„Privilegierte müssen ihre Privilegien abbauen, nicht Frauen dafür sorgen, dass sie aufschließen“

Anhänger der Privilegientheorien kombinieren diese gerne damit, dass derjenige, der die Privilegien hat, dafür verantwortlich ist, dass die Nachteile daraus nicht eintreten.

Der Benachteiligte soll keine Verpflichtung haben etwas an den Zuständen zu ändern, sondern vielmehr der Privilegierte.

Kürzlich hatte ich eine Diskussion anlässlich der Piratinnenkon, die in ihrer Abschlußbesprechung davon sprach, dass man „männlich-dominantes Verhalten nicht mehr als Norm wiederholen“ solle.

Ich fragte an, ob es auch weibliche Dominanz gibt, es entspannte sich eine kleine Debatte und ich fragte schließlich, ob Frauen nicht einfach dominanter werden könnte. Die Antwort entsprach im Prinzip der obigen Gleichung und lautete:

Die Normopfer sind nicht für das Ändern der Norm verantwortlich.

Aus meiner Sicht ist dieses Konzept – ähnlich wie bei dem ähnlichen Konzept bei sexueller Belästigung – nicht sehr praxistauglich.

Nehmen wir zunächst erst einmal der Einfachheit halber an, dass männlich-dominantes Verhalten den Aufstieg in der Politik erleichtert.

Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die privilegierten Männer ihr männlich-dominiertes Verhalten reduzieren, dann haben sie einen Wettbewerbsnachteil. Jeder Mann hat damit einen Vorteil, wenn er sein Verhalten gerade nur etwas weniger umfangreich reduziert als seine Konkurrenten, weswegen es sich im Endeffekt für keinen der Kandidaten lohnt auch nur etwas zu reduzieren. Wer zuerst reduziert verliert.

Die „Gruppe Mann“ gibt es letztendlich nicht. Es gibt einzelne Männern, die in Konkurrenz mit ihren männlichen und weiblichen Kandidatinnen stehen und nicht als Männer, sonst selbst gewinnen wollen. Die Gruppenbetrachtung führt insofern nicht weiter. Eine Betrachtung muss auf der Einzelebene ansetzen.

Im übrigen muss sich ein solcher Appell schlicht an beide Geschlechter richten. Wer Verhaltensregeln aufstellen will, der muss sie allgemein für einen Wettkampf als Regeln aufstellen. Es müßten also Verhaltensregeln für alle vorgegeben werden, was an dominanten Verhalten (nicht: männlich-dominanten Verhalten) erlaubt ist und was nicht. Denn schließlich können auch Frauen dominantes Verhalten zeigen. Und Männer werden es noch weniger als berechtigt ansehen, dass sie sich zurückhalten, wenn eine Frau entsprechende Taktiken anwendet.

Mir scheint es jedenfalls nicht sehr effektiv auf das Reduzieren von Privilegien abzustellen. Das System sabotiert sich viel zu schnell selbst.

Es wird insoweit auch ausgeblendet, dass der einzelne Mann keinen Grund hat sich zurückzuhalten, weil Frauen in anderen Bereichen zurückhaltender sind und er Bestandteil der Gruppe man ist. Er trägt ja keine Verantwortung für die Gruppe Mann oder die Gruppe Frau.

Es ist auch aus meiner Sicht eine Form des Essentialismus, wenn man eine solche Gruppenverantwortung bejaht.