Sexuelle Belästigung und Spieltheorie

Im Feminismus ist jede sexuelle Belästigung ein Nachweis einer Rape Culture, also einer Kultur, die – wohl damit Männer Macht über Frauen ausüben können – die sexuelle Belästigung von Frauen durch bestimmte Normen fördert.

Ich finde Ansätze über Spieltheorien da viel interessanter und will da mal einen Versuch starten, die jeweiligen Kosten etwas aufzuschlüsseln:

Zunächst wäre zu betrachten, was einen Mann überhaupt dazu verleiten könnte eine Frau sexuell zu belästigen:

  • er vertut sich und denkt, dass sie es auch will oder nichts dagegen haben wird
  • er will auf schnelle Weise testen, ob sie sexuelle Annährungen positiv oder negativ aufnimmt
  • er zieht Befriedigung aus der sexuellen Belästigung an sich, etwa dem Berühren eines attraktiven Körpers
  • er will Macht demonstrieren, indem er sie bewusst in eine für sie unangenehme Situation bringt

Mögliche Reaktionen ihrerseits sind:

  • sie begrüßt die Handlung und wertet sie nicht als sexuelle Belästigung
  • ihr geht die Handlung zu weit, sie ist aber an ihm interessiert und regt sich nicht sonderlich auf
  • ihr geht die Handlung zu weit und sie regt sich auf, macht aber nichts weiter
  • ihr geht die Handlung zu weit, sie beschwert sich / sie zeigt ihn an.

Die letzte Variante ist die schwerwiegenste, „kostenintensivste“ aus Sicht des Täters.

Sie ist aber gleichzeitig auch bis zu einem gewissen Grad die kostenintensivste für das Opfer. Bei einer Anzeige bei der Polizei muss sie zunächst seine Personalien kennen oder ihn gar festhalten, sie muss gegenüber der Polizei oder anderen Personen aussagen, sie muss evtl diese Aussage bei einer Gerichtsverhandlung wiederholen. Gleichzeitig bringt es ihr in der konkreten Situation eher wenig. Die Belästigung ist in einer solchen Situation meist bereits vorbei, sie kann sie nicht rückgängig machen. Sie kann lediglich ihn und andere Männer abschrecken, sie oder andere Frauen erneut zu belästigen. Sofern solche Fälle zwar vorkommen, aber nicht zu häufig und von der Eingriffsintensität nicht zu häufig sind oder anders abgewehrt werden können, etwa indem sie mit Freundinnen/Freunden weggeht oder sich passend hinstellt, bringt ihr dies persönlich wenig. Andere Frauen zu schützen ist dann wohl eher ein klassisches Problem, dass der Einsatz für ein Allgemeingut „Belästigungsfreiheit“ bei persönlicher Arbeit dafür selten erfolgreich umgesetzt wird, die Tragik des Allgemeinguts. Seinen Freundeskreis würde man sicher „sauber“ halten, aber eben nicht die Gesellschaft an sich.

Damit ist die letzte Version zwar potentiell kostenintensiv, aber sie wird selten umgesetzt, so dass sie mit geringen Kosten für den Täter in die Betrachtung einzusetzen ist. Die anderen Folgen sind hingegen erst einmal nicht weiter dramatisch, so dass aus der Sicht des Einzelnen die „Vorteile“ überwiegen können.

Einige Taten sind zudem von einer so geringen Eingriffsstufe, dass sie außerhalb sozialer Ächtung nicht zu ahnden sind. Etwa „Anstarren“.

Zu berücksichtigen als weitere Kosten wäre gegebenenfalls noch die Reaktion der Umstehenden und der eigenen Bekannten:

Umstehende könnten

  • es ignorieren
  • ihn an weiteren Handlungen hindern
  • sich über ihn beschweren / ihn anzeigen

Hier schlägt die Tragik des Allgemeingutes noch härter zu: Nichtbelästigte haben noch weniger davon und gehen zudem noch ein höheres Risiko ein, dass sie die Hilfe gar nicht will oder er brutal wird (auch ein Punkt, der das Opfer verleiten kann)

Bekannte könnten:

  • ihn dafür bewundern, dass er damit durchkommt und evtl Vorteile realisiert
  • es missbilligen, aber nichts machen
  • ihn aus der Gruppe ausstoßen /sich über ihn beschweren / ihn anzeigen

Letzeres hängt von der Auswahl der Freunde und Bekannte ab und ist kalkulierbar.

Hier könnte tatsächlich auch eine „patriarchische Kultur“ dazu beitragen, dass ein Täter eher handelt. Um so weniger Unterstützung das Opfer von Umstehenden erhält und um so eher sein Verhalten gebilligt wird um so höher werden die Kosten für das Opfer gegen ein solches Handeln vorzugehen.

Aus meiner Sicht werden aber tatsächliche Belästigungen innerhalb unserer Kultur üblicherweise nicht geduldet und eine Frau kann durchaus auf Unterstützung hoffen und Erwarten, dass das Handeln des Täters missbilligt wird.

Letztendlich müssten demnach Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung darauf ausgerichtet sein, die Kosten für den Täter zu erhöhen. Hierbei müsste man wohl einplanen, dass Umstehende und auch das Opfer teilweise schwer zu motivieren sein werden, entsprechende Schritte einzuleiten.

Um so mehr dargestellt wird, dass Belästigungen an der Tagesordnung sind, um so weniger lohnt es sich dabei letztendlich gegen eine einzelne Belästigung vorzugehen, da es dann eh nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre, wenn nicht alle mitmachen.