Rosinenpicken innerhalb der feministischen Theorien

Leser David schrieb in einem Kommentar:

Interessant finde ich es in letzter Zeit immer wieder zu beobachten, wie der Feminismus zwischen diesen beiden Argumentationslinien hin- und herspringt.

a) Frauen und Männer_haben_ dieselben Neigungen und Bedürfnisse -> hiermit lassen sich Quoten und jegliche Gleichstellung rechtfertigen, wenn Frauen in irgendeinem Bereich nicht dieselbe Beteiligung/Erfolgsrate vorweisen

b) Gibt es einen Hinweis dass a nicht der Fall sein könnte, stellt feministin fest, dass Männer und Frauen die gleichen Neigungen und Bedürfnisse _hätten_ (aber derzeit keinesfalls haben können!), wenn die patriarchale Sozialisation nicht fundamentale Unterschiede bereits im Kindesalter einschreiben würde -> hiermit lässt sich radikales degendering von Tag 1 nach der Geburt an rechtfertigen, um a) zu erreichen

Dass aber im Falle b) die Konsequenzen von a) entfallen und umgekehrt, fällt unter den Tisch und kennzeichnet für mich die Schizophrenie dieser Ideologie.

Es ist eine Beobachtung, zu der ich auch schon lange etwas schreiben wollte.

Es ist aus meiner Sicht eine Folge davon, dass im Feminismus sehr häufig vom Ergebnis her argumentiert wird, da mit der Standpunkttheorie ja letztendlich der Weg zum Ziel auch relativ egal ist.

Dabei schließen sich diese Wege in der Tat teilweise aus.

  • Wenn Frauen und Männer gleich sind und keine Unterschiede festzustellen sind, dann kann man die gesellschaftlichen Unterschiede damit begründen, dass Frauen diskriminiert werden. Es kommt einem Ansatz der zweiten Welle entgegen.
  • Wenn Männer und Frauen zwar grundsätzlich gleich sind, allerdings durch die Erziehung in andere Richtungen gedrängt werden, dann müsste man eben zwischen den Geschlechtern auch erhebliche Unterschiede feststellen, eben die Auswirkungen dieser Erziehung. Dennoch werden durch Studien nachgewiesene Ungleichheiten, etwa im räumlichen Denken, oft nicht anerkannt, auch nicht als Folge sozialer Erziehung. Wer behauptet, dass es Geschlechtsunterschiede gibt, der wird sich meist schon erheblicher Kritik ausgesetzt sehen, auch wenn über die Ursachen, also sozial oder biologisch gar nichts gesagt wird.
  • Wenn Biologische Unterschiede etwa im Gehirn festgestellt werden, dann wird gerne auf die Plastizität des Gehirns abgestellt, die dann für all diese Unterschiede verantwortlich sein soll.  Nimmt man dieses Argument ernst und verweist darauf, dass dann momentan allerdings die Frauen mit einem Gehirn versehen sind, dessen Plastizität es auf die weibliche Geschlechterrolle ausgerichtet ist, und daher verständlich wäre, dass zB weniger Frauen in Führungspositionen sind, dann wird dies ebenfalls zurückgewiesen.

Und in der Tat wird auch bei der Verwendung dieser Theorien Rosinenpickerei betrieben. Wenn man über Frauen als Führungspersonen trifft, dann wird man meist auf die vollkommene Gleichheit kommen, wenn hingegen über Förderungen von Frauen redet, dann wird man eher zu dem Argument greifen, dass sie eben auf eine bestimmte Weise sozialisiert sind und sich zB dewegen nicht durchsetzen können und daher geschützt und gefördert werden müssen. Beide Diskussionen gleichzeitig sind für viele Feministinnen schwer zu führen, weil sich die jeweiligen Standardargumente dann gegenseitig ausschließen. Ich hatte dies schon einmal in dem Beitrag „Starke Frauen in Führungspositionen vs. zur Schwäche sozialisierte Frauen, die die Frauenquote brauchen“ dargelegt.