Umfrage zum #Aufschrei und Sexismus

Im Nachklang zum #Aufschrei (und Himmelreich und Brüderle) findet sich in der Zeit ein interessanter Bericht über die Meinung zu Sexismus gegen Männer:

Eine sehr große Mehrheit von 72 Prozent ist der Meinung , dass in der Sexismus-Diskussion die Männer zu kurz kommen, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE ergab.

Frauen sehen dies mit 75 Prozent sogar noch häufiger als Männer (68 Prozent). Bei dieser Wahrnehmung spielt das Alter der Befragten kaum eine Rolle. Es gibt also keine Anzeichen dafür, dass zum Beispiel die jüngere Generation sensibilisierter gegenüber der Situation von Männern ist.

Das ist doch ein sehr erfreulicher Ausblick (also nicht, dass sie zu kurz gekommen sind, sondern die Meinung dazu). Es lässt auch ein gewisses Potential für einen Antiradikalfeminismus erkennen, denn die Übertreibungen kamen eben gerade aus diesem Lager.

Gefragt wurde natürlich auch nach den Sexismus-Erfahrungen von Frauen. Wir wollten wissen: Leben wir in Deutschland in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen immer wieder Erfahrungen mit Sexismus machen?

Das ist schon erst einmal eine merkwürdige Frage, da sie ja eigentlich aus zwei Teilen besteht, der männlich dominierten Gesellschaft und der Frage von Sexismus gegenüber Frauen. Und dann auch noch „Erfahrungen“, also ein butterweicher Begriff. Klar werden Frauen je nach Definiton Erfahrungen mit Seximus machen. Ebenso wie Männer. Zählt man die ausgesetzte Wehrpflicht dazu, dann wäre das bei Männern sogar sehr einfach in hoher Zahl möglich. Aber auch Männer erleben Alltagssexismus, den sie aber vielleicht gar nicht als solchen bemerken. Gerade wegen dieser merkwürdigen Fragestellung ist allerdings dann die Antwort umso interessanter:

Die Deutschen sind an diesem Punkt unentschlossen. 44 Prozent sind dieser Ansicht, 47 Prozent sagen, sie können einer solchen Annahme eher nicht zustimmen. Frauen (55 Prozent) glauben deutlich eher an eine männlich dominierte Gesellschaft als Männer (33 Prozent).

Dabei ist interessant, dass Befragte im Alter von 35 bis 44 Jahren mit 38 Prozent am wenigsten daran glauben, dass die Gesellschaft männlich dominiert ist. Dabei ist dies das Alter, in dem Bürger normalerweise Karriere machen und eine Familie gegründet haben, also womöglich vermehrt Erfahrungen mit Sexismus machen.

Männer sehen sich zu einem recht großen Teil nicht in einer männerdominierten Gesellschaft (immerhin 67%) und auch bei Frauen widersprechen 45%. Allerdings sehen immerhin 55% der Frauen eine solche männlich dominierte Gesellschaft. Würde man sie auf bestimmte Punkte ansprechen, würde sich wahrscheinlich ein anderes Bild ergeben, etwa zu der Frage, wieviel Frauen in Beziehungen zu sagen haben, wie die meisten Ausgabenentscheidungen treffen oder ob sie ihre Lebensplanung in Bezug auf Aufgabenteilung in ihrer Beziehung umsetzen konnten. Hier werden viele schlicht vor Augen gehabt haben, dass Männer eher in Führungspositionen kommen, was aber wenig aussagt.

Was hat die Debatte schließlich bezüglich des eigenen Verhaltens gebracht:

udem war die heftig und emotional geführte Sexismus-Debatte des vergangenen Jahres nur für die wenigsten ein Anlass, das eigene Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu überdenken. Lediglich 24 Prozent der Befragten geben dies an. 70 Prozent sagen, sie hätten nicht über sich nachgedacht. Dabei ist der Anteil unter Frauen (71 Prozent) und Männern (70 Prozent) fast gleich hoch.

Also immerhin 1/4 der Befragten und auch wohl ca. 1/4 der Männer gaben an, dass sie ihr eigenes Verhalten überdenken wollten. Das ist gar nicht mal so wenig, es wäre interessant in welche Richtung: Wollen sie vorsichtiger mit Äußerungen sein, damit sie zB Frauen respektvoller behandeln oder wollen sie vorsichtiger sein, weil ihnen bewußt geworden ist, dass so etwas gefährlich sein kann und sie es insofern nur  noch bei Frauen verwenden, deren Reaktion sie einschätzen können?

Partnerwahl: „Am Ende bekomme halt keiner, was er will“

Auf dem Blog „Modeste“ geht es um die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit in der Partnerwahl und die sich daraus ergebenden Spannungen. Die Frau würde zwar auf einen bestimmten Typ stehen, aber häufig mit einem anderen zusammen kommen:

“Es liegt also nicht an der Gesellschaft?”, frage ich nach und kratze den letzten Rest Joghurt aus meiner Schüssel. “Ah, was.”, kommt es postwendend zurück. Man wolle es ja gar nicht anders. Denn mit einem männlich-wagemutigen Draufgänger, einem Porschefahrer und Herrenreiter etwa, könne man doch faktisch gar nichts anfangen. Würde der Porschefahrer mit einem Babybjörn durch den Volkspark laufen und mittels einer Arbeitszeitverkürzung auf 80% pünktlich seinen Nachwuchs aus der Kita holen? Wäre der hemmungslose Tänzer und Küsser bereit, jeden zweiten Samstag einzukaufen und regelmäßig seine Schwiegermutter von Charlottenburg nach Mitte zum Arzt zu bringen, weil seine Freundin am Dienstag regelmäßig einen Abendtermin hat und das deswegen nicht schafft? Erfahrungsgemäß lassen die Helden der Nacht einen tagsüber ja nicht einmal ausreden und hören überdies selten zu

Hier könnte man die Unterschiede zwischen der sexuell ansprechenden und aufregenden Kurzzeitstrategie und der häufig etwas weniger anregenden, dafür aber mit mehr Wohlfühlpotential ausgestalteten Langzeitstrategie sprechen. Natürlich können beide Strategien teilweise in einer Person zusammenfallen, aber daraus resultiert eben ein hoher Partnerwert, der sehr begehrt ist, so dass die meisten Leute Kompromisse machen müssen.  Interessant wäre eben auch, dass der Porschefahrer einen gewissen Teil seines Reizes verlieren kann, wenn er zu bodenständig wird, den Porsche nicht mehr hält, weil er unpraktisch ist und auch zu teuer etc.

Das Fazit im Blog:

Was der K. vorbringt, so will mir scheinen, hat wenig mit den in dem Artikel angesprochenen jüngeren Veränderungen im Verhaltensmuster des europäischen Mannes, sondern mehr mit einer grundsätzlichen Abweichung von erotischem Wunsch und alltäglicher Brauchbarkeit zu tun.

Ich würde es als Abwägung zwischen verschiedenen Strategien sehen, die aber eine gewisse Überschneidung mit Brauchbarkeit und Alltagsfähigkeit haben.

Feministische Fehlschlüsse: Kritik am Feminismus ist keine Kritik an Frauen

Leser David stellt einen häufigen feministischen Fehlschluß bzw. eine beliebte Diskursstrategie im Feminismus dar, nach dem Kritik an feministischen Theorien als Kritik an Frauen umgedeutet wird:

Zur Debatte um Rauchen in der Schwangerschaft schrieb er auf einen Kommentar hin:

Typische feminist fallacy: Kritik am Feminismus ist Kritik an Frauen.

Die allerwenigsten Frauen betrifft das. Frauen sind die größten Gegner von verantwortlungslosem und kindsschädigendem Verhalten

Aber für Feministinnen sind ungeborene Kinder nun mal nicht mehr als Zellhaufen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Während die Mutter natürlich während der Schwangerschaft ganz ganz besonderem Schutz bedarf. Sie ist schließlich schwanger. Nicht der Zellhaufen.

Es ist sozusagen das Gegenstück zu „wenn du für Gleichberechtigung bist, dann bist du Feministin„. Bei beiden wird versucht die Interessen der Frauen deckungsgleich mit den Forderungen des Feminismus darzustellen.

Beides kann aber, wie das Beispiel zeigt, stark voneinander abweichen und wird es auch häufig tun, denn viele Frauen halten ebenfalls nichts von den extremen Gendertheorien und haben ein weit geringeres Feindbild gegenüber Männern als es die Gendertheorien mit ihrem Vorwurf der Rape Culture und der patriarchischen Unterdrückung verlangen.

Alkohol während der Schwangerschaft

Von Alkohol in der Schwangerschaft wird grundsätzlich abgeraten, wobei das gelegentliche Glas unschädlich sein soll.

In dem Artikel in der Wikipedia, bei dem ich aber nicht beurteilen kann, wie neutral dieser ist, wird allgemein vor Gefahren gewarnt:

Die einzig wirksame Vermeidung von alkoholbedingten Schädigungen des ungeborenen Kindes ist der vollständige und konsequente Verzicht auf den Konsum von Alkohol durch die Schwangere während der gesamten Dauer der Gestation. Die größte Schwierigkeit jedes Präventionsansatzes besteht darin, dass viele Frauen sich der Risiken des Alkoholkonsums mit den möglichen Konsequenzen für das Kind nicht bewusst sind oder die Risiken unterschätzt werden.

In der Schwangerenbetreuung sollte es daher Standard sein, auf die möglichen Risiken hinzuweisen und Frauen zum verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol nachdrücklich anzuhalten. Auch die routinemäßige Abklärung, ob bei einer Schwangeren ein problematisches Konsumverhalten vorliegt oder von einer zu leichtfertigen Einstellung ausgegangen werden muss, kann Teil der Vorsorge sein. Die Unterstützung oder Kooperation mit einer spezialisierten Beratungsstelle kann hilfreich sein. Ein breit angelegtes Präventionsprogramm ist beispielsweise die in 25 amerikanischen Bundesstaaten durchgeführte Nurse-Family Partnership, die eine über die Schwangerschaft hinausgehende zweijährige Betreuung anbietet.

Während zunehmend mehr Gynäkologen dies gewissenhaft tun und zum Verzicht auf Alkohol in Schwangerschaft und Stillzeit raten und motivieren, wird jedoch insbesondere der Gelegenheitskonsum nach wie vor auch von Ärzten häufig verharmlost. Nicht selten wird im Gegenteil sogar zum gelegentlichen Trinken ermuntert („Gut für den Blutdruck“, „Hilft zur Entspannung“). Potentielle Beeinträchtigungen werden oft unterschätzt, bagatellisiert oder mögliche Risiken gänzlich geleugnet, während eine sichere Grenze, in Ermangelung derselben, nicht genannt werden kann.

Hartnäckig hält sich auch dadurch das gesellschaftliche Vorurteil, dass nur Kinder von alkoholkranken Frauen Schäden davontragen, obwohl das in dieser Ausschließlichkeit nicht zutreffend ist. So geht es im primärpräventiven Bemühen darum, Alkoholkonsum als potentiell stets fruchtschädigendes Verhalten zu benennen, ein gesamtgesellschaftliches Problembewusstsein zu schaffen und es Frauen dadurch zu erleichtern, in der Schwangerschaft und Stillzeit bewusst und vor allem gesellschaftlich akzeptiert und unterstützt auf Alkohol zu verzichten. In diesem Punkt kommt insbesondere die Verantwortung der Kindsväter zum Tragen

Eine befreundete Frauenärztin sagte neulich, dass man ruhig ein Glas pro Woche trinken könne, aber man sollte natürlich sehr vorsichtig sein. Das scheint mir auch so im allgemeinen der Konsens zu sein, wobei die meisten wohl die Auffassung vertreten, dass man in diesem Bereich kein Risiko eingeht, sondern lieber ganz verzichtet, weil es auf das eine Glas dann auch nicht ankommt. Die Schwangere befindet sich eben in einer besonderen Situation, in der sie durch ihr Verhalten ganz maßgeblich die Zukunft eines Menschen entscheiden kann.

Allgemein ist insoweit aus meiner Erfahrung die Tendenz der Frauen dahingehend, dass man gar nichts trinkt. Das geht so weit, dass es bei einem paar im passenden Alter und passender Lebenssituation geradezu verräterisch ist, wenn sie keinen Alkohol trinkt und man dann eigentlich nicht mehr viel sagen muss, zumindest wenn sie vorher keinen Alkohol getrunken hat.

Interessant finde ich nun, dass die Mädchenmannschaft in einem Artikel diesen Konflikt zwischen Rücksicht auf das Kind nehmen und Eigenständigkeit der Mutter hoch halten zumindest im Zweifel, wenn auch im moderaten Maße, zugunsten der Mutter lösen will:

Es wird dabei darauf abgestellt, dass eine Studie sogar gewisse positive Effekte ergeben hat: Kinder von Frauen, die in der Schwangerschaft kleine Mengen von Alkohol konsumierten, waren im Alter von sieben Jahren emotional besser entwickelt waren und zeigten ein besseres Sozialverhalten als Kinder von Frauen, die als Schwangere gar nicht getrunken hatten.

Dazu dann:

Mütter und ganz besonders Schwangere müssen strengen Regeln folgen. Diese Regeln werden gern mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Untersuchungen ‘belegt’, über die sich Mütter natürlich ebenfalls informieren müssen. Sie sollen lesen und Rat suchen, sie sollen Studien studieren, sie sollen wissen, welche Babynahrung und -kleidung am gesündesten ist, dass Stillen das Beste ist, welcher Kindersitz der sicherste und welcher Erziehungsstil am entwicklungsförderndsten. Dieser Glaube an die Wissenschaft und die Forderung nach der belesenen Mutter scheint aber eine Grenze zu haben: Wissen, das das Befolgen strenger Regeln in Frage stellt. Sobald es Anzeichen gibt, dass die Mutter sich etwas entspannen könnte, dass sie sich nicht komplett für das Wohl ihres Kindes zurücknehmen muss, gilt dieses Wissen als falsch und gefährlich. Denn: Verbote sind eben Verbote.

Nun ist es natürlich so, dass man die genauen Ursachen schlicht nicht kennt: Menschen, die sehr gesellig sind, trinken vielleicht eher etwas und haben zudem aufgrund der Weitergabe ihrer Gene dann auch entsprechende Kinder. Der Alkohol könnte insoweit keinen Effekt haben. Es könnte aber dennoch einer der Effekte aus anderen Studien eintreten, die eher auf Gefahren hinweisen.

Insoweit ist es verständlich, wenn allgemein eher zu Vorsicht geraten wird, denn die Folgen einer Schädigung sind ernster als die positiven Folgen. Natürlich kann man kritisieren, dass viele das zu eng sehen, aber eine Schwangere mit einem Glas Alkohol in der Hand führt eben auch dazu, dass man nicht weiß, wie genau sie ihr Trinkverhalten einschränkt, ebenso wie bei einer Schwangeren mit einer Zigarette in der Hand. Die Schwangere vertraut insofern auf eine sehr unsichere Faktenbasis, die evtl ihr Kind schädigt.

Hier scheint die Mädchenmannschaftautorin eine gewisse Deutuungshoheit der Mutter zu sehen, die aber ja die Folgen ebenso wenig überblicken kann, wie andere Personen.

Das Ganze wird dann noch mit der Privilegientheorie vermischt:

Und komischer Weise sind es gerade “die am besten informierten und sozial integrierten Mütter” beziehungsweise die ”am besten ausgebildeten Teilnehmerinnen der Studie”, die zugeben, Alkohol in der Schwangerschaft zu trinken. Warum? Weil sie ihre Schlüsse aus den vorliegenden Informationen ziehen? Oder weil sie sich in einer priveligierteren Position befinden als weniger gut ausgebildete und marginalisierte Mütter, deren Erziehungskompetenzen schon beim kleinsten Fehltritt angezweifelt werden? Schließlich ist es für Frauen, deren Mutterschaft sozial erwünscht ist, sehr viel leichter gegen Normen zu verstoßen oder solche Verstöße zuzugeben. Aber nein, das sind nicht die Gründe, die der Artikel nennt. Die best informierten Mütter trinken gelegentlich Alkohol, denn sie sind nicht “unabhängig genug, um ihren Lebensstil in der Schwangerschaft zu ändern.” Aha.

Hier also wieder das Bild der unterdrückten Mutter, die nicht privilegiert genug ist um Alkohol zu trinken. Naja.

Die Schlußfolgerung:

Es könnte eine neue Aufgabe für das Gesundheitssystem sein, Mütter darin zu bestärken, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen – wenigstens neun Monate lang.” Aber … vielleicht nehmen Schwangere ihre Interessen ja auch teilweise einfach schon wahr indem sie, selten und in Maßen, mitunter Alkohol trinken? Könnte das nicht gar ein Zeichen von Unabhängigkeit sein?

Die eigenen Interessen der Mutter stehen meiner Meinung nach durchaus in einem Konflikt, indem die Interessen des Kindes höher zu bewerten sind und man bei Alkohol besonders vorsichtig sein muss. Die Interessen der Mutter an etwas Alkohol sind geringer als die Interessen des Kindes an einem ungeschädigten Aufwachsen. Eine Interessenstärkung der Mutter erscheint mir da merkwürdig.

Immerhin ist es ein Artikel, der auch kritische Kommentare zuläßt, so heißt es dort:

Ich hab zwei Punkte zu dem Artikel: 1) Studien und FAS Organisationen betonen immer wieder, dass es nicht möglich ist eine Schwellendosis für Alkoholkonsum festzulegen! Die Aussage des Artikls, dass moderater Alkoholkonsum unschädlich ist, ist daher einfach falsch. Sie ist durch das komplexe Krankheitsbild nicht zu belegen und es wird in der Literatur die ich kenne immer wieder darauf hingewiesen, dass je nach Phase der Schwangerschaft auch kleinste Menge zu Symptomen beim Kind führen können. 2.) Das sollte jedoch keinswegs das alleinige Recht der Schwangeren auf Selbstbestimmung über ihren Körper einschränken. Ich sehe auch, dass Diskussionen über “richtiges” Verhalten in der Schwangerschaft durch sexistische und klassistische Strukturen geprägt ist. Und ja, ich halte es auch für notwendig, das zu problematisieren, wie es der Artikel tut. Ich finde es aber notwendig, obwohl Alkoholkonsum immer ein Risiko für das Kind ist; und nicht notwendig oder sinnvoll, dieses Risiko einfach zu verleugnen um damit das Recht jeder Frau über ihren Körper zu bestimmen zu belegen. Ich denke, es geht auch beides zusammen.

Das scheint mir eine vernünftigere Einschätzung.

Schönheit und Attraktivität sind eine Folge von Adaptionen zur bestmöglichen Partnerwahl (David Buss)

Leser Roslin weist auf einen interessanten Text von David Buss hin

For most of the past century, mainstream social scientists have assumed that attractiveness is superficial, arbitrary, and infinitely variable across cultures. Many still cling to these views. Their appeal has many motivations.

  • First, beauty is undemocratically distributed, a violation of the belief that we are all created equal.
  • Second, if physical desirability is superficial („you can’t judge a book by its cover“), its importance can be denigrated and dismissed, taking a back seat to deeper and more meaningful qualities.
  • Third, if standards of beauty are arbitrary and infinitely variable, they can be easily changed.

Da hat er aus meiner Sicht die Motivationen dafür, dass Schönheit rein subjektiv und sozial bedingt sein soll gut zusammengefasst. Deswegen kann eben auch „Schönheit“ ein Privileg sein, weil man „rein zufällig“ mit dem gerade herrschenden sozial konstruierten Schönheitsideal übereinstimmt. Zudem ist Schönheit als fester Faktor eben auch eine Form intrasexueller Konkurrenz, die man dann ebenfalls gerne ausschaltet, wenn man sie nicht erreichen kann oder dies anstrengend findet. Zudem ist eben Schönheit auch etwas, was viele eher einer Kurzzeitstrategie und dem sexuellen zuordnen und damit eher abwerten, wenn sie Langzeitkriterien wie Bindung, Vertrauen etc betont wissen wollen. Zudem ist ein Teil vielleicht einfach auch Unverständnis gegenüber der stärkeren Gewichtung dieses Kriterium durch Männer bei Frauen als es andersherum für Frauen eine Rolle spielt.

Two movements in the 20th century seemed to lend scientific support for these views.

  • The first was behaviorism. If the content of human character was built through experienced contingencies of reinforcement during development, those contingencies must have created standards of attractiveness.
  • The second was seemingly astonishing ethnographic discoveries of cross-cultural variability in attractiveness. If the Maori in New Zealand found particular types of lip tattoos attractive and the Yanomamo of the Amazon rain forest prized nose or cheek piercings, then surely all other beauty standards must be similarly arbitrary.

Es ist eigentlich eine interessante Frage, wie Behaviorismus und Feminismus zusammenspielen. Beide gehen von einer sehr starken gesellschaftlichen bzw. sozialen Konstruktion des Menschen aus. Dem Behaviorismus fehlt wohl die Einordnung in eine gesellschaftliche Unterdrückungstheorie, in der Machtstrukturen abgesichert werden.

Gerade in der Erforschung der kulturellen Unterschiede wurde wohl auch viel auf die Unterschiede abgestellt und die Besonderheiten der Gemeinsamkeiten nicht hinreichend beachtet. Hinzu kommt, dass viele kulturelle Ausschmückungen auch Ausformungen von Status oder kostspielige Signale (Costly Signals) sind. Wer zB teure Ringe leisten kann oder wessen Tattoos die Geschichten großer Taten erzählten, der konnte eben darüber Status gewinnen. Wer über Männlichkeitsrituale deutlich machen konnte, dass er mutig und stark ist und in den Kreis der Männer (oder der Frauen) aufgenommen ist, der gewinnt eben darüber an Attraktivität. Hinzu kommen Übertreibungen bestimmter Schönheitsmerkmale, etwa Überlange Hälse, kleine Füsse, Kleidung, die einen zB über Federschmuck größer oder die Schulter breiter macht.

The resurgence of sexual selection theory in evolutionary biology, and specifically the importance of preferential mate choice, created powerful reasons to question the theoretical position long held by social scientists. We now know that in species with preferential mate choice, from scorpionflies to peacocks to elephant seals, physical appearance typically matters greatly. It conveys critical reproductively valuable qualities such as health, fertility, dominance, and ‚good genes.‘ Are humans a bizarre exception to all other sexually reproducing species?

In der Tat handelt es sich um einen enorm tiefen Einschnitt bis vorteilhafte Schemata für eine Partnerschaft wegfallen können. Gerade durch sexuelle Selektion entstandene Partnerwahl ist bis zu einem gewissen Grad ein sich selbst stützender Prozess: Wer Partner wählt, die nicht dem Schema der anderen entsprechen, der bekommt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Kinder, die nicht dem Schema der anderen entsprechen und daher mit geringerer Wahrscheinlichkeit selbst einen guten Partner bekommen. Eine Änderung lohnt sich also nur, wenn dadurch eine Partnerwahl sichergestellt wird, die diesen Nachteil durch andere Vorteile ausgleicht. Das ist aber bei einer freien Wahl nicht der Fall, im Gegenteil, diese ist hoch gefährlich. Denn es kann sich eben ein kultureller Trend festsetzen, der auf eine geringere Fruchtbarkeit abzielt (sagen wir mal breite Schultern oder Schnurbärte bei Frauen). Ich kann mir eine positive Selektion darauf, dass Schönheit vollkommen frei gegeben wird, schlichtweg nicht vorstellen. Sie wäre wohl immer nachteilhaft.

Evolutionary theorizing, long antedating the hundreds of empirical studies on the topic, suggested that we were not. In mate selection, Job One, as someone in business might say, is the successful selection of a fertile partner. Those who failed to find fertile mates left no descendants. Everyone alive today is the product of a long and literally unbroken line of ancestors who succeeded. If any had failed at the critical task, we would not be here today. As evolutionary success stories, each modern human has inherited the mate preferences of their successful ancestors.

Hier führt es Buss auch noch einmal kurz aus: Alle Menschen, die heute leben, sind Nachkommen von Menschen, die einen fruchtbaren Partner gefunden haben, und das seit vielen Generationen. Wer eine falsche Entscheidung getroffen hat, der hat dann eben keine Nachkommen gehabt. Gene, die dazu führen, dass man eine richtige Entscheidung trifft, reichern sich daher schnell im Genpool an. Partnerwahl ist nicht irgendetwas nebensächliches innerhalb von Selektionsvorgängen, es ist einer der Vorgänge bei dem sehr schnell eine positive Selektion auf ein bestimmtes Merkmal hin eintreten kann. Gene von jemanden, der sich nicht fortpflanzt, können nicht in die nächste Generation kommne.

Cues recurrently observable to our ancestors that were reliably, statistically, probabilistically correlated with fertility, according to this theory, should become part of our evolved standards of beauty. In both genders, these include cues to health—symmetrical features and absence of sores and lesions, for example.

Man muss sich in der Tat bewusst machen, dass körperliche Schönheit erst einmal eine Sammlung wichtiger Hinweise ist, die etwas über die Vorteile, diese Person zu wählen aussagen. Sie nicht zu verwerten, sondern sich rein kulturell festgelegten Regeln anzuvertrauen bedeutet einen enormen Wissenschatz ungenutzt zu lassen. Im Endeffekt werden bestimmte am Körper ablesbare Informationen verwertet und stark vereinfacht in einen Partnerwert umgewandelt, der dann als Gefühl, dass diese Person als Partner interessant ist, ausgegeben wird. Dabei gibt es Informationen, die für beide Geschlechter wichtig sind, und Informationen, die für ein Geschlecht wichtiger sind als das andere. Symmetrie beispielsweise verrät, dass der Bauplan sauber umgesetzt worden ist, weswegen es kein Zufall ist, dass starke Attraktivivätsmerkmale wie zB die weibliche Brust aber auch das Gesicht und der übrige Körper doppelt bzw. gespiegelt angelegt sind.

Since fertility is sharply age-graded in women, more so than in men, cues to youth should figure prominently in gender-specific standards of attractiveness. Clear skin, full lips, an unclouded sclera, feminine estrogen-dependent features, a low waist-to-hip ratio, and many other cues to female fertility are now known to be pieces of the puzzle of universal standards of female beauty.

Fruchtbarkeit ist ein wichtiges Kriterium, es bringt eben zur Weitergabe der Gene wenig viele Ressourcen in eine nichtfruchtbare Selektion zu stecken. Da diese im starken Maße alterabhängig ist und Menschen zudem in einer Paarbindung leben, wird das Alter bei Frauen ein noch wichtigerer Faktor. Dazu kommen Merkmale, die auf einen hohen Anteil von Östrogen hinweisen, da auch dies die Fruchtbarkeit erhöht.

Women’s evolved standards of male attractiveness are more complex. Masculine features, hypothesized to signal healthy immune functioning in men, are viewed as attractive more by women seeking short-term than long-term mates, more when women are ovulating than when in the luteal phase of their menstrual cycle, and more by women higher in mate value, perhaps because of their ability to attract and control such men. Women’s judgments of men’s attractiveness are more dependent on multiple contexts—cues to social status, the attention structure, positive interactions with babies, being seen with attractive women, and many others. The greater complexity and variability of what women find attractive in men is reflected in another key empirical finding—there is far less consensus among women about which men are attractive than among men about which women are attractive.

Das enthält neben dem hier schon oft besprochenen Umstand, dass Status Männer attraktiv macht einige interessante Passagen. Buss stellt darauf ab, dass Frauen mit einem hohen Partnerwert und solche, die in der fruchtbaren Phase sind, eher auf Kurzzeitstrategien bei Männern achten, also mehr auf das, was man im Pikcup unter Attraction zusammen fasst. Dann nennt er auch einige soziale Komponenten der weiblichen Partnerwahl, wie eben den sozialen Status, die „Aufmerksamkeitsstruktur„, also die Frage, wer aus der Gruppe die meiste Aufmerksamkeit bekommt, auf wen die anderen reagieren, sprich in gewisser Weise die soziale Hierarchie der Gruppe („Leader of Men„), die Frage, wie man auf Kinder reagiert und mit ihnen umgeht als Basis für „gesunde Gefühle“ („Willing to emote, protector of loved ones„) und wie andere Frauen einen bewerten („preselected by other Women„) (hier sieht man mal wieder, dass Pickup und Evolutionäre Psychologie teilweise zu gleichen Ergebnissen gekommen sind).

The theory that ‚beauty is in the eyes of the beholder‘ in the sense of being superficial, arbitrary, and infinitely culturally variable can safely be discarded. I regard it as one of the ‚great myths‘ perpetrated by social scientists in the 20th century. Its scientific replacement—that beauty is ‚in the adaptations of the beholder‘ as anthropologist Donald Symons phrases it—continues to be disturbing to some. It violates some of our most cherished beliefs and values. But then so did the notion that the earth was not flat or the center of the universe.

Wenn man versteht, was sexuelle Selektion ist und warum sie so wichtig ist und welche enorme Bedeutung Fortpflanzung und Partnerwahl innerhalb der Evolution haben, dann erscheint einem der Gedanke, dass Schönheit rein kulturell sein kann, sehr abwegig. Es ist dann eine geradezu bizarre Annahme, dass gerade wir Menschen erst die biologischen Regeln der Partnerwahl abgelegt haben sollen um sie dann durch kulturelle Regeln, die ziemlich genau dem entsprechen, was unsere biologischen Regeln vorgegeben haben müssten, wenn man uns mit unseren Verwandten vergleicht und unsere Situation bei der Partnerwahl spieltheoretisch auschlüsselt. Die Probleme, die damit verbunden wären, eine rein freie, kulturell bestimmte Partnerwahl zu entwickeln und dann durchzuführen wären enorm, eine solche Theorie ist abseits der bloßen Behauptung kaum zu begründen oder logisch darzustellen (wie soll die Selektion gegen die biologischen Regeln erfolgt sein, die wir unstreitig einmal hatten? Wie wurde eine absolute Auseinanderzüchtung der Menschen aufgrund der kulturellen Zuchtprogramme vermieden (wenn eine rein kulturelle Zucht betrieben wird, dann kommt man fast automatisch zu vielen sehr unterschiedlichen Rassen wie bei Hunden). Warum verhalten wir uns noch genauso als würden wir diesen Regeln folgen?). Sprich: Wenn man sich etwas mit biologischen Modellen beschäftigt, dann erkennt man erst, wie unlogisch die rein kulturellen Theorien sind.

Dass die biologischen Theorien dafür aus anderen Gesichtspunkten eine komische Vorstellung sein, etwa weil sie uns ungerecht erscheinen oder weil sie Vorstellungen von Gleichheit und höheren Kriterien der Partnerwahl entwerten (die letztendlich nur höher erscheinen, weil sie für ein in Paarbindung lebendes Wesen eher ein Kooperationsmodell mit der Bündelung der Arbeitsleistung bilden) und weil uns der Gedanke nicht gefällt, dass so ein emotionaler Vorgang recht trockenen Selektionen gefolgt ist, die den Vorgang entzaubern, sollte uns nicht daran hindern, uns diesen Theorien logisch zu nähren.