Geschlechterrollen und die „Häkelnde Gefahr“

In dem Blog „Maschenbart – Handarbeit nicht nur für Männer“ findet sich eine Darstellung, wie eine ältere Frau auf einen häkelnden Mann reagiert (zur politischen Dimension handarbeitender Feministinnen):

Eigentlich wollte ich nur U-Bahn fahren und mir dabei ein wenig die Zeit vertreiben. Die Bahn war ziemlich voll, aber ich fand noch einen Sitzplatz und packte meine Häkelnadel aus und machte mich an die Arbeit. Irgendwann merkte ich, dass mich die alte Frau, die mir gegenüber saß, mich mit einem teils wütenden, teils angewiderten Blick anstarrte. Scheinbar hatte sie meine Verwirrung darüber gemerkt und sie sagte in einem deutlich vorwurfsvollen Ton: “Ich bin eine alte Frau und dies war der einzige Sitzplatz in Fahrtrichtung!”

Mir war nicht klar, was das mit mir zu tun hatte und ich war augenscheinlich gemeint. Als ich also aufgrund von steigender Verwirrung nicht reagierte, wurde sie deutlicher. “Und jetzt muss ich mir einen häkelnden Mann ansehen!”

Im Fortgang der Geschichte äußert die alte Frau noch die Hoffnung, dass er sich nicht fortpflanzt und der Autor vermutet, dass sie sein Häkeln auch als Indiz für eine homosexuelle Orientierung sieht.

Sie scheint insoweit seinen „Verstoß gegen die Geschlechternormen“ als Angriff auf sich selbst zu sehen – als eben nicht den „echten Mann“ oder was auch immer.

Natürlich ist Häkeln eine Tätigkeit, die beide Geschlechter problemlos ausführen können, die man aber eher Frauen zuordnet. Dazu beitragen könnten die im Schnitt höhere Fingerfertigkeit bei Frauen und vielleicht auch noch andere biologische Faktoren, die dazu führen, dass Frauen diese Tätigkeiten häufiger als Männer betreiben, aber das alles kann natürlich kein Grund sein, einen häkelnden Mann anzupflaumen oder ihm das Häkeln verbieten zu wollen, selbst wenn es solche Gründe geben würde.

Insofern bietet sich der Text vielleicht an, einmal darüber zu reflektieren, wie man es mit den Geschlechterrollen hält, gerade weil das Beispiel so harmlos bezüglich der Tätigkeit ist und im Alltag geschieht.  Die Vorstellungen der Frau entsprechen entweder essentialistische Geschlechterrollen, nach denen Männer und Frauen lediglich bestimmte gegenderte Tätigkeiten durchführen dürfen, die ihrem Geschlecht entsprechen, eine Vorstellung, die ich für falsch halte. Ein häkelnder Mann schadet niemanden und darf natürlich häkeln so viel er will. Oder sie ist einfach homophob und meint in gewisser Weise, dass die offen zur Schau gestellt Homosexualität (ein heterosexueller Mann würde ja nicht häkeln) zuviel Raum einnimmt (was bereits selbst wenn man meint, dass die Vorlieben in einem gewissen Wahrscheinlichkeitszusammenhang stehen würden aufgrund der zeitlich verschiedenen pränatalen Formatierung der jeweiligen Zentren eben nicht zutreffen müsste)

Sie liegt also nach beiden Erklärungen falsch. Wer nicht ertragen kann, dass ein Mann häkelt oder ihn deswegen per se anfeinden möchte, der sieht aus meiner Sicht Geschlechterrollen damit falsch und zu eng. Ungewöhnlich finden kann man es sicherlich, da es eben nicht häufig zu sehen ist. Viele Leute werden es sicherlich auch witzig finden und mutmaßen, warum er das macht und dabei sicherlich auch Vermutungen anstellen. Häkeln richtig, also aus Spass daran und unter Mißachtung der mißbilligenden Blicke eingesetzt wäre quasi Peacocking und damit ein costly signal, dass man sich dann leisten können muss. Ich vermute, dass es, wenn man es nicht in diesem Sinne hinbekommt, nicht so gut bei Frauen ankommt. Aber das wäre dennoch kein Grund etwas nicht zu machen, was einem Spass macht, schließlich kommt es nicht nur darauf an, was einen sexy macht.

Wer gerne als Mann häkeln will, der soll das gerne machen. Es gibt wahrlich unanständigeres, was man in der Öffentlichkeit machen kann.