Der große Gatsby und die Oneitis

Gerade ist der Klassiker  „Der große Gatsby“ neu verfilmt worden – mit Leonardo DiCaprio als großer Gatsby

Die Handlung entspricht im wesentlichen dem Buch, so dass ich dessen Inhalt wiedergebe

Jay Gatsby, der Protagonist des Romans, ist ein junger Millionär und undurchsichtiger Geschäftsmann. Obwohl er in seinem Haus auf Long Island Tanzpartys für die New Yorker Gesellschaft veranstaltet, ist er einsam. Alles, was er möchte, ist, die Vergangenheit zurückzuholen und wieder mit der Liebe seines Lebens, Daisy, zusammen zu sein. Aber in der Zeit, in der Gatsby in Frankreich im Ersten Weltkrieg kämpfte, heiratete Daisy den Millionär und Ex-Footballspieler Tom Buchanan und gebar eine Tochter mit dem Namen Pammy.

Der Ich-Erzähler der Geschichte ist Nick Carraway (Cousin zweiten Grades von Daisy), ein junger Aktienmakler, der in das alte Nachbarhaus von Gatsby einzieht.

Daisy ist zwischen ihrem Ehemann Tom Buchanan und Gatsby hin- und hergerissen, bis sie am Steuer von Gatsbys neuem Auto einen Unfall verursacht, bei dem Myrtle Wilson, Toms Geliebte, stirbt. Gatsby will aus Liebe die Schuld auf sich nehmen. Tom gibt Myrtles verzweifeltem Ehemann, George Wilson, den Hinweis, dass Gatsby der Besitzer des Unfallwagens sei. Daraus schließt Wilson, Gatsby habe den Unfall verursacht. Daraufhin erschießt Wilson Gatsby und anschließend sich selbst. Zu Gatsbys Beerdigung erscheint niemand außer dem Erzähler Nick und Gatsbys Vater, Henry C. Gatz (Gatsbys echter Name war James Gatz), sowie ein Charakter, der sich zuvor in seltsamer Weise über die „Echtheit“ der Bücher in Gatsbys Bibliothek äußerte und durch sein eigenartiges Auftreten eine Art Schlüsselrolle – insbesondere im Interpretationsversuch im Hinblick auf Gatsbys Bildung – spielt.

Wie man hier sieht macht Gatsby alles, was er tut, nur für seine geliebte Daisy, die ihn bereits im wesentlichen vergessen hatte. Er betet sie an, stellt sie auf ein Podest, vergöttert sie. Er hat das Haus gebaut, damit es ihr gefällt, er schaut sehnsüchtig zu ihr hinüber auf die andere Flussseite, er sucht die Nähe von Leuten, die ihn mit ihr zusammen bringen können, er versucht ihr alles recht zumachen, ist nervös, freut sich, dass er auf das grüne Licht vor ihrem Steg auf der anderen Flussseite schauen kann. Er veranstaltet die bei ihm stattfindenden Parties nur, damit auch sie einmal ihren Weg zu ihm findet. Sobald sie da ist, will er ihr beweisen, dass er gut genug für sie ist, qualifiziert sich die ganze Zeit selbst, während sie – obwohl bei ihr keinerlei besondere Tiefen zu erkennen sind – eh schon perfekt ist.

In allen Szenen, die nichts mit ihr zu tun haben ist er ein Alphamann, kommt sie dazu wird er zum Beta, der sich ihr zu Füßen wirft.

Er würde weitaus creepier wirken, wenn er nicht gleichzeitig dabei soviel Status aufgebaut hat und sie selbst eher nichts besonderes vorzuweisen hat.

Er glaubt, dass auch sie immer nur ihn geliebt hat, was angesichts der Zeit schon unwahrscheinlich ist.

Sein Gegenspieler, der Mann von Daisy, setzt demnach auch gleich auf eine radikalere Strategie:

Er demontiert dessen Status, zeigt, dass er nur ein Emporkömmling, der zudem mit der Mafia in Verbindung steht und provoziert ihn, was auch gut aufgeht. Er setzt noch ein Costly Signal drauf, indem er ihn nach der Demontage als so schwach ansieht, dass er ihn Daisy nach Hause fahren lässt.

Sogar in seiner Niederlage bleibt Gatsby ein Beta. Er übernimmt die Schuld für einen Unfall von Daisy, für eine Frau, die ihm gerade einen Korb gegeben hat.

57 Gedanken zu “Der große Gatsby und die Oneitis

    • »Könnte man runterbrechen auf: Liebe macht Beta.«

      Stimmt 100%. Wer liebt, verliert.

      »Da, jetzt wisst ihr’s.«

      Love is just another four letter word.

        • @ Bellator

          *Freedom is just another word for nothing left to lose …*

          Ist ja eigentlich das große Thema des Romans, der Verfall des amerikanischen Traums, der zu einer zynischen, wertfreien, lieblosen, treulosen Gesellschaft geführt hat, in der die Menschen zu beziehungsunfähigen „Elementarteilchen“ mutiert sind, nicht mal sonderlich betrauert, wenn sie sterben, von niemandem gebraucht, von niemandem vermisst (das armselige Begräbnis Gatsbys am Ende), beherrscht vom Hedonismus, der auch den Umgang der Menschen miteinander prägt.

          Daisy, Gatsbys große Liebe – er selbst ein Protagonist des organisierten Verbrechens (in Italien wäre er wohl ein Silvio Berlusconi geworden) – ist ja ein typisches Flapper Girl (Flittchen), damals groß in Mode, Role Model, heute noch mehr, die Schlampe ist stilprägend, wie ja der ganze Roman von Scott Fitzgerald ein Roman über Dekadenz ist (ursprünglich sollte unbedingt Trimalchio > Das Alte Rom und seine Dekadenz, Petronius Arbiter, in den Titel über die Korruption und korrumpierende Wirkung des amerikanischen Traumes, die damals in der Oberschicht schon deutlich sichtbar wurde.

          Der Roman bietet ein Panorama der US-Gesellschaft, beobachtet von einem Midwesterner (Nick Carraway, das Landei, heute wär‘ er wohl Tea Party), ein Provinzler, anfänglich fasziniert vom oberflächlich-„verspielten“ Leben und Treiben der Konsumisten und Hedonisten der Maßstäbe setzenden Oberschicht, der alten (Tom Buchanan) und neureichen (heute wohl linksliberalen) Eliten, der sich dann aber zunehmend angewidert abwendet und zurückgeht nach Fly-Over-Country.

          Die eigentlichen tragischen Helden sind der Automechaniker George, der Prolet, der Gatsby und sich selbst erschießt und vielleicht auch seine Frau, die von Daisy getötet (?) wird, die Bewohner des Tales der Asche.

          Die im Roman beschriebene Dekadenz, Oberflächlichkeit, der Zynismus hat mittlerweile die dünne schmale Oberschicht längst verlassen und prägt die ganze Konsumgesellschaft der USA und anderer westlicher Staaten

          Wir sind vorangekommen.

          Schlampenmarsch.

        • @Roslin

          »Ist ja eigentlich das große Thema des Romans, der Verfall des amerikanischen Traums, der zu einer zynischen, wertfreien, lieblosen, treulosen Gesellschaft geführt hat, in der die Menschen zu beziehungsunfähigen “Elementarteilchen” mutiert sind, nicht mal sonderlich betrauert, wenn sie sterben, von niemandem gebraucht, von niemandem vermisst (das armselige Begräbnis Gatsbys am Ende), beherrscht vom Hedonismus, der auch den Umgang der Menschen miteinander prägt.«

          Das ist angewandter Darwinismus zur Wiederherstellung des natürlichen Zustandes des Feudalismus. Wer sich selbst erkennt, erkennt, dass er seine Fackel weiterreichen können muss.
          Wer sich entscheidet seine Fackel in den Schmutz fallen lassen zu müssen, wird recht zwangsläufig zum zynischen, wertfreien, lieblosen, treulosen Hedonisten.

          »Freedom is just another word for nothing left to lose …«

          Das ist auch so eine Hymne auf den beziehungsunfähigen Menschen. Der besungene Bobbie McGee trampt mit der Erzählerin durch die Südstatten. Dann will er ein Zuhause suchen und die Erzählerin lässt ihn gehen, weil ihre Freiheit ihr wichtiger ist als Bobbie. Als es dann zu spät ist, bedauert sie ihre Entscheidung „Well, I’d trade all my tomorrows for one single yesterday“. Klassischer Fall von „Vorsicht mit den Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.“.
          Eigentlich erstaunlich wieviele Songs mit diesem Topos es gibt („La Luna“ von Belinda Carisle hat eigentlich exakt den selben Hintergrund). Weniger erstaunlich, dass sie eigentlich alle von Frauen gesungen werden, die ja zwangsweise einen noch besseren Fortpflanzungspartner suchen müssen und erst zu spät merken, dass sie ihre beste Chance verpasst haben.

          Es ist eben wie in folgendem Witz:

          In Wiesbaden, Mainz und Limburg haben kürzlich Fachgeschäfte für Ehemänner eröffnet, in dem sich Frauen neue Ehemänner aussuchen können.
          Am Eingang hängt eine Anleitung, die die Regeln erklärt, nach denen hier eingekauft werden kann:

          „Das Geschäft darf nur einmal aufgesucht werden. Es gibt 6 Stockwerke mit Männern, deren Eigenschaften von Stock zu Stock besser werden. Sie können sich entweder einen Mann aus dem Stockwerk aussuchen, auf dem Sie sich befinden, oder Sie können ein Stockwerk weiter hoch gehen und sich dort umsehen. Sie können aber nicht zurück auf ein niedrigeres Stockwerk gehen, das Sie bereits verlassen haben.“

          Eine Frau geht ins Geschäft um sich einen Mann zu suchen.
          Im 1. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit.“
          Im 2. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit und mögen Kinder.“
          Im 3. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder und sehen gut aus.“

          „Wow“, denkt die Frau, fühlt sich aber gezwungen weiter zu gehen. Sie geht zum 4. Stock und liest: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus und helfen im Haushalt.“

          „Oh Gott, ich kann kaum widerstehen“, denkt sie sich, geht aber dennoch weiter. Im 5. Stock steht zu lesen: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus, helfen im Haushalt und haben eine romantische Ader.“

          Sie ist nahe dran zu bleiben, geht aber dann doch zum 6. Stock weiter. Auf dem Schild steht: „Sie sind die Besucherin Nummer 31.456.012. Hier gibt es keine Männer. Das Stockwerk existiert nur, um zu zeigen, dass es unmöglich ist, Frauen zufrieden zu stellen.
          Vielen Dank für Ihren Einkauf im Fachgeschäft für Ehemänner. Auf Wiedersehen.“

          Gegenüber hat ein Fachgeschäft für Ehefrauen eröffnet. Es hat ebenfalls sechs Stockwerke.

          Im ersten Stock gibt es Frauen, die Sex lieben.
          Im 2. Stock gibt es Frauen die Sex lieben und Geld haben.
          Der 3. bis 6. Stock wurde noch nie von einem Mann besucht…

        • @leszek
          Gatsby ist ausser vielleicht dem Erzähler der einzige anständige Mensch, der ,zwar ungesund aber dennoch, wahrhaftig liebt.
          Ihn mit Berlusconi zu vergleichen ist ziemlich daneben.

          Flapper mit Flittchen zu übersetzen ist auch ein Ausdruck eines superkonservativen Geistes, waren sie doch die erste junge Generation von Frauen, die arbeiteten, wählten und sich amüsierten, die die Freiheit hatten Erfahrungen zu machen und einen anderen Weg zu wählen als die großen K. Sofern sie denn in einer Großstadt lebten.

          Der Erfolg von Gatsby setzte meines Wissens erst nach dem WK2 ein, es ist beliebt, weil es die alte Zeit verkörpert, Debütantinnen, eine (sexuelle) Freiheit die nach dem Krieg schnell begraben war, Geldadel vor der Depression (man vergleiche die Kennedys die Amerikas royalty waren/sind) und Alkoholschmuggel als romantisches, weil opferloses, „Verbrechen“.

          Wenn Roslin also eine aktuelle Gesellschaftskritik darin zu sehen meint, liegt er falsch.
          Ansonsten eine wunderbare Wiedergabe des Wikiartikels. 🙂

        • @ Maren

          Danke für die Ausführungen.

          Und wie gefällt dir das Buch?
          Würdest du hier zumindest Roslin zustimmen, dass es sich um bedeutende Literatur handelt. (Ich habe es nicht gelesen.)

        • @ Maren
          Na ja, nicht unbedingt. Man erinnere sich an das Eva-Herman-Syndrom: Man selbst hat zwar Karriere gemacht, aber wenn auch andere das tun, dann ist das dekadent und ganz doll schädlich für die Gesellschaft.

        • @Adrian
          In dem Fall denk ich das nicht. Nick ist ja durchaus angetan von der Prachtentfaltung und der Wildheit dieses Lebens. Es wird nur nach und nach klar, dass Gatsby eine tragische Figur ist, der unreifen Phantasien nachhängt. Daisy ist tragisch, weil sie als Ex-Debütantin nicht gelernt hat mit diesen modernen Zeiten zurechtzukommen. Ihr wird ja Jordan Baker gegenüber gestellt, die glaub ich mit Daisy aufgewachsen ist, aber viel moderner erscheint. Daisy ist wie Gatsby in ihrer Entwicklung stehengeblieben.
          Nick hingegen ist kein neutraler Beobachter. Das merkt man schon am ersten Satz wo er sich damit brüstet niemals Menschen zu verurteilen, aber das ganze Buch über nichts anderes tut 😀

          @Leszek
          Ich fands ganz gut, war eine faszinierende Zeit, aber mit heutigen Verhältnissen hat es nun nichts mehr zu tun, es sei denn man sucht krampfig nach Parallelen.

        • Es war vor allem eine Zeit, in der die westliche Welt zum ersten Mal individuelle Freiheit spüren durfte, in der zum ersten Mal überkommene Wertvorstellunegn und Bindungen zerbrochen sind, in der das Korsett gesellschaftlicher Konventionen gelockert wurde. Dass dies die Moralisten und Bettenschnüffler auf den Plan gerufen hat, sollte nicht wundern. Überall Verfall, nur weil die Menschen auch mal trinken, tanzen und ficken. Horrible!

        • @ Maren

          *Es ist auch schwierig Fitzgerald Gesellschaftskritik unterzuschieben als jemand der den beschriebenen Lebensstil gelebt hat.*

          Eben drum.

          Er war Teil der Dekadenz, die er beschrieb, er hat die Hohlheit und Banalität dieses Lebens von innen her erkannt und darunter gelitten.

          Über sein Leiden half ihm zum einen der Alkohol hinweg, zum anderen setzte er es um in Literatur.

          Und Gatsby ein wahrhaft Liebender?

          Was hat er denn geliebt?

          Eine hübsche Larve, eine Nichtigkeit, um die er buhlte mit seien Trimalchiogelagen.

          Und in der Bibliothek stehen die Attrappen.

          Vielleicht hat er in Wahrheit nicht Daisy geliebt – wer war die denn überhaupt, die Person, den Menschen – sondern nur den Aufstieg, den sie verkörperte, das Angekommensein in der „feinen“ Gesellschaft, aus der sie kam, das Flittchen.

          Den Menschen Daisy hat er nicht erkannt.

        • @Adrian
          Ja, shocking!

          @Roslin
          Gatsby ist ein 12jähriger. Er liebt wie ein 12jähriger eine Idee und das Äusserliche, nicht den Menschen, aber das mit vollem kindlichem Herzen. Ansonsten hätte er sich doch eine der anderen Ex-Debütantinnen von Long Island gekrallt.

          *Er war Teil der Dekadenz, die er beschrieb, er hat die Hohlheit und Banalität dieses Lebens von innen her erkannt und darunter gelitten.*

          Und wunderbar diese Zeit verherrlicht. Zum Problem wurde sein Suff erst in Hollywood, als Zelda weg war. Les dich mal in das Hollywood-System der 40er-50er ein, wie einengend und unkreativ es war.

        • @ Adrian

          *Es war vor allem eine Zeit, in der die westliche Welt zum ersten Mal individuelle Freiheit spüren durfte, in der zum ersten Mal überkommene Wertvorstellunegn und Bindungen zerbrochen sind, in der das Korsett gesellschaftlicher Konventionen gelockert wurde. *

          Es hat alles seinen Preis.

          Wenn Konventionen gelockert werden, suchen andere, die sich unbehaust fühlen in der Freiheit, die ihr zum Opfer fallen (George), die so zu Tätern werden, neue.

          Werden Stalinisten/Faschisten/Freunde des totalitären Staates, einer neuen rigiden Ordnung.

        • Zelda war übrigens seine größte Inspiration, lt. Zeitgenossen und teilweise ihr selbst hat er ganze Passagen aus ihren Tagebüchern und Briefen in sein Werk übernommen.
          Und seine Tochter hat er Frances Scott genannt. Also wie sehr kann ein einzelner Mensch von sich eingenommen sein!

        • @ Adrian

          *Und weil einige Menschen mit der Freiheit nicht umgehen können, halten wir sie allen vor, oder wie?*

          Wie kommst Du darauf?

          Wenn zu wenige das Notwendige erkennen und zu tun bereit sind, freiwillig, geht sie unter, die Freiheit.

          Ganz von selbst.

          Das sollte man wissen und im Blick behalten, wenn man die herrliche Freiheit von allem und zu nichts genießt.

        • @Roslin
          Ein passender Satz für einen Roman, der sich mit einem Menschen beschäftigt, welchr der Vergangenheit weder entfliehen kann noch will. Musst du dich doch mit identifizieren können, oder?

        • @Roslin
          Und du weißt genau was Fitzgeralds Intention war? Die Interpretation hängt weniger vom Autor ab als vielmehr vom Leser.
          Mit Zelda Fitzgeralds Leben bin ich vertraut.

          Und F. Scott hat tatsächlich soviel drauf, dass er nicht nur Archetypen erschaffen kann, die für gewisse Aspekte einer gewissen Zeit stehen, sondern zeitlose vielschichtige Charaktere.

        • @ Maren

          *Die Interpretation hängt weniger vom Autor ab als vielmehr vom Leser.*

          So sieht’s aus.

          Wenn man Daisy Buchanan dazu bringen könnte, den King Lear zu lesen, sie würde glauben, eine Erbschaftskomödie gelesen zu haben.

  1. Da The Great Gatsby zum Besten gehört, was die englischsprachige Literatur des 20.Jhdts. zu bieten hat, gerade auch sprachlich, hoffe ich, jeder liest zuerst den Roman, möglichst im Original, denn keine Verfilmung kann die Vorlage erreichen, es geht zwangsläufig viel verloren.

    Mich interessieren die Gatsbyverfilmungen vor allem wegen der Kulissen, also den Filmsets, die die Long-Island-Mansions der Zeit kurz vor und nach dem 1. Weltkrieg evozieren, dort (und in Newport, Rhode Island), wo der neureiche (wie Gatsby) und nicht ganz so neureiche (wie Tom Buchanan) Geldadel der USA hufig seine Sommerresidenzen hatte.

    Seit den 20’er-Jahren kamen dann allmählich Florida bzw. Kalifornien in Mode, die Eisenbahn und das Flugzeug machten es möglich.
    Ihre Stadtpaläste in der 5th Avenue in New York City selbst sind ja fast alle durch renditestarke Wolkenkratzer ersetzt worden und zum großen Teil verschwunden.

    Fortschritt macht die Welt nicht schöner.

    Auf Long Island (und in Newport) dagegen sind zahlreiche „Schlösser“ der Zeit zwischen den 1880’ern und den Roaring Twenties erhalten geblieben und nicht selten noch immer im Besitz der Happy Few, der Geld – und Machtelite der USA.

    Die Filmsets der neuesten Produktion sind allesamt keine Originale, eine Mischung aus Computergraphik und Kulissenbauten, way too kitschy.

    http://www.architecturaldigest.com/ad/set-design/2013/great-gatsby-film-set-design-article

    Na ja, immerhin scheinen die Schauspieler großartig zu sein (besonders Leonardo di Caprio).

    • Dem ersten Absatz muss ich voll zustimmen! Später habe ich noch die Verfilmung mit Robert Redford gesehen, die allerdings nicht halbsoviel Tiefe hatte wie das Buch.

      Als ich es gelesen habe (ages ago), kam es mir aber eher so vor, als ob Gatsby Daisy auch und gerade will, weil sie zur Oberschicht, zum US-amerikanischen Äquivalent des alten Adels, gehört. Ich glaube nicht, dass er allein damit glücklich wäre, wenn Daisy sich für ihn entscheiden würde. Er strebt doch insgesamt danach, angenommen zu werden in der höheren Gesellschaft, Teil derselben zu sein, und muss dabei schmerzlich erfahren, dass er als halbkrimineller Emporkömmling eben doch nicht integriert ist. Die bessere Gesellschaft tanzt auf seinen Festen und trinkt seinen Wein, aber sie akzeptiert ihn nicht als ihresgleichen. Ob das anders wäre, wenn er Daisy gegenüber anders aufträte? Ich denke nicht.

    • @Roslin: Man merkt dir an dass du den wirtschafts-historischen Hintergrund der Zeit nicht kennst. Nach dem zweiten Weltkrieg sank wegen verschiedenen politischen Maßnahmen, der Anteil der Reichsten Prozent am amerikanischen Volkseinkommen massiv, (Steuern später Inflation). Das ist der Grund aus dem die Stadtpaläste aufgegeben wurden; die Schicht, die sie sich leisten konnte, ist schlicht zusammengeschrumpft. Dass eine Schicht der bewusst ist, dass sie wirtschaftlich vernichtet wird, eher dem Hedonismus und fin de siecle zuneigt als auf Langfristigkeit beruhenden Lebensentwürfen sollte nicht überraschen.

      • Soviel ich weiß, erlebten die USA gerade zwischen 1920-29 einen beispiellosen Wirtschaftsboom, u.a. durch den Rückfluss der Kriegskredite an die nun Siegermächte GB/Frankreich (war ja ein wichtiger Grund, warum die USA auf seiten der Westmächte/Russland gegen die Mittelmächte antraten.

        http://www.mpg-saarlouis.de/projekte/unterricht/geschichte/Lernbilder_07/16_USA_Der_Boom_der_20er_Jahre.pdf

        Der Große Gatsby erschien 1925, mitten im Boom. Er fängt die Atmosphäre dieser Boomjahre ein, von Krise keine Rede.

        Die Aufgabe der Stadtpalais hängt eher mit dem Boom zusammen. Kapital für Wolkenkratzer war da, viel Geld suchte Anlage, die großen Grundstücke mit „Ein-Familienhäusern“ bebaut waren durch 200 m hohe Wolkenkratzer mit unzähligen Büros/Wohnungen viel renditeträchtiger zu nutzen (Mieteinnahmen).

        Außerdem starb die Gründergeneration, die diese Paläste für sich und ihre Familien gebaut hatte, langsam aus, die Erbengeneration war eher an Erbteilung interessiert als daran, in prunkvolle Paläste einzuziehen, mit denen sie emotional viel weniger verbunden waren als die ihre Eltern. Also machte man sie zu Geld und baute sich der neuen Mode entsprechende Häuser oder zog in Luxusapartments in den neuen Wolkenkratzern

  2. Statusaufbau via Architektur

    Das Vorbild für Tom Buchanans Filmlandhaus (besonders misslungener Kulissenbau, schlecht proportioniert, schlecht profiliert, der große Filmportikus sieht nach genau dem Sperrholz aus, aus dem er wohl besteht), ein schönes neubarockes Landhaus, 1904-10 gebaut für John Shaffer Phipps von dem britischen Architekten George Crawley

    http://www.oldwestburygardens.org/

    Zu John S. Phipps

    http://en.wikipedia.org/wiki/John_Shaffer_Phipps

    Das Vorbild für Gatsbys Kulissenhaus im Film (nicht ganz so misslungen): Oheka Castle, der Landsitz, den Otto Hermann Kahn zwischen 1917-19 (Entwurf Delano & Aldrich, eines der erfolgreichsten Architektenbüros der Zeit in New York, spezialisiert auf Luxuswohnsitze) für sich bauen ließ, heute ein Luxushotel.

    http://www.oheka.com/

    Zu Otto Hermann Kahn (in Mannheim geboren, aus deutsch-jüdischer, also aschkenazischer Bankiersfamilie):

    http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Hermann_Kahn

    Kahns New Yorker Stadtpalast am Central Park ist einer der wenigen noch erhaltenen.

    • »Oheka Castle, der Landsitz, den Otto Hermann Kahn zwischen 1917-19 … für sich bauen ließ«

      Also wenn schon Status by Castle, dann aber auch richtig:

      Mit eigenem Fürsten aus dem Geschlecht derer zu Metternich-Ratibor (https://www.grafenegg.com/spielstaetten/schloss_/Metternich), wunderbaren Konzerten, einem Hotel mit deutlich mehr Angestellten als Zimmern und einer Küche zum niederknien (http://www.gourmetreise.com/Diverses/Hotspots2/Kultur-und-Kulinarik) inmitten einer Landschaft voller Weinberge die wunderbare Weine hervorbringen und wo der Metzger tatsächlich den Namen des Schweines kennt, welchem er zu einer zweiten Existenz als edlem Schinken und köstlichen Speck verhilft.

      Da klappt es dann auch mit der Lady in Red:

      Das letzte Mal als ich da war, fand gerade das Jahrestreffen der österreichischen Morgan-Fahrer (http://www.morgan-motor.co.uk/mmc/range2.html) statt.
      Seither vermute ich, dass es doch ein Leben nach Red Bull (http://www.mcnews.com.au/Testing/Honda/2012_VFR1200X_Crosstourer/Honda_VFR1200X_Images/images/CrossTourer010.jpg) geben könnte.

      • @ Bellator

        Otto Hermann Kahn ist ja auch JÜDISCHER Abstammung, neues Geld, in nur 2 Generationen von ziemlich weit unten zur „Fürstenherrlichkeit“, ein Condottiere des Kapitalismus.

        Dagegen Metternich-Ratibor, da ist ja das meiste ererbt.

        • Korrektur:

          3 Generationen.

          Die Urgroßeltern von Otto Hermann waren arme Landjuden, wirklich arm. Der Großvater nutzte die Emanzipation und wurde Fabrikant, der Vater war bereits ein reicher Mannheimer Bankier und Otto Hermann Kahn wurde „Fürst“ aus eigenem Recht in den USA.

        • @ Bellator

          *Und wird an eigene Kinder vererbt werden.*

          Sicher.

          Der Verfall von Ehe und Familie begünstigt das Nach-mir-die-Sintflut-Denken.

          Es gibt allerdings Untergänge/Zusammenbrüche, die so großflächig-tiefgreifend sind, dass selbst Dynastien/Clans sich nicht mehr retten können.

          Darüberhinaus: Am Ende sind wir eh alle tot.

          Es sei denn, wir fallen in Gottes Hand.

        • Wobei natürlich nicht zu entscheiden ist, was Ursache, was Wirkung.

          Ist der Verfall von Ehe/Familie z.B. eine Folge oder Ursache eines Nach-mir-die-Sintflut-Denkens.

          Wenn ich darüber nachdenke, scheint es mir eher Ursache als Folge zu sein.

          Zwangsläufige Folge eines wachsenden Materialismus/Hedonismus und damit individualisierten Egoismus, der nicht mehr „dynastisch“ denkt.

          Wovon allerdings gerade die Oberschicht weniger betroffen ist.

          Die sind schlauer.

          Im Schnitt.

  3. Daisy hat Gatsby keinen Korb gegeben. Sie konnte zwar nicht bestätigen, dass sie Tom nie geliebt hat, aber sie hat durchaus zugestimmt, ihn für Gatsby zu verlassen. (Gatsbys Problem war, dass ersteres ihm im Grunde wichtiger gewesen wäre als letzteres.)

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