Die emotionale Seite und die rationale Seite: Die Metapher vom Elefanten und seinem Reiter

Ich habe gerade „The Righteous Mind“ von Jonathan Haidt gelesen:

The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion

The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion

Dort geht es unter anderem darum, ob unser logisches Denken oder unser unterbewußtes, emotionales, instinktives Denken unser Handeln beherrscht. Dazu wird die Metapher des Elefanten und seines Reiters bedient:

Der Elefant ist das unterbewußte, emotionale, instinktive Denken, der Reiter das logische Denken. Nun besteht die Möglichkeit, dass der Reiter nur auf dem großen und schweren Elefanten sitzt und all seine Bemühungen, den Elefanten in einer andere Richtung zu bewegen, egal sind, wenn der Elefant nicht in diese Richtung will oder aber der Elefant kann den Vorgaben seines Reiters willig folgen.

In dem Buch kommt Haidt zu dem Schluß, dass der Reiter einen geringen Einfluss hat, der Elefant gibt den Weg vor. Der Reiter muss sich bestimmte Schwankungen des Elefanten zu Nutze machen und ihn dann, wenn er gerade in eine bestimmte Richtung schwankt, in diese lenken. Häufig bleibe dem Reiter aber sogar nichts anderes übrig als hinterher eine Begründung dafür zu suchen, warum er ebenfalls genau in diese Richtung wollte (sprich: unser Gehirn rationalisiert nachträglich bestimmte emotionale Entscheidungen als vernünftig).

Hier eine Zusammenfassung aus einem anderen Buch, dass dies bespricht:

“The conventional wisdom in psychology, in fact, is that the brain has two independent systems at work at all times. First, there’s what we call the emotional side. It’s the part of you that is instinctive, that feels pain and pleasure. Second, there’s the rational side, also known as the reflective or conscious system. It’s the part of you that deliberates and analyzes and looks into the future.” (…) “Plato said that in our heads we have a rational charioteer who has to rein in an unruly horse that „barely yields to horsewhip and goad combined.“ Freud wrote about the selfish id and the conscientious superego (and also about the ego, which mediates between them). More recently behavior economists dubbed the two systems, the Planner and the Doer.”(…) “But to us, the duo’s tension is captured best by an analogy used by University of Virginia psychologist, Jonathan Haidt in his wonderful book The Happiness Hypothesis. Haidt says that our emotional side is the Elephant and our rational side is the rider. Perched atop the Elephant, the Rider holds the reins and seems to be the leader. But the Rider’s control is precarious because the Rider is so small relative to the Elephant. Anytime the six-ton Elephant and the Rider disagree about which direction to go, the Rider is going to lose. He’s completely overmatched.”(…) “Most of us are all too familiar with situations in which our Elephant overpowers our Rider. You’ve experienced this if you’ve ever slept in, overeaten, dialed up your ex at midnight, procrastinated, tried to quit smoking and failed, skipped the gym, gotten angry and said something you regretted, abandoned your Spanish or piano lessons, refused to speak up in a meeting because you were scared, and so on.”(…) “Changes often fail because the Rider simply can’t keep the Elephant on the road long enough to reach the destination. The Elephant’s hunger for instant gratification is the opposite of the Rider’s strength, which is the ability to think long-term, to plan, to think beyond the moment (all those things that your pet can’t do. (…)To make progress toward a goal, whether it’s noble or crass, requires the energy and drive of the Elephant. And this strength is the mirror image of the Rider’s great weakness: spinning his wheels. The Rider tends to overanalyze and over think things. … A reluctant Elephant and a wheel-spinning Rider can both ensure nothing changes. But when Elephants and Riders move together, change can come easily.”

Ein wesentliches Element wäre demnach auch, dass es sehr schwer ist, beständig gegen den Elefanten zu arbeiten und ihm etwas abzuzwingen. Einfacher gelingt es, wenn man den Elefanten dazu bringt, ebenfalls in diese Richtung laufen zu wollen. Etwa in dem man seine rationalen Ziele mit seinen emotionalen Wünschen in Einklang bringt.

Mitunter sei aber der Reiter eher der „Pressesprecher“ oder „Anwalt“ des Elefanten, der seine Ziele bestmöglich verkaufen muss, der also die Rationalität nur nutzt um den vorgegebenen Kurs als gut darzustellen, egal ob er nüchtern betrachtet rational ist. Wenn wir ein Handeln emotional gut finden, dann fragen wir nach dieser Auffassung nur, ob etwas zwingend dagegen spricht, wenn wir eine Meinung für falsch halten fragen wir aber was überhaupt dafür spricht und verlangen eine tatsächliche Begründung, genau aus dieser „Pressesprecher“-Mentalität heraus. Weswegen es auch so schwer sei, sich bei vollkommen entgegenstehenden Meinungen einigen zu können.

Übertragen auf die Diskussionen hier würde also ein reiner „nurture“_Befürworter hauptsächlich die Punkte sehen, die für eine soziale Beeinflussung sprechen und andere Punkte hinterfragen und ein reiner Nature- Befürworter würde die biologischen Zusammenhänge sehen und bei anderen Punkten skeptisch sein.

Haidt noch einmal dazu:

“When I say that human nature is selfish, I mean that our minds contain a variety of mental mechanisms that make us adept at promoting our own interests, in competition with our peers. When I say that human nature is also groupish, I mean that our minds contain a variety of mental mechanisms that make us adept at promoting our group’s interests, in competition with other groups. We are not saints, but we are sometimes good team players.” This is what people who had studied morality had not realized, “that we evolved not just so I can treat you well or compete with you, but at the same time we can compete with them.”

What comes out of The Righteous Mind is initially pessimistic but ultimately optimistic. At first, Haidt reminds us that we are all trapped in a moral matrix where we our “elephants” only look for what confirms its moral intuitions while our “riders” play the role of the lawyer; we team up with people who share similar matrices and become close-minded; and we forget that morality is diverse.

17 Gedanken zu “Die emotionale Seite und die rationale Seite: Die Metapher vom Elefanten und seinem Reiter

  1. ich habe dieses Buch auch mit großem Gewinn gelesen und empfehle es wärmstens weiter. Haidts biologischer Ansatz erscheint mir wesentlich realistischer als alle soziologisch/moralistschen Ansätze, wie sie besonders in der Linken verbreitet sind.

    Menschen handlen aus Interessen und Trieben heraus, auch wenn sie meinen, sich nur nach moralischen prinzipien zu richten.

    Interessant auch: http://people.stern.nyu.edu/jhaidt/

    • „Menschen handlen aus Interessen und Trieben heraus auch wenn sie meinen, sich nur nach moralischen Prinzipien zu richten.“

      Müsste dann die Gesellschaft nicht sehr viel uniformer sein, als sie es ist? Wieso gibt es dann so viele Meinungen und Standpunkte zu verschiedenen Themen? Und werden Interessen nicht bereits von Kindheit an durch Erziehung und moralische Prinzipien geformt?

      • Uniformität?

        Ich denke es gibt eine Uniformität und dann gibt es eine Wahrnehmung davon.

        Der Mensch will einzigartig, etwas besonderes sein, also versucht er wohl seine Einzigartigkeit zu „betonen“.

        Frauen betonen ihre Einzigartigkeit ja gerne mit Mode und Kosmetik, interessanterweise greifen die meisten Frauen aber dabei zu den gleichen Produkten und Methoden.

        Dass es so viele Standpunkte und Meinungen zu verschiedenen Themen gibt ist einfach erklärt im Sinne des vom Unbewussten gesteuerten Bewusstseins:

        Es ist eben nur eine Meinung und ein Standpunkt, der nur vage und sehr ungenau mit seiner zugrunde liegenden Wahrheit verbunden ist, diese Wahrheit ist kaum zugänglich, es ist eine mögliche Erklärung von vielen, die einem oder mehreren plausibel erscheint, aufgrund deren Vorerfahrungen und Motive.

        Es ist im Grunde eine Rechtfertigung subjektiver Motive, plausibel und gültig für den Kontext der sozialen Gruppe.

        Interessen werden kaum geformt, sie sind angeboren.
        Sie werden höchstens kanalisiert, gerichtet.

      • @Adrian

        Interessen und Triebe kann man verschieden gewichten. und für jede Person kann die Umsetzung ihrer Interessen und Triebe auf andere Weise günstig sein.

        Natürlich haben wir auch keine biologisch abgespeicherten Interessen oder Triebe für Steuerpolitik oder Frauenquoten. Auch wenn hier unsere Triebe und interessen hineinspielen können.

    • @ Borat

      Spannende Experimente die hoffentlich
      in Zukunft mit noch raffinierteren
      technischen Hilfsmitteln fortgeführt
      werden. Obwohl die Resultate sicher
      noch mehr Fragen als Antworten liefern,
      eines ist schon ziemlich klar:
      Was uns der Psycho- Soziokomplex
      bisher in Bezug auf menschliches
      Verhalten aufgetischt hat, kann
      man zu einem rechten Teil auf den
      Müll werfen.

    • @Borat
      Das Experiment wurde vollkommen überbewertet, zumindest, was die Schlussfolgerung angeht.
      Was da gemessen wurde lässt sich überhaupt nicht sagen.
      Nur dass Motorik-Signale eher reinkamen, als die bewusste Feststellung der Entscheidungsfindung + X (Entscheidung + sehen auf die Uhr, erkennen und festellen des Zeitpunkts und merken des Zeitpunkts).
      Die Leute sollten lieber mal einen Kurs machen, wie man Experimente entwirft und weniger Exegese.

      • Klingt als würden dir die gezogenen Schlussfolgerungen nicht gefallen.

        Du bist also ein Verfechter des „freien Willens“, ein Anhänger des vernünftigen, rationalen und bewussten Menschen?

        Ich geb dir nur mal zu denken:

        Das Gehirn steuert alle 656 Muskeln deines Körpers.

        Die sind dir alle Bewusst?

        Ich denke mal nicht, doch du kannst wohl trotzdem ganz gut mit deinem Körper umgehen, denn diese Muskeln werden großteils und die längste Zeit unbewusst gesteuert.

        Was glaubst du was für ein Aufwand es ist einen Industrieroboter zu programmieren damit er das tut was für ein Kind ein Kinderspiel ist? Vieles davon ist von Zeitaufwand / Materialaufwand quasi unmöglich, doch das Gehirn eines Kindes mach es unbewusst, spielend.

        Gleiches mit der Wahrnehmung.

        Immense Vorverarbeitung aller Sinneseindrücke, der akustischen und optischen.

        Sonst wäre für uns alles ein Haufen bunter Punkte und lärmende Geräusche, doch wir erkennen Gesichter, verstehen Worte, selbst in widrigen Bedingungen. Nicht unbedingt immer fehlerfrei, aber das Bewusstsein bekommt das schon fertig Symbolisiert angeliefert, hat es äußerst schwer zu verstehen wie es überhaupt soweit kommt, keine Kontrollmöglichkeit.

        Und diese unbewussten Prozesse kann sich das Bewusstsein schwer erklären, schwer nachvollziehen, wir haben eine Wissenschaft die das alles versucht herauszufinden und in sehr kleinen Schritten vorankommt.

        Und da willst du wohl sagen unser Bewusstsein/Wille ist „frei“ oder „Herr“ im Körper?

        Was eine Illusion.

        • @gedankenwerk

          Sicher, nie ist die Wahrheit scharz oder weiß, verläßlich ist nichts wirklich, bei allem bleibt eine Unschärfe wenn man im kleinsten Maßstab angekommen ist.

          Eine verlässliche Auskunft zur „Herrschaft“ des Bewusstseins über das ganze Gehirn und den Körper gibt es noch weniger, außer einer Dogmatischen natürlich.

  2. So wie ich den Haidt verstehe, versucht er ein Bild des politischen Verhaltens von Menschen zu zeichnen, dass A) die biologischen Grundlagen einbezieht, also Menschen als Organismen in Ökosystemen versteht, die in erster Linie am Überleben und an der Weitergabe ihrer Gene interessiert sind. Wie es trotzdem zu moralischen Vorstellungen kommt und wie sich diese im gesellschaftlichen Zusammenleben auswirken, ist eben das Thema des Buches.

    Und B) versucht er, die wesentlichen politischen Ideologien (Links und Rechts) auf dieser Grundlage zu erklären. Das macht sie verständlich, und vor diesem Hintergrund schließen sie sich auch nicht mehr aus, sondern sind vielmehr verschiedene Wege zur Lösung gleicher Probleme.

    • @ El Mocho

      *Wie es trotzdem zu moralischen Vorstellungen kommt und wie sich diese im gesellschaftlichen Zusammenleben auswirken, ist eben das Thema des Buches.*

      Weshalb Jonathan Haidt auch überzeugt ist von der Wirksamkeit von Gruppenselektion, die seiner (und mener) Ansicht nach allein in der Lage ist, die Entstehung von gruppenförderlichem, mannschaftsdienlichem Verhalten unter den Bedingungen egoistischer Gene (und Individuen) „materialistisch“ zu erklären.

      Haidt:

      *Were these acts altruistic? I think the opposite of selfishness in evolutionary terms should not always be altruism. For the purposes of the present debate, it should be groupishness. The hand of group-level selection is most clearly seen, I believe, when we look at behaviors that may be costly for the individual, but that don’t transfer that cost as a benefit to a specific other group member (which would help the selfish individualists prosper in a multi-level analysis). Rather, mental mechanisms that encourage individuals to do things that help their team succeed, despite some cost to the self, are the most likely candidates for having come down to us by a path in which group-selection played a part.

      Eine etwas überarbeitete und erweiterte Fassung obigen Artikels findet sich hier:

      http://edge.org/conversation/the-false-allure-of-group-selection#jh

      mit weiteren interessanten Beiträgen zum Thema Gruppenselektion, u.a. direkt unter Haidt ein Posting von David Sloan Wilson.

      Groups in which genes for groupish psychology co-evolved with cultural innovations for effective groupishness (such as initiation rites and body painting) probably outcompeted groups that lacked either the genes or the cultural innovations to maximize the effectiveness of those genes.*

      Haidts Fazit

      *In sum, I fully agree with Pinker, Coyne, and other critics of group selection that humans are not pervasively altruistic. The experimental literature on altruism does not require group selection to explain it. Most of our social psychology, and I’d say even most of our moral psychology, was shaped by the relentless competition of individuals within groups, competing for status, mates, and the trust of potential partners for cooperation. But if you look beyond altruism among strangers and you examine instead the psychological traits that motivate and enable cohesion, trust, and effective coordination during times of intergroup competition, then at least you’re looking in the right pond, and I see fish.*

      Quelle:

      http://socialevolutionforum.com/2012/06/30/jonathan-haidt-to-see-group-selection-look-at-groupishness-during-intergroup-competition-not-altruism-during-interpersonal-competition-a-comment-on-steven-pinker/

      • @Roslin

        „Rather, mental mechanisms that encourage individuals to do things that help their team succeed, despite some cost to the self, are the most likely candidates for having come down to us by a path in which group-selection played a part.“

        Hier ist eben wieder abzugrenzen:
        Solange der Vorteil, in die Gruppe zu investieren, zumindest den Kosten entspricht, ist es simple Selektion auf der Genebene. Dabei sind Vorteile vielfältig: Überhaupt in der Gruppe sein zu dürfen, Ansehen in der Gruppe gewinnen, Unterstützungsleistungen der Gruppe (schutz, versorgung etc) entgegennehmen etc, die Möglichkeit haben, sich innerhalb der Gruppe zu spezialisieren und dadurch effektiver zu arbeiten, geben, damit die anderen in der Gruppe geben.

        Gruppenselektion wird es erst dann, wenn die Mitglieder der Gruppe über den (potentiellen) Vorteil für ihre eigenen Gene hinaus in die Gruppe investieren oder Selektionsprozesses vorhanden sind, die nicht dem Schema der egoistischen Gene folgen. Solche Gruppeneffekte sehe ich erst einmal nicht, auch nicht in dem obigen Beispiel.

        vgl. auch:
        https://allesevolution.wordpress.com/2012/04/17/verwandtenselektion-gruppenselektion-selektion-des-einzelwesens-in-einer-gruppe/

  3. als ich den ersten absatz
    *Dort geht es unter anderem darum, ob unser logisches Denken oder unser unterbewußtes, emotionales, instinktives Denken unser Handeln beherrscht. Dazu wird die Metapher des Elefanten und seines Reiters bedient:*

    in diesem moment war ich mir sicher, dass in der metapher der reiter für den mann, und der elefant für die frau steht. 😀 uuups 😀

  4. Pingback: Nochmal: Freier Wille vs. biologische Dispositionen | Alles Evolution

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