Aufbrechen von Geschlechterrollen: Freiheit vs. Zwang in andere Richtung

Der Kommentator „Rotterdam“ hat einen interessanten Kommentar auf Geschlechterallerlei eingestellt, der dort inzwischen auch als eigener Artikel erschienen ist:

„Unter Feministen neuerer Schule – auch unter denen moderater Ausprägung – scheint es Konsens zu sein, dass die vornehmste Aufgabe der Bewegung derzeit darin besteht, Geschlechterklischees und Rollenstereotype aufzubrechen und somit allen Menschen zu einem freieren, weniger beengten, selbstbestimmteren Leben zu verhelfen.

Das ist ein hehres Ziel. Zumindest wäre es das, beschränkten sich die Bemühungen darauf, das Angebot an validen Rollenbildern zu erweitern und dem Individuum so mehr Auswahlmöglichkeiten bereit zu stellen.“

Das ist in der Tat das Label unter dem vieles im Feminismus läuft: Wir machen die Welt besser für alle, indem wir Geschlechterrollen aufbrechen und alle freier leben können. Das erscheint auch etwas, mit dem man sich gut arrangieren kann: Weniger Zwang ist ja etwas, mit dem man sich unschwer anfreunden kann

„Nun scheint sich innerhalb feministischer Zirkel aber darüber hinaus eine Ansicht durchgesetzt zu haben, die tradierte Rollenbilder als defizitär betrachtet und die damit einhergehenden Perspektiven auf Mann und Frau als schädlich betrachtet – und zwar sowohl für die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt, als auch für die persönliche Entwicklung ihrer Mitglieder. Folgerichtig müssten diese Stereotype nun also geächtet und soweit wie möglich aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden, auf dass der neue Mensche von ihnen befreit werden möge.“

Das ist so ziemlich auch das, was ich am Feminismus kritisiere. Es wird nicht nur allgemein mehr Freiheit verlangt, sondern diese als nur erreichbar dargestellt, wenn man damit tradiertes Rollenverhalten abwertet und ächtet.

„Eine freie Entscheidung wird den Menschen dabei nicht mehr zugebilligt. Wer klassische Rollenmodelle für seinen Lebensentwurf präferiert, der ist dieser Ansicht nach entweder gehirngewaschen (das Stockholm-Syndrom des Hausmütterchens) oder Teil der Unterdrückungsstruktur (der ewiggestrige Macho, der seine Privilegien nicht aufgeben will). Eine freie Entscheidung ist nur dann eine solche, wenn für diejenige Entscheidungsmöglichkeit optiert wird, die der Feminist präferiert.“

Da sind wir dann mitten drin im sog. Unmündigkeitsfeminismus. Das Stockholmsyndrom ist da ein passender Vergleich, da ja über verinnerlichten Sexismus argumentiert wird, der einen den Feind lieben lässt. Auf wen das nicht zutrifft, der muss eben Unterdrücker sein, denn Geschlechterrollen zu leben bedeutet sie zu reproduzieren, bedeutet Frauen und andere Minderheiten zu unterdrücken.

„Damit werden alte Zwänge aber schlicht durch neue ersetzt. Den alten Geschlechterstereotypen werden neue Rollenzwänge entgegengesetzt, die mitunter aber gar nicht mit den Präferenzen vieler Menschen vereinbar sind. Denn wie es der Autor dieses Artikels so schön ausgedrückt hat, existieren viele (nicht alle!) Geschlechterstereotype, weil sie der “gegenwärtigen überwiegenden Realität [entsprechen]“.“

In einer Theorie, die auf das Standard social Science Modell abstellt ist der Gedanke, dass Geschlechterstereotype eine Grundlage haben, bereits undenkbar und kann gerade im Feminismus nur unter der Frage von Machtinteressen behandelt werden. Da dort hauptsächlich auf die Spitze geschaut wird („Apex Fallacy„) und Ausgleichsleistungen ausgeblendet werden muss ein Festhalten oder bestärken eine Unterdrückung sein.

„Damit aber ist klar, dass das moralisch fragwürdige Projekt der Umerziehung der Menschen hin zu einem genehmeren Rollenverständnis von vornherein zum Scheitern verurteiltist.

Da geschlechterstereotypes Verhalten zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil seinen Ursprung in biologischen Dispositionen hat, wird sich dieses innerhalb unserer Lebenszeit schlicht nicht ausmerzen lassen, selbst wenn man es wollte.“

Ja, die Geschlechterunterschiede sind nicht rein zufällig, wie sie sind. Sie ergeben sich aus biologischen Dispositionen und häufig auch darauf aufbauenden spieltheoretisch erklärbaren Handlungsstrategien: Wenn zB Männer auch nur etwas lieber arbeiten gehen, statt die Betreuung der Kinderin Vollzeit zu übernehmen und dies bei Frauen andersherum ist, dann ergeben sich in den meisten Familien fast zwangsläufig „klassische Reproduktionen der Geschlechterrollen“.

„Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Gendertheoretiker insofern recht haben, als dass der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht essentialistisch gelesen werden darf und die Unterschiede in vielerlei Hinsicht fließend sind. Die Verschiedenheit von Mann und Frau äußert sich oft lediglich in statistischen Häufungen, die Rückschlüsse auf das jeweilige Individuum in vielen Fällen unzulässig machen. Dass es mehr Mädchen gibt als Jungen, die gern mit Puppen spielen, bedeutet nicht, dass es keine Mädchen gäbe, die ungern mit Puppen spielen oder dass es keine Jungen mit Vorliebe für Puppen gäbe. Menschen, deren Verhalten derart vom Gängigen und Üblichen abweicht, sind deswegen keineswegs defizitär, unnatürlich oder weniger werthaft als Menschen, deren Verhalten eher der Norm entspricht. Das klar zu machen ist durchaus wichtig.“

Auch insoweit volle Zustimmung. Wobei auch der Genderfeminismus seine essentialistischen Zuweisungen hat: Männer haben eben per „gelesenen Geschlecht“ Privilegien, die sie auch nicht loswerden, eine Erbschuld die essentialistisch an ihnen als Teil einer Gruppe festgemacht wird.

„In einer freien Gesellschaft sollte ein Rollenmodell stets nur ein Angebot sein und Konformitätszwang weitgehend ausbleiben. Umso schlimmer ist es, wenn nun vorgeblich tolerante Menschen ein Verhalten gegenüber Menschen mit klassischen Rollenpräferenzen an den Tag legen, wie sie es gegenüber Menschen mit unüblichen Präferenzen kritisieren.“

Ja, und das mit teilweise absurden Forderungen wie einem Kussverbot oder einem Abwerten von Allys zu geradezu minderwärtigen sklavenhaften Zuarbeitern ohne Recht auf eigene Meinung.

„Bleiben die Geschlechterstereotype. Wenn sich also das Wesen des Menschen nicht ohne weiteres ändern lässt, und sich eine Mehrheit der Menschen stets eher “rollentypisch” verhalten wird, sollten wir dann nicht wenigstens versuchen, den Leidensdruck der Menschen zu mindern, die dieser Norm nicht entsprechen?

Meiner Meinung nach lautet die Antwort: Ja, aber. Denn Menschen, die in irgendeiner Hinsicht aus der Norm fallen, werden sich auch in der tolerantesten aller Gesellschaften immer zu Anpassungsleistungen gezwungen sehen. Und zwar deshalb, weil Menschen mit vergleichsweise seltenen Eigenschaften stets aus dem Erwartungsrahmen fallen werden, den ein jeder Mensch benutzt um seine Umwelt möglichst effizient zu ordnen.“

Eine wichtige Einschätzung, die ich hier auch so schon einmal in ähnlicher Weise getroffen habe: Es ist die Denkweise unseres Gehirns erst einmal von dem Häufigen auszugehen, wenn es sehr häufig ist. So ordnen wir in vielen Punkten unser Verhalten und vereinfachen uns Entscheidungen. Sich davon frei zu machen, erscheint mir unglaublich schwierig und gelingt auch Feministinnen nicht.

„Reiche ich einem Menschen ein Messer, werde ich ihm den Griff auf eine solche Art hinhalten, dass er mit der Rechten leicht zugreifen kann – und dass, obwohl er unter Umständen Linkshänder ist.

Berichtet mir ein Mann von seiner Beziehung, werde ich zunächst einmal davon ausgehen, dass es sich dabei um eine Frau handelt.

Bekomme ich Besuch, werde ich diesem Alkohol anbieten – obwohl ich es mit einem Abstinenzler zu tun haben könnte.

Das tue ich nicht, weil ich Linkshändern, Homosexuellen oder Abstinenzlern Böses will. Und es bedeutet nicht, dass ich diese Eigenschaften abwerte oder Normalität (im Sinne von Häufigkeit) mit Werthaftigkeit verwechsle. Ich tue es, weil ich in der Mehrzahl der Fälle damit richtig liege.“

Normalitäten sind eben nicht per se darauf ausgerichtet, dass man den anderen Raum wegnimmt. Es ist schlicht eine Strukturierung der Realität, ohne die wir immer eine unüberschaubare Menge von Handlungsoptionen bedenken müssten. Unser Gehirn ist aus meiner Sicht gerade dazu geschaffen, solche Normalitäten zu nutzen und dadurch die Realität besser erfassen zu können.

Gehe ich mit einer solchen Annahme einmal fehl, entschuldige ich mich natürlich und korrigiere meinen Fehler. Von dieser Erwartung aber ganz abzulassen, würde mir ein sehr wirkungsvolles Instrument der Alltagsbewältigung rauben, von dem ich ungern ablassen würde.

Auch das ist etwas, was im Feminismus zu kurz kommt: Man kann, wenn man erkennt, dass der andere nicht der Normalität entspricht sein Verhalten eben entsprechend umstellen und dem anderen dadurch „Raum geben“. Natürlich kann es dabei unangenehm sein, wenn zB der Homosexuelle sich nicht traut zu seiner Homosexualität zu stehen, weil er nicht weiß, wie der andere reagiert. Aber angesichts der sehr geringen Anzahl an Homosexuellen lässt es sich kaum vermeiden, dass dieser Weg der effektivste ist. Im Gegenteil: Der Versuch immer neutral zu bleiben und alle Möglichkeiten offen zu halten wird wohl eher als anstrengend bemüht wahrgenommen werden. Ich hatte ja auch schon darauf hingewiesen, dass sich diese Vermutung eben auch anders herum auswirken kann: Bei einem Mann mit einem sehr weiblichen Auftreten (also einem „Klischeeschwulen“) wird die Vermutung aus den gleichen Gründen dahingehen, dass er Homosexuell ist, obwohl dies keineswegs der Fall sein muss.

Menschen, so denke ich, werden sich nur unter extremen Bedingungen dazu bringen lassen, von der Benutzung dieser höchst sinnvollen Heuristiken abzusehen.

Warum also versuchen, sie dazu zu bringen? Hier könnte man sich nun der alten Binsenweisheit bedienen, dass obsolet gewordene soziale Bewegungen stets nach neuen Betätigungsfeldern suchen, um sich ihrer Existenzberechtigung zu versichern. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Bewegungen bereits soweit geronnen sind, dass sie sich in der bürokratischen Infrastruktur eines Gemeinwesens festgesetzt haben.

Ein Problem, das sich schlicht nich lösen lässt, ist dabei der Hauptgewinn eines jeden Kämpfers für die vermeintliche Gerechtigkeit, dessen Ansehen oder dessen Existenz auf dem fortwährenden Kampf gegen das Böse beruht.

Denn wenn der Patient partout nicht genesen will, dann braucht es eben immer mehr von der immer gleichen Medizin. Und das bedeutet vor allem eines: Mehr Geld, mehr Posten, mehr Aufmerksamkeit, mehr Prestige.

Es gibt in dieser ganzen Geschichte also durchaus jemanden, der nicht von seinen Privilegien lassen will. Es sind nicht die Anhänger des klassischen Rollenbildes

Das ist ein interessanter Hinweis: Der Kampf gegen Normativitäten, die sich aus Häufungen ergeben, ist in der Tat nicht zu gewinnen und damit ewig während. Es kann dem Leben einen Sinn geben, der nie endet. Und in dem man immer, wenn auch nur vermeintlich, gebraucht wird.