Überlegungen zu „Jeff Hawkins / Sandra Blakeslee: On Intelligence“

Ich lese gerade das Buch „On Intelligence“ von Jeff Hawkins und Sandra Blakeslee. Es enthält einige interessante Theorien

1. Mustererkennung

Nach der dortigen Theorie – wenn ich sie richtig verstanden habe – ist Intelligenz im wesentlichen die Fähigkeit Muster und Systeme zu erkennen und anhand dieser erkannten Muster Vorhersagen über ähnliche Zukünftige Situationen zu erstellen. Dabei werden die Muster erkannt, indem aus kleinen gespeicherten Teilen das Ganze erkannt wird. Danach wäre der Neokortex im wesentlichen eine Mustererkennungseinheit. Aus den eingehenden Signalen wird ein Muster ermittelt und in ein hierarchisches System eingeordnet. Weitere eingehende Signale werden mit diesem Muster verglichen und entsprechend eingeordnet. Über Verknüpfungen können dann Assoziationen hergestellt werden. Wenn wir beispielsweise den Anfang einer Melodie hören, dann reicht dieser Anfang für ein Erkennen des Liedes und es wird eine Assoziationskette in Gang gesetzt die uns von Erinnerungsschnipsel zu Erinnerungsschnipsel das ganze Lied erkennen lässt. Weil diese Kette aus einem Ereignis errechnet, welches als nächstes kommt, können wir problemlos das einmal verinnerliche Alphabet aufsagen, wenn wir es aber rückwärts aufsagen sollen, dann haben wir erhebliche Probleme und müssen uns anstrengen.

Dabei funktioniert das System in beide Richtungen. Zum einen können wir mittels einem kleinen Schnipsels den Zusammenhang erkennen und dadurch ermitteln, was als nächstes kommt, zum anderen bereitet das System uns auch darauf vor, welcher Sinneseindruck als nächstes kommt, weswegen wir mitunter sehen, was wir gerne sehen wollen und nehmen bekanntes eher war.

Hier noch einmal die Darstellung in der Wikipedia:

The central concept of the memory-prediction framework is that bottom-up inputs are matched in a hierarchy of recognition, and evoke a series of top-down expectations encoded as potentiations. These expectations interact with the bottom-up signals to both analyse those inputs and generate predictions of subsequent expected inputs. Each hierarchy level remembers frequently observed temporal sequences of input patterns and generates labels or ’names‘ for these sequences. When an input sequence matches a memorized sequence at a given layer of the hierarchy, a label or ’name‘ is propagated up the hierarchy – thus eliminating details at higher levels and enabling them to learn higher-order sequences. This process produces increased invariance[disambiguation needed] at higher levels. Higher levels predict future input by matching partial sequences and projecting their expectations to the lower levels. However, when a mismatch between input and memorized/predicted sequences occurs, a more complete representation propagates upwards. This causes alternative ‚interpretations‘ to be activated at higher levels, which in turn generates other predictions at lower levels. Consider, for example, the process of vision. Bottom-up information starts as low-level retinal signals (indicating the presence of simple visual elements and contrasts). At higher levels of the hierarchy, increasingly meaningful information is extracted, regarding the presence of lines, regions, motions, etc. Even further up the hierarchy, activity corresponds to the presence of specific objects – and then to behaviours of these objects. Top-down information fills in details about the recognized objects, and also about their expected behaviour as time progresses. The sensory hierarchy induces a number of differences between the various layers. As one moves up the hierarchy, representations have increased: Extent – for example, larger areas of the visual field, or more extensive tactile regions. Temporal stability – lower-level entities change quickly, whereas, higher-level percepts tend to be more stable. Abstraction – through the process of successive extraction of invariant[disambiguation needed] features, increasingly abstract entities are recognized. The relationship between sensory and motor processing is an important aspect of the basic theory. It is proposed that the motor areas of cortex consist of a behavioural hierarchy similar to the sensory hierarchy, with the lowest levels consisting of explicit motor commands to musculature and the highest levels corresponding to abstract prescriptions (e.g. ‚resize the browser‘). The sensory and motor hierarchies are tightly coupled, with behaviour giving rise to sensory expectations and sensory perceptions driving motor processes.

Jeff Hawkins scheint davon auszugehen, dass alle Muster direkt im Wege eines Lernprozesses im Neokortex erkannt werden und es keine „Festverdrahtungen“ gibt. Das erscheint mir unwahrscheinlich, schon bei der Sprache gibt es gute Argumente dafür, dass die Mustererkennung eine gewisse Unterstützung bekommt und das scheint mir auch die Erkenntnis, dass man solche Muster dennoch lernen muss, die Muster hier zuordnen und ausfüllen muss, nicht zu beeinträchtigen.

Ein solches System würde gerade davon leben, dass im Leben möglichst viel Muster erkannt werden und ein System erstellt wird, welches dann die eingehenden Daten auswertbar macht und uns erlaubt uns überhaupt in der Welt zurechtzufinden. Ohne das Erkennen von Mustern wäre ein Vorhersagen von zukünftigen Ereignissen nach einem Schema schlicht nicht möglich.

Gleichzeitig müsste auch die Einordnung in die Muster bzw. die Zuordnung von ähnlichen Vorgängen zu bestimmten Mustern möglich sein. Um so schneller man erkennt, dass man in einer bestimmten Situation auch so reagieren kann, wie es zu einer anderen Situation gepasst hätte, um so schneller kann man angemessen reagieren. Das gilt natürlich auch für das Erkennen, dass eine bestimmte Situation nicht zu einem Muster passt und eine Ausnahme zu bilden ist.

Dabei können wir diese Muster nicht nur durch eigenes Erleben, sondern auch durch Erzählungen oder das Lesen der Erfahrungen Anderer lernen.

Das würde zunächst einmal bedeuten, dass Vorurteile und Stereotype nicht vermeidbar sind und das diese insbesondere dann entstehen, wenn sie durch die Mustererkennung bestätigt werden. Es würde also nicht verwundern, dass Stereotype und Vorurteile häufig einen gewissen wahren Kern haben.

Ein tatsächlich poststrukturalistischer Zustand wird damit für Menschen nicht zu erreichen sein. Wir brauchen und entwickeln immer Strukturen, Muster etc, weil wir sie brauchen um anhand dieser Vermutungen über die Zukunft anstellen zu können.

Es wäre auch zu vermuten, dass wir offensichtlich falsche Muster erkennen, so dass es nicht so einfach ist, uns falsche Muster einzugeben, wenn diese nicht durch „höhere Glaubenssätze“ wie eine Ideologie oder Religion in ein übergeordnetes Muster eingeordnet sind, dass schwerer aufzubrechen ist, weil es mit vielen anderen Mustern verbunden ist.

Aufklärung und wissenschaftliches Arbeiten würde demnach ein Denken fördern in dem Wissen hinterfragt wird, ideologische Einordnungen würden dies hingegen erschweren.

Das erklärt vielleicht auch, warum man von einem falschen Grundmuster schlecht wegkommt, wenn es zumindest einigermaßen passt. Hat man beispielsweise als Grundmuster den Kampf der Gruppe Mann gegen die Gruppe Frau im Macht akzeptiert, dann reagiert die Mustererkennung auf Machtsignale, die es in das bestehende Muster einordnen will. Solange diese Einordnung möglich ist wird diese Denkweise immer weiter ausgebaut.

Das macht aber nicht alle Vorstellungen lernbar. Wenn bestimmte Reaktionsmuster oder Reaktionen durch andere Bereiche beeinflusst sind, zB die Reaktion auf Attraktivitätsmerkmale mit Interesse und Erregung , dann muss dies nicht unbedingt durch andere Punkte überspielbar sein.

2. Bodymap

Bewegungen wären nach dieser Theorie auch nur das Aufrufen bestimmter Muster, also das mentale Abrufen des Bildes, wie man etwas macht zB aufgrund einer bestimmten Vorhersage, dass dann in untergeordneten Prozeduren in bestimmte Bewegungsmuster umgesetzt wird. Das würde erklären, warum wir mitunter aus Gewohnheit bestimmte Sachen machen, weil wir sie gewohnt sind: Das Gehirn hangelt sich die Vorsagenkette entlang und setzt sie in Bewegungsimpulse um, weil wir die Kette nicht durch andere Ziele unterbrechen.

Um diese Bewegungen ausführen zu können muss das Gehirn zunächst wissen, welche Körperteile es überhaupt gibt. Es muss also anhand der vorhandenen Leitungen und Nervenbahnen ein Muster des Körpers anlegen, welches dem Gehirn erklärt, was für Körperteile eigentlich vorhanden sind.

Das Gehirn ist in gewisser Weise von der Aussenwelt abgeschnitten, es kann nur in dem Gehirn eingehende Daten verwerten und sich hieraus ein Muster bzw. einen Plan errechnen.

Verliert man beispielsweise einen Arm, dann wird dieser Plan anscheinend nicht vollständig nach zB optischen Daten aktualisiert, sondern es werden anscheinend die noch vorhanden Daten zumindest teilweise beibehalten, weswegen man Phantomschmerzen in einem nicht mehr vorhandenen Arm haben kann.

Ist der Plan falsch angelegt oder wird zB durch eine Schädelverletzung beschädigt, dann kann es zB sein, dass der Arm in dem Bodyplan nicht mehr vorhanden ist und als Fremdkörper wahrgenommen wird („Alien Hand Syndrom„).

Interessant könnte es sein, diese Theorie mit Transsexualität abzugleichen: Dass auch Transsexuelle das Gefühl kennen im falschen Körper zu stecken könnte darauf hindeuten, dass der Körper die ursprüngliche Bodymap nach genetischen/hormonellen Vorgaben erstellt und nicht rein aus den eingehenden Signalen herausfiltert. Transsexuelle würden dann teilweise eine falsche Bodymap haben und zB am Penis eine Art  Alien Hand Syndrom erleben bzw das Gefühl haben, dass da etwas sein sollte, was nicht da ist.

Christina Hoff Sommers: Wie kriegt man mehr Frauen (und Männer) dazu sich als Feministinnen (bzw. Feministen) zu bezeichnen?

Freundlicherweise wurde mir eine deutsche Erstübersetzung des Textes „How to Get More Women (and Men) to Call Themselves Feminists“ von Christina Hoff Sommers zugeschickt, der sich auf ihr Buch „Freedom Feminism“ bezieht. Er scheint mir ein Versuch zu sein, den Begriff Feminismus etwas zu Reframen und ihn in Richtung eines Equity-Feminismus zu entwickeln:

Wie kriegt man mehr Frauen (und Männer) dazu sich als Feministinnen (bzw. Feministen) zu bezeichnen?

Christina Hoff Sommers, 25. Juni 2013

Auf die Frage „Sind sie Feminist oder Feministin?“ antworten die meisten Amerikaner mit „Nein“. Eine vor kurzem von der Huffington Post/YouGov durchgeführte Umfrage verdeutlicht dies: Nur 23 % der Frauen und 16 % der Männer identifizierten sich als „feministisch“. So bekannte als auch unterschiedliche Frauen wie Taylor Swift, Sandra Day O’Connor, Marissa Mayer und Beyoncé lehnen diese Bezeichnung ab.

Die Emanzipation der Frauen ist eines der Ruhmesblätter der westlichen Zivilisation und eines der großartigsten Kapitel in der Geschichte der Freiheit. Warum hat der Begriff, der dieses Erbe bezeichnet, einen so schlechten Ruf?

Einige werden sagen, dass die Bewegung auf dem Rückzug ist, weil ihre wesentlichen Ziele erreicht wurden. Also warum sollte sie nicht einfach verblassen? Dies ist eine verständliche, aber dennoch falsche Schlussfolgerung. Obwohl die wesentlichen Kämpfe für Gleichberechtigung und gleiche Chancen innerhalb der Vereinigten Staaten ausgefochten und größtenteils gewonnen wurden, bleibt die Arbeit des Feminismus doch unbeendet. Über den ganzen Globus verteilt, kämpfen neugebildete Frauengruppen angesichts echter und oftmals gewaltsamer Unterdrückung darum zu bestehen. Die westliche Populärkultur beinhaltet starke Elemente von Frauenfeindlichkeit. Frauen haben weit mehr als Männer mit der Herausforderung zu kämpfen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Trotz des immensen Fortschritts für Frauen sind Frauen mit Kindern unverhältnismäßig stark von Armut betroffen.

Wer braucht den Feminismus? Wir. Die Welt. Aber eine effektive Frauenbewegung muss von ihrem gegenwärtigen Außenseiterstatus befreit werden. Jeder Mensch mit einem Interesse daran, den Status von Frauen in der Welt zu verbessern, sollte daran arbeiten eine Frauenbewegung zu schaffen, in der sich Frauen wiederfinden können. Ein realitätsbezogener, Männer respektierender, verständiger Feminismus könnte eine große Hilfe sowohl für Frauen in den Vereinigten Staaten als auch in der ganzen Welt sein. Ich nenne dies „Freiheits- Feminismus“ („freedom feminism“).

Freiheits-Feminismus steht für die moralische, soziale und rechtliche Gleichheit der Geschlechter – und für die Freiheit der Frauen ihren gleichberechtigten Status dazu zu benutzen um auf ihre eigenen vielfältigen Arten nach Glück zu streben. Freiheits-Feminismus steht nicht mit Weiblichkeit oder Männlichkeit auf Kriegsfuß und betrachtet Männer und Frauen nicht als miteinander verfeindete Stämme. Theorien von universeller patriarchaler Unterdrückung stehen nicht auf seinen Gründungstafeln. Ebenso wenig wie Gesinnungsprüfungen für Mitstreiter: er heißt Männer und Frauen quer durch das politische Spektrum willkommen. Einfach gesagt, bejaht Freiheits-Feminismus für Frauen, was er für jede Person bejaht: Würde, Fairness und persönliche Freiheit.

Ich habe diese gemäßigte Alternative entwickelt, indem ich die Geschichte der Frauenbewegung studierte. Seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert haben Reformerinnen unterschiedliche Positionen bezüglich Geschlechterrollen eingenommen. „Egalitaristen“ betonten die wesentliche Gleichheit der Geschlechter und versuchten Frauen von konventionellen Rollen zu befreien. Im Gegensatz dazu waren „Mutterschaftsorientierte Feministinnen“ nicht gegen Geschlechterrollen. Sie wertschätzten den Beitrag von Frauen als Ehefrauen und Mütter. Gleichzeitig suchten sie nach Wegen um Frauen größeren Respekt und Einfluss in der Öffentlichkeit zu verschaffen als auch mehr Schutz vor Missbrauch und Ausbeutung daheim.

Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony, Suffragetten des 19. Jahrhunderts, waren Egalitaristinnen; ihre Rivalin und unverzichtbare Verbündete im Kampf für das Frauen-Stimmrecht war die Temperenzler-Anführerin Frances Willard, eine überzeugte Mutterschafts-Feministin. Eleanor Roosevelt war ebenfalls lebenslang eine Mutterschafts–Feministin, die Männer und Frauen als gleichwertig, aber als verschieden ansah. Sie betrachtete das häusliche Leben als „vorrangiges Feld weiblicher Aktivität“, doch auf die Frage, ob der Platz einer Frau das Haus wäre, antwortete sie „natürlich, aber wenn sie sich wirklich um ihr Heim kümmert, dann wird sie weit herumkommen“.

Die Geschichte deutet darauf hin, dass es den Frauen am besten ergeht, wenn beide Bewegungen – die progressive und die konservative – zusammenarbeiten. Wie sieht es heute aus? In den Augen vieler hat sich die gegenwärtige Frauenbewegung in eine engstirnige Spartengruppierung links von der Mitte verwandelt. Die Mehrheit der Frauen wurde dabei zurückgelassen.

Freiheits-Feminismus kombiniert Aspekte sowohl der egalitären als auch der mutterschaftlich orientierten Tradition. Mit dem Egalitarismus teilt er die Abneigung gegen vorgeschriebene Geschlechterrollen: Frauen sollen frei sein, sich von Stereotypen der Weiblichkeit zu lösen, wenn dies ihre Wahl ist. Gleichzeitig respektiert er die Wahlmöglichkeiten freier und selbstbestimmter Frauen, wenn diese sich für konventionelle weibliche Rollen entscheiden. Freiheits-Feminismus steht für gleiche Chancen, aber beharrt nicht auf gleiche Ergebnisse.

In einer Umfrage von 2013 bezüglich moderner Elternschaft, fragte das Pew Research Center Mütter und Väter was sie als ihre „ideale“ Arbeitsaufteilung bezeichnen würden. 61 % der Mütter sagten, sie würden es vorziehen in Teilzeit zu arbeiten; oder gar nicht. Väter antworteten anders: 75 % bevorzugten es in Vollzeit zu arbeiten. Catherine Hakim, Soziologin an der London School of Economics, kam zu ähnlichen Ergebnissen als sie die Präferenzen von Frauen und Männern in Westeuropa untersuchte.

Nach Meinung von vielen in der zeitgenössischen Frauen-Lobby sind diese konventionellen Wahlentscheidungen der Beweis für verwurzelten Sexismus und verinnerlichte Unterdrückung. „Die persönlichen Entscheidungen von Frauen sind voller Ungerechtigkeiten“, so die „American Association of University Women“. Die „National Organization for Women“ weist auf „hartnäckige Stereotypen“ und eine „Unzahl an Formen von Sexismus“ hin, die Frauen zu besonderen Karrierewegen und Familienrollen „hinlenken“. Aber US-amerikanische Frauen gehören zu den am stärksten selbstbestimmten Frauen in der Geschichte der Menschheit. Warum nicht ihre Wahl respektieren?

Die selbe Frage könnte man stellen bezüglich der Art von Karrieren, die Männer und Frauen einschlagen. Auch nach 40 Jahren der Bewusstseinsbildung betätigen sich Frauen beruflich eher in Bereichen wie Lehrtätigkeit, Kinderbetreuung, Sozialarbeit, Pflege und Kinderheilkunde. Männer betätigen sich eher als Ingenieure, Automechaniker, Metallurgen und Bauarbeiter. Sind diese Trends das Ergebnis von Geschlechterdiskriminierung, einem feindlichen Umfeld oder unsichtbaren Barrieren wie Gender-Aktivistinnen nicht müde werden zu betonen? Es wäre möglich. Aber ist es nicht ebenfalls möglich, dass Frauen und Männer im Streben nach Glück einfach verschiedene Wege gehen? Freiheits-Feminismus respektiert anhaltende menschliche Bestrebungen.

Frauen sind vielfältig. Trotz mehrerer Jahrzehnte des Warnens und Anprangerns bezüglich traditioneller Geschlechterrollen ist das häusliche Leben eine wesentliche Priorität für Millionen von Frauen geblieben. Und alle Überredungsversuche haben Frauen nicht davon abgeschreckt, sich weiterhin für typische Frauenberufe im Pflege- und Sozialbereich zu entscheiden. Obwohl sich die britische Komödienautorin Caitlin Moran als „streitbare Feministin“ bezeichnet, vermitteln viele Passagen in ihrem humorvollem Buch „How to be a Woman“ den Geist des Freiheits-Feminismus. Sie stellt die Frage: „Was ist Feminismus?“ und antwortet: „Ganz einfach, die Überzeugung, dass Frauen genauso frei sein sollten wie Männer, egal wie durchgeknallt, dämlich, schlecht gekleidet, fett, faul und eingebildet sie sein mögen.“

Wie würde sich die Frauenbewegung verändern, wenn Freiheits-Feminismus ihre vorherrschende Philosophie wäre?

Erstens würden geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Löhnen, politischer Führung und Berufen nicht mehr automatisch als Beweis für Diskriminierung angesehen werden. Freiheits-Feministinnen berücksichtigen, dass es harmlose Erklärungen für Unterschiede geben kann. Stattdessen würden sie sich auf tatsächliche Ungerechtigkeiten konzentrieren.

Zweitens würde die Frauenbewegung den Mut aufbringen um auf eine wesentliche Ursache der Armut in Amerika hinzuweisen: fehlende Väter. Freiheits-Feministinnen würden wohl mit ihren eher progressiven Schwestern darin zusammenarbeiten Initiativen zu unterstützen, um von Armut betroffenen alleinerziehenden Müttern zu helfen; aber ihr Hauptaugenmerk läge darauf, eine gegen Männer gerichtete Erziehungs- und Sozialpolitik zu bekämpfen, die dazu beigetragen hat, hat eine zerrüttete Kultur der Vaterlosigkeit zu erzeugen.

Drittens würde sich der geographische Schwerpunkt von den Vereinigten Staaten hin zu den Entwicklungsländern verschieben. In ganz Asien, Afrika und dem Mittleren Osten kämpfen moderne Elizabeth Cady Stantons und Frances Willards mutig für eine Lebensverbesserung der Frauen. Sie fragen nach unserer Hilfe. Die Geschichte legt nahe, dass eine Koalition von konservativen und progressiven Frauen eine starke Kraft für einen Wandel sein könnte. Dadurch, dass der Freiheits-Feminismus Frauen aus einem breiten weltanschaulichen Spektrum willkommen heißt, würde er diese beeindruckende Koalition erschaffen.

Mein Rat an die jungen Frauen von heute: Reformiert den Feminismus. Gebt gemäßigten und konservativen Frauen eine Stimme. Und vor allem, macht gemeinsame Sache mit den Frauen in der Welt, die für ihre grundlegenden Freiheiten kämpfen. Die Unterstützung wirklich unterdrückter Frauen würde dem heutigen westlichen Feminismus etwas geben, das ihm seit vielen Jahren gefehlt hat: ein zeitgemäßes Ziel, das seiner ruhmvollen Vergangenheit entspricht.

Christina Hoff Sommers hatte ich hier schon ein paar Mal:

Vieles, was sie an Kritik am Feminismus bringt, finde ich sehr gelungen. Gleichzeitig bin ich immer etwas vorsichtig, wenn von einem konservativen Feminismus und der Mutterrolle die Rede ist. Natürlich sollen Frauen auch die Mutterrolle übernehmen können, aber wenn man darunter versteht, dass sie immer und für lange Zeit das Wahlrecht haben müssen, ausschließlich Mutter zu sein, dann bedeutet das eben, dass dies jemand bezahlen muss. Irgend jemand muss das Geld dafür zahlen, was Unterhalt oder Steuern bedeutet. Dabei könnte das Rad für die Männer auch zurückgedreht werden, eben indem die Absicherung der Frauenrolle Lasten zum Nachteil von Männern begründet. Ich bin eigentlich recht froh darüber, dass das deutsche Unterhaltsrecht in diesem Zusammenhang die Eigenverantwortung mehr betont als früher und zumindest die Reduzierung auf einen Nachteilsausgleich statt einer strikten Lebensstandardgarantie in Gespräch gebracht hat. Wie Christina Hoff Sommers sich die Ausgestaltung der Mutterrollenwahlmöglichkeit vorstellt wäre da also im Detail interessant. Vielleicht hat ja jemand schon ihr neues Bucht gelesen und kann berichten?

Ein Umschwung des Feminismus dahin gehend, dass aus Unterschieden nicht mehr auf Diskriminierung geschlossen wird wäre hingegen ein eindeutiger Schritt nach vorne. Bei ihren anderen Punkten bin ich eher skeptisch. Was haltet ihr davon?

Selbermach Samstag XLI

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs oder auf den Blogs anderer? Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Sexnegativer Feminismus

Auf dem Blog Xojane bekennt sich die Autorin zum sexnegativen Feminismus:

Being sex-negative doesn’t mean that I fancy myself the chief inspector of the sex police, or that I am personally judging what you do in bed, or that I’m conservative, or that I’m engaging in repressive moralizing. It doesn’t mean that I hate sex workers, or that I want to ban sex work or porn (and, in general, I tend to leave those conversations to women who do sex work while I shut up and listen to what they have to say). It doesn’t mean that I hate sex or that I’m embarrassed by it.

What it does, in fact, mean is that the way you fuck is not „private,“ apolitical, or outside the realm of critique. Sex does not happen in a vacuum immune to outside structural influences; in fact, it can (and does) replicate inescapable systems of power and dominance. Being sex-negative means acknowledging that sex, and kink, have nothing intrinsically „good“ or „positive“ about them (in direct contrast to sex-positive feminists, many of whom argue that sex is an inherent good and that less charitable opinions toward sex are the result of a poisonous, prudish society).

It means understanding that many women have neutral to negative experiences with sex, whether due to a lack of desire or sensitivity or past traumatic experiences or myriad other reasons, or may not wish to have sex at all, and that none of this makes them unhealthy, aberrant, or wrong.

Thus, sex-negativity urges feminists to reject compulsory sexuality, which has historically translated to forced sexual compliance with men but has recently been extended to non-hetero sex and sexuality as well.

Sex-negativity also encourages us to question „consent is sexy“ attitudes (since sex is inescapable from patriarchal and other power relations, and thus what is “sexy” caters to men and the male gaze) and understand that even in situations where consent is given, sex is not necessarily enthusiastically consented to or utilized as a means to ends other than pleasure and intimacy.

Im Endeffekt also das bekannte „Das Private ist politisch“ kombiniert mit „Sexy ist das Patriarchat“.

Sex in Paarbindungen und die Bedeutung des Gesichts

Eine Frage, die ich mir neulich stellte, ist, welche Veränderungen durch die Paarbindung entstehen:

  • Bei der Paarbindung wird die Anonymität des Sex aufgehoben (im Gegensatz zB zu einer Spermienkonkurrenz). Die Identität des Sexualpartners erhält damit eine besondere Bedeutung
  • Vielleicht haben wir deswegen auch eine besondere Vorliebe für ein „hübsches Gesicht“ und auch dort im Wege der sexuellen Selektion viele besondere Attraktivitätsmerkmale angesammelt – bei Frauen etwa besonders volle Lippen (quasi vergleichbar mit den geschwollenen roten Hintern einer Affenarten), was dann eben heute dazu führt, dass sich Frauen die Lippen aufspritzen lassen und mit Lippenstift die Signalfarbe verstärken sowie den Mund optisch vergrößeren

  • Weitere Attraktivitätsmerkmale im Gesicht sind große Augen, weswegen mit Schminke auch hier nachgeholfen wird, zudem hohe Wangenknochen als Zeichen für Erwachsenheit oder Signale wie leicht gerötete Wangen (Signalfarbe für Erregung) die auch mit Schminke nachgeamt wird.
  • Auch beim Mann sind ein deutliches Kinn etc interessant.
  • Das erklärt vielleicht auch, warum Sexualpraktiken wie die Missionar Stellung als besonders vertraut gelten, weil man sich dabei eben in die Augen und in das Gesicht schaut und so die Mimik und die Gefühle des Partners besser lesen kann. Andere Stellungen wie Doggy Style gelten dagegen als „wilder“ und insoweit sexueller und sind damit der Kurzzeitstrategie näher (in dem Sinne, dass sie eben die sexuellere Seite eher ansprechen als die Bindungsseite).
  • Es könnte sich insoweit sexuelles Interesse auf das Gesicht verlagert haben, weil dieses aufgrund der Paarbindung zur Erforschung der Gefühle und genauer Beobachtung eh mehr beobachtet werden muss und daher das Prüfen der dortigen Fruchtbarkeitsmerkmale /Attraktivitätsmerkmale und das Entwickeln besonderer Attraktivitätsmerkmale im Wege der sexuellen Evolution leicht selektiert werden konnte

Das sexuelle Selektion ihre Spuren in unserem Gesicht hinterlassen hat, wird auch in dieser Studie vertreten:

We consider sex differences in human facial morphology in the context of developmental change. We show that at puberty, the height of the upper face, between the lip and the brow, develops differently in males and females, and that these differences are not explicable in terms of sex differences in body size. We find the same dimorphism in the faces of human ancestors. We propose that the relative shortening in men and lengthening in women of the anterior upper face at puberty is the mechanistic consequence of extreme maxillary rotation during ontogeny. A link between this developmental model and sexual dimorphism is made for the first time, and provides a new set of morphological criteria to sex human crania. This finding has important implications for the role of sexual selection in the evolution of anthropoid faces and for theories of human facial attractiveness.

Quelle: Biometric Evidence that Sexual Selection Has Shaped the Hominin Face

Aus der Studie:

Could the vertical modification of the anterior upper face in males and females be simply a by-product of developmental adjustments towards structural and functional balance? Or is there evidence to suggest that sexual selection, operating mainly through mate choice, has shaped the human face? Previously, ‘hormone markers’, singled out as cues that can affect judgements of male facial attractiveness [32], [33], have largely corresponded to regions of the face that grow allometrically, such as the lower jaw and browridges, and not necessarily to regions of the face that exhibit sex-specific size-independent variation, such as anterior upper facial height. A good example of a facial feature that is growth-related is cheekbone prominence: although male cheekbones are larger, female cheekbones appear more conspicuous than those of males, as the female nose, forehead and chin do not protrude to the same extent [5], [17]. Prominent cheekbones are attractive in both sexes but in females it is the relative anterior protrusion of the bone and amply overlying soft tissue [34] that defines them, as opposed to the degree of protrusion of the zygomatic bone laterally. In several studies of facial attractiveness [35]–[37] cheekbone prominence has been defined metrically by the ratio of the width of the face at the cheek-bones divided by the width of the face at the level of the mouth. The findings from these studies were not consistent as ‘cheekbone prominence’ in this context was found to be both greater in females [37]or greater in males [35], [36]. The sex-specific distinction (width-to-height of the upper face) reported here in a sample of modern humans, and potentially corresponding to facial dimorphism in other hominins, is quantifying different information, with width of the face across the cheekbones defined in relation to the height of the upper face and not defined in relation to the breadth of the lower jaw. The findings in this study suggest that, independent of any selection pressure on overall body size, it is upper facial height (and not facial breadth) that is the potential target of selection, as male upper faces are shorter than expected for their size. A divergence in the size of male and female traits usually occurs around male puberty at 12–14 years [4]. Our data confirm that sexual size dimorphism is present in most cranial traits (though to a variable degree) but is absent for FHT in post-pubescent individuals (Figure S3). The relationship between facial breadth across the cheekbones (BZW) and BCL (the usual proxy for skull size) is shown not to differ significantly between males and females, agreeing with predictions based on ontogenetic scaling, whereas the relationship between upper facial height and skull size (BCL) is shown to differ significantly between the sexes (Table 1, 2). This distinction, which separates facial variation hypothetically linked with sexual selective pressures acting on overall body size, from facial variation hypothetically linked with sexual selective pressures targeting a specific part of the face, is important as the latter should be able unambiguously to define adult male and female faces, whereas the former will fluctuate in accordance with variation in body size across human populations.

Nochmal: Evolutionäre Adaptionen und ihre Einschränkungen

Leserin Erzählmirnix schreibt in einem Kommentar:

Aber müssten evolutionsbiologisch frauen nicht mindestens so stark sein wie männer? ich meine, eine vergewaltigung muss doch irgendwie abgewehrt werden können und da für eine frau die kosten für (unerwünschten) sex viel höher sind, wohingegen der mann quasi keine kosten hat… das muss doch erstmal auf der biologischen schiene laufen bevor wir mit gesellschaftlichen strukturen kommen. und auf der biologischen ebene muss die wahl der fortpflanzungspartner klar bei der frau liegen. wenn nun jeder dahergelaufene mann sich eine frau ins gebüsch zerren könnte und die wäre nicht mindestens so stark wie er… genetisches sodom und gomorrha. also ist es doch nur logisch dass die geschlechter prinzipiell gleich stark konzipiert sind.

Das ist noch einmal eine gute Gelegenheit klassische Fehler in Argumentationen dieser Art aufzuzeigen:

1. Die Betrachtung eines einzelnen Merkmals statt der Gesamtkosten

Üblicherweise werden drei Bedingungen genannt, die für eine evolutionäre Adaption vorliegen müssen.

  1. Die Eigenschaft ist eine Abwandelung einer früheren Form
  2. Die Eigenschaft ist durch Gene vererbbar
  3. Die Eigenschaft gibt einen Vorteil in Hinblick auf Fortpflanzung

Relevant ist hier insbesondere, dass ein Vorteil in Hinblick auf die Fortpflanzung bestehen muss. Dabei reicht es nicht, wenn die gewünschte Adaption einen Vorteil bietet, der Vorteil muss größer sein als der Nachteil, der ebenfalls hierdurch noch entstehen könnte.

Um es an einem anderen Beispiel festzumachen: Es wäre sicherlich von Vorteil, wenn der Dodo fliegen könnte. Allerdings müßte er dazu teure Muskeln vorhalten und sich auch ansonsten erheblich einschränke .

Bei dem Stärker sein als der Mann bestehen viele Nachteile;

  • hohe Unterhaltskosten für die Muskeln
  • Eintreten in ein Red Queen Rennen mit den Männern um Körperkraft
  • Höhere Kampfkraft müßte über Schwangerschaft und Stillen aufrechterhalten werden
  • Kampfvorteil über Körpergröße müßte ausgeglichen werden
  • Nachteile über sexuelle Selektion

2. Anatomische Einschränkungen

Eine Selektion hin zu stärkeren Frauen müsste einige Hürden nehmen:

Man sollte sich bewußt machen, dass Testosteron bereits ein Dopingmittel ist und Männer deutlich mehr davon haben. Dazu viele andere Unterschiede:

  • Männer wiegen etwa 15% mehr als Frauen
  • Männer sind im Schnitt 15 cm größer als Frauen
  • das Hüfte-Taile Verhältnis ist anders, Männer haben schmalere Hüften
  • Das Brust-Tailen Verhältnis ist anders: Männer haben normalerweise einen größeren Brustumfang
  • Der Oberkörper von Männern ist im Schnitt 40-50% stärker
  • der Unterkörper von Männern ist im Schnitt 30% stärker
  • Männer haben relativ zu ihrer Körpergröße mehr Lungenvolumen (ca. 30%)
  • Ellenbogen und Knie sind beim Mann c42-60% stärker
  • die Haut von Männern ist dicker und fettiger
  • Männer haben mehr Körperbehaarung als Frauen
  • Frauen haben einen höheren Körperfettanteil
  • Frauen haben einen niedrigeren Blutdruck, Frauenherzen schlagen dafür etwas schneller
  • Männer haben mehr androgene Hormone, Frauen mehr Estrogene
  • Männer haben im Schnitt 5,2 Millionen rote Blutkörperchen pro Kubikmililiter, Frauen 4,6 Millionen
  • Männer haben mehr Hämoglobin als Frauen und können daher mehr Sauerstoff speichern
  • Männer haben im Verhältnis zu ihrem Körper ein um 10% größeres Herz
  • Der Grundumsatz von Männern ist etwa 10% höher als der von Frauen
  • Männer haben stärkere Knochen
  • Frauen wandeln mehr ihrer Nahrung in Fett um, Männern mehr in Muskeln
  • Männer können mehr Hitze abgeben, weil sie mehr Schweißdrüsen haben
  • Frauen haben mehr weiße Blutkörperchen (bessere Imunabwehr)
  • Männer haben mehr Gerinnungsfaktoren und Inhibitoren im Blut (schnellere Wundheilung)

Es ist recht einfach zu sehen, dass viele dieser Anpassungen gute Adaptionen für körperliche Auseinandersetzungen sind. All diese Adaptionen müsste die Frau damit eine positive Selektion zur Wehrhaftigkeit hin erfolgreich ist ausgeglichen haben.

Natürlich sind solche radikalen Wechsel möglich. Die Tüpfelhyäne beispielsweise hat größere und stärkere Weibchen, die evolutionäre Umstellung war jedoch mit einer deutlichen Vermännlichung der Weiblichen verbunden:

Eines der außergewöhnlichsten Merkmale der Tüpfelhyäne ist die Maskulinisation („Vermännlichung“) der Weibchen. Die Besonderheit der Anatomie der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane war bis in das 20. Jahrhundert Anlass von Spekulationen, obwohl bereits 1877 die erste wissenschaftlich-anatomische Beschreibung vorgelegt wurde.[2] Die Weibchen haben keinen Scheidenvorhof und keine Vulva. Die Gebärmutter ist zweihörnig, der Gebärmutterkörper durch ein Septum partiell geteilt (Uterus bicornis subseptus). Der Gebärmutterhals ist nur wenige Millimeter lang und undeutlich. Die Vagina verschmilzt – wie sonst nur bei männlichen Säugetieren – mit der Harnröhre zu einem Harn-Geschlechtsgang (Urogenitalkanal), der durch den Kitzler verläuft. Der Kitzler ähnelt dem Penis der Männchen, er erreicht rund 90 % von dessen Länge und ist ebenso erigierbar. Somit erfolgen das Urinieren, die Begattung und die Geburt durch diesen Urogenitalkanal. Vom Penis unterscheidet er sich durch das Fehlen des Harnröhrenschwellkörpers, durch eine starke Faltung der Schleimhaut und den unterschiedlichen Ansatz des Rückziehmuskels (Musculus retractor penis beziehungsweise clitoridis), der sich bei Männchen an der Penisunterseite, bei Weibchen an der Seitenfläche des Kitzlers anheftet. Diese Faktoren ermöglichen die Passage der relativ großen, bis zu 1,6 Kilogramm schweren Welpen zur Geburt. Der Geburtskanal hat durch die besonderen anatomischen Verhältnisse eine Biegung um 180° am Beckenausgang, was gelegentlich zu Geburtsproblemen führt. Die Schamlippen verwachsen und ähneln dem Hodensack (Skrotum) der Männchen (Pseudoskrotum). Die Geschlechter können an der Form der Spitze des Penis beziehungsweise des Kitzlers unterschieden werden: Männchen haben eine zugespitzte Eichel, was die Kopulation erleichtert, während die Spitze des Kitzlers vorne stumpf ist.[3]

Die physiologische Ursache dieser „Vermännlichung“ liegt nicht – wie früher vermutet – ausschließlich darin, dass die Föten im Frühstadium Androgenen ausgesetzt sind. In Versuchen wurden trächtige Weibchen mit Anti-Androgenen behandelt, ohne dass die neugeborenen Weibchen einen säugetiertypischen Kitzler oder eine offene Vagina gezeigt hätten. Bei den neugeborenen Männchen glich sich der Penis äußerlich der Klitoris an.[4] Die Androgene beeinflussen allerdings das Verhalten und den Rang: Höherrangige Weibchen haben in der Endphase der Tragzeit einen höheren Androgenspiegel als niederrangige Tiere; ihre neugeborenen Welpen sind aggressiver.[5]

Die evolutionären Gründe hinter der Maskulinisation sind nicht geklärt. Manche Autoren vermuten, dass das Begrüßungsritual mit dem erigierten Geschlechtsteil (siehe unten) dermaßen wichtig für den Gruppenzusammenhalt ist, dass sich für die Weibchen Vorteile daraus ergaben, daran teilzunehmen.[6] Eine andere Sicht hält die Maskulinisierung für ein „Nebenprodukt“ der Entwicklung der Weibchen hin zu stärkeren, aggressiveren Tieren,[7] was beim Aufwachsen in den Auseinandersetzungen mit den Geschwistern und beim Kampf um Nahrungsressourcen von Vorteil ist. Letztendlich bleibt es aber schwierig, die evolutionären Schritte nachzuvollziehen, die zu diesem unter Säugetieren einmaligen Phänomen geführt haben.

3. „Es sollte so sein, weil es dann besser wäre“

Wunschträume bewirken keine Evolution.  Es mag wünschenswert sein, dass Frauen sich besser wehren können. Ein Selektionsprozess muss aber vorteilhaft sein, was hier in einer Gesamtbetrachtung eher nicht der Fall ist.

Der Rückwärtsschluß aus einer angestrebten Eigenschaft auf eine sichere Evolution in diese Richtung ist nur sehr eingeschränkt möglich. Das liegt  eben an den Einschränkungen evolutionärer Adaptionen:

  1. Anatomische Einschränkungen
  2. Genetische Einschränkungen
  3. Zeitliche Einschränkungen
  4. Einschränkungen durch die Kosten
  5. Einschränkungen durch die Schwankungen in den Lebensumständen

Das „eigentlich müsste es ganz anders sein“ ist eigentlich nur dann zulässig, wenn man eine bestimmte evolutionäre Regel benennen will, deren Inhalt einem mögliche Ziel entgegensteht.

Das ist hier aber gerade nicht der Fall. Die These, dass Männer stärker sind, wird eher durch evolutionäre Regeln gestützt:

  • Ist bei Lebewesen eines der Geschlechter größer, dann ist es auch meist (überproportional) stärker, weil Größenunterschiede üblicherweise entstehen, wenn eines der Geschlechter in körperlicher intrasexueller Konkurrenz stehen, also untereinander kämpfen
  • Das Geschlecht, welches mehr in intrasexueller Konkurrenz steht, wird in der Regel stärker sein. Das sind bei Primaten die Männchen. Auch beim Menschen spricht alles für größere intrasexuelle Konkurrenz unter Männern

Wenn eine Regel dafür spricht, dass eigentlich ein anderes Ergebnis vorliegen müsste, dann kann man dies als evolutonäres Rätsel sehen und versuchen es zu lösen. Dies ist aber hier gerade nicht der Fall

4. Es ist auch nicht so

Letztendlich bleibt eine Kontrolle des Endzustandes. Athleten mögen teilweise recht dicht bei einander sein, aber untrainierte Männer sind in aller Regel stärker als Frauen. Wer 18jährige Männer gegen 18jährige Frauen im Armdrücken antreten läßt, der sollte sein Geld auf die Männer setzen.

Wie Roslin hier schon zitierte bleiben die Unterschiede relativ gleich:

*A stabilization of the gender gap in world records is observed after 1983, at a mean difference of 10.0% ± 2.94 between men and women for all events. The gender gap ranges from 5.5% (800-m freestyle, swimming) to 18.8% (long jump). The mean gap is 10.7% for running performances, 17.5% for jumps, 8.9% for swimming races, 7.0% for speed skating and 8.7% in cycling. The top ten performers’ analysis reveals a similar gender gap trend with a stabilization in 1982 at 11.7%, despite the large growth in participation of women from eastern and western countries, that coincided with later- published evidence of state-institutionalized or individual doping. These results suggest that women will not run, jump, swim or ride as fast as men.*

 

Kernpunkte des Gleichheitsfeminismus

Julia Aurelie hatte hier vor einiger Zeit einmal ein paar „Kernpunkte des Genderfeminismus“ zusammengestellt:

1. Das Patriarchat existiert.

2. Es gibt keinen Sexismus gegen Männer.

3. Es gibt keine weiblichen Privilegien.

4. Männer sind immer in der stärkeren Machtposition.

5. Sprache bildet die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern ab und sollte entsprechend geändert werden.

6. Jegliche Unterschiede zwischen Mann und Frau können niemals biologische Ursachen haben, sondern lassen sich ausschließlich auf die Konstruktion des Geschlechts zurückführen.

7. Wer Opfer ist und wer nicht, darüber bestimmt lediglich das Opfer.* Thema: Definitionsmacht.

8. Zwischen verbaler sexueller Belästigung und einer Vergewaltigung sind keine Unterschiede zu machen. Beides ist in gleichem Maße verwerflich und muss sanktioniert werden.

9. Männer soll(t)en sich nicht in feministische Diskussionen einbringen.

… Da könnte man sicherlich noch einige Punkte finden!

(* Sofern es weiblichen Geschlechts ist.)

Nick ergänzte in einem Kommentar direkt darunter noch:

10. Negative Folgen von Männlichkeit sind stets notwendiger Preis der männlichen Privilegien, negative Folgen von Weiblichkeit sind stets der Ausdruck der männlicher Privilegien.

Finde ich eigentlich keine schlechte Zusamenstellung.

Teste dein Gender Studies Wissen!

Stefan berichtet aus einen Text aus den Gender Studies:

1. Frage

1a. Erklären Sie die gendertheoretischen Fachtermini Sex und Gender. (1P)

1b. Erläutern sie anhand von Ergebnissen der Genderforschung, warum es wissenschaftlich unhaltbar ist aus sex gender abzuleiten (sex -> gender, d.h. z.B. aus der Konstitution geschlechtlicher Körper eine bestimmte Berufswahl abzuleiten). (3P)

2. Frage

Personalstatistiken zu wissenschaftlichen Einrichtungen wie Universitäten liefern Darstellungen, für die geschlechterbezogen ein Leaking-Pipeline-Phänomen bzw. ein Gender Gap festgestellt werden.

2a. Erläutern Sie die Fachbegriffe Leaking-Pipeline-Phänomen und Gender Gap. (1P)

2b. Erklären Sie die Hintergründe der hohen Männerquoten in den Ingenieurwissenschaften anhand der Forschungsergebnisse (1) zum Image/Status der Ingenieurwissenschaften und (2) zu den geschlechtsspezifi-schen Aufgaben- und Fähigkeitszuschreibungen (Sozialisation, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung etc.).

(Welche geschlechtsspezifischen Vorteile werden Männern diesbezüglich geboten?) (10P)

3. Frage

3a. Erläutern Sie den Begriff „androzentrische Wissenschaftsgeschichte“. (1P)

3b. Wie lässt sich aus Sicht der Genderforschung eine androzentrische Geschichtsschreibung der Ingenieur- und Naturwissenschaften überwinden? (3P)

4. Frage

4a. Beschreiben Sie fundiert, wie es historisch seit dem 18. Jahrhundert in Europa zum Ausschluss von Frauen aus den Natur- und Technikwissenschaften kam. (10P)

4b. Warum kam es nach der Zulassung von Frauen zum Studium um 1900 in Europa nicht sofort zu einem völlig ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in allen Fachbereichen? (4P)

5. Frage

Erklären Sie, in welchen Zusammenhang der geschlechtsspezifische Personalbestand und die Theorien der Naturwissenschaften von der Genderforschung gebracht werden. (3P)

6. Frage

Beschreiben Sie ausführlich am Beispiel der Gehirnforschung, wie die Genderforschung den psychobiosozialen Ansatz der kognitiven Geschlechterdifferenzen begründet. (10P)

7. Frage

Erläutern Sie, was die Genderforschung unter “Technology of Gender“ versteht und illustrieren Sie dies kurz beispielhaft anhand von drei technischen Artefakten / Geräten. (3P)

8. Frage

8a. Beschreiben Sie an einem Beispiel, in welcher Weise in technische Geräte / Artefakte bzw. in Technologien Genderscripte eingeschrieben werden. (3P)

8b. Wieso werden Genderscripte meistens von den Technikentwickelnden nicht bemerkt? (2P)

9. Frage

Das objektivistische Selbstverständnis der Naturwissenschaften wird durch die Wissenschaftsforschung / Social Studies of Science grundlegend in Frage gestellt.

9a. Erläutern Sie die zentralen Kritikpunkte an diesem Verständnis durch die Wissenschaftsforschung. (3P)

9b. Welche Konsequenzen hat das neue kritisch rekonfigurierte Wissenschaftsverständnis der Wissenschaftsforschung für zukünftige naturwissenschaftliche Forschung über Geschlecht? (3P)

10. Frage

10a. Erläutern Sie das von der Wissenschaftsforschung formulierte Verständnis von der Gestaltungs-flexibilität technischer Problemstellungen und der Gestaltungsflexibilität technischer Lösungsansätze. (4P)

10.b Welche Konsequenzen hat die gendertheoretische Perspektive einer Ko-Konstruktion von Technik und Geschlecht für zukünftige Technikentwicklung? (4P)

11. Frage

11a. Wieso sind aus Sicht der Wissenschaftsforschung gerade auch wissenschaftliche Sprache bzw. Fachtermini nicht frei von gesellschaftlichen Implikationen? (2P)

11b. Welche gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen können verschiedene Varianten von Geschlechternarrativen in den Naturwissenschaften haben? Erläutern sie dies anhand unseres besprochenen Beispiels aus der Zellbiologie. (4P)

12. Frage

Erläutern Sie auf der Grundlage der Forschungsergebnisse von Wendy Faulkner, Ulf Mellström und Gloria Miller, wieso Technik mit (einer bestimmten Art von) Männlichkeit assoziiert wird. (10P)

13. Frage

Obwohl das Konzept der wissenschaftlichen Objektivität eine Abwesenheit von persönlicher Perspektivität impliziert, erscheint es trotzdem auf männliche Erkenntnissubjekte bezogen.

13a. Erläutern Sie die gendertheoretischen Erklärungen dieses Paradoxons. (4P)

13b. Wie könnte Objektivität aus kritischer gendertheoretischer Perspektive neu konzeptualisiert werden? (2P)

14. Frage

14a. Erklären Sie den “Doing-Gender“ – Ansatz.

(Was bedeutet Doing Gender? Wieso wird dieser Ansatz den konstruktivistischen Theorien zugeordnet? Welcher zentrale Kritikpunkt formuliert die Doing-Gender-Perspektive am verbreiteten alltäglichen Verständnis von Geschlecht?) (6P)

14b. Inwiefern können Abbildungen in naturwissenschaftlich-technischen Lehrbüchern als Doing-Gender-Vorgang aufgefasst werden? (2P)

15. Frage

Geschlechtergerechte Wissenschaft wird auf der Grundlage von drei Säulen entwickelt: Frauenförderung, Gender Mainstreaming, Genderforschung.

Beschreiben Sie diese drei Säulen in ihren wesentlichen Charakteristika und stellen Sie ihre möglichen Bezüge und Wechselwirkungen untereinander dar. (8P)

16. Frage

16a. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen kann eine androzentrische / sexistische Sprache haben? (2P)

16b. Schreiben Sie diesen kurzen Textabschnitt in eine geschlechtergerechte und zugleich sprachlich ansprechende Textfassung um:

“Die Universität bietet angehenden Ingenieuren hervorragende Studienbedingungen und hat schon viele fachmännische Leiter großer weltweit anerkannter Firmen hervorgebracht. Ein Student der Ingenieurwissenschaften profitiert darüber hinaus von guten Kontakten seines Fachbereiches zur Industrie, die ihm zahlreiche Möglichkeiten für Praktika bietet. International renommierten Gastdozenten aus dem Ausland stehen außerdem für sich und ihre Gattinnen schöne Unterkünfte in einem Gästehaus zur Verfügung.“

(dieser Text ist rein fiktiv und erhebt keinen Anspruch auf Realitätstreue…) (4P)

Wer also sein Wissen testen möchte, der möge bitte die Fragen beantworten. Wer nach der Beantwortung der Fragen noch etwas dazu schreiben will, warum der Test sehr ideologisch sind oder wie er die Fragen beantworten würde, wenn es nicht um die Punkte, sondern seine persönliche Sicht der Dinge gehen würde, der kann das natürlich auch gerne dann noch machen.

Zugelassene Hilfsmittel: Das Internet

Gleichberechtigung vs. Gleichstellung

Ein häufig auftauchende Diskussion in der Geschlechterdebatte betrifft die Frage, ob man bezüglich der Geschlechter eine Gleichstellung oder Gleichberechtigung erreichen will.

  • Gleichberechtigung wäre das Schaffen gleicher Rechte bezogen auf jede  Einzelperson, es zielt insofern auf eine Erweiterung der Optionen ab
    • diese Ausrichtung geht davon aus, dass mit hinreichend gleichen Rechten jedem selbst überlassen ist, ob er sie nutzt oder nicht. Wenn Personen aus einer Gruppe diese Option seltener nutzt als Personen anderer Gruppen, dann müssen eben nur gleiche Startbefindungen geschaffen werden, eine andere Beteiligung einr Gruppe an bestimmten Bereichen muss jedoch nicht au Diskriminierung zurückgehen, sondern kann auch eine Folge zB biologisch begründeter Unterschiede in den Motivationen, Vorlieben und Fähigkeiten sein.
    • Schwierig wird es hier, wenn Unterschiede tatsächlich außerhalb der Gesetze begründet werden, die sonst nicht auftreten, etwa aufgrund von Vorurteilen etc. Dann bleibt in dieser Richtung nur die gleiche Förderung.
  • Gleichstellung zielt hingegen auf eine zahlenmäßig gleiche Beteiligung des jeweiligen Geschlechts ab in bestimmten Positionen bzw. allgemein an der Gesellschaft ab.
    • Diese Ausrichtung geht davon aus, dass gleiche Rechte nicht ausreichend sind, wenn soziale Regeln oder Vorurteile dazu führen oder andere Hindernisse dazu führen, dass Mitglieder einer Gruppe diese Rechte gleich effektiv wahrnehmen können.
    • Sofern von Unterschieden ausgegangen wird angeführt, dass eine gleiche Beteiligung dennoch hergestellt werden sollte, weil diese Unterschiede sich – jedenfalls in den als positiv bewerteten Bereichen – nicht auswirken dürfen bzw. die Beteiligung im ungefähren Verhältnis zur Beteiligung an der Gesellschaft als Recht angesehen wird bzw. als etwas Gutes, was auch Benachteiligungen anderer rechtfertigt
    • Mittel der Gleichstellung sind insbesondere eine Quote aber auch Maßnahmen wie etwa umfangreiche Förderprogramme oder Werbekampagnen die eine Gleichstellung durch Verbesserung der Möglichkeiten oder Abbau von Vorurteilen erreichen sollen

Die Abgrenzung wird etwas unschärfer, wenn man in den Bereich der Gleichberechtigung auch soziale Regeln einbezieht und diese ändern möchte. Hier muss zunächst eine Einigung über die sozialen Regeln und auch die Möglichkeiten, die Umstände durch Regeländerungen zu ändern geprüft werden, wobei dann, wenn man bezüglich des Mittels davon ausgeht, dass eine Änderung der Mittel nur erreicht werden kann, wenn man eine gewisse Gleichstellung praktiziert