Gemeinsamkeiten zwischen radikalem Feminismus und radikalem Konservatismus.

Leser Leszek schreibt in einem Kommentar:

Mein letzter Beitrag in dem anderen Thread brachte mich gerade auf einen Artikelvorschlag: Gemeinsamkeiten zwischen radikalem Feminismus und radikalem Konservatismus.

Spätestens seit “Knutschverbot” dürften die Parallelen zwischen extremen Formen des Feminismus und extremen Formen des Konservatismus ja für jeden offensichtlich sein.

Auf Anhieb fallen mir erst mal folgende der Tendenz nach als extrem konservativ zu identifizierende Merkmale des radikalen Feminismus ein:

– Mangelnde Wertschätzung für Freiheit und Gerechtigkeit, dafür starke Betonung von Sicherheit. (Für die psychologische Wertepräferenz von Liberalen ist Freiheit der höchste Wert, für die psychologische Wertepräferenz von Linken ist Gerechtigkeit der höchste Wert, für die psychologische Wertepräferenz von Konservativen ist Sicherheit der höchste Wert – das ist alles o.k. und nicht pathologisch, solange es nicht zu stark übertrieben wird. Welchem Spektrum der radikale Feminismus – eingedenk seiner endlosen Versuche absolute Sicherheit herzustellen – hier am ehesten zuzurechnen ist, ist m.E. nicht schwer erkennen.)

– Sexualfeindlichkeit, Lust – und Körperfeindlichkeit (Hier ziehen sexualfeindliche Konservative und sexualfeindliche Radikalfeministinnen ja erkennbar an einem Strang.)

– Tendenz zur Erhaltung oder Verstärkung der Nachteile der traditionellen Geschlechterrolle für Männer. Tendenz Männer in der Versorger- und Beschützerrolle festzuhalten.

Wie es Arne Hoffmann einmal in einem interview treffend formulierte:

Frage: “Wer ist eigentlich schuld an der Männer-Misere?”

Arne Hoffmann: „Sie sehen das möglicherweise anders, aber schuld ist meines Erachtens ein überholtes Verständnis von Geschlechterrollen, das der Feminismus gerade nicht aufgehoben, sondern fortgeführt hat. Ich bin explizit nicht der Auffassung, dass der Feminismus ein Geschlechterverhältnis zerstört hat, das früher in Ordnung war.”

(…)

“Selbst die meisten Männer sind ja inzwischen beherrscht von dieser Mischung aus alter Ritterlichkeit und neuem Feminismus, die da lautet: Frauen muss bei ihren Problemen geholfen werden; Männer sind an allem selbst schuld und sollen gefälligst mal sehen, wie sie zurechtkommen.”

Denken wir auch an die typischen radikalfeministischen Appelle an die traditionelle männliche Geschlechterrolle (Heul doch, Mimimi etc.), wenn es um die Thematisierung männlicher Benachteiligungen und sozialer Problemlagen geht.

– Hinter die Errungenschaften der Aufklärung zurückfallende Forderungen nach kritikloser Anerkennung rational nicht begründbarer Werte- und Glaubenssysteme. Neigung die individuelle Freiheit durch irrationale Wertesysteme einzuschränken und andere darüber zu belehren, wie sie zu leben haben. Forderungen nach kritikloser Unterordnung unter Werte und Normen, die vor allem darauf angelegt sind Sicherheit und Orientierung zu bieten.

– Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken und verschwörungstheoretischen Denken. (Anstatt differenzierte strukturell-soziologische Analysen, wie sie für klassisches linkes Denken typisch sind, produziert der radikale Feminismus verallgemeinerte Schuldzuweisungen, abstrahiert von realen sozialen Lagen und Kontexten. Soziozentrisches Stammesdenken ersetzt die ernsthafte soziologische und historische Analyse.)

– Bedürfnis nach einer Umwelt mit klaren und festen Regeln, an die sich alle zu halten haben. (Anstatt durch Religion und Nation werden die entsprechenden Regeln in diesem Fall von der radikalfeministischen Subkultur bereitgestellt. Gewünscht ist natürlich, dass die ganze Gesellschaft nach diesen klaren und festen Regeln funktioniert.)

– Das menschliche Individuum tritt hinter Kollektivsubjekten zurück. (Den Raum von Religion und Nation nimmt in diesem Fall die extreme Identitätspolitik des politisch korrekten Radikalfeminismus/Genderismus ein). Dieser Aspekt wurde insbesondere von der poststrukturalistischen Frauenrechtlerin und Kritikerin des radikalen Feminismus Julia Kristeva scharf kritisiert:

‘What is important is not to affirm the power and identity of groups, but to increase the freedom of individuals,” (…) ”To assume a group identity is a dead end. And if some people have interpreted French thinking to mean they should, they are totally wrong.”

Soweit erstmal. Falls jemandem weiteres zum Thema einfällt, bitte ergänzen. (Die Kritik bezieht sich nicht auf gemäßigte Feministinnen und humanistische Konservative, sondern auf die extremeren Varianten.)

Und die Ergänzung hier:

– Mit dem Zurücktreten des Individuums hinter Kollektivsubjekten geht natürlich auch eine starke Neigung zu soziozentrischen Formen moralischen Urteilens einher (Stufe 3 oder 4 in Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung). Ähnlich wie radikalen Konservativen fällt es radikalen Feministinnen oft schwer moralische Urteile von einem Standpunkt allgemein menschlicher Gerechtigkeit zu fällen. Stattdessen werden einerseits die Werte und Normen der eigenen Bezugsgruppe kritiklos übernommen und andererseits besteht eine ausschließliche Orientierung an den vermeintlichen Interessen der eigenen Bezugsgruppe ohne sich um einen fairen und gerechten Ausgleich zwischen dieser und anderen Menschengruppen zu bemühen.

Zählt für den radikalen Konservativen nur die Perspektive „meiner traditionellen Kultur“, „meiner Religion“, „meiner Nation“ so zählt für Anhänger des radikalen Feminismus stets nur die enge Perspektive der eigenen radikalfeministischen Subkultur und die vermeintlichen Interessen der durch die jeweilige radikalfeministische Ideologie definierten Bezugsgruppe.

– Eine weitere Parallele zwischen radikalem Feminismus und radikalem Konservatismus scheint mir eine Affinität zu autoritären Erziehungsformen zu sein. Radikalfeministische/genderistische pädagogische Maßnahmen können ja in mancherlei Hinsicht als Rückfall in autoritäre Erziehungsmethoden interpretiert werden, welche im feministischen Gewand daherkommen.

Denken wir z.B. an den Verein Dissens:

http://www.spiegel.de/spiegel/a-457053.html

Spezialgebiet des Vereins ist Jungenarbeit. Von dieser hat Dissens eine sehr eigene Vorstellung, denn es geht dabei auch darum, Jungs früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts zu erziehen. Es gibt ein einprägsames Beispiel, wie die Gender-Theorie Eingang gefunden hat in die angewandte Pädagogik.So spielten Dissens-Mitarbeiter bei einer Projektwoche mit Jungs in Marzahn einen “Vorurteilswettbewerb”, an dessen Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass sich Männer und Frauen viel weniger unterscheiden als gedacht. Es entspann sich eine heftige Debatte, ob Mädchen im Stehen pinkeln und Jungs Gefühle zeigen können, Sätze flogen hin und her. Am Ende warfen die beiden Dissens-Leute einem besonders selbstbewussten Jungen vor, “dass er eine Scheide habe und nur so tue, als sei er ein Junge”, so steht es im Protokoll.Einem Teenager die Existenz des Geschlechtsteils abzusprechen ist ein ziemlich verwirrender Anwurf, aber das nahmen die Dissens-Leute in Kauf, ihnen ging es um die “Zerstörung von Identitäten”, wie sie schreiben. Das Ziel einer “nichtidentitären Jungenarbeit” sei “nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge”.