Schuldgefühle angesichts weiblicher Wünsche und Forderungen

Auf dem Blog „offene Flanke“ wird in dem Artikel „Und ewig währt das Schuldgefühl“ etwas dazu geschrieben, wie er weibliche Wünsche erlebt und wie er diese zu der feministischen Theorie, dass Männer die „Herrscher“ sind im Widerspruch sieht:

Umgekehrt fürchte ich die aggressiven Forderungen von Frauen, ihre Anspruchshaltung und ihre Bereitschaft, bei Nichterfüllung ihrer Standards sofort einen Konflikt vom Zaun zu brechen. Zumindest erlebe ich das als aggressiv und ich wundere mich immer über das Selbstbewusstsein, mit dem manche Frau ihre Forderungen erhebt, als gäbe es da nichts auszuhandeln und als seien ihre Vorstellungen und Standards allgemeingültig und von aller Welt als richtig anerkannt.

Ich denke, dass es viele Beziehungen gibt, in denen die Frauen die Hosen anhaben und die Machtmittel ganz überwiegend bei der Frau liegen. In diesen Beziehungen versuchen die Männer oft alles, um zumindest ihre Ruhe zu haben, die Frau nicht zu erzürnen, die gute Stimmung der Frau ist ein sehr wesentlicher Faktor, für den man auch Nachteile in Kauf nimmt. Natürlich gibt es das auch andersrum, in einer extremen Form auch beim männlichen Haustyrannen, den man besser nicht stört. Aber gerade diese weibliche Macht innerhalb der Beziehung, die kommt aus meiner Sicht in der Debatte gerade auf Seiten der Frauen zu kurz. Die Rolle der Mutter gibt ihr ein hohes Gewicht in der Famile, gerade bei klassischer Arbeitsverteilung, die Rolle als diejenige, die den Haushalt managed ebenso während seine Rolle als Geldverdiener ihn teilweise eher außerhalb der Familie sieht, so dass sie in ihrem „Haupteinflussgebiet“ mehr zu sagen hat. Zudem wirkt sich natürlich auch verschiedene Geschlechterunterschiede aus:

  • Die schlechte Laune einer Frau hält oft länger an, zieht dann oft alte Punkte wieder mit herein („vor drei Wochen wolltest du schon nicht, dass meine Mutter zu Besuch kommt“). Hier wirkt sich die höhere Emotionalität oft stark aus und können das Gefühl erzeugen, dass man einen „Ausbruch“ besser vermeidet
  • viele Männer wollen zuhause Ausschalten, ihre Ruhe haben, sich von der Arbeit erholen. Sie wollen dementsprechend auch jeden Streit vermeiden
  • voller Zugriff auf das gemeinsame Konto macht das Gehalt üblicherweise nicht mehr zu etwas, mit dem man Macht ausüben kann
  • Streit bedeutet auch keinen Sex mehr. Es der Frau recht machen kann hingegen Ruhe und Sex bedeuten. Das Sex insoweit eher Frauen Macht verleiht ist aus meiner Sicht ein wichtiger Aspekt
  • Der Wunsch, Frauen zu gefallen und ihren Anforderungen zu genügen erscheint mir bei Männern höher zu sein als andersrum
  • Allgemein gelten weibliche Wünsche oft als „reiner“ als männliche, vielleicht auch weil diese eher ins sexuelle reinspielen und das Wünsche erfüllen und Forderungen stellen eher in das klassische Werbungsverhalten um die Frau passt.

Auch hier gibt es natürlich starke individuelle Unterschiede, aber es gibt eben auch genug Männer, die „unter dem Pantoffel“ stehen.

Die feministischen Forderungen nimmt er in Abgrenzung wie folgt wahr:

Und dann der Feminismus, der mir also entgegenschleudert, ein Machthaber zu sein. Ich bin trotz meiner Schwäche und meiner Furcht ein Herr, der die Frauen knechtet, und jemand, der von ihrer Unterwerfung profitiert. Auch wenn ich vom Verstand her diese Vorwürfe als absurd entlarven kann, so lösen sie doch ein heftiges schlechtes Gewissen aus. Das ist das gleiche schlechte Gewissen, dass sich unmittelbar zeigt, wenn ich einen Wunsch aufkommen fühle. Gerade erotische Wünsche sorgen für Schuldgefühle und die permanente Frage, ob sich in dem Wunsch und seiner Verwirklichung nicht schon Frauenverachtung und Frauenerniedrigung ausdrücken würde. Mein Verstand sagt deutlich “nein”, aber das Gefühl behauptet hartnäckig, es sei so.

Das erzeugt freilich Abwehr, also panzere ich mich nach außen gegen feministische Anklagen.

Also quasi Schuldgefühle, obwohl man weiß, dass man nichts gemacht hat.

Ich würde die Wirkung des Feminismus nicht so stark sehen, weil ich mich davon vielleicht nicht so beeinflussen lasse. Aber das der Vorwurf, als Teil einer Gruppe Frauen zu unterdrücken, bei einigen Männern eine sehr zwiespaltige Gefühlslage erzeugt kann ich mir vorstellen.

46 Gedanken zu “Schuldgefühle angesichts weiblicher Wünsche und Forderungen

  1. „Es ist immerhin noch leichter, sich mit Männern herumzuschlagen, als mit seiner eigenen Frau Krieg zu führen.“
    Balzac

    Ich hab neulich lesbische Freunde besucht, da ist mir aufgefallen, dass beide diese Anspruchshaltung haben: ‚Meine Vorstellungen sind nicht Wünsche („Ich hätte das gern so“), sondern Gesetz („Das macht man so“)‘
    Es wäre eine Erklärung, warum die DV-Rate bei lesbischen Paaren am höchsten ist. Wenn zwei unnachgiebige Wahrhaber aufeinandertreffen…

    Interessant könnte sein, „männliche“ Gesetze zu suchen. Das Klischee gibt mir grad ein „Während der Sportschau saugt man kein Staub!“

    • „‘Meine Vorstellungen sind nicht Wünsche (“Ich hätte das gern so”), sondern Gesetz (“Das macht man so”)’“

      So erlebe ich das, was ich in dem oben zitierten Blogartikel ja auch beschrieben habe. Eine starke Anspruchshaltung ohne großes Wenn und Aber. Die Frau setzt ihre Maßstäbe absolut. Sie reflektiert nicht, dass es eben nur ihre persönlichen Maßstäbe sind, sondern sie sieht sich als Vertreterin des Normalen, des „das macht man so“. Sie glaubt, allgemeine Werte und Normen zu vertreten. Daher fordert sie deren Einhaltung auch radikal ein.

      Das mag ein überzeichnetes Bild sein, weil es auf meinen subjektiven Wahrnehmungen beruht und auch emotional gefärbt ist.

      Ich selber habe eher ein gegenteiliges Auftreten. Zwar bin ich durchaus ein Rechthaber und habe auch oft den Anspruch, vieles besser zu wissen als andere. Ich bin also kein Engel. Aber da ist eben doch der grundlegende Zweifel, der auch meiner Meinung nach in unserer Kultur gepflegt wird:

      – Mann macht zu wenig im Haushalt. Dieses Lied kenne ich seit Kindesbeinen. Daher hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, bevor ich selber einen Haushalt hatte. Insofern neigt das Gewissen auch dazu, den Vorwürfen der Frau recht zu geben. Sie muss ja recht haben, weil ich als Mann eben zu wenig mache. Die Frage, wieviel Hausarbeit sinnvoll und wünschenswert ist, wird dann nicht mehr gestellt.

      -Gleiches gilt für Kindererziehung: Mann macht zu wenig…. … auch das hatte ich bereits eingeatmet, bevor ich Vater wurde.

      – Das Klischee „Hinter jedem klugen, starken, erfolgreichen Mann steht eine Frau“ = Mann ist eigentlich nicht allein in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Mann macht seine Karriere auf dem Rücken seiner Frau.

      – Das Klischee des männlichen Haustyrannen (den es in der Vergangenheit sicher gegeben haben mag): Mann setzt seine Vorstellungen brachial durch und behandelt seine Frau wie eine Hausangestellte. Auch das sorgt für ein vorauseilendes schlechtes Gewissen und den Versuch, genau das nicht zu machen.

      – Außerdem meine ich, dass unsere Kultur gegenwärtig zumindest im Privatbereich eher weibliche Werte propagiert und unterstützt. Z.B. das Thema Ernährung der Kinder. Hier dominiert nach meiner Wahrnehmung eine weibliche Sorge, nach meinem Empfinden eine übertriebene. Aber männlich-pragmatischer Einspruch fehlt in der öffentlichen Debatte und sowieso in Kitas und Schulen.

      – Das Klischee der Männerherrschaft und der Frauenemanzipation: Wenn Männer in Konflikt mit fordernden Frauen geraten, wird das öffentlich gerne als Verunsicherung des einst herrschenden Mannes durch die starken, selbstbewussten Frauen interpretiert. Männlicher Widerspruch dient dann a) der Wiederherstellung seiner Herrschaft und b) der Verschleierung von Unsicherheit. Dagegen wird weibliches Fordern als Akt der Befreiung, als Selbstfindung dargestellt. Alles, was Frau macht, ist Widerstand und Rebellion. Ihre Gewalt, ihre Ausbrüche aus der Beziehung, ihre häuslichen Forderungen – überall wird sie ermuntert, sich zu nehmen, was ihr zusteht. Dem Mann dagegen wird klargemacht, dass er abgeben muss, weil er ohnehin schon zu viel hat und nur profitiert. Hier gibt es mal einen Einblick in diese kulturell verankerte Vorstellung des „Machos“, der alles nur aus Egoismus macht:
      http://frontberichterstatter.blogspot.de/2014/03/das-privilegienwurstchen.html

      • Klar ist das in Einklang zu bringen, mit den üblichen Maßnahmen.

        „Die Dunkelziffer der Heteros ist höher, nicht zuletzt, weil die Frauinnen in den lesbischen Beziehungen ehrlicher sind als die bösen Männer“

        „Die Forschung reproduziert nur das, was das allmächtige Patriachat auf der letzten Vollversammlung der Männlichen Wissenschaftler ihnen im Ausgleich für ihre 23% mehr Lohn aufgetragen hat“

      • Ich hab mal eine reale feministische Interpretation von Gewalt in lesbischen Beziehungen gelesen – wenn ich mich recht erinnere, in der Emma. Demnach ist diese Gewalt einfach ein Beleg dafür, wie durchdringend die heterosexuelle Matrix ist – auch lesbische Beziehungen könnten sich davor nicht schützen, dass das heterosexuelle Muster in der Paarbeziehung reproduziert würde.

        Das bedeutet übersetzt: Wenn eine lesbische Frau ihre Partnerin schlägt, dann nimmt sie damit die Rolle eines heterosexuellen Mannes ein. Diese Gewalt sei demnach kein Beleg dafür, dass Gewalt nicht allein männlich ist, ganz im Gegenteil – Gewalt in lesbischen Beziehungen sei nämlich ein Nachweis dafür, wie durchdringend die männliche Gewalt ist.

        Dass die Gewaltrate sogar größer ist, lässt sich dann sicher als Überkompensation o.ä. begründen – oder dadurch, dass in lesbischen Beziehungen das Opfer von Gewalt weniger schroffen Blockaden begegnet, die erfahrene Gewalt auch öffentlich zu machen.

        „Okay, so bekommt man natürlich alles begründet.“ Ja, praktisch, oder? Es würde fast Spaß machen, wenn das Thema nicht so ernst wäre.

        • „auch lesbische Beziehungen könnten sich davor nicht schützen, dass das heterosexuelle Muster in der Paarbeziehung reproduziert würde.“

          Tja, das erklärt aber nicht ,warum wir Schwulis friedfertiger sind als Lesben. Vielleicht, weil wir es so handhaben wie die Bonobos?

        • Ich tippe darauf, dass die durchschnittlichen Männerinteressen mehr Win/Win ermöglichen. Wenn beide Vögeln wollen, ist das total machbar. Wenn beide „orbiter“ wollen, kaum.

        • @Adrian

          „Und Dein Diskussionsstil ist auch wenig territorial“
          Interessant. Aber es geht ja auch ohne Platzhirschgehabe, wenn man diskutieren will.
          Freilich finde ich, dass nicht wenige Frauen selber Platzkühe sind und ordentlich losbolzen. So erlebe ich das jedenfalls. Schnelles emotionales Aufbrausen und damit Erheben eines sehr hohen Anspruches auf Rechthaben. Dieser Wille, sich um jeden Preis durchzusetzen, erlebe ich durchaus häufig bei Frauen. Er manifestiert sich aber nicht immer in Lautstärke und der Pose der Selbstsicherheit. Aber die Sturheit ist letztlich ähnlich wie bei den Platzhirschen.

        • Tja, das erklärt aber nicht ,warum wir Schwulis friedfertiger sind als Lesben. Vielleicht, weil wir es so handhaben wie die Bonobos?

          Moo-ment mal. So einfach entkommt ihr der gebündelten Erkenntnis aus abermillionen conciousness-raising-group Frauenfraustunden nicht!

          Wenn Gewalt in Beziehungen in erster Linie ein Mittel zur Perpetuation weiblicher Inferiorität ist, dann ist es nur allzu logisch dass sie in sexuellen Männerbünden nicht in epidemischen Dimensionen auftritt!

          Da DieMänner DieMacht haben und sehr berechnend und systematisch ihre Waffen einsetzen, schlagen sie selbstverständlich andere Männer nicht! Männliche Homosexualität ist immerhin die höchste Vollendung der männerbündlerischen Exklusion von Weiblichkeit, sie wird schließlich alleine aus dem Grund betrieben, feministische Forderungen abzuwehren:

          Male homosexuality is an extension of the reactionary club (meaning both group and weapon).

          Carol Hanish

          Eine Krähe hackt der Anderen kein Auge aus!

          Frauen hingegen wird mit der Muttermilch eingetrichtert, dass es sich bei Beziehungsgewalt nicht um ein systematisches Machtmittel zur Unterdrückung AllerFrauen handelt, sondern vielmehr um das Produkt einer Beziehungsdynamik. Wer kann es ihnen dann verdenken, dass sie in lesbischen Beziehungen ihre traumatischen Ohnmachtserfahrungen reinszenieren!

          Liebe Mittmänner, schämt euch endlich!

        • @Nick
          Demnach ist schwul sein eine wohl kalkulierte Entscheidung zur Festigung des patriarchalen Machterhalts?

          Und wie passt das damit zusammen, dass *männliche* Homosexualität in einigen Teilen der Welt strafbar ist?

          Angst des heterosexuellen Patriarchats vor Homo-Supremacy?

          • @hansG

            „Angst des heterosexuellen Patriarchats vor Homo-Supremacy?“

            Bekommt man bestimmt in die Theorie gepresst:

            Patriarchat: „Natürlich sehen wir ein, dass du lieber mit einem Mann die doppelte patriarchische Dividende einziehen möchtest, aber wer unterdrückt denn dann bitte die Frauen? Nein nein, da bist du etwas gierig, die anderen Brüder wollen ja auch noch etwas abhaben. Man kann nicht nur die Vorteile mitnehmen und seinen Teil der Arbeit zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung der Frau nicht leisten wollen“

        • @Schoppe

          Kannst du diese Interpretation mal auftreiben oder Suchbegriffe empfehlen?

          Das gerade über Danisch gefunden

          „the feminine values are the values of amerika
          sensitivity is more important than truth
          feelings are more important than fact
          commitment is more important than individuality
          children are more important than people
          safety is more important than fun“

          passt ja zu:

          „Außerdem meine ich, dass unsere Kultur gegenwärtig zumindest im Privatbereich eher weibliche Werte propagiert und unterstützt.“

        • Zumal Männer auch anders streiten. Es kocht oft schnell hoch, lässt dann aber wieder schnell nach. Streits aus der Vergangenheit werden aus meiner Sicht auch weniger reaktiviert

          Mein Eindruck ist, dass der Grund etwas tiefer liegt. Plakativ gesprochen: Männer streiten um Sachverhalte, Frauen um Beziehungen. Aus „männlicher Sicht“ ist es ein abgeschlossener Streit um eine falsche Wortwahl oder einen obengelassenen Klodeckel, aus „weiblicher Sicht“ ein konstant geführter Streit darum, dass man mehr „rücksicht“/“vorausschauenden gehorsam“ will.

        • „Männliche Homosexualität ist immerhin die höchste Vollendung der männerbündlerischen Exklusion von Weiblichkeit, sie wird schließlich alleine aus dem Grund betrieben, feministische Forderungen abzuwehren:“

          Dass schwule Männer Komplizen des Patriarchats seien, wurde tatsächlich von mehreren bekannten Theoretikerinnen des Radikalfeminismus vertreten.
          In einem Einführungswerk zur Queer-Theorie fand ich ein interessantes Kapitel, in dem schwulenfeindliche Tendenzen des radikalen Feminismus kritisch thematisiert werden:

          (…) so definiert doch eine wesentliche Strömung des Lesbischen Feminismus schwule Männer als Komplizen männlicher Herrschaftsstrukturen und betrachtet sie konsequenterweise als weniger geeignete Verbündete von Lesben als heterosexuelle Frauen. Sheila Jeffreys z.B. betont die Solidarität zwischen Frauen und Lesben – eine Solidarität, die ihr zufolge für den gesamten Feminismus selbstverständlich sein sollte – , während sie gleichzeitig ein vergleichbares Bündnis zwischen Lesben und Schwulen verneint. Indem sie geschlechtliche Identitätskategorien höher bewertet als sexuelle, stellt Jeffreys “das ganze System männlicher Vorherrschaft” in den Vordergrund. Damit kann sie das weitgreifende und vom Geschlechterstandpunkt geprägte Argument begründen, dass alle Männer, einschließlich schwuler, Frauen unterdrücken. (Jeffreys 1994b, 460) Darüber hinaus macht sie schwule Männer als diejenigen aus, die eine besonders wichtige Funktion an dieser allgemeinen Unterdrückung haben: “Durch ihre Beteiligung in den Medien und in der Modeindustrie spielen Schwule eine einflussreiche Rolle bei der Definition dessen, was in einer Kultur männlicher Vorherrschaft als weiblich gilt.” (ebd.., 461) Die Darstellung von Schwulen als Verkörperung patriarchaler Werte hat eine bedauerliche homophobe Geschichte innerhalb der feministischen Theorie. Außer im bereits diskutierten Aufsatz von Rich taucht diese Idee auch in den Schriften von Irigaray (1981, 107-11) und Frye (1983) auf (…).
          Jeffreys stimmt dem Argument von Marilyn Frye zu, wenn es, ähnlich formuliert, behauptet: “Schwule verhalten sich konformistisch zur männlichen Vorherrschaft, weil sie sich entscheiden, diejenigen zu lieben, die in diesem politischen System jeder lieben soll, nämlich Männer.” (…) (Jeffreys1994 b, 468)
          (…)
          “Ein Blick auf einige der Prinzipien und Werte der männerdominierten Gesellschaft und Kultur legt unmittelbar nahe, dass homosexuelle Bürgerrechtsbewegung und schwule Kultur, wie diese sich in ihren öffentlichen Äußerungen darstellt, in wesentlichen Punkten eher im Einklang als im Widerspruch zur männlichen Herrschaft stehen. Diese ist jedoch feindlich gegenüber Frauen wie der Frauenliebe, der sich Lesben verschrieben haben.” (ebd., 130)
          Zu diesen “Prinzipien und Werten”, die laut Frye heterosexuelle und homosexuelle Männer mit den Banden unerschütterlicher Männlichkeit verknüpft, gehören der Kampf für männliche Bürgerrechte, Homo-Erotik, Frauenhass und männliche Zwangsheterosexualität. Schärfer als Rich und Jeffreys betont Frye diese vermeintliche Nähe zwischen phallokratischer Kultur und der Homo-Befreiungsbewegung. Doch sie schließt daraus sogar, dass Schwule, weit entfernt davon, bloß heterosexuellen Männern ähnlich zu sein, “im allgemeinen in allen wichtigen Punkten nur noch loyaler zu Männlichkeit und männlicher Herrschaft stehen, als andere Männer”. (ebd., 132)
          Frye argumentiert weder als erste noch als letzte lesbische Feministin, die Männerbündelei, die den heterosexuellen Austausch ermöglicht, unterscheide sich eher graduell als im Wesen vom Männerbund, der Homosexualität unterstützt.
          (…)
          Nachdem sie (…) behauptet hat, dass sich heterosexuelle und schwule Kulturen in ihrer Liebe zu Männern und ihrem Hass auf Frauen einig sind, macht Frye das Prinzip hinter der männlichen Zwangsheterosexualität ausfindig: “Es ist sehr wichtig für die Aufrechterhaltung männlicher Herrschaft, dass Männer Frauen ficken und zwar oft. Es ist also erforderlich, es ist zwingend. Es bedeutet Pflichterfüllung und ist auch Ausdruck von Solidarität.” (ebd., 140)
          Der Diskurs der Homo-Befreiung steht zu dieser Anforderung anscheinend im Gegensatz oder trägt sie zumindest nicht mit. Frye erkennt zwar an, dass Schwule im allgemeinen nicht daran interessiert sind, in diesem Sinne “ihre Pflicht zu erfüllen”, hält jedoch dagegen, dass der Grund dafür ein überentwickelter Frauenhass ist: “In vielen Fällen sind (Schwule) nur deshalb abgeneigt, ihre Pflicht zu erfüllen, weil sie ihre Lektion in Frauenhass nur zu gut gelernt haben. Sie weigern sich, diesen Teil des Mannseins auszuspielen, weil der geforderte Frauenhass, eine Form und Intensität angenommen hat, die andere Erfordernisse der Männlichkeit überwiegen.” (ebd.)
          (…)
          Ihr Beharren darauf, dass Geschlecht die wesentliche Unterdrückungskategorie ist, stellt die Projekte des Lesbischen Feminismus und die Schwulenbefreiungsbewegung als unvereinbar dar: “Ich sehe überhaupt keine natürliche Affinität zwischen Lesbischem Feminismus und der Schwulen-Befreiungsbewegung, ihre Politik steht in den meisten Fällen vielmehr im direkten Gegensatz.” Diese Annahme löste eine langwierige Debatte aus. Obwohl sie keine notwendige Voraussetzung des Lesbischen Feminismus ist, beeinflusst sie doch weiterhin die Auseinandersetzung um die Darstellung sexueller Identitäten.

          Aus: Annamarie Jagose – Queer Theory. Eine Einführung, S. 69 – 72

        • @HansG:
          Und wie passt das damit zusammen, dass *männliche* Homosexualität in einigen Teilen der Welt strafbar ist?

          Na hör mal! Denkst du etwa, DieMänner hätten diese extrem sittlich verlotterte Männerbündelei von sich aus auch wirklich konsequent verfolgt? Es bedurfte erst der Mithilfe starker Verbände der ersten Frauenbewegung, um gemeinsam mit _anständigen_ Männern die Social purity movement auf die Beine zu stellen, um der damals epidemisch um sich greifenden männlichen Unsittlichkeit Herr zu werden!

          Das Abendland wäre damals beinahe zugrundegagangen, an diesem männlichen Sex- aka Machtstreben!

        • Man kann nicht nur die Vorteile mitnehmen und seinen Teil der Arbeit zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung der Frau nicht leisten wollen

          Ja, auch DieMänner sind sich nicht immer einig. So eine Ehefrau 24/7 zu unterdücken ist schließlich auch ziemlich harte Arbeit.

          Wenn sich _jeder_ dieser obersten Männerpflicht entziehen würde! Von daher ist der Unmut der _anständigen_ Männer ja auch verständlich.

          Es war abzusehen, dass so das Abendland bald untergehen würde, deshalb war es im 19.Jahrhundert dringend geboten, nachhaltig für Disziplin zu sorgen und Homosexualität zu verbieten.

        • Männer streiten um Sachverhalte, Frauen um Beziehungen.

          Männer streiten auch um Beziehungen, würde ich mal behaupten. Allerdings haben Männer idR ein anderes Verhältnis zur Notwendigkeit von Kooperation. Von daher tritt der Streit auf der Beziehungsebene schneller wieder in den Hintergrund. Die Beziehungen werden auch weniger als 1:1-Relationen gesehen, sondern eher im Kontext eines Gruppengefüges.

          „Jungen sehen Schule wesentlich eher als sozialen Ort“ – so oder ähnlich heißt es bei Budde. Mädchen betrachten eher die Relationen zu Lehrern und zu Mitschülern jeweils einzeln für sich.

          Mal platt das Paleonarrativ bemüht: Beim Jagen eines Wollnashorns können sich Fred und Barny ein ausgedehntes „du hast aber letzte Woche aber deine abgenagten Knochen nicht weggeräumt, deshalb sammele ich jetzt mit Wilma, und nicht mit dir!“ eher weniger leisten 😀

      • „Hast du da mehr zu?“

        Ich bin mir sicher, das bei aVoiceForMen gelesen zu haben, vielleicht auch bei ManWomanMyth.

        Hab aber grad keine Zeit, das nachzuschlagen.

    • “Es ist immerhin noch leichter, sich mit Männern herumzuschlagen, als mit seiner eigenen Frau Krieg zu führen.”

      Angeblich gibt es in Jägerkreisen nicht umsonst den Spruch:

      „Lieber Kampf mit wehrhafter Sau als daheim bei zänkischer Frau!“ (HA HA HA HA HA)

      Ansonsten: treffender Artikel!

      Ich sag nur: Weiterverbreiten!

      http://frauengewalt.wordpress.com/ (Auch auf der normalen „supitollen“ Liste zu finden, aber dennoch Einzelverlinkung als besondere Empfehlung!)

      https://allesevolution.wordpress.com/2014/02/22/selbermach-samstag-lxxiii/#comment-112353

      https://allesevolution.wordpress.com/2013/04/20/selbermach-samstag-xxix/#comment-72249

      Fürchte den Bock von vorn, das Pferd von hinten und das Weib von allen Seiten!!!

  2. Es ist halt so, dass man (zumindest wenn man über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt) davon ausgeht, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse u.U. auch nicht legitim sein könnten, bzw. bei anderen so ankommen, oder auch nur missverstanden werden. Daraus ergibt sich dann eine gewisse Distanz gegenüber sich selbst, im Idealfall zumindest.

    Wenn man allerdings meint, qua Geschlecht gegenüber dem anderen Geschlecht prinzipiell im recht zu sein, stellt sich ein solcher Effekt natürlich nicht ein.

    Auf micht wirkt sowas mitunter höchst vulgär.

  3. Ich möchte meinen Punkt noch einmal durch ein Zitat unterstützen, via „Frontberichterstatter“ kommt hier ein Berliner Pirat zu Wort und zeigt, wie es als Mann ist, wenn man die feministische Deutung annimmt:

    „Dieser Zusammenhang [andere Sichtweise von Männern auf Privilegien] wurde mir auf dem #gendercamp schmerzlich bewusst, beispielsweise als im Plenum die Kinderbetreuung eingeteilt wurde. Ich wollte helfen, habe mir aber aus mangelnder Erfahrung mir nicht zugetraut, eine Schicht verantwortlich zu übernehmen. Also fragte ich die zwei (Frauen), die sich für eine Schicht haben einteilen lassen, ob ich bei ihnen ein “Praktikum” machen könne. Ich dachte, dass ich damit im Rahmen meiner (selbst empfundenen) Möglichkeit mein Möglichstes täte. Per Twitter wurde mir dann aber mitgeteilt, dass ich statt dessen auch einfach aufstehen und herausgehen hätte können, schließlich würde ich so auch wieder nur unterstreichen, dass die Reproduktionsarbeit in erster Linie Frauensache sei und ich mich als Mann nicht verantwortlich daran beteiligen wolle, evtl. denen, die sie übernommen haben, noch zur Last fallen würde.“
    http://frontberichterstatter.blogspot.de/2014/03/das-privilegienwurstchen.html

    Der Mann sagt das wohlgemerkt nicht in kritischer Absicht. Er akzeptiert diese Deutung, dass sein Hilfsangebot letztlich doch nur egoistischen Motiven folgt, wie er hier sagt:

    „Wer ohnehin schon die für Menschen, die diese nicht freiwillig machen, sondern, weil sie sonst niemand machen würde, anstrengende Arbeit macht, will dann nicht auch noch für die Leute, die sie nicht machen können, Lösungen entwickeln, sodass diese sich nicht schlecht fühlen.“

    Grandios, oder? Er glaubt seinen eigenen Motiven nicht mehr. Nein, er bot keine Hilfe an, er wollte bloß sich angesichts seines männlichen schlechten Gewissens besser fühlen11!!! .

    Ich finde, das ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine bestimmte Kultur Frauen ermächtigt und Männer beschämt.

  4. Danke!
    Ich denke aber, dass ist gar kein reines Feminismusproblem. Das kann Dir in jeder Küche und in jedem Kinderzimmer begegnen, wenn Dir einerseits Mütter vorwerfen, nichts zu machen, sie Dich andererseits nicht machen lassen, weil Du es angeblich nicht kannst.

    Das Problem dabei ist, männliches Handeln immer als defizitär zu beschreiben. Er macht es entweder falsch oder er macht es aus egoistischen Motiven.

    Der von Dir in Deinem Artikel benannte Doublebind existiert ja auch anderswo: Mann soll die Frauen nicht wegen ihres Aussehens begehren, aber Mann soll sofort merken, dass sie beim Friseur war. Das ist auch auf der Vorwurfsseite ein Widerspruch: Einerseits werfen Frauen Männern vor, sie könnten besser gucken als denken. Dann wieder empören sie sich, dass er eben nicht sieht, wenn sie anders frisiert, geschminkt oder gekleidet ist als sonst. Der Vorwurf also: Du achtest nur auf Äußeres! Du achtest gar nicht darauf, wie ich aussehe!

    Crumar hatte bei Schoppe letztens auch einen interessanten Widerspruch aufgetan: Einerseits sollen wir Frauen nicht begehren, weil das ja wieder doof ist. Andererseits sollen wir sie beachten, denn die Nichtbeachtung als sexuell begehrenswert ist auch wieder patriarchale Sünde. Beispielhaft dafür verwies er auf ein Interview mit Bascha Mika über deren aktuelles Buch über das Altern in unserer Gesellschaft. Und da hat die Mika doch glatt behauptet, dass ältere Frauen selbstverständlich erwarten könnten, von Männern wahrgenommen zu werden. Wie man es macht, ist es verkehrt…

    • „Das kann Dir in jeder Küche und in jedem Kinderzimmer begegnen, wenn Dir einerseits Mütter vorwerfen, nichts zu machen, sie Dich andererseits nicht machen lassen, weil Du es angeblich nicht kannst. “
      Stichwort: Shittest.
      Gesellschaftlich nennt man das Feminismus.

  5. nur so ganz allgemein angemerkt: die Methoden und Anregungen aus Pick-Up (Freeze-out, das „Hüten“ der eigenen Grenzen, C&F usw. usf.) funktionieren.
    Es hängt immer von dir als Mann ab, inwieweit du dir deine selbergesteckten Grenzen verletzten lässt, inwieweit du dich z.B. durch „Schmollen“ bestrafen lässt (oder ob du dich in diesem Fall einfach in die Kneipe, zum Sport oder in den Hobbyraum zurückziehst, u.ä.)

    • „Es hängt immer von dir als Mann ab, inwieweit du dir deine selbergesteckten Grenzen verletzten lässt“

      Das ist mir auf Verstandesebene vollkommen klar. Insofern übernehme ich dafür auch die Verantwortung: Wenn meine Grenzen verletzt werden, dann, weil ich sie nicht gezogen oder verteidigt habe.

      Nur sind solche Einsichten oft genug schwer zu verwirklichen im Alltagsleben. Wäre es so leicht und nur eine Frage des Begreifens einer bestimmten Beziehungslogik, hätte ich einen slchen Artikel nie geschrieben ^^

      • Nur sind solche Einsichten oft genug schwer zu verwirklichen im Alltagsleben.
        Dass das leicht wäre, habe ich ja auch nicht behauptet 😉

        Aber mit der rationalen Einsicht zeigt sich auch der Weg, den man (noch) zu gehen hat. BTW: man muss garn nicht unbedingt „kämpfen“ um seine Grenzen zu wahren. Konsequenz und Bestimmtheit, daß man diese Grenzverletzung nicht akzeptiert, reichen in den allermeisten Fällen 😉
        (Und wer sich hier an Erziehungsratgeber erinnert fühlt: das ist durchaus beabsichtigt …)

  6. LoMis Artikel beschreibt einen Teil der Ausgangslage, in der sich modern erzogenen Männer befinden, und ist daher für eine Analyse des Ist-Zustandes hervorragend geeignet. Dass LoMi etwas zurückhaltender und nachdenklicher schreibt, empfinde ich als sehr angenehm.

  7. Da bin ich ja dankbar dass ich damals in der Grundschule schon das Grimmsche Märchen vom Fischer und seiner Frau durchgenommen hatte. Bei einer Lehrerin, die, wie mir erst viel später klar wurde, sich wohl mit ihren eigenen Forderungen verbrannt hatte und uns Kindern diesen Sachverhalt rund um die Wünsche der Frauen sehr gut erklären konnte 😉

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