„Beim Theoretisieren auf der Grundlage evolutionsbiologischen Halbwissens kann man alles “beweisen”“

Bei Achdomina gab es gestern einen längern Artikel zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Danish. Dort war auch eine kurze Abhandlung zu evolutionären Erklärungen vorhanden, die ich kurz besprechen möchte

Das Hauptproblem mit dem Theoretisieren auf der Grundlage evolutionsbiologischen Halbwissens, das im Gefolge von Richard Dawkins populär geworden ist, besteht darin, dass man damit alles “beweisen” kann. Natürlich ist es richtig, dass Organismen letztendlich einfach aufs Überleben ausgerichtet sind, weil Organismen, die das nicht sind, eben langfristig nicht überleben.

Organismen sind nicht auf das Überleben ausgerichtet, sondern auf langfristige Fortpflanzung, also Weitergabe ihrer Gene in möglichst viele Nachfolgegenerationen. Überleben ist dabei nur insoweit interessant, wie es der Umsetzung dieser Fortpflanzung dient. Diese genzentrische Betrachtung klingt nach einem kleinen Unterschied, ist aber tatsächlich sehr bedeutsam

Wenn das aber das einzige ist, was man an empirischem Wissen berücksichtigt, kann man sich damit alles zusammenspinnen.

Es gibt schon gewisse Einschränkungen, welche Adaptionen (1, 2) wie erfolgen können. Zudem kann man auch einiges spieltheoretisch ausschließen. Hier habe ich auch noch einen Text zur Kritik an evolutionärer Psychologie.

Man kann zum Beispiel sagen, Vergewaltigung ist evolutionär sinnvoll (habe mal irgendwo gelesen, dass jemand das behauptet), weil damit die Männer eine möglichst große Streuung ihrer Gene erreichen. Man kann aber auch sagen, Vergewaltigung ist evolutionär schädlich, weil sie die Frau traumatisiert, die dadurch außerdem ein gestörtes Verhältnis zum Kind entwickelt, das dadurch wiederum nicht zu voller Stärke heranwachsen kann, oder auch weil durch Vergewaltigung Feindschaften entstehen, die den Gruppenzusammenhalt bedrohen.

Hier zeigt sich auch der Vorteil bzw. die höhere Genauigkeit der genzentrierten Betrachtung: Es kann für die Weitergabe von Genen vollkommen aus Sicht der Gene, die in einem Männerkörper landen, egal sein, ob die Frau traumatisiert wird oder das Kind nicht zur vollen Stärke heranwächst. Solange ein Kind heranwächst, welches sich potentiell fortpflanzen kann und dies zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit macht (zur Not über Vergewaltigung) kann es eine erfolgreiche Strategie sein. Ein Gen kann dabei immer nur Auswirkungen auf den jeweiligen Körper haben und Vorteile müssen bei diesem oder dessen Verwandten eintreten. Ob eine nichtverwandte Frau vergewaltigt wird spielt insofern genetisch für die Frage ob sich eigene Gene, die so etwas begünstigen, durchsetzen schlicht keine Rolle. Es würde reichen, wenn eine Vergewaltigung der eigenen nahen Verwandten ausgeschlossen ist. Die Folgekosten, etwa Bestrafung durch andere oder Feindschaften sind entsprechend zu kalkulieren, wenn sie sich auf die eigenen zukünftigen Fortpflanzungseigenschaften auch in Hinblick darauf, wie man zB im Falle eines Weiterlebens Verwandte hätte unterstützen können, zu berücksichtigen und es ist eine Gesamt-Kosten-Nutzen-Rechnung bezüglich der Weitergabe eigener Gene (über einen selbst oder Verwandte) vorzunehmen. Im Gegenzug können (und das auch im gleichen Genom für den Fall, dass die Gene in einem Frauenkörper landen) Abwehrmaßnahmen entwickelt werden: Etwa verstärkte Vorsicht, Gruppenzusammenhalt, Vergewaltigungsangst, aber auch schlicht eine erhöhte Feuchtigkeitsprodkution bei irgendwie gearteten sexuellen Situationen zur Vermeidung und Reduzierung von Verletzungen. Dann kann das ganze eben noch situationsbedingt modifiziert sein, biologische Regeln müssen nicht einfach sein. Etwa kann eine Regel entstehen, nach der man, wenn man sich im feindlichen Kriegsgebiet befindet und droht in einem Kampf zu sterben, eher bereit ist zu vergewaltigen, weil es die letzte Chance sein kann und die Gefahr von Rache bei einer Frau des Feindes eh nicht wesentlich erhöht wird, wenn der einen eh schon töten will. Man kann also nicht einfach in eine oder die andere Richtung diskutieren, sondern man muss schlicht alle Richtungen betrachten und dies teilweise für die Geschlechter  und Situationen getrennt.

Natürlich kann man sich dann über die evolutionär entstehenden Kosten streiten, die jeweils zu erwarten sind und vielleicht sind hier bei der Vergewaltigung zu viele ungewisse Parameter vorhanden, um eine klare Zuordnung vornehmen zu können. Das ist dann bei zB Vaterunsicherheit schon wieder etwas anderes: Die Regel, dass sich Investitionen in Kinder nur lohnen, wenn die Vatersicherheit hoch ist (sofern man damit nicht schlichte Brautwerbung betreibt) führt dazu, dass Völker mit geringer Vatersicherheit üblicherweise auch eine geringe Investition in spezielle Kinder haben, sofern dies nicht eigentlich der Bindung der Mutter dient, sondern dann eher in die Kinder der Schwester. Hier kann man mit recht simpler Genmathematik und Spieltheorie bestimmen, inwieweit sich der Einsatz lohnt.

Man kann sagen, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen erst mal alle Früchte probieren, so dass zwar einige an den giftigen Früchten sterben, dafür aber die Gruppe über alle Früchte bescheid weiß und somit ihre Ernährungsmöglichkeiten maximiert, oder, es ist evolutionär sinnvoll, wenn Sippen bei dem bleiben, was sie kennen, weil alles andere unwägbare Gefahren bedeutet.

Da regt die Gruppenselektion wieder ihr in der Laeinvorstellung zur Selektion immer wieder nachwachsendes Haupt. Die Gene der Gruppe können – abgesehen von Gruppen hoher Verwandschaft dem einzelnen Genvehikel relativ egal sein. Eine Selektion darauf, dass man innerhalb der Gruppe eher die ungefährlichen Beeren probiert oder andere probieren lässt würde solchen Gruppenprozessen schnell den Garaus machen. Wenn dann müsste ein Selektionsvorgang stattgefunden haben, der es für den Einzelnen, nicht die Gruppe, sinnvoll macht, der Vorkoster zu sein. Etwa wenn er hierfür mit Status (und damit verbesserten Fortpflanzungsmöglichkeiten) größere Anteile an den Beeren, die das Risiko aufwiegen oder anderen Vorteilen belohnt wird. Um so höher die Wahrscheinlichkeit giftiger Beeren ist, um so schneller würde eine Selektion verlaufen, zusammen mit einer Selektion darauf, nichtgiftige Beeren zu erkennen und diese heldenmutig für die Gruppe zu testen.

Man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär sinnvoll, weil sie ständige Konkurrenzkämpfe um die Weibchen vermeiden und eine kontinuierliche Versorgung des Nachwuchses sicherstellen, oder man kann sagen, feste Paarbindungen sind evolutionär schädlich, weil sie einer möglichst breiten Durchmischung der Gene entgegenstehen.

Allerdings muss man eben nicht einfach nur evolutionäre Vorteile in den Raum werfen. Man kann beispielsweise bei der Paarbindung auch darauf verweisen, dass es eine umfangreiche Bindungschemie gibt, die zwangsläufig zu einer Bindung führt. Man kann ergänzend die Besonderheiten im Paarungsverhalten der Menschen und der dabei anfallenden Kosten berücksichtigen: Außergewöhnlich unselbständige Babys, die sehr unfertig geboren werden und auf sehr viel Pflege angewiesen sind, dadurch hohe Kosten, dadurch ein Interesse an Kostenbeteiligung oder guten Genen. Dazu eine verdeckte Ovulation, die die Möglichkeiten einschränkt den Partner nur an einigen wenigen Tagen zu überwachen. Hinzu kommt, dass die Kinder auch sehr langsam aufwachsen und das üblicherweise bedeutet, dass Qualität vor Quantität geht, sich also eine Förderung besonders lohnen kann. Hinzu kommt die Möglichkeit innerhalb der Gruppe Status aufzubauen und diese an seine Kinder weitergeben zu können. Auch hier gilt aber, dass man beide Seiten durchdenken muss, eben Kurzzeitstrategie und Langzeitstrategie, diese stehen nicht gegeneinander, sondern nebeneinander. Je nach Situation und Geschlecht kann sowohl Paarbindung als auch Sex ohne Bindung eine gute Strategie sein. Welche Bedingungen das sind kann man beispielsweise in der Sexual Strategies Theory nachlesen

So kann sich jeder seine Lieblingstheorie zusammenschnitzen. Aber das ist alles fiktiv, solange man nicht irgendwie Informationen darüber heranschafft, wie es denn nun wirklich war, statt sich mit den eigenen Fantasien darüber zu begnügen, wie es gewesen sein könnte.

ich bleibe dabei, dass es schwieriger ist, als man denkt, sich eine stimmige evolutionäre Theorie – also Benennung des Selektionsdrucks und dessen Folge – auszudenken. „Frauen tragen Handtaschen, weil Evolution“ ist keine evolutionäre Theorie, sondern schlicht eine Behauptung. Man müsste schon einen Selektionsdruck genannt haben, der zu einer bestimmten Entwicklung führt, die heutige Frauen dazu veranlasst, dass sie heute eher Handtaschen tragen als Männer.