Alkohol während der Schwangerschaft

Von Alkohol in der Schwangerschaft wird grundsätzlich abgeraten, wobei das gelegentliche Glas unschädlich sein soll.

In dem Artikel in der Wikipedia, bei dem ich aber nicht beurteilen kann, wie neutral dieser ist, wird allgemein vor Gefahren gewarnt:

Die einzig wirksame Vermeidung von alkoholbedingten Schädigungen des ungeborenen Kindes ist der vollständige und konsequente Verzicht auf den Konsum von Alkohol durch die Schwangere während der gesamten Dauer der Gestation. Die größte Schwierigkeit jedes Präventionsansatzes besteht darin, dass viele Frauen sich der Risiken des Alkoholkonsums mit den möglichen Konsequenzen für das Kind nicht bewusst sind oder die Risiken unterschätzt werden.

In der Schwangerenbetreuung sollte es daher Standard sein, auf die möglichen Risiken hinzuweisen und Frauen zum verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol nachdrücklich anzuhalten. Auch die routinemäßige Abklärung, ob bei einer Schwangeren ein problematisches Konsumverhalten vorliegt oder von einer zu leichtfertigen Einstellung ausgegangen werden muss, kann Teil der Vorsorge sein. Die Unterstützung oder Kooperation mit einer spezialisierten Beratungsstelle kann hilfreich sein. Ein breit angelegtes Präventionsprogramm ist beispielsweise die in 25 amerikanischen Bundesstaaten durchgeführte Nurse-Family Partnership, die eine über die Schwangerschaft hinausgehende zweijährige Betreuung anbietet.

Während zunehmend mehr Gynäkologen dies gewissenhaft tun und zum Verzicht auf Alkohol in Schwangerschaft und Stillzeit raten und motivieren, wird jedoch insbesondere der Gelegenheitskonsum nach wie vor auch von Ärzten häufig verharmlost. Nicht selten wird im Gegenteil sogar zum gelegentlichen Trinken ermuntert („Gut für den Blutdruck“, „Hilft zur Entspannung“). Potentielle Beeinträchtigungen werden oft unterschätzt, bagatellisiert oder mögliche Risiken gänzlich geleugnet, während eine sichere Grenze, in Ermangelung derselben, nicht genannt werden kann.

Hartnäckig hält sich auch dadurch das gesellschaftliche Vorurteil, dass nur Kinder von alkoholkranken Frauen Schäden davontragen, obwohl das in dieser Ausschließlichkeit nicht zutreffend ist. So geht es im primärpräventiven Bemühen darum, Alkoholkonsum als potentiell stets fruchtschädigendes Verhalten zu benennen, ein gesamtgesellschaftliches Problembewusstsein zu schaffen und es Frauen dadurch zu erleichtern, in der Schwangerschaft und Stillzeit bewusst und vor allem gesellschaftlich akzeptiert und unterstützt auf Alkohol zu verzichten. In diesem Punkt kommt insbesondere die Verantwortung der Kindsväter zum Tragen

Eine befreundete Frauenärztin sagte neulich, dass man ruhig ein Glas pro Woche trinken könne, aber man sollte natürlich sehr vorsichtig sein. Das scheint mir auch so im allgemeinen der Konsens zu sein, wobei die meisten wohl die Auffassung vertreten, dass man in diesem Bereich kein Risiko eingeht, sondern lieber ganz verzichtet, weil es auf das eine Glas dann auch nicht ankommt. Die Schwangere befindet sich eben in einer besonderen Situation, in der sie durch ihr Verhalten ganz maßgeblich die Zukunft eines Menschen entscheiden kann.

Allgemein ist insoweit aus meiner Erfahrung die Tendenz der Frauen dahingehend, dass man gar nichts trinkt. Das geht so weit, dass es bei einem paar im passenden Alter und passender Lebenssituation geradezu verräterisch ist, wenn sie keinen Alkohol trinkt und man dann eigentlich nicht mehr viel sagen muss, zumindest wenn sie vorher keinen Alkohol getrunken hat.

Interessant finde ich nun, dass die Mädchenmannschaft in einem Artikel diesen Konflikt zwischen Rücksicht auf das Kind nehmen und Eigenständigkeit der Mutter hoch halten zumindest im Zweifel, wenn auch im moderaten Maße, zugunsten der Mutter lösen will:

Es wird dabei darauf abgestellt, dass eine Studie sogar gewisse positive Effekte ergeben hat: Kinder von Frauen, die in der Schwangerschaft kleine Mengen von Alkohol konsumierten, waren im Alter von sieben Jahren emotional besser entwickelt waren und zeigten ein besseres Sozialverhalten als Kinder von Frauen, die als Schwangere gar nicht getrunken hatten.

Dazu dann:

Mütter und ganz besonders Schwangere müssen strengen Regeln folgen. Diese Regeln werden gern mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Untersuchungen ‘belegt’, über die sich Mütter natürlich ebenfalls informieren müssen. Sie sollen lesen und Rat suchen, sie sollen Studien studieren, sie sollen wissen, welche Babynahrung und -kleidung am gesündesten ist, dass Stillen das Beste ist, welcher Kindersitz der sicherste und welcher Erziehungsstil am entwicklungsförderndsten. Dieser Glaube an die Wissenschaft und die Forderung nach der belesenen Mutter scheint aber eine Grenze zu haben: Wissen, das das Befolgen strenger Regeln in Frage stellt. Sobald es Anzeichen gibt, dass die Mutter sich etwas entspannen könnte, dass sie sich nicht komplett für das Wohl ihres Kindes zurücknehmen muss, gilt dieses Wissen als falsch und gefährlich. Denn: Verbote sind eben Verbote.

Nun ist es natürlich so, dass man die genauen Ursachen schlicht nicht kennt: Menschen, die sehr gesellig sind, trinken vielleicht eher etwas und haben zudem aufgrund der Weitergabe ihrer Gene dann auch entsprechende Kinder. Der Alkohol könnte insoweit keinen Effekt haben. Es könnte aber dennoch einer der Effekte aus anderen Studien eintreten, die eher auf Gefahren hinweisen.

Insoweit ist es verständlich, wenn allgemein eher zu Vorsicht geraten wird, denn die Folgen einer Schädigung sind ernster als die positiven Folgen. Natürlich kann man kritisieren, dass viele das zu eng sehen, aber eine Schwangere mit einem Glas Alkohol in der Hand führt eben auch dazu, dass man nicht weiß, wie genau sie ihr Trinkverhalten einschränkt, ebenso wie bei einer Schwangeren mit einer Zigarette in der Hand. Die Schwangere vertraut insofern auf eine sehr unsichere Faktenbasis, die evtl ihr Kind schädigt.

Hier scheint die Mädchenmannschaftautorin eine gewisse Deutuungshoheit der Mutter zu sehen, die aber ja die Folgen ebenso wenig überblicken kann, wie andere Personen.

Das Ganze wird dann noch mit der Privilegientheorie vermischt:

Und komischer Weise sind es gerade “die am besten informierten und sozial integrierten Mütter” beziehungsweise die ”am besten ausgebildeten Teilnehmerinnen der Studie”, die zugeben, Alkohol in der Schwangerschaft zu trinken. Warum? Weil sie ihre Schlüsse aus den vorliegenden Informationen ziehen? Oder weil sie sich in einer priveligierteren Position befinden als weniger gut ausgebildete und marginalisierte Mütter, deren Erziehungskompetenzen schon beim kleinsten Fehltritt angezweifelt werden? Schließlich ist es für Frauen, deren Mutterschaft sozial erwünscht ist, sehr viel leichter gegen Normen zu verstoßen oder solche Verstöße zuzugeben. Aber nein, das sind nicht die Gründe, die der Artikel nennt. Die best informierten Mütter trinken gelegentlich Alkohol, denn sie sind nicht “unabhängig genug, um ihren Lebensstil in der Schwangerschaft zu ändern.” Aha.

Hier also wieder das Bild der unterdrückten Mutter, die nicht privilegiert genug ist um Alkohol zu trinken. Naja.

Die Schlußfolgerung:

Es könnte eine neue Aufgabe für das Gesundheitssystem sein, Mütter darin zu bestärken, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen – wenigstens neun Monate lang.” Aber … vielleicht nehmen Schwangere ihre Interessen ja auch teilweise einfach schon wahr indem sie, selten und in Maßen, mitunter Alkohol trinken? Könnte das nicht gar ein Zeichen von Unabhängigkeit sein?

Die eigenen Interessen der Mutter stehen meiner Meinung nach durchaus in einem Konflikt, indem die Interessen des Kindes höher zu bewerten sind und man bei Alkohol besonders vorsichtig sein muss. Die Interessen der Mutter an etwas Alkohol sind geringer als die Interessen des Kindes an einem ungeschädigten Aufwachsen. Eine Interessenstärkung der Mutter erscheint mir da merkwürdig.

Immerhin ist es ein Artikel, der auch kritische Kommentare zuläßt, so heißt es dort:

Ich hab zwei Punkte zu dem Artikel: 1) Studien und FAS Organisationen betonen immer wieder, dass es nicht möglich ist eine Schwellendosis für Alkoholkonsum festzulegen! Die Aussage des Artikls, dass moderater Alkoholkonsum unschädlich ist, ist daher einfach falsch. Sie ist durch das komplexe Krankheitsbild nicht zu belegen und es wird in der Literatur die ich kenne immer wieder darauf hingewiesen, dass je nach Phase der Schwangerschaft auch kleinste Menge zu Symptomen beim Kind führen können. 2.) Das sollte jedoch keinswegs das alleinige Recht der Schwangeren auf Selbstbestimmung über ihren Körper einschränken. Ich sehe auch, dass Diskussionen über “richtiges” Verhalten in der Schwangerschaft durch sexistische und klassistische Strukturen geprägt ist. Und ja, ich halte es auch für notwendig, das zu problematisieren, wie es der Artikel tut. Ich finde es aber notwendig, obwohl Alkoholkonsum immer ein Risiko für das Kind ist; und nicht notwendig oder sinnvoll, dieses Risiko einfach zu verleugnen um damit das Recht jeder Frau über ihren Körper zu bestimmen zu belegen. Ich denke, es geht auch beides zusammen.

Das scheint mir eine vernünftigere Einschätzung.