„Intersektionalität“ vs. „in-Group / Out-Group“

In einer Diskussion mit Leszek bei Erzählmirnix  kam ich auf das Thema Intersektionalismus und der Frage, warum man dabei Männer nicht berücksichtigen kann.

Kurz zu den Intersektionalismustheorien. 

Intersektionalität beschreibt die Überschneidung (engl. intersection = Schnittpunkt, Schnittmenge) von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person. Intersektionelle Diskriminierung liege vor, „wenn – beeinflusst durch den Kontext und die Situation – eine Person aufgrund verschiedener zusammenwirkender Persönlichkeitsmerkmale Opfer von Diskriminierung wird.“[1] Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus, Handicapism oder Klassismus addieren sich nicht nur in einer Person, sondern führen zu eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. So wird ein gehbehinderter Obdachloser gegebenenfalls nicht nur als Obdachloser und als Gehbehinderter diskriminiert, sondern er kann auch die Erfahrung machen, als gehbehinderter Obdachloser diskriminiert zu werden. Das neue Erkenntnisinteresse in der Intersektionalitätsforschung gilt den Verflechtungszusammenhängen, welche sich durch das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen ergeben

Der Grundgedanke ist also, dass eine Person aufgrund verschiedener Persönlichkeitsmerkmale mehrfach diskriminiert sein kann oder in einem Bereich diskriminiert, im anderen privilegiert sein kann.

Oberste Form der Privilegierung ist natürlich der weiße, heterosexuelle Mann, in der Steigerungsform des Nichtbehinderten. Nach unten hin gibt es immer neue Möglichkeiten der Diskriminierung, ich nenne hier als Gegenstück erst einmal die schwarze, homosexuelle Frau.

Eine dazu im Netz umherschwirrende Übersicht, die aber schon aufgrund der Aufnahme einer Privilegierung für den jüdischen Glauben nicht PC sein kann, ist diese hier:

Privilegien prüfen

Privilegien prüfen

Allerdings sieht die Intersektionalität fast immer ein Form der Über- und Unterordnung vor, ist quasi hierarchisch aufgebaut, in „Gut“ (diskriminiert) und Schlecht (privilegiert) unterteilt. Ein Schwarzer hat es in allen Bereichen schlechter als ein Weißer, eine Frau hat es immer schwerer als ein Mann. Geht es einer Frau besser als einem Mann, dann ist das, weil das System keine Durchlässigkeit kennt, nicht etwa eine Diskriminierung des Mannes in diesem Bereich, sondern eine Diskriminierung der Frau, weil diese dadurch noch mehr in ihre Geschlechterrollen gedrängt wird und damit der Mann seine Macht sichert, also insofern im Endeffekt privilegiert ist.  (ob es im Rassismus ein Gegenstück zum wohlwollenden Sexismus gibt würde mich interessieren: vielleicht, wenn man meint, dass ein Schwarzer besser im Basketball ist und ein Asiate sich besser wehren kann (ein Chinese kann ja bekanntlich immer eine Kampfsportart?).

Demnach kann eine Frau natürlich auch nicht privilegiert sein, etwa im Sorgerecht oder anderen Bereichen, bei dem Merkmal „Geschlecht“ ist „Gut“ ja schon den Frauen zugewiesen.

Dieser starke Sektionalismus, in dem alles in Gut oder Schlecht eingeteilt wird, und der absolut zuweist, hat Vorteile.

Zunächst wird damit ein systembedingter Nachteil vermieden:

Da Das Geschlecht, welches privilegiert ist, seine Privilegien hinterfragen muss und diese abstellen muss, hätten Männer plötzlich eine sehr starke Position. Ich hatte das hier schon einmal dargelegt:

Bei einer fairen Betrachtung, in der beide Geschlechter privilegiert sein können, müsste sie eigentlich darauf abstellen, dass Männer für ihren Diskriminierungsbereich die Strukturen besser erkennen und bekämpfen könnten, was also dazu führen müsste, dass sie als Privilegierte für diesen Bereich die Sorgen ernst nehmen müsste, wenn sie ihrer Theorie treu bleibt.

Bei Erzählmirnix schrieb ich:

Wenn man Männern Opferstatus auch nur in Teilen zusprechen würde, dann bricht natürlich plötzlich alles zusammen. Frauen müssten ihre Privilegien hinterfragen und Männer hätten in dem Teil Definitionsmacht. plötzlich müsste man “waht about the menz” tatsächlich durchführen, wenn man kein Sexist ist.

Des weiteren hat man so ganz einfache Regeln, wer der Feind und wer der Freund ist, wer böse ist, und wer gut ist.

Aus meiner Sicht wäre eine viel einfacherer Betrachtung eher dazu geeignet, sich die Probleme bewusst zu machen, die bei Diskriminierung auftreten:

1. Menschen bilden In-Groups und Out-Groups und weisen diesen entweder aufgrund von Erfahrung oder Vorurteilen bestimmte Werte zu

2. Jedes Unterscheidungsmerkmal kann dazu genutzt werden eine Out-Group zu diskriminieren.

Damit können Weiße Schwarze diskriminieren, aber eben auch Schwarze andere Schwarze (etwa in einer anderen Volksgruppe) oder auch Schwarze Weiße. Es können Männer diskriminiert werden, weil ihnen die Eigenschaft abgesprochen wird, Kinder zu erziehen oder weil man Frauen in bestimmten Bereichen mehr Schutz zugesteht. All dies kann sich von Gruppe zu Gruppe unterscheiden, auch wenn man bestimmte Vorurteile für größere Gruppen feststellen kann. (Das bestimmte „Sektionen“ Nachteile haben ist aus meiner Sicht übrigens nicht zu vermeiden. Natürlich muss die Gesellschaft Behinderte unterstützen und auch Hässliche können ein schweres Schicksal haben. Aber der Privilegienansatz und seine Vermischung mit Schuld geht da meiner Meinung nach an der Sache vorbei und erzeugt nur unberechtige Forderungen und erlaubt eben bestimmte Outgroups)

Natürlich wird es dann sehr schnell schwammig und das klare Feindbild verschwindet. Dafür ist man näher an der Realität.

Lustigerweise lassen sich Intersektionalismustheorien der obigen absoluten Art ebenfalls sehr gut in dieses Schema einordnen. Es werden Outgroups gebildet (der weiße heterosexuelle Mann) und diese dann zur Abwertung freigegeben. Mit ihre rigorosen Einteilung in „Gut“ und „Schlecht“ bedient diese Theorie die diesbezüglichen Bedürfnisse hervorragend. Soweit eine Einordnung in eine „schlechte Gruppe“ erfolgt, kann man sich dann als Anhänger dieser Theorien dennoch wieder gut machen, indem man eifrig bereut und Privilegien hinterfragt. So bildet man eine Gruppe innerhalb der eigentlich unteilbaren Gruppe, die dann doch wieder gut sind.

Dieses Durchbrechen der klaren Einteilung ist es auch, was das Leben als männlicher Feminist so schwierig macht: Man möchte eigentlich in die In-Group, aber sich zu sehr von Schuld freizusprechen bedeutet ja, dass man das Schema verläßt und das in dem wichtigsten Merkmal. Insofern ist es verständlich, dass man versucht, die Männer in die Ally-Position abzudrängen und sie immer wieder ermahnt, dass sie ja nicht meinen sollten, dass sie „gut“ wären.

„Male Tears“ kann man da natürlich nicht gebrauchen. Sie sind auch nur ein Versuch das starre Schema zu durchbrechen. Kein Wunder, dass dies entsprechend abgewertet und abgewehrt wird.