Prostitution aus Sicht eines Freiers

Bei Lucas Schoppe hat Leser Thomas seine Sicht auf die Prostitution als Freier dargestellt und freundlicherweise zugestimmt, dass ich den Kommentar hier noch einmal einstelle:

Vielleicht kann es interessant für die Diskutierenden sein, Erfahrungen eines „Betroffenen“ abzuholen.

Zu mir: ich bin Mitte 30, männlich, seit mehr als 10 Jahren in einer glücklichen heterosexuellen Paarbeziehung und im Schnit 1-2 mal im Monat Prostitutionskunde.

Mein Sexualleben ist generell eher ungewöhnlich und ich beschäftige mich viel mit meinen Wünschen, deren mutmaßliche Ursachen und den moralischen und sonstigen Implikationen. Insbesondere auch, da die „normalen“ Erklärungen für sexuelle Verhaltensweisen (z.B. „Prostituierte sind arme Opfer“ und „Freier sind notgeile, perverse Schweine, denen das Leid ihrer Opfer egal ist“) irgendwie nicht meiner Wahrnehmung der Lebensrealität entsprechen.

● Warum suche ich sexuelle Abenteuer außerhalb meiner Beziehung:

1) Abwechselung

Leider wird mir Sex mit nur einer Frau mit der Zeit langweilig. Das liegt sicherlich nicht an meiner Partnerin, die sehr offen für Variation ist (Dessous z.B., ausgefallene Rollenspiele, auch Analverkehr etc.) sondern an mir: ich will ab und zu einfach „fremde Haut“ spüren. Das belebt im Übrigen auch meine „Lust“ in der Beziehung. Wenn ich längere Zeit keine Abwechselung hatte, schläft auch das Sexualleben in der Beziehung ein – und das ist dann alleine meine Schuld.

2) Sexuelle Wünsche, die in der Beziehung nicht befriedigt werden können

Ich bin Sadomasochist. Meine Freundin auch, aber sie nimmt nur die passive Rolle ein: sie wil gefesselt werde, gedemütigt etc..

Mir ist die passive Rolle eigentlich auch lieber, aber das kann ich mit ihr nicht ausleben. Daher muss ich mir das außerhalb der Beziehung suchen. Meine Ausflüge ins Domina-Studio haben im Übrigen mit „Sex“ im eigentlichen Sinne meist nur sehr wenig zu tun.

Zudem bin ich auch bisexuell. Zwar war ich auch schon mit Callboys zusammen, aber für gewöhnlich gehe ich in Gaysaunas. Warum für etwas zahlen, was man auch umsonst haben kann?

Ich habe schon Geld dafür bezahlt, einen Mann blasen zu „dürfen“ und am nächsten Tag dafür gezahlt, selbst von einer Frau geblasen zu werden. Das bringt einen schon etwas zum Nachdenken… In der Gaysauna einen potentiellen Partner zu verführen und zu sehen, wie er mich begehrt ist sehr geil. Und ein toller Schub für das Selbstvertrauen. Weiterhin interessant in dem Zusammenhang finde ich auch, dass ich in dem Zusammenhang manchmal mit Partnern dort zusammen bin, die ich gerade nicht übermäßig attraktiv finde. Von einem Mann gefickt, „benutzt“, zu werden, den man nicht attraktiv findet, kann das devote, passive Gefühl der Hingabe ungemein verstärken. Oft fordere ich sogar von den Partnern ein: nimm keine Rücksicht, benutzte mich, beschimpfe mich etc.: das erhöht meinen Spaß an der Sache. Sexuelle Devotheit ist manchmal eine seltsame Sache…

Ich frage mich in dem Zusammenhang auch, inwiefern es bisweilen einer Prostituierten Spaß machen kann, mit einem Mann zusammen zu sein, den sie gerade nicht attraktiv findet, wenn sie ähnlich veranlagt ist, wie ich. Ich spiele bisweilen auch das Spiel, dass ich den ersten besten, der sich in der Sauna für mich interessiert nehmen „muss“ und habe auch schon das Spiel gespielt, dass dieser nach dem Sex meinen nächsten Partner aussuchen darf – das finde ich unheimlich erregend, gerade auch, wenn ich mir umgekehrt diesen Partner nicht gewählt hätte. Insgesamt ist Sexualität denke ich viel, viel komplizierter, als einfache, mehrheitsfähige Interpretationen es nahelegen.

Besonders toll finde ich im Übrigen Transsexuelle Prostituierte, welche ich recht häufig aufsuche: sie verbinden das Beste beider Welten. Brüste und Schwanz.

ine Nebenüberlegung:
Die vorherrschende Vorstellung monogamer heterosexueller Beziehungen ist völlig überladen. Was soll die Partnerschaft alles sein? Beste Freundschaft, sexuelle Erfüllung, eige Liebe, stabiler Raum für Kinder, lebenslage Verbindung…
Das ist völlig unrealistisch.

3) Einmal im Leben…
Ich hatte erst mit drei Frauen Sex außerhalb einer Kaufsituation. Und die entsprachen alle meinem typischen „Beuteschema“: kaukasisch, vollbusig, etwas mollig, sehr weiblich.
Bei Prostituierten habe ich hingegen alles schonmal ausprobiert. Insbesondere auch viele Frauen, mit denen ich nie eine Beziehung würde führen wollen.
Ich sehe es als wertvole Erfahrung an, auch mal mit Frauen anderen Typs geschlafen zu haben: Schwarze, asiatische, sehr mollige, zierliche, ältere, jüngere usf.
Die vorherschende Meinung, Männer würden vorallem „junge, schlanke und devote Frauen“ suchen ist für mich völlig hirnrissig. Ich habe mehr als zwei Jahre regelmäßig eine 20 Jahre ältere, ziemlich mollige Hure aufgesucht, von der ich mich fesseln und zum Oralverkehr habe „zwingen“ lassen, was ihr meiner festen Überzeugung nach ebenfalls sehr viel Spaß gemacht hat. Und sie konnte sich nach eigener Aussage vor Kunden kaum retten.

● Warum nutze ich Prostitution um die oben genannten Erfahrungen machen zu können?

1) Weil es unkompliziert ist
Ich habe eine Job mit jede Menge Reisetätigkeit. Eine Affäre neben meiner Beziehung zu unterhalten wäre recht schwierig – es sei denn, ich lege mir meherere in verschiedenen Städten zu… Zudem habe ich unter der Woche oft lange Arbeitszeiten.
Eine Affäre will auch gepflegt werden, es reicht nicht, sich alle paar Monate mal für Sex zu treffen. Mal davon abgesehen, dass die Affäre vermutlich auch ins Geld geht, mit Essenseinladungen, Hotelzimmer usf..
Einen Bordellbesuch muss man auch hingegen nicht vorher umständlich planen, es geht ganz spontan und unkompliziert. Ein Gaysauna Besuch im Übrigen auch.
Dabei hätte ich glaube ich keine großen Probleme, mir eine Affäre zuzulegen. Ich arbeite seit fast 10 Jahren in der Unternehmensberatung: mein Verdienst ist entsprechend alles andere als schlecht. Ich habe mich auch nicht schlecht gehalten für mein Alter (das mag auch an meinem Fitness-Coach liegen…) und ernte zwischenzeitlich Aufmerksamkeit der weiblichen Hälfte der Bevölkerung, für die ich mit 20 gemordet hätte. Allerdings ohne sie zu nutzen und ohne wirklich daran interessiert zu sein…

2) Es ist mit Sicherheit erfolgreich ist
Wenn ich mich in die nächste Disko auf die Suche nach einem One-night-stand stürze, weiß ich nicht, ob ich die Nacht alleine verbringe oder nicht. 
Zudem entsprach das Disko-aufreißen noch nie meinem Stil und meinen Fähigkeiten.
Wenn ich einen Prostitutionsbesuch unternehme ist es dagegen mit einiger Sicherheit erfolgreich: ich bekomme am Enda das was ich gesucht habe.

3) Es ist sicher
Eine Affäre setzt mich der Gefahr aus, mich zu verlieben und meine Beziehung zu gefährden, was ich nicht will. 
Gerade dieses Jahr hat mich beim Kunden auch eine sehr viel jüngere Praktikantin recht agressiv angeflirtet, was mir unangenehm war und zu Gerede bei den Kollegen geführt hat. Darauf habe ich keine Lust. Bei Prostitierten besteht derlei Gefahr nicht, die Absichten von beiden sind von vornerherein klar definiert.
Und auch die Gefahr, Bekannte oder Kollegen zu treffen ist minimal – da wäre ich mir bei einem Swingclub-Besuch o.ä. auch unsicher.

4) die Qualität stimmt
Auch die Qualität der Dienstleistung stimmt fast immer. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass ich in hochhpreisigen Segmenten unterwegs bin. Ich kann mir eigentlich recht sicher sein, dass meine Sexualpartnerin in Sachen Aussehen, sexuellen Praktiken, Körperhygiene usf. meinen Wünschen entspricht – wo geht das denn sonst?
Zudem beherrscht die Hure meist die angebotenen Sexualpraktiken auch. Gerade beim Analverkehr zum Beispiel benötigt es einige Kenntnisse, Vorbereitung und auch Übung, um das zu einem gelungenen Erlebnis zu machen. Das weiß ich, weil ich sowohl aktiv als auch passiv damit jede Menge Erfahrung habe. Mit einer unerfahrenen Partnerin das das erste mal zu probieren macht mit einiger Sicherheit wenig Spaß, weil man unheimlich vorsichtig sein muss – erst mit einiger Übung macht es beiden mehr Spaß.
Blasen können Huren sowieso besser als die meisten anderen Frauen.
Zudem (und hier schreit die Feministin vermutlich auf): ich muss bei einer Prostituierten weniger Rücksicht darauf nehmen, was ihr Spaß macht. Wenn meine Freundin bei mir Fellatio praktiziert, habe ich immer irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil sie es glaube ich nur mir zuliebe tut. Das reduziert mein Vergnügen daran doch erheblich. Bei einer Prostituierten habe ich dieses Problem nicht: sie bietet die Dienstleistung an, sie wird dafür bezahlt, deshalb habe ich kein Problem damit, wenn sie dabei nicht sexuell auf ihre Kosten kommt. Ihre sexuelle Erfüllung ist irrelevant.
Dasselbe gilt z.B. auch für Massagen, da ich häufiger auch einfach nur „sexualisierte“ Massagen nachfrage, ohne dass es zu Sex kommt. Wenn meine Freundin meinen Rücken massiert, fühle ich mich danach verpflichtet, sie danach auch zu massieren. Bei einer Dienstleisterin, die ich bezahle, fühle ich diese Verpflichtung nicht.
Andererseits habe ich aber kein Interesse an einer Begegnung mit einer unwilligen Sexualpartnerin. Wenn ich merken würde, dass sie sich ekelt oder generell der Tätigkeit stark ablehnent gegenübersteht, dann hätte auch ich keinen Spaß daran. Selbiges ist mir nur einmal passiert. Die Frau war müde, gereizt und wollte „die Sache“ offensichtlich nur schnell hinter sich bringen und ich habe die Begegnung ziemlich direkt abgebrochen. 
Da besteht im Übrigen auch kaum ein Unterschied zu irgend einer anderen Dienstleistung. Ich habe auch eine Putzfrau. Wenn ich den Eindruck hätte, dass sie die Arbeit hasst, würde ich sie nicht beschäftigen. Nicht, weil ich für ihr Glück verantwortlich bin oder der Asicht bin, man müsse seine Arbeit immer lieben (das ist offensichtlich Unfug und gilt auch für mich mitnichten), sondern weil ich mich schlecht fühlen würde, wenn ich eine Dienstleistung erbracht bekäme, die zu erbingen der Dienstleister wirklich hasst. 
Biete die Dienstleistung an oder lasse es sein, aber runinier nicht mein Leben mit Deinen Problemen! Das reduziert die Dienstleistungsqualität derlei, dass ich sie (bei Dir) nicht mehr nachfrage.

● Moralische Implikationen

Ist das alles jetzt moralisch verwerflich?
Vielleicht meiner Freundin gegenüber. Aber das geht nur uns beide etwas an. Und ich bin mir eingentlich recht sicher, dass sie mir freie Hand ließe. Ohne meine Eskapaden hätte ich sie schon längst verlassen und uns beiden ist die Beziehung zu wichtig dafür.
Und die Prostitution als solche? „Handele so, dass die Maxime Deines Willens…“ gemessen daran würde ich mein Dasein als Freier nicht als verwerflich bewerten. Ich kenne die sexuelle gefühlswelt Anderer nicht, aber mit meiner wäre es nicht unvereinbar, diese Tätigkeit auszuüben. Demnach sehe ich auch kein Problem darin, sie nachzufragen.
Beute ich Prostituierte nun aus? Mißbrauche ich sie? Beuten sie gar mich aus? Und die Männer, mit denen ich in der Gaysauna Sex habe? Und wenn diese mich dafür bezahlen würden (Angebote hatte ich schon)?
Wer bestimmt das? Und wen geht es etwas an? Nur die Beteiligten.

Der Blick von außen ist in meiner Wahrnehmung völlig daneben, da er permanent Einschätzungen und Klischees produziert, die nicht auf meine Lebensrealität passen. Auf Basis dieser Fehleinschätzungen kann man kein Urteil über die Lebensentwürfe anderer Menschen fällen.