Ausgleich historischer Diskriminierung als Erbschuld heutiger Generationen

Virtual-CD hatte neulich einen Lauf und schrieb einige wunderbare Kommentare, auch diesen hier möchte ich noch einmal zum Gegenstand einer eigenen Diskussion machen. Es geht dabei um die Frage des Ausgleichs für bestimmte Gruppen in der Gegenwart, weil ihre Mitglieder in der Vergangenheit benachteiligt waren bei gleichzeitiger Benachteiligung der früher bevorzugten Gruppe.

 

Im Prinzip sagst du ja: Weil es früher (in einem unbestimmt gelassenen Zeitraum) eine bestimmte Gruppe benachteiligt war, muss diese Gruppe heute bevorzugt werden. Und im Gegenzug muss die damals bevorzugte Gruppe heute benachteiligt werden.

Das wäre gerecht. Das wäre ein gerechter Ausgleich.

Nur: Gerecht ist so ein Augleich nur individuell und in der Gegenwart.

Wenn du es kollektiv und vergangenheitsbezogen machst, setzt du nur auf einne Ungerechtigkeit ein weitere. Den Ausgleich zu leisten hätten ja Individuen, die eben vorher NICHT bevorteilt waren. Und in den Genus der Bevorteilung kämen ja Individuen, die vorher NICHT benachteiligt waren.

Wenn du einen solchen überindividuellen und transhistorischen Ausgleichsgedanken dir mal einen Moment an anderen Gruppengrenzen als den Geschlechtergrenzen vorstellst, wird sofort klar, wie absurd das ist.

So gab es z.B. in der Frühphase der DDR die Regelung, dass Kinder von Akademikern nicht studieren durften – egal wie gut ihr Abitur war und wie sehr Eignunf und Neigung für einen bestimmten akademischen Beruf sprachen. Weil: “Ihr bürgerliche Akademikerschicht hattet ja schon mal – jetzt sind erst einmal die Arbeiterkinder dran”. Du wurdest also bei der Studienplatzvergabe bevorteilt, wenn deine Eltern keine Akademiker waren und bestraft, wenn sie es waren.

Gerecht? Wohl kaum.

Ich würde ja sagen: Absurdes Sippenhaft-Denken.

Oder würdest du sagen: Es ist gerecht, bei jeglichen Einstellungsentscheidungen Menschen mit Migrationshintergrund zu bevorzugen. Das ist ein gerechter Ausgleich.
Also: Die Lehrstelle bekommt nicht Martin – Murat bekommt sie. Und erst, wenn kein Murat mehr da ist, der voersoftt werden muss, dann denken wir darüber nach, ob Martin vielleicht auch mal eine Chance bekommt. Weil der hatte ja über Jahrzehnte schon die besten Cancen, der muss sich jetzt leider hinten anstellen. (Leider ist Martin erst 16 und hat von den vergangenen Jahrzehnten nichts …)

Gerecht? Gerechter Augleich? Oder absurd?

Und weil du ja in geschichtlichen Zeiträumen argumentierst:
Wenn wir sagen, unter Karl dem Großen (Beiname “Sachsenschlächter!”) hatten die Sachsen schwer zu leiden unter den Franken. Heißt das jetzt, dass ein Mensch aus Dresden oder Leipzig jetzt – als gerechter Ausgeleich – einem aus Nürnberg oder Würzburg vorzuziehen ist? Oder das der Nürnberger reparationspflichtig ist dem Dresdener gegenüber?

Überhaupt: Warum hat noch nie jemand eine “Ossie-Quote” von 30% für Vorstands- und Aufsichtsratsposten in DAX-Unternehmen gefordert. Weil: Die durften und konnten ja 40 Jahre lang nicht, da wäre es doch ein gerechter Ausgleich, jetzt 40 Jahre lang nur noch Menschen aus den fünf neueren Bundesländern einzustellen, oder? Wäre doch gerecht, oder?

Warum merkt man bei solchen Beispielen sofort, wie absurd das ist? Nur wenn es um Männer und Frauen geht, wird so etwas ERNSTHAFT vertreten. Ohne dass die Absurdität sofort auffällt.

Komisch, eigentlich? Oder?

Interessant bei der Frage, ob ein Ausgleich stattfinden soll ist dabei letztendlich, ob der einzelne noch immer aufgrund des damaligen Zustandes einen Nachteil hat. Wenn also eine Frau heute studieren kann, dann muss kein Ausgleich dafür erfolgen, dass ihre Mutter dies nicht konnte. Eine solche Maßnahme mag dann zwar mehr Mitglieder der Gruppe schneller in bestimmte Positionen bringen, dass aber eben auf Kosten des Individuum. Letztendlich wird auch hier ein gewisser Erbschuldgedanke aufgegriffen, eine moralische Schuld der einen Gruppe für die Taten früherer Generationen.