„Prüfe deine Privilegien“

In einem Artikel regt sich eine „konservative Feministin“ über die Irrwege des Genderfeminismus auf:

There has been lots of debate about Conservative feminism but I want to talk about the way that most of the modern feminist movement, at least online, appears to be wasting most of its time in frenzied internal debate about absolutely nothing, and in the process, solving absolutely nothing. It has come to be alien to the vast majority of women, who do not self-identify as feminists, and yet who, if asked, would support feminist goals.

Das finde ich keine schlechte Beobachtung. Die meisten Frauen können denke ich in der Tat viele Streitigkeiten aus dem radikalen Feminismus nicht mehr nachvollziehen, weder bezüglich des Feindbildes Mann noch bezüglich inzenierten Kleinfamilien als Sexismus

Dann kommt sie zur Privilegientheorie:

„Intersectional bollocks,“ in other words. „Check your privilege.“ „Cis“. „Are white middle class stories the only ones worth telling?“ and so on and so forth. Notable from their absence from these debates about terminology and frame of reference are male feminists; at some point even the most leftwing and right-on guy just tunes out. We have the unfruitful spectacle of some of the most leftwing commentators in Britain wondering if they are being leftwing enough, or if their background even gives them the right to make an argument. „Check your privilege“, for example, is a profoundly stupid trope that states that only those with personal experience of something should comment, or that if a person is making an argument, they should immediately give way if their view is contradicted by somebody with a different life story. It is hard to imagine a more dishonest intellectual position than „check your privilege“, yet daily I see intelligent women who should know better embracing it.

Auch da hat sie in vielen Punkten recht. Die Privilegientheorie ist wenig ergiebig, was ja hier auch schon häufiger kritisiert wurde

Es ist eben einfach falsch, dass ein Mensch aus einer bestimmte Gruppe ein Problem, welches in dieser Gruppe häufiger auftritt, grundsätzlich besser erkennen kann.Es blendet aus, dass diese Gruppen aus Einzelpersonen und ihren Erfahrungen bestehen und verklärt sie zu einem einheitlichen Blog der eine bestimmte einheitliche Meinung hat, was falsch und was richtig ist.

And that is what the modern feminist movement has become. Full of intersectionality, debates about middle-class privilege, hand-wringing over a good education (this is again „privilege“ and not well-deserved success), and otherwise intelligent women backing out of debates and sitting around frenziedly checking their privilege.

It does nothing. It accomplishes nothing. It changes nothing.

Richtiger wäre, dass es nur innerhalb der Gruppe etwas bewirkt, nämlich das Gefühl doch noch etwas moralischer als der andere zu sein, die bekannte Abwärtsspirale, die mit IDPOL üblicherweise verbunden ist.

Dieser Artikel ist Anlass für eine andere Feministin die Privilegientheorien zu verteidigen:

Actually, „privilege“ isn’t at all hard to understand. It just means any structural social advantage that you have by virtue of birth, or position – such as being white, being wealthy, or being a man. „Check your privilege“ means „consider how your privilege affects what you have just said or done.“ That’s it. That’s all. Being made aware of your privilege can feel a lot like being attacked, or called a bad person, and when that happens you sometimes get the urge to stamp your feet and scream, as Dan Hodges did at the Telegraph in another swipe at those pesky privilege-checkers. This is the point where it’s useful to take deep breaths and remember it’s not all about you.

Aus meiner Sicht bedeutet „Prüfe deine Privilegien“

  1. Akzeptiere, dass du die von mir erkannten Privilegien hast
  2. Wenn du das diese nicht akzeptierst, dann liegt dies daran, dass du das Privileg hast nicht zu sehen wie bevorteilt du bist
  3. habe ein schlechtes Gewissen und versuche, die Nachteile anderer, die die Privilegien nicht haben, dadurch zu kompensieren, dass du den Vorteil ausgleichst, den du aufgrund deiner Privilegien hast

Es ist erstaunlich, wie oft ich auf die Frage, was nun eigentlich auf das „Prüfen der Privilegien“ folgt, wie man sich danach verhalten soll, kaum eine Antwort erhalten habe. Alles sei ja irgendwie ganz freiwillig, aber man habe ja nun einmal Privilegien, und das müsse man doch erkennen und abstellen wollen. Irgendwie wird eine Pflicht zum Einräumen der Privilegien und eine Handlungsaufforderung gesehen. Sonst macht das ganze System insoweit ja auch wenig Sinn. Auf eine Prüfung der Privilegien mit „Cool, ich bin voll privilegiert!“ zu antworten würde zwar auch ein „Checken der Privilegien sein, ist aber erkennbar nicht gemeint.

hen someone asks you to check your privilege, it doesn’t mean you should stop talking – it means you should start listening, and sometimes that involves giving the other person in the room a chance to speak. That’s what often upsets people most about the whole idea. It’s about who gets to speak, and who has to listen, and social media is changing those rules.

Es ist eben die Theorie des „Raum einnehmens„. Wenn man Angehöriger einer Gruppe ist, die im Schnitt mehr redet, dann muss man sich eben dieser Gruppe zuordnen und deswegen seine Redezeit einschränken. Und natürlich soll wieder Macht das Motiv sein.  Auch hier zeigt sich wieder, dass das Überprüfen nicht reicht. Man soll auch kompensieren. Der Gedanke „Zwar haben Männer mehr gesagt als Frauen, weil sie privilegiert sind, aber meine Ansicht ist so noch nicht geäußert worden, also sollte ich trotzdem reden“ ist dann eben falsch.

Privilege is not the same as power. Nor is it a game whereby only the least privileged people will henceforth be allowed an opinion – the last time I checked, the political conversation was still dominated by rich white men and their wives. These are the people who go into spasms of outrage at the very notion that a black person, or a woman, or a working-class person might have as much right to an opinion as they do on matters that affect them. I’d like to reassure these people that taking away their monopoly on opinions is the very opposite of censorship, and furthermore that their whining is distasteful.

Ersteinmal interessant, dass sie Frauen nur als „wives“ anführt. Rich white women haben ja durchaus einiges zu sagen und auch einiges an Öffentlichkeit.

Und natürlich kann sie die Aufregung nicht verstehen, weil sie nicht versteht, dass Leute sich nicht unbedingt als Teil einer Gruppe sehen und sich nicht aufregen, weil jetzt eine Frau redet, sondern weil diese Frau sich nicht an den gleichen Wettbewerb hält, wenn sie aus „Privileggedanken“ an die Reihe kommt.

Privilege is not a zero-sum game. Most of us are privileged in some ways, and less privileged in others. The inevitable straw woman raised by those who like to get lip-juttingly cross about the whole idea that they might have „privilege“ is that of the wealthy black, wheelchair-bound lesbian set against the straight, working-class white man in a contest over who is „more privileged“. The simple answer, of course, is that both have different sorts of privilege, and one doesn’t cancel out the other, because society is not, in fact, a game of top trumps.

Äh – natürlich ist Privilege ein Zero-sum-Game. Um so stärker die Privilegien um so größer die Nachteile für die Nichtprivilegierten.

Was sie zu meinen scheint ist, dass es keine absoluten Zuständen sind, eben weil dabei die Theorie der Intersektionalität mit hineinspielt. Allerdings gibt es ja auch hier bestimmte Tricks um eine richtige Anwendung der Theorien sicherzustellen: In dem Beispiel oben verschweigt sie beispielsweise, dass Männer eben keine Diskriminierung als Männer erleiden können, weil sie ja die Macht haben. Warum Nachteile von Männern anscheinend vollständig durch die Top Trumps der Nachteile der Männer ausgelöscht werden wäre da schon interessant.

„Intersectionality“ is another new bit of equality jargon that the stiff suits in the conservative commentariat loudly claim not to understand – despite or perhaps because of the fact that schoolchildren have been using it on the internet for years. All it means is that you cannot talk in any meaningful way about class without also talking about race, gender and sexuality, and vice versa. These things intersect – that’s why we call them intersectional. In Mensch’s case, she advocates an understanding of feminism that she calls „reality-based“, which deliberately ignores class, and is based on the idea that every woman can and should become a banker or a politician. Tories of all stripes, including Tory feminists, have always preferred to exclude poor people from their definition of „reality“. It is entirely unsurprising that Mensch finds the idea of „intersectionality“ uncomfortable, and she’s not the only one.

Mir kommt Intersektionalität ja auch häufig eher unlogisch vor. Nehmen wir die Frage, ob Frauen Bänker oder Politiker werden können und verbinden wir sie mit „Class“. Ich wüsste nicht, dass Männer aus der „Unterschicht“ im hohen Maße Politiker oder Bänker werden. Für die Lösung der „Frauenfrage“ in diesem Bereich lohnt es sich also durchaus „Class“ auszublenden, weil es kein separates Frauenproblem ist. Will man beides verbinden, dann muss man zunächst erst einmal darlegen, warum es eine Verbindung gibt. Was eben häufig nicht erfolgt

Vorteile und Nachteile der Demokratie

Gerade hat Merkel verschiedene milliardenschwere Unterstützungen angekündigt, da regt sich der Vorwurf, dass es sich nicht um vernünftige Politik, sondern nur Geschenke an den Wähler im Rahmen des Wahlkampfes handelt.

Das ist aus meiner Sicht auch das klassische Dilemma der Demokratie:

Für einen Politiker, der eine Wahl gewinnen will, ist es mitunter günstiger, die kurzfristigen Interessen einer bestimmten Anzahl von Wählern zu bedienen als die langfristigen Interessen der Gesamtbevölkerung zu vertreten.

Gleichzeitig bietet die Demokratie mit kurzen Wahlperioden für den Wähler den Vorteil, einen zu schlechten Politiker wieder abwählen zu können.

In gewisser Weise ist Demokratie damit eine Absicherung nach unten, die gleichzeitig eine gewisse Verschiebung nach unten bewirken kann.

Grund dafür, dass die Wähler bei ihrer Wahlentscheidung so empfänglich für kurzfristige Interessen sind ist aus meiner Sicht:

  • der Umstand, dass wir kurzfristige Vorteile oft attraktiver finden als langfristige, ungewisse Vorteile, die zudem auf die Gesamtbevölkerung umgelegt werden müssen.
  • der Vorteil oft klar benannt werden kann, während der Nachteil leichter versteckt werden kann, wenn er in einen großen Topf gesteckt wird oder auf die Zukunft verlagert wird.

Wahlmöglichkeiten und die Hausfrauenrolle

In einem Artikel gibt es ein Plädoyer für die Wahlmöglichkeit auch in Hinblick auf die Hausfrauenrolle:

Das Problem sind nicht ein kollektivvertraglich geregelter Lohn und gleiches Geld für gleiche Arbeit, sondern der (unbewusste!) Zwang, einmal in uns gesetzte Erwartungen nicht enttäuschen zu dürfen. Deshalb bleiben Frauen in zerstörerischen Beziehungen, lassen sich von der engsten Familie bevormunden und kümmern sich um die eigenen Bedürfnisse stets zuletzt. Es wird Zeit, dass Frauen beginnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und Männer oder wen auch immer aus der Verantwortung für ihr Wohlergehen zu entlassen.

Initiativen wie „One Billion Rising“ sind ein gutes Beispiel. Wer darauf wartet, dass andere die Bedingungen für ein erfülltes Dasein schaffen, muss das Glücklichsein aufs nächste Leben verschieben.

Dazu gehört auch, konsequent Nein zu sagen zu selbstsabotierenden Lebenskonzepten und einer von Meinungsmachern zum gesellschaftlichen Ideal unserer Zeit erhobenen Rolle als multitaskingfähige Karrieremutter. Nein zu Familienmitgliedern, Freunden und Arbeitgebern, die unsere Begeisterung für kühne Pläne und Ideen nicht teilen und Ja zu einem Leben, in dem man sich vor lauter Stress nicht ständig selbst abhandenkommt. Auf welche Weise das geschieht, hat jede Frau zu jeder Zeit selbst zu entscheiden, ohne dafür von der Öffentlichkeit belächelt, bemitleidet oder beschimpft zu werden. Berufstätigkeit ist dabei genauso selbstverständlich wie ein Leben zu Hause mit Kindern, auch wenn das jeder Redaktionsemanze Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Klar, oben haben wir auch etwas Aufbau der Opferrolle. Hier wird die Mutterschaft als Befreiung von zuviel Stress verstanden, der bei einer Verbindung von Karriere und Mutterrolle auftritt.

Bildungsmöglichkeiten in jedem Lebensalter, späterer Einstieg ins Arbeitsleben, berufliche Pausen (Sabbaticals), ans andere Ende der Welt ziehen oder nicht, einen Lebensmenschen an der Seite haben oder keinen – je nachdem, welche Prioritäten der persönliche Plan gerade vorsieht: Die Aufgabe einer funktionierenden Frauen- und Familienpolitik wäre es, den Rahmen zu schaffen, der diese Lebenskonzepte bedingungslos respektiert und unterstützt. Was haben wir stattdessen? Eine Töchterhymne und das Binnen-I. Na, bravo!

Hier listet sie allerlei Möglichkeiten auf, die das Leben leichter machen. Allerdings nicht, wie diese für den Betrieb interessant sein sollen oder wie dadurch entstandene Nachteile abgefangen werden sollen.

Es ist ja ein alter Konflikt: Alles, was den Ausstieg leichter macht, kann es Karrierefrauen wieder schwieriger machen und umgekehrt.

Ich selbst kündigte meinen Job bei der UNO, weil ich nicht den ganzen Tag außer Haus sein wollte. Viele Jahre betreute ich meine Kinder, chauffierte sie ins Handballtraining und möchte keine Sekunde dieser gemeinsamen Zeit missen. Nun sind sie erwachsen und meine nächsten 20 Jahre für die Umsetzung beruflicher Ideen vorgesehen. Dann bin ich 70. Was ich danach mache, steht noch in den Sternen.

Dies zeigt noch einmal, dass diese Lebensentwürfe mit einer Frau als Hausfrau, die sich um die Kinder kümmert, nicht fremdbestimmt sein muss und es wahrscheinlich auch selten ist.

Frauen brauchen völlig neue Lebensentwürfe (Männer übrigens auch). Sie brauchen angemessene Unterstützung, wenn diese tatsächlich benötigt wird und nicht, wenn schrille Frauenministerinnen sie für uns vorgesehen haben. Eine Politik, die das nicht leisten kann, ist wahrlich von vorgestern.

Die Vorstellung von mir selbst als benachteiligte Frau hat es in meinem Denken nie gegeben, daher gibt es sie auch nicht in meinem Leben. Obwohl wir heute noch in beengenden kulturellen und ideologischen Strukturen leben, ging es in unserer Geschichte nie allein um die Frage männlicher Dominanz, sondern um unentdecktes Potenzial und mangelnde Perspektiven auf unserer Seite.

Es ist erst einmal etwas sehr positives, wenn sei die Opferrolle für sich ablehnt. Ansonsten bleiben ihre Angaben etwas vage. Aber ganz von den behinderten Strukturen kommt sie wohl nicht weg.

Wäre interessant wie sie Potenziale entfalten und Perspektiven aufzeigen möchte.

Alte Modelle des Frauseins zu verlassen und neue zu erproben, erfordert für alle, die das wagen, enorm viel Mut und Eigeninitiative. Mediale Dauerfeuer und scheinheilige politische Gesten aber sind auf dieser sehr persönlichen Reise absolut verzichtbar.

 

Selbermach Samstag XXXV

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs oder auf den Blogs anderer? Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Attraktivitätsteigerung durch Tätigkeiten

Ich bin auf einer Veranstaltung. Eine Aufführung ist ein 5er Gruppe, 2 Gitarrenspieler außen, drei Sängerinnen in der Mitte.

Vor mir in der Reihe sitzt eine Mädchengruppe, der es wohl gerade der rechte Gitarrenspieler angetan hat. Er hat so etwa diesen Look:

musiker Lob Mütze

Man berät in der Gruppe. Die eine Hälfte findet ihn heiß, der andere Teil ist sich noch nicht so sicher. Dann fängt er an zu singen und Gitarre zu spielen, was er augenscheinlich kann.

Die Reaktion aus der Gruppe: „Okay, er ist definitiv heiß!“. Der Rest der Mädels stimmt enthusiastisch zu.

Vergleichbares würde man von Männern denke ich nicht hören. Eine Frau wird nicht heißer, wenn sie Gitarre spielt oder singt. Bei Frauen passt es aber gut zu evolutionären Theorien, nach denen Musik ein Indikator guter Gene ist.