20 Gedanken zu “Rebecca Jordan-Young – Brainstorm – Fehler in der Wissenschaft von Geschlechterunterschieden

  1. Hab grad keine Stunde Zeit. Deswegen nur kurz eine Rezension auf Amazon:
    The first nine chapters of the book do an excellent job of outlining the current research to date. The arguments are on point, and describe the variables, both present and missing (or purposely ommited). Jordan-Young should be commended for the first nine chapters. However, Chapter 10, which I assume to be her thesis argument on the subject matter of sex difference, is flawed and strays completely from the argument outlined in the first nine chapters. Chapter 10 becomes a feminist diatribe that has lost all focus on brain organization as well as sex difference in general. Jordan-Young loses perspective and fails in the overall debate.

  2. Ich hab jetzt mal ca. 10 Minuten zwischendrin reingehört und 3 Argumentationen aufgeschnappt:

    1. die CAH-Forschung sei „abusive“ weil man die armen Mädchen ständig nach ihrer Geschlechterrolle frage und sie somit beeinflusse. Außerdem hätten manche bei der Geburt eine Art Penis und man sage den Eltern schon während der Schwangerschaft, dass ihre Töcher wohl etwas männlicher ausfallen.

    Sie glaubt also, die Persönlichkeit, das Geschlechter- bzw. nichtgeschlechtliche Verhalten dieser Kinder sei ganz wesentlich durch ein paar Fragebögen und einmalige medizinische Diagnostik bestimmt. Denn das wäre die Alternativerklärung der empirischen Befunde. Lachhaft.
    Zumal es der Forschung auf dem Gebiet einfach nicht gerecht wird, es gibt meines Wissens durchaus Studien mit Kindern die erst im Zuge der Untersuchung diagnostiziert wurden, auch Studien mit CAIS-Mädchen, deren Diagnose zuvor nicht bekannt war.

    2. Sie beklagt die Operationalisierung von Homosexualität im Tierreich. So hätten in einer Untersuchung viele der angeblich schwulen Hammel Nachwuchs gezeugt, seien also wohl eher nicht so richtig schwul. Es soll wohl darauf hinaus laufen, dass es reine Homosexualität unter Schafen doch nicht gibt und im Grunde dann wohl doch auch alle Menschen bisexuell sind und es nichts mit Gehirn, sondern nur mit Kontext zu tun hat oder so.

    Okaaaaayy.

    3. Sie gibt eine Verschwörungstheorie über die Homo-Schafsforscherindustrie zum besten, deren unglaubliche institutionelle Macht gefährdet wäre, wenn herauskommt dass die Schafe nicht so richtig schwul sind. Daher sind diese Forscher, deren Karriere von den schwulen Schafen abhängen, nicht zu einer Revision fähig.
    Da ist natürlich was dran, es ist ein grundsätzliches Problem, dass Theorien aus persönlichen, nicht erkenntnistheoretisch haltbaren Motiven gegen Evidenz verteidigt werden.
    Sie selbst braucht sich ähnliche Fragen über ihr 10-jähriges Debunking-Werk natürlich nicht gefallen lassen.

    Also es würde mich ehrlich gesagt wundern, wenn viel Substanz hinter ihrem Buch steckt.

  3. Ein weiteres Argument: file drawer problem.
    Altes Argument, aber grundsätzlich ein guter, wichtiger Ansatz, hat absolut seine Berechtigung.
    Nun könnte man meinen, sie fährt ein paar gute Beispiele auf.
    Was kommt, ist die Erzählung von einer Doktorandin, die irgendwas (?) mit Zwillingen und perinatalen Hormonspiegeln gemacht hat, bei dem nichts raus kam. Die habe erzählt, dass irgendwelche anderen Forscher bei Kongressen nebenbei erzählt hätten, sie hätten das auch nicht gefunden, und nicht publiziert.
    Klarer Fall von file drawer Problem, alles klar?

    Eingebettet ist alles in ein rührendes Underdog-Narrativ, von jungen revolutionären Forschern ohne Scheuklappen, die einen „Change“ wollen würden, mit neueren, viel besseren Designs.

  4. Sie argumentiert stark dagegen dass Geschlechtermerkmale biologisch determiniert („hard-wired“) seien. Ihr Lieblingsargument dabei ist: „It turns out …“

    Anscheinend sucht sie Forschungsergebnisse von anderen, findet eine Schwäche dabei und behauptet dann das Gegenteil. Insgesamt beklagt sie die Voreingenommenheit der Wissenschaftler in diesem Bereich.

    1) Pränatales Testosteron hat keinen Einfluss auf die sexuelle Orientierung.

    2) Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist kleiner als der Unterschied zwischen den Gruppen.

    3) Sie bemerkt dass Forscher bei Experimenten/Befragungen u.a. Personen heraussortieren, die Spielchen mit den Forschern spielen indem sie bei ihrer Geschlechtsangabe z.B. lügen. Jordan-Young meint aber, dass gerade das eine Ausprägung von Geschlecht sei.

    4) 50 % der Frauen und Männer geben bei ihren sexuellen Wünschen etwas anderes an, als sie eigentlich wollen (z.B. sexuelle Orientierung).

    5) Sie sagt es würden andere Ergebnisse herauskommen, je nachdem ob man Sexualität in hetero/homosexuell oder androphil/gynophil kategorisiert.

    6) Befragungen von intersexuellen Kindern sei Missbrauch.

    7) Das „Gaydar“ funktioniert über kulturell-determinierte Merkmale von Homosexualität.

    8) Aber sie glaubt getrennt-geschlechtliche Lehre sei besser. Sie begründet das mit dem „Stereotype-threat“: Frauen schneiden im Beisein von Männern schlechter ab.

    9) Weiße Jungen hätten keinen negativen Stereotyp. Ihr Stereotyp sein, dass sie eher in ihrem Verhalten auffallen.

    10) In der Steinzeit waren beide Geschlechter auf der Jagd.

  5. Das ist Cordelia Fine die Zweite.

    Taube-Nüsse-Picken bei der Studienauswahl, parteiiesche Interpretation usw.

    Dazu passt: In keiner ernst zu nehmenden Fachzeitschrift eine Rezension gefunden. Statt dessen überschwängliches Lob von den üblichen Verdächtigen: Gender-Queer-Studies, Lesbenverbände, linke Journale (Slate z.B.) etc.

    Dann die wirklich ärgerliche Kritik, dass ja nichts bewiesen sei. Kann auch nicht anders sein, denn zum Beweis müsste man Menschenexperimente anstellen, die sich ethisch verbieten.

    Wir haben also nur Annäherungen an die „Wahrheit“. Die aber sind auf Seiten der „Hormontheoretiker“ tausendmal substantiierter als auf seiten der Gendertheoretiker.

    An die Beweise für die Richtigkeit von deren frei flottierendem Wunschdenken legen die Jordan-Youngs und Cordelia Fines aber nie und nimmer die gleichen rigorosen Standards an, die sie bei „biologistischen“ Hypothesen zur Anwendung bringen.

    • @Roslin

      „Taube-Nüsse-Picken bei der Studienauswahl, parteiiesche Interpretation usw.“

      Was mich langsam wundert ist, daß Christian bisher keine Studien oder sonstigen Genderbeiträge vorgestellt die Hand und Fuß haben. Das sollte ihm als Verfechter eine Wissenschaftlichkeit von Gender doch leicht fallen, zumal er doch auch einen gewissen Überblick haben sollte. Auch Mutters Quellen-Beiträge zB stellen sich immer als Quatsch heraus. Eigentlich enttäuschend sowas. 🙂

      • „Eigentlich enttäuschend sowas“
        Die Enttäuschung hält sich in Grenzen ;-).

        Je mehr mitbekommen was für ein Geschwurbel von den Genderisten kommt, umso besser.

        • @Christian
          „(Christian bisher keine Studien oder sonstigen Genderbeiträge vorgestellt die Hand und Fuß haben.) Das sollte ihm als Verfechter eine Wissenschaftlichkeit von Gender doch leicht fallen

          Ja, genau das vertrete ich“

          Der Text von ddbz und Deine Antwort könnten Anlass zu Missverständnisse geben:
          1. Du vertrittst die Studien ohne Hand und Fuß?
          2. Du vertrittst die Wissenschaftlichkeit von Gender?
          3. Du vertrittst die Leichtigkeit mit der mann Gender durch eigene Beiträge widerlegen, in den Kakao ziehen kann (siehe Harald Eia), usw. ?
          4. Oder habe ich alles falsch verstanden?

        • Das ist in der Form einfach quatsch.

          Mach doch mal und widerlege. Die Frau ist ja nicht dumm.

          Sie ist halt Feministin und hat im Großen und Ganzen unrecht.
          Im kleinen punktet sie durchaus.

      • Ihr die Wissenschaftlichkeit abzusprechen ist auch falsch.
        Sie argumentiert stringent und bringt auch Ergebnisse hervor, denen die entsprechenden Autoren sich widmen werden (sollten sie zumindest).

        Dass sie nicht an neuropsychologische Geschlechtsunterschiede glaubt, ist auch keine per se unwissenschaftliche Position.
        Es ist eine alternative Theorie, die man womöglich noch 10 Jahre halten kann, bis die jetzt schon recht eindeutige Verteilung der Evidenzen sie endgültig lächerlich machen wird.

        Wenn man wirklich Vertrauen in den wissenschaftlichen Fortschritt hat, weiß man dass die Zeit hier gegen diese Leute spielt. Es sind die letzten Zuckungen des Blank Slates vor der Ära des Neuroimaging, an deren Beginn wir erst stehen.

        • @ david

          Die Lehre vom Spaghettimonster ist auch stringent. Die Wahngebäude vieler Psychotiker sind „stringent“.

          Alleine an der Empirie haperts.

          Wenn man anfängt, Gender“wissenschaften“ Wissenschaftlichkeit zuzugestehen, braucht man erst gar nicht anfangen.

          Auch die Behauptung, Geschlechtsunterschiede seien nicht neuropsychologischer Natur bedarf keiner 10 Jahre mehr, um als absurd bezeichnet werden zu dürfen.

          Ihr gesteht den Mädels zu, dass ihre Sandförmchen potentiell das Format von Nougattorten haben…dann spielt mal schön mit….

  6. 1) Pränatales Testosteron hat keinen Einfluss auf die sexuelle Orientierung.

    Wo spricht sie darüber, bzw. welche Argumente führt sie hierzu denn an?

    Wie Roslin sagt, es ist derselbe platte Skeptizismus und Relativismus wie bei Cordelia Fine, dessen eigene, offensichtliche Agenda zwischen jeder Zeile durchscheint, die aber unredlicherweise kein einziges Mal thematisiert wird. Auch Heinz-Jürgen Voss verwendet mitunter dieselben Argumente in seinem durch und durch schwachsinnigen Werk.

    Studiendesigns haben alle ihre Schwächen, Interpretationen von Daten sind nie der Weisheit letzter Schluss. Soweit so gut. Diese Gendertrulla durchforstet Studien bis hin zum Paarungsverhalten von Homo-Hammeln, um irgendwo Erklärungslücken, kleine Designfehler oder vorschnelle Schlüsse zu „entlarven“, die wohl oftmals schon von den Autoren selbst als Validitätseinschränkungen genannt worden sind.

    Das Problem ist, dass den weniger hellen Köpfen durch diese „it turns out“ -Rhetorik suggeriert wird, ihre trivialen Ergebnisse seien in der Lage, gendertheoretische Erklärungen für all diese „biologistischen“ Phänomene zu liefern. Was natürlich nicht mal ansatzweise der Fall ist.

    • @ David

      Dass Frau Jordan-Young eine Agenda verfolgt (nix da mit sine ira et studio), erklärt sie offenbar ganz offen in einem Gespräch mit einer Reporterin der Jerusalem Post (in Jerusalem war sie auf Einladung des dortigen Gender-Studies-Department zu einem Vortrag, habe noch nie gehört, dass solche Departments Simon Baron-Cohen oder Steven Pinker zu Vorträgen geladen hätten, aber Leute wie Fine oder Jordan-Young werden herumgereicht, weltweit) in diesem Interview ganz offen:

      *When doing epidemiological interviews, she found to her surprise [wirklich erstaunlich, dass sie das überrascht], that slightly changing questions and revising optional answers, caused results to differ greatly. Thus she began to question the massive number of studies on which brain organization theory was based, and decided to disprove their widely accepted conclusions.*

      Sie entschied also, die weithin akzeptierten Schlussfolgerungen der „Hormonforscher“ zu widerlegen.

      Sie weiß also von vorneherein, dass nur falsch sein kann, was ihr offenbar ganz persönlich nicht behagt.

      *“In this book, I don’t give solutions. In science, one must first get misleading answers out of the way. I don’t know what makes some people outgoing and other people shy, what makes some love art or music. There are all kinds of complex characteristics and predispositions that probably have biological components, but not are not simple. [Strohmannaufbau: Als ob das den „Biologisten nicht bewusst wäre!].

      Men have more testosterone than women – many people are surprised to hear that women have any at all – but receptors are involved, points out the researcher. “And these are not necessarily evenly distributed in the body. There is much overlapping between men and women, and variability among different women and among different men may be greater than between the sexes on average.*

      Dieses Verschleierungsmantra darf natürlich auch nicht fehlen: Als ob das biologisch disponierte Geschlechtsunterschiede widerlegte.

      Ein valides Argument nur für den, der widerlegen will, dass jeder Mann „männlicher“ disponiert sei als jede Frau und jede Frau „weiblicher“ disponiert als jeder Mann.

      Als ob „Biologisten“ behaupteten, jede Frau sei kleiner als jeder Mann, es gäbe keine Frauen, die größer sind als viele Männer: Trotzdem ist und bleibt richtig, dass Frauen IM SCHNITT kleiner sind als Männer, obwohl auch hier die Unterschiede innerhalb der Geschlechter größer sind als zwischen den Geschlechtern, trotzdem bleibt richtig, dass unter den besonders Großen besonders viele Männer sind und besonders wenige Frauen wie unter den besonders „männlich“ disponierten ebenfalls besonders viele Männer sind und besonders wenige Frauen.

      Wenn das, was sie hier abliefert, kennzeichnend ist für das Argumentationsniveau ihres Buches – dann Gute Nacht, das hat wirklich nur Bestand vor Gender-Studies-Akademiker.I.nnen].

      Hier wird auch ein möglicher Grund für ihren Eifer deutlich (ganz abgesehen von ihrem gender-queeren Aussehen, das mich vermuten lässt, sie könne lesbisch sein – also mal wieder ein Fall von „Betroffenheitsforschung“ wie so häufig in dem Bereich): Sie war als Mädchen wohl sehr „jungenhaft“, welche Überraschung, Zitat:

      *When she [Jordan-Youngs Mutter] heard a woman say that her daughter is very boyish, Jordan-Young’s mother commented: “That’s because you have only two. With just a couple of children, gender looms large – it’s the most obvious explanation for every difference you see between them, and unless your children are really unusual, it’s going to be easiest to see their personalities as ‘boy’ versus ‘girl.’ But when you have a lot of children, you begin to notice that they all come with personalities of their own, and they are all quite different. Gender recedes in importance.”*

      Es sind noch einge andere Klöpse in dem Artikel, die ich aufzudröseln jetzt weder Lust noch Zeit habe. Man gewinnt aber einen Eindruck vom Argumentationsniveau und der Argumentationsabsicht.

      Wirklich, unterwältigend.

      Quelle:

      http://www.jpost.com/Health-and-Science/Hormones-dont-create-male-and-female-brains

      Aber so etwas wird im Müllstrom herumgereicht und gefeiert als Widerlegung biologisch disponierter Geschlechtsunterschiede, übrigens meist von weiblichen Journalisten (unkritisch, affirmierend, wunschdenkend, ahnungslos) und ich wette, die wenigen männlichen Journalisten, die ähnlich verfahren, gehören zur gender-queeren Pink-Panther-Fraktion.

      Betroffenheitsforschung und Betroffenheitsberichterstattung der betroffenen Wunschdenker.I.nnen.

    • >> 1) Pränatales Testosteron hat keinen Einfluss auf die sexuelle Orientierung.
      >
      > Wo spricht sie darüber, bzw. welche Argumente führt sie hierzu denn an?

      Ab 7:56 (bis 10:30)

      Sie beklagt das dies ein „Paradigma“ in den Wissenschaften sei. Ihre Argumente im Video (aus Tierversuchen): Die Annahme die durch Hormone verursachten Aenderungen seien bestaendig, koennten aber durch nicht-Hormonale Einfluesse rueckgaengig gemacht werden. Und bei Menschen seien maennlich/weibliche Stereotypen nicht so eindeutig (mit der einzelnen Ausnahme von sexueller Orientierung).

      Beim nochmal durschhoeren muss ich zugegeben mich falsch ausgedrueckt zu haben. Ich meinte nicht sexuelle Orientierung sondern Geschlechtsmerkmale. Sie nennt explizit sexuelle Orientierung eine Ausnahme („with the single exception of attraction to males vs. females“).

      • @ABCDSchütze

        „Ich meinte nicht sexuelle Orientierung sondern Geschlechtsmerkmale“

        Da gibt es ja eigentlich genug Gegenbeispiele, von Tomboy bis zum Sissyboyfall oder den CAH-Mädchen oder auch den cloacal exstrophy Fällne, die gerade zeigen, dass die Effekte pränataler Hormone nicht so leicht rückgängig zu machen sind.

        „(“with the single exception of attraction to males vs. females”).“

        Das wäre ja immerhin schon etwas. Das beißt sich aber auch schon mit einigem an queerer Theorie und eröffnet zudem auch weiteren Geschlechterunterschieden in der Partnerwahl über sexuelle Selektion die Tore, etwa darüber, dass Frauen eher auf Statusmänner stehen. Auch das würde bereits ganz erhebliche Unterschiede auslösen und einiges erklären, zB Gender Pay Gape und Männer in Führungspositionen.

  7. Pingback: “Argument, das an das Nichtwissen appeliert” und „Argument aus persönlichem Unglauben” | Alles Evolution

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