeln zur intrasexuellen Konkurrenz

David warf in einem Kommentar einen interessante Punkt auf:

Ich denke jedoch, dass das männliche Pendant zu Slutshaming nicht direkt am Feilbieten der Sexualität ansetzt, sondern am unlauteren Wettbewerb männlicher Attraktivitätsmerkmale: Angeberei.
Intrasexueller Wettbewerb wird daher reglementiert. Bei den Frauen sind es u.a. Kleidernormen, bei Männern haben wir beispielsweise Sport.

Und in einem weiteren Kommentar:

Konkurrenz schafft einen Bedarf an Reglementierung, Wettbewerb braucht faire Regeln, deren Unterlaufen sanktioniert wird.

Das ergibt sich doch schon aus spieltheoretischen Überlegungen, dass sich kulturelle Normen bilden, die die Verluste durch den intrasexuellen Wettbewerb abfedern.

Meine These wäre nun, dass Kleidungsnormen, Slutshaming, Angeber-Shaming (Janteloven) und Sport solchen binnengeschlechtlichen Regulationsmechanismen entspringen.

Der Worldcup für Frauen ist dabei nicht die Frauen-WM, sondern GNTM. Solche Events wecken urplötzlich die weibliche “Sportbegeisterung”.

Welches Ausmaß an Konkurrenz eine Gesellschaft zulässt und wie die diesbezüglichen Regelungen ausgestaltet sind ist aus meiner Sicht eine sehr interessante Frage.

Als Mittel der Regelung intrasexueller Konkurrenz kommen aus meiner Sicht insbesondere folgende Ansätze in Betracht:

  • Regelung des Umfangs
  • Regelung des Mittels /der Art und Weise
  • Regelung von Folgeaktionen
  • Regelung der Gelegenheit

Sicherlich gibt es weitere und das ist eine sich überschneidende Beschreibung, aber dies ist der Versuch einer ersten Ordnung.

Dabei kann es ganz verschiedenen Ansätze geben. Nimmt man beispielsweise die Blutrache, dann ist dies erst einmal eine Regelung, die eine abschreckende Wirkung haben soll. „Bringe mich um und meine Verwandten müssen aus gesellschaftlichen Anstand dich umbringen“. Es hat aber den Nachteil, dass ein solcher abschreckender Ansatz sehr schwer zu stoppen ist, wenn er erst einmal begonnen hat, da jeder neue Tote neue Blutrachen auslöst.

Dies wiederum macht in vielen Fällen ein friedliches Zusammenleben unmöglich, so dass es nachteilig für alle ist. Gleichzeitig besteht auch ein großes Interesse daran, bestimmte Konkurrenzkämpfe durchführen zu können, da wir nun einmal soziale Gruppentiere mit Hierarchie sind und dies in unserer Biologie steckt.

Gerade der Aspekt des Sozialen und der der Hierachie liegen hier häufig in Konflikt: Zu große Konkurrenz beeinträchtigt den sozialen Gruppeneffekt und zu wenig Konkurrenzmöglichkeiten beeinträchtigen den Hierarchieanteil.

Sport wurde hier bereits als gutes Beispiel für solche Regeln angeführt, Es gibt aber viele andere Regelungen, die dazu gedacht waren, die Kosten von Streitigkeiten zu reduzieren. Beispielsweise entstand ein Teil der Essensetikette darin, nach Möglichkeit relativ stumpfe Messer am Tisch zu haben, eine Tradition, aus der auch das Fischmesser entstanden ist. Hintergrund war eben, dass es wesentlich schwieriger ist, jemanden mit einem Fischmesser umzubringen als bei Verwendung des eigenen Dolches zum essen.

Aber auch Kampfregeln bei den Rittern oder die heutige allgemeine Ächtung von Gewalt und Verlagerung des Gewaltmonopols auf den Staat sind solche Regeln.

Andere Regelungen betreffen die Frage welche Form des Signalling erlaubt ist, wie man also gewisse Stärken darstellen darf. Dabei sind wir inzwischen von direkten Unterwerfungsgesten wie etwa der Verneigung oder dem auf dem Boden werfen abgekommen und arbeiten mit subtileren Mitteln, etwa einem Blinzeln und einem Brechen des Augenkontakts als Zeichen, dass man nicht in einen Dominanzwettbewerb eintritt und das Zeigen von Statussymbolen, von Markenkleidung bis teuren Autos oder anderen Mittel. Auch hier hat man sich teilweise darauf geeinigt, die Mittel nur dezent einzusetzen: Bei Anzügen beispielsweise ist der maßgenschneiderte sehr teure Anzug optisch für den Laien nicht unbedingt sofort von einem billigeren Anzug zu unterscheiden, während jemand, der sich in dem Bereich auskennt, das Signal aufnehmen kann. Das ermöglichst nach „unten“ eine relative Gleichheit vorzugeben und dennoch seinen Status zu signalisieren. In den gleichen Bereich fällt dann auch die Bescheidenheit und das Understatement, die Gleichheit betonen (dabei aber gleichzeitig über die Art, dass derjenige eben diese Gleichheit gewährt auch einen Status zeigen können)

Bei Frauen umfasst dies auch und gerade die Frage, wie Sex und Schönheit eingesetzt werden können, denn sexuelle Reize können eine große Macht darstellen. Das regelt dann auch die Frage, wieviel Haut man bei welcher Gelegenheit zeigen darf, ohne das es als „zuviel“ empfunden wird und inwiefern man auch ansonsten Sex anbieten darf, um einen Mann für sich zu gewinnen. Diese Regeln werden dementsprechend auch von Frauen kontrolliert und es kann danach eine Abgrenzung und Ausgrenzung erfolgen.

Männliche Verhaltensregeln sind dabei häufig mit Begriffen wie „Fairness“ und „Ritterlichkeit“ zu beschreiben, bei denen es eben darum geht, dass man gewisse Vorteile nicht nutzt, weil man damit die geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln verletzt. Es ist insofern auch mit dem Konzept des „Costly Signals“ zu beschreiben, man macht deutlich, dass man gewinnen kann, während man sich an die Regeln hält, wer dies nicht kann und „schummelt“ gilt daher nach vielen Varianten als „schwach“ oder „feige“ oder eben als unfair. Eine andere gerade in Sportarten wie Fußball anzutreffende Variante ist, dass man gewisse Regelverstöße begehen darf, dann aber mit den Konsequenzen rechnen muss. Wer also beispielsweise im Elfmeterraum foult, der bekommt einen rote Karte und die Mannschaft einen Freistoß. Das kann dann sogar als „heldenhafter“ wenn auch nicht fairer Regelverstoß gesehen werden, weil er sich sozusagen für das Team opfert, wenn dies nicht anders zu verhindern war. Es gilt insofern der Grundsatz, dass auch der Regelverstoß durch die damit verbundene Strafe „fair“ sein kann.

Die aus einem Wettkampf stammende Hierarchie ist dabei selbst ein Mittel zur Reduzierung der Kosten intrasexueller Konkurrenz. Zum einen sind häufig Wiederholungskämpfe unnötig, wenn einmal geklärt ist, wer stärker ist und zum anderen kann man auch ansonsten in der Hierarchie Streitigkeiten vermeiden, da man denjenigen, der höher steht als X wahrscheinlich nicht vom Thron stoßen kann, wenn einem das bei X nicht gelingt (bei Turniersportarten geht es dann darum, in regelmäßigen Abständen genau diese Hierarchie neu auszuhandeln, aber es muss eben eine gewisse Zeit vergehen innerhalb der Veränderungen zu erwarten sind, was zB in der Bundesliga durch Neuzugänge etc ja auch häufig erfolgt).

Zudem gibt es häufig Regelungen, dass das Ergebnis eines fairen Wettkampfes akzeptiert werden muss um Wiederholungen zu vermeiden und das man Streitigkeiten aus kleineren Anlassen auch vergessen können muss, wenn ansonsten die Teamzusammenarbeit gestört wird (wie sagte es ein Freund so schön und etwas idealisiert: „Bei Männern ist es einfach: Man streitet sich, man macht einen Schwanzvergleich, lang sticht kurz und dann ist auch gut und man kann ein Bier miteinander trinken“)

Bei Frauen scheint mir neben Fairness eine Form der Eskalationsvermeidung zu sein, dass man Streitigkeiten eher im Verborgenen austragen muss, sie also weniger direkt ausgetragen werden und damit eher ein gewisses Bild der Einheit gewahrt werden kann. Dabei werden dann nur relativ subtile Spitzen verteilt, die der uninformierte Mann vielleicht gar nicht mitbekommt („Ich dachte ihr hasst euch, dabei habt ihr euch doch gut verstanden, habt ihr euch versöhnt?“ „Versöhnt? Hast du nicht gesehen, wie sie bei dem Kompliment für mein Kleid leicht die Augenbrauen hochgezogen hat und auf meinem Bauch geschaut hat? Und das sie betont hat, dass es MIR ganz wunderbar steht? Die Schlampe!“). Zudem scheint eben eine Reduzierung innerhalb der Gruppe auch dadurch erreicht zu werden, dass Gleichheit häufig stark betont wird und eine Hierarchie in dem Sinne eher heruntergespielt wird: Die Queen-Bee einer Mädchengruppe führt üblicherweise subtiler und kommt vielleicht auch seltener vor. Gerade weil es keine Hierarchie gibt wird sie vielleicht auch eher zum Despoten, denn so kann diese weniger angegriffen werden.

Kleidungsvorschriften sind insoweit auch häufig in zulässige Varianten und unzulässige Varianten aufgeteilt und insofern stark kulturabhängig, weswegen Eltern die Kleidung ihrer Töchter zu freizügig und diese ihre Eltern für zu konservativ halten