„Männer sind halt unfähig“

Sibylle Berg schreibt im Spiegel in einem Artikel mit dem Titel: „Männer sind halt unfähig„:

Wir müssen nicht die Männer fördern, sondern sehr schnell den Frauen 50 Prozent Macht und Einfluss geben – und das mit Gesetzen, Kindergartenplätzen und männlicher Kameradschaft. Und wir müssen es jetzt tun. Denn es scheint nicht mehr soviel Zeit zu bleiben, wenn man den Untergang des Systems Erde beobachtet. Es wird uns, der Bevölkerung, nicht gelingen, gemeinsam etwas Vernünftiges zu erreichen. Die Umwelt zu retten oder das Leben für alle angenehm zu machen, das steht ja auch in keinem Vertrag, dieses Recht auf ein angenehmes Leben. Ich habe keine Ahnung welche von der Macht ausgeschlossenen Gruppen es noch gibt – außer Frauen, Transgender, Homosexuelle und Behinderte -, die es besser machen könnten, als die bisher fast ausschließlich alleinbestimmenden Männer. Aber man sollte es versuchen. Und sei es nur, damit wir uns alle stolz die Hände geben können, wenn der Planet langsam im Wasser versinkt.

Klingt nach Standpunkttheorie:  Die Frauen oder andere Gruppen würden dann eben ihren ganz besonderen Standpunkt einbringen und dann alles besser machen. Das sich mit dem Geschlecht der Politiker nicht so viel ändert zeigt hingegen Merkel.

Es ist zudem ein ziemlicher Essentialismus: Frauen als Gruppe sollen die Menschheit retten, weil sie eben die negativen Aspekte, die Männer möglicherweise als Gruppe anhaften, hoffentlich nicht besitzen, sondern alles ganz anders machen.

Dass das bisherige System erstaunliche Fortschritte bewirkt hat und weder Männer noch Frauen bereit sind auf Luxus zu verzichten – geschenkt.  Es bleibt die Hoffnung, dass Frauen die besseren Menschen sind.

Selbermach Samstag XII

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs oder auf den Blogs anderer? Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Status macht attraktiv: Silvio Berlusconi

Silvio Berlusconi hat eine neue Lebensgefährtin, mit der er sich verlobt hat.

Silvio_Berlusconi_(2010)

Silvio Berlusconi

 

Hier was man bisher über sie weiß:

Die „Neue“ heiße Francesca, sei 28 Jahre alt und stamme aus Neapel. „Sie ist ein hübsches Mädchen, das sieht man, aber noch mehr zählen ihre inneren Werte“, sagte der skandalerprobte „Cavaliere“. Francesca habe klare moralische Prinzipien und sei immer fröhlich. „Sie liebt mich sehr und ich liebe sie auch sehr.“(…)

Er kenne Francesca schon seit sieben Jahren, sagte Berlusconi. Sie sei Chefin eines Fanclubs „Silvio, wir vermissen Dich“ in Neapel gewesen, und so habe er sie getroffen. Sie habe Geld gesammelt, um ein Kleinflugzeug mit dem Banner „Silvio, wir vermissen Dich“ über seiner Ferienvilla auf Sardinien aufsteigen zu lassen. Dann habe sie die Aufschrift in „Silvio, ich vermisse Dich“ umgeändert.

„Dann hat sie für meine Partei gearbeitet und kam mir allmählich näher“, sagte Berlusconi. „Ich hatte die Gelegenheit, sie zu treffen und ihre Arbeit schätzen zu lernen.“

Hier zudem noch ein Foto von ihr

Francesca-pascale

Francesca Pascale

 

Nett anzuschauen. Klar, vielleicht will sie sich nur mit ihm profilieren und ihn als Sprungbrett für eine Karriere benutzen. Aber ihr Einsatz in einem eigenen Fanclub ist schon interessant.

Auch eine interessante Stelle, die ich gelesen habe:

Jetzt demonstrieren zwar einige Frauen. Doch es waren vor allem Italiens Frauen, die Berlusconi bisher gewählt haben, trotz allem. Und die in den 70er Jahren so prominente feministische Bewegung ist in Italien heute fast tot. Vielleicht geschieht nun ein Erweckungswunder, aber bei seinen Wählern wirklich geschadet haben Berlusconi die ganzen Sex-Affären nicht. Berlusconi hat sich nur gekauft, was viele Männer sich gerne leisten würden, in allen politischen Lagern (oder was sie sich mit Geld oder Macht auf allen Ebenen ohnehin leisten).

Andere Artikel:

 

Unterschiedliche Behandlung nach Geschlecht und ihre Auswirkungen

Häufig werden von der „Nurture“-Seite Studien angeführt, bei denen nachgewiesen wird, dass Babies oder Kinder unterschiedlich behandelt werden.
Daraus wird dann sogleich der Schluß gezogen, dass diese unterschiedliche Behandlung Behandlung dann auch zu unterschiedlichen Verhaltensweisen der Kinder führt.
Damit macht man sich meiner Meinung nach den Kausalitätsnachweis etwas sehr einfach.
Aus meiner Sicht ist insbesondere das Folgende zu bedenken:
1. Eine unterschiedliche Behandlung muss nicht zu einem geänderten Verhalten führen
Wie die Studie von Udry  und die Spielverhaltenstudie bei CAH-Mädchen zeigt, kann eine gewisse Resistenz gegen Erziehungsmaßnahmen bestehen. Menschen lassen sich nicht beliebig umformen.
Das stimmt natürlich zumindest für den Schnitt, wenn es tatsächlich Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Dann ist es keine Umerziehung, sondern lediglich ein Aufgreifen der Unterschiede. Wenn Jungen also eher zu Rough and Tumble Play ermuntert werden als Mädchen, dann kann das bei den Jungen, die tatsächlich diese Spielweise lieber mögen ein Einrennen offener Türen sein. Mädchen und Jungs, die das nicht so mögen, würden den Hinweise hingegen als Einschränkung sehen. Wenn aber ein Großteil der Jungen genau dies lieber mögen als ein Großteil der Mädchen, dann ist damit nicht unbedingt eine Einschränkung dieser verbunden.
2. Die Unterschiede können eine unterschiedliche Behandlung gerade erforderlich machen
Ein (stark konstruiertes) Beispiel dazu:
Es soll untersucht werden, ob Männer und Frauen gleich erzogen werden. Die Lehrer bestätigen, dass sie dies machen wollen.
Dann läßt man sie Kinder beaufsichtigen, die unter einer 1,60 hohen Stange durchlaufen. Und stellt fest, dass die Jungs häufiger aufgefordert werden den Kopf runter zu nehmen.
Hier werden die Jungs nicht häufiger aufgefordert, den Kopf runter zu nehmen, um sie anders zu erziehen, sondern weil sie größer sind. Und wenn eine Erzieherin die Größe nicht sehen könnte, dann würde sie wahrscheinlich der Gruppe Jungs eher raten den Kopf runter zu nehmen als den Mädchen.
Genauso kann es natürlich beim Toben sein. Wenn sie die Erfahrung gemacht hat, dass Mädchen beim Toben sensibler sind, dann wird sie auch eher auf diese aufpassen und sie warnen es nicht zu übertreiben als bei den Jungs. 

Hormone und Spielverhalten

Eine interessante Studie zum Spielverhalten von Kindern und der diesbezüglichen Wirkung von Hormonen:

We investigated playmate and play style preference in children with congenital adrenal hyperplasia (CAH) (26 females, 31 males) and their unaffected siblings (26 females, 17 males) using the Playmate and Play Style Preferences Structured Interview (PPPSI). Both unaffected boys and girls preferred same-sex playmates and sex-typical play styles. In the conflict condition where children chose between a same-sex playmate engaged in an other-sex activity or an other-sex playmate engaged in a same-sex activity, boys (both CAH and unaffected brothers) almost exclusively chose playmates based on the preferred play style of the playmate as opposed to the preferred gender label of the playmate. By contrast, unaffected girls used play style and gender label about equally when choosing playmates. Girls with CAH showed a pattern similar to that of boys: their playmate selections were more masculine than unaffected girls, they preferred a boy-typical play style and, in the conflict condition, chose playmates engaged in a masculine activity. These findings suggest that prenatal androgen exposure contributes to sex differences in playmate selection observed in typically-developing children, and that, among boys and girls exposed to high levels of androgens prenatally, play style preferences drive sex segregation in play.

Quelle: Prenatal hormones and childhood sex-segregation: Playmate and play style preferences in girls with congenital adrenal hyperplasia

Ich finde es interessant, weil hier untersucht wird, welches Spielverhalten und welche Spielkameraden jeweils gesucht werden. Wie zu erwarten wenn man von biologischen Unterschieden ausgeht werden gleiche Spielverhalten und das gleiche Geschlecht bevorzugt. Allerdings bevorzugten Mädchen mit CAH eher das Spielverhalten von Jungs.

Die allgemeinen Unterschiede werden wie folgt dargestellt:

hildhood sex segregation is a robust phenomenon and the developmental trajectory of same-sex affiliation has been well documented (Fabes, Martin, & Hanish, 2003; Jacklin & Maccoby, 1978; LaFreniere, Strayer, and Gauthier, 1984; Maccoby and Jacklin, 1987; Martin and Fabes, 2001; Ruble & Martin, 1998; Wasserman & Stern, 1978). The magnitude of the preference for same- versus other-sex affiliation is quite large, increases at least into middle childhood, and appears to be resistant to change (Maccoby and Jacklin, 1987; Powlishta, Serbin, and Moller, 1993; Serbin, Tonick, and Sternglanz, 1977). However, while the behavioral features of children’s sex-typed playmate preferences are generally understood, the underlying mechanisms are not.

The extant literature on childhood sex segregation in general implicates cognitive, social, and biological processes with the general consensus that the full explanation integrates these theoretical perspectives. Independent effects of gender labels and play styles in children’s playmate selections have also been investigated with some researchers hypothesizing that the sex differences in play style themselves probably contribute to children’s preferences for same-sex play partners. For example, it has been demonstrated that boys and girls differ in toy choices, activity levels, and rough-and-tumble play. Compared to boys, girls play more with dolls and doll furnishings, are less active, and are less interested in rough, outdoor play. By contrast, compared to girls, boys play more with construction and transportation toys, are more active and are more interested in rough, outdoor play (Berenbaum & Hines, 1992; DiPietro, 1981; Eaton & Enns, 1986; Hines & Kaufman, 1994; Maccoby & Jacklin, 1974; Pasterski, et al., 2005; Pasterski, et al., 2007; Ruble & Martin, 1998; see Hines, 2009 for review).

Also auch hier Unterschiede, wobei Mädchen lieber mit Puppen spielen, weniger aktiv sind, weniger interessiert an rauen Spielen draussen sind. Männer spielen eher mit Konstruktionen und Transportspielzeug und sind eher aktiver und mehr an rauen Spiel draussen interessiert.

Aus der Besprechung der Ergebnisse:

The findings from the current study elucidate a potential underlying mechanism responsible for the observed pattern of childhood sex segregation. For boys and for girls with CAH, playmate selection relates mostly to the play style of the playmate, irrespective of the playmate’s gender. Playstyle and playmate preferences of girls with CAH were both shifted significantly in the masculine direction compared to unaffected girls. In addition, for girls with CAH play style was more important than gender label in choosing playmates, as evidenced by their selecting female playmates engaged in a masculine activity when these two dimensions were put into conflict. As noted above, play style is influenced by prenatal androgen exposure. Girls with CAH show masculinized play styles (Hines, 2009) and amniotic fluid testosterone, as well as maternal testosterone during pregnancy, correlates with male-typical play styles in healthy girls (Auyeung, et al., 2009; Hines, et al., 2002). Thus, playmate preference may be a secondary effect of the influence of androgen on play style. Although social sanctions may also contribute to boys’ rejection of feminine play styles, this is unlikely for girls with CAH who appear not to be subjected to such sanctions. In fact, girls with CAH have been shown to receive increased parental encouragement of girl-typical play (see Pasterski, et al., 2005).

Mädchen mit CAH zeigen einen maskulinen Spielstil, obwohl ihre Eltern versuchen, sie eher zu einem weiblichen Spielstil zu bringen.

Und weiter:

This study demonstrates that not only are there sex and CAH-related differences in play styles, but also in the extent to which play style matters when choosing a playmate. We found that the majority of boys and girls with CAH chose playmates based on the preferred play style of the playmate rather than the gender label of the playmate. By contrast, the group of unaffected girls chose playmates based on the playmate’s gender and play style roughly equally. Although there are stronger social sanctions on cross-gender play for boys than there are for girls, these stronger sanctions are unlikely to account for the male-typical pattern displayed by girls with CAH since they are not subject to the sanctions. The implication is that prenatal androgen influences not only preferences for play styles, but also makes these play styles of greater importance when choosing a playmate. The findings also suggest that, although prenatal androgen exposure influences both children’s play style preferences and their playmate preferences, the shift in the masculine direction for playmate preference may be indirect, via the altered preference for a masculine play style. Thus, both in boys and in girls with CAH, prenatal exposure to high levels of androgen may make certain toys and activities so appealing that they drive playmate selection.

Es ist wieder eine dieser Studien, die aus meiner Sicht schwer durch soziale Theorien oder Rollenbilder zu erklären sind. Denn in diesem Fall müßten die CAH-Mädchen als Mädchen eher mit ihresgleichen spielen und sich da den weiblichen Rollenbildern anpassen. Sie bevorzugen aber abweichend davon den männlichen Spielstil und männliche Spielpartner

Jungenkrise, männliche Rollenbilder und Amoklauf

In verschiedenen Artikeln wird der jüngste Amoklauf in Newtown mit der allgemeinen Jungenkrise in Verbindung gebracht:

Walter Holstein schreibt im Tagesspiegel in dem Artikel „Warum Männer Amok laufen„:

Die Zahl der Problemjungen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Legastheniker, Kinder mit dem ADHS-Syndrom, Schulversager oder Frühkriminelle sind fast ausschließlich Jungen. Der 18-jährige Amokläufer von Emsdetten bringt es in seinem Abschiedsbrief lakonisch auf den Begriff: „Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.“ Da liegt dann Rache als „Ausweg“ nahe.(…)

Die Folgen bezeichnet eine große empirische Studie des Heidelberger Sinus-Instituts über „20-jährige Frauen und Männer“: Die jungen Männer „sehen sich unter hohem Performance-Druck. Sie können und sollen heute auf alle Ansprüche flexibel reagieren: Sie sollen Frauenversteher, durchtrainierte Machos, Kinderwagen schiebender Papa und Karrieretyp sein. Das Dilemma ist: Egal, für welche Rolle sie sich entscheiden: der Erfolg ist ihnen nicht garantiert“. Insofern hätten sie immer mehr Angst vor der Zukunft und befürchteten sogar, demnächst überflüssig werden zu können. Zu solchen Ängsten trägt der Zeitgeist fleißig bei. Was einmal in der öffentlichen Darstellung – sicher idealisiert – die „Krone der Schöpfung“ gewesen ist, erscheint nun – sicher übertrieben – als Latrine der Gegenwart: unnütz, böse, aggressiv und degoutant.

Ein anderer Artikel noch zu Columbine sieht eher zu starke Rollenbilder in der Verantwortung:

Numerous other media targeting boys convey similar themes. Thrash metal and gangsta rap, both popular among suburban white males, often express boys‘ angst and anger at personal problems and social injustice, with a call to violence to redress the grievances. The male sports culture features regular displays of dominance and one-upsmanship, as when a basketball player dunks „in your face,“ or a defensive end sacks a quarterback, lingers over his fallen adversary, and then, in a scene reminiscent of ancient Rome, struts around to a stadium full of cheering fans.

How do you respond if you are being victimized by this dominant system of masculinity? The lessons from Columbine High – a typical suburban „jockocracy,“ where the dominant male athletes did not hide their disdain for those who did not fit in – are pretty clear. The 17- and 18-year-old shooters, tired of being ridiculed or marginalized, weren’t big and strong and so they used the great equalizer: weapons.

Ich frage mich auch, ob die Rollenbilder für Jungs sich wirklich so gewandelt haben. Die gesamte Genderdiskussion ist ja in der Bevölkerung selbst nur relativ unzureichend angekommen. Die Jungs orientieren sich nicht an den Lehrerinnen, sondern an ihrem Umfeld, ihren Peers. Sicherlich gibt es unterschiedliche Rollenerwartungen, allerdings gab es auch schon immer coole und uncoole Jungs, brave und weniger brave. Es gab schon immer Aussenseiter und Populäre.

Die Eingebundenheit von Schülern erfolgt nicht über Lehrer, sondern über ihre Cliquen und ein Lehrer kann denke ich nur sehr eingeschränkt in diese Strukturen eingreifen. Ein „Seid doch mal nett zu dem Außenseiter“ bringt wenig, wenn er einfach ein merkwürdiger Kerl ist.

Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass ganz unterschiedliche Erwartungen wie oben geschildert bei einigen Jungs das Gefühl verschärfen, dass gerade sie Außenseiter sind. Problem ist insofern vielleicht auch, dass Kinder heute einfach schon wesentlich mehr Sachen aus dem Erwachsenenbereich machen können, früher Beziehungen haben, früher Sex haben und damit auch einfach früher auffällt, dass sie in dem Bereich Defizite haben. Ob diese Defizite durch mehr männliche Kontaktpersonen aufgehoben werden können ist eine interessante Frage. Ich bin da eher skeptisch.

Hier ist aber besonders zu bedenken, dass gerade dieser Täter hier sehr wahrscheinlich Probleme hatte, die nicht mit seinem Umfeld zusammenhängen. Bei ihm scheint eher einiges für eine gewisse Veranlagung zu sprechen, die vollkommen unabhängig davon ist, ob Lehrer oder Lehrerinnen um ihn herum sind.

Auch anderweitig gab es Kritik an Hollsteins Text:

Aber weil Hollstein anscheinend nur ein Thema kennt, wird halt passend gemacht, was ihm so einfällt: Das muss natürlich sein, dieses Zusammentreffen von Schule und Gewalt aus der Hand eines jungen Mannes, weil in den Schulen die Frauen das Sagen haben, denn: „Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf.“ (Dass in den Einkaufszentren und Kinos Frauen das Sagen hätten, will das auch jemand behaupten?) (…)

Wie ahistorisch ist dieser Blick eigentlich? Bis vor hundert Jahren waren Schulen nahezu ausschließlich männlich geprägt – Lehrer, Erzieher, Psychologen, all das waren seinerzeit Männer, und sind deshalb die wenigen Mädchen, die zur Schule gehen durften, mordende Psychopathinnen geworden? Und ist es nicht auch so, dass schon seit geraumer Zeit – nennen wir es mal: seit Beginn der Aufzeichnungen zu diesem Thema, also geschätzt seit dem Beginn der Geschichtsschreibung – es immer Männer waren, die weltweit den Großteil der physischen Gewalttaten verübt haben? Also auch schon lange bevor der Feminismus zu jener alles umfassenden Krake geworden sein könnte, die Hollstein und seine Glaubensgenossen sich da zusammenphantasieren? (…)

Die Ironie der Haltung Hollsteins liegt ja darin, dass sie alles andere als aufrecht, stolz und weltgegerbt daherkommt, was man früher mannhaft nannte: es ist eine weinerliche, unerwachsene Trotzreaktion darob, dass die Welt sich entwickelt und dabei nicht fortwährend nett zu ihm und den ach so leidenden Männern ist, deren Geschlechtsgenossen seltsamerweise immer noch die Spitzenpositionen weitgehend unter sich ausmachen. Immer sind die anderen schuld, fast immer die Frauen und vor allem die bösen, bösen Feministinnen; und die Weltsicht ist dann so beschränkt, dass man in allem nur diese eine Ursache am Werke sieht.

In der Tat dürfte es männliche Amokläufe schon zu Zeiten gegeben haben, bei denen die Lehrerinnen noch nicht so zahlreich waren. Es ist aber gleichzeitig lustig, dass ein überzeugter Feminist hier kritisiert, dass immer die anderen schuld sind und man in allem nur diese eine Ursache am Werke sieht. Insbesondere wenn man im Satz davor anführt, dass die Männer „seltsamerweise immer noch die Spitzenpositionen weitgehend unter sich ausmachen“.

In eine ähnliche Kerbe haut Dr. Mutti:

Aber vielleicht doch in der Schule? Wäre doch möglich, dass dort andere Regeln gelten als im Kindergarten. Sicher ist das so. Nur waren auch zu einer Zeit, als mehr oder sogar ausschließlich Männer in den Schulen unterrichtet haben, bei Schulmassakern ausnahmslos Männer die Täter – wie etwa bei dem Amoklauf von Bremen 1913, dem Schulmassaker von Bath 1927 oder dem Attentat von Volkhofen 1964. Darüber hinaus richten sich viele Schulmassaker gegen weiterführende Schulen, an denen das Geschlechterverhältnis bei den Lehrenden deutlich ausgewogener als an Grundschulen ist. Hollstein selbst zitiert Robert Steinhäuser, der 2002 in Erfurt 17 Menschen und sich selbst erschoss: “Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.”. Nur tötete Steinhäuser nicht in einer Grundschule, sondern an einem Gymnasium. Der Amoklauf von Ansbach im Jahr 2009 traf ebenfalls ein Gymnasium. Die Amokläufe von Emsdetten 2006 und Winnenden 2009 geschahen an Realschulen. “Schule ist für viele Jungen in den letzten Jahren zu einem Horrortrip geworden”, behauptet Hollstein. “Da liegt dann Rache als „Ausweg“ nahe.” Warum aber sollten nochmal die Grundschulen, und nicht die Realschulen oder Gymnasien, der Hort des Schreckens sein? Ach ja, wegen der Frauen und der Schmetterlinge, die den Jungen das Mannsein verleiden.

Soweit kann ich die Kritik durchaus teilen.

Hugo Schwyzer schreibt zu solchen Amokläufen:

Are white men particularly prone to carrying out the all-too-familiar mass killings of which last week’s Aurora shooting is just the latest iteration? Is there something about the white, male, middle-class experience that makes it easier for troubled young men to turn schools and movie theaters into killing fields? In a word, yes.

Perhaps the greatest asset that unearned privilege conveys is the sense that public spaces “belong” to you. If you are—like James Holmes last week, or Charles Whitman, who killed 16 people on the University of Texas, Austin campus in 1966—an American-born, college-educated white man from a prosperous family, you don’t have a sense that any place worth being is off-limits to the likes of you. White men from upper middle-class backgrounds expect to be both welcomed and heard wherever they go. When that sense of entitlement gets frustrated, as it can for a host of complex psychological reasons, it is those same hyper-privileged men who are the most likely to react with violent, rage-filled indignation. For white male murderers from “nice” families, the fact that they chose public spaces like schools, university campuses, or movie theaters as their targets suggests that they saw these places as legitimately theirs.

Diese In-Besitznahme-Theorie aufgrund von Privilegien erscheint mir auch eher wenig plausibel. Sie wollen ja nicht Plätze besetzen, sondern sich an Leuten rächen. Und gerade bei dem letzten Vorfall passt es auch gar nicht. Denn eine Grundschule ist kein Platz, den er besonders besetzen muss, dafür war er bereits zu alt.

Ein weiterer Artikel haut ebenfalls in die „White males“-Kerbe:

Rachel Kalish and Michael Kimmel (2010) proposed a mechanism that might well explain why white males are routinely going crazy and killing people. It’s called „aggrieved entitlement.“ According to the authors, it is „a gendered emotion, a fusion of that humiliating loss of manhood and the moral obligation and entitlement to get it back. And its gender is masculine.“ This feeling was clearly articulated by Eric Harris and Dylan Klebold, the perpetrators of the Columbine Massacre. Harris said, „People constantly make fun of my face, my hair, my shirts…“ A group of girls asked him, „Why are you doing this?“ He replied, „We’ve always wanted to do this. This is payback… This is for all the sh*t you put us through. This is what you deserve.“

Warum man Gefühle wie Rache, den Wunsch nach Status, verletzten Stolz, nicht einfach als solche bezeichnen kann, leuchtet mir nicht ein.  Es muss gleich eine Berechtigung zu höherem sein, die man einverlangt.

OECD Studie zur Geschlechtergleichstellung

Eine aktuelle Studie nimmt zu der Frage Stellung, warum Deutschland eine so geringe Geburtenrate hat:

Die Süddeutsche dazu:

Kinderkriegen in Deutschland ist unattraktiv geworden wie nie zuvor. Das ist das Ergebnis einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (PDF). Als Gründe für die beständig sinkenden Geburtenzahlen werden vor allem die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft sowie die fehlende gesellschaftliche Anerkennung für berufstätige Mütter hierzulande genannt. Das kulturelle Leitbild von einer „guten Mutter“, die zuhause bei den Kindern zu bleiben habe, sei vor allem in den alten Bundesländern noch so stark verbreitet, dass berufstätige Frauen sich im Zweifel eher gegen als für ein Kind entschieden. Deutschland gehört damit im europaweiten Vergleich zu den Schlusslichtern bei den Geburtenzahlen – dies lasse sich nicht mehr einzig auf ökonomische Gründe zurückführen, so die Sozialforscher.

Also:

  • fehlende gesellschaftliche Anerkennung für berufstätige Mütter
  • Leitbild der guten Mutter, die zuhause bleibt

Das Leitbild der guten Mutter, die zuhause bleibt. Meiner Meinung nach traut man sich in Deutschland auch nicht dieses abzubauen. Wer wird den ganzen weiblichen Wählern sagen, dass sie einen Fehler machen, wenn sie sich um die die Kinder kümmern. Niemand will den Hausfrauen sagen, dass sie lieber an ihre Rente denken sollen und man Kinder in die Fremdbetreuung geben sollte. Niemand will ihnen sagen, dass sie früher in den Beruf zurückkehren sollen.

Natürlich könnte man eine entsprechende Kampagne machen, in der man gegen das Leitbild der guten Mutter vorgeht. Aber würde es positiv angenommen werden?

Momentan hat eine Frau das Gefühl, dass Kinder bekommen und Beruf gleichzeitig nicht möglich ist.

Und zur Gleichstellung:

Mehr junge Frauen als Männer machen Abitur und Hochschulabschlüsse. Doch kaum sind sie in die Arbeitswelt eingestiegen, stoßen sie an die sogenannten gläsernen Decken.

Ach ja, die gäserne Decke. Mal sehen welche Faktoren benannt werden:

Sie verdienen weniger, haben schlechtere Aufstiegschancen – und sobald sie ein Kind bekommen haben und in Teilzeit arbeiten, sind oft alle Karrierechancenn vorbei. Wie groß der Unterschied zwischen Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt ist, zeigt eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). So liegt Deutschland, was das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen angeht, unter allen 34 OECD-Ländern auf dem drittschlechtesten Platz. 22 Prozent weniger Gehalt bekommen Frauen bei den mittleren Einkommen. Das geht aus der am Montag veröffentlichten Studie „Gleichstellung der Geschlechter“ hervor. Im OECD-Durchschnitt beträgt das Lohngefälle nur 16 Prozent. Dabei sind gerade junge Frauen laut den Ergebnissen der Studie besser ausgebildet als Männer. 27 Prozent der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren haben in Deutschland einen Abschluss von einer Universität, einer Fachschule oder einen Meisterbrief. Bei den Männer dieser Altersgruppe liegt der Anteil nur bei 25 Prozent. Mehr als die Hälfte des Einkommensunterschieds sei auf Teilzeitarbeit zurückzuführen, sagte die Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser. In Deutschland arbeiten 62 Prozent der Frauen zwischen 25 und 54 Jahren in Teilzeit, im Nachbarland Frankreich sind es nur 26 Prozent. Einen Ausweg aus der hohen Teilzeitquote sieht Queisser in „guter und bezahlbarer Kinderbetreuung“.

Natürlich muss diese dann eben auch angenommen werden. Wenn in der gleichen Studie angeführt wird, dass das Bild der guten Mutter ebenfalls bremst, dann ist es eben auch ein Mentalitätsproblem.

Noch schlechter als bei den Gehaltsunterschieden schneidet Deutschland aber beim geschlechterbedingten Rentengefälle ab: Dort belegt es unter allen OECD-Ländern den letzten Platz mit dem größten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen in Deutschland bekommen im Schnitt nur die Hälfte der durchschnittlichen Rente von Männern. Zwei Drittel der deutschen Rentner seien aber Frauen. Die Rentenlücke sei auch ein wesentlicher Grund dafür, dass zehn Prozent der Frauen in Altersarmut leben, teilte die in Paris ansässige Organisation mit.

Das wäre doch mal eine gute Werbemaßnahme. Denkt an eure Renten, geht so schnell wie möglich wieder arbeiten. Es würde mich aber interessieren, wie sich das Bild verändert, wenn man den Versorgungsausgleich und die Witwenrente mit einrechnen würde.

Was Frauen in Spitzenpositionen angeht, liegt Deutschland sogar auf dem letzten Platz – noch hinter Japan. Weniger als sechs Prozent der Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder in börsennotierten Unternehmen sind Frauen. Spitzenreiter bei den weiblichen Führungskräften ist Norwegen, wo 2003 eine Frauenquote eingeführt wurde.

Erstaunlich finde ich, dass man das nie als Anforderung formuliert, sondern immer nur als Diskriminierung. Schließlich hängt es auch eng damit zusammen, dass die Frauen davon ausgehen, dass sie lieber keine Kinder bekommen als sie in eine Fremdbetreuung zu geben.

Hetenperformance und Raum einnehmen

Das Steinmädchen schreibt einen Artikel, der mich sehr an Nadine Lantzschs „Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen“ erinnert. Auch hier geht es um die „Performance“ von Heterosexuellen:

Du bist wirklich heterosexuell? Hätte ich jetzt nie gedacht. Wäre ich einfach nicht drauf gekommen, wenn du auf deinem Facebooktitelbild mit einem Typen Arm in Arm vor einem Sonnenuntergang stehst. Oder auf der Party in der ersten Reihe rumknutschst. Auch dein ständiges „Mein Freund [beliebiges blubb]“ hätte ich beinah missverstanden. Also gut, dass du bei einem Film über queere Sexualität nocheinmal daraufhinweist, dass dich das nicht anmacht, weil du schließlich heterosexuell bist. Es ist wirklich wichtig, dass das endlich mal Raum kriegt!

Mir leuchtet der Gedanke noch nicht ganz ein, warum jedes Anzeichen dafür, dass man heterosexuell ist, gleich eine Performance sein soll, die zu einer Heteronormativität führt. Als Heterosexueller kann ich genau so wenig dafür, heterosexuell zu sein, wie ein Homosexueller etwas dafür kann, dass er homosexuell ist. Wenn ich rumknutsche, dann kann ich es nun einmal nur mit einer Frau machen, da mich Männer eben nicht ansprechen.

Auch der Gedanke, dass so etwas eine „Raumeinnahme“ ist, kommt mir eher merkwürdig vor. Es scheint ein Bild zu sein, indem eine Darstellung von Heterosexualität gleichzeitig die Darstellung von Homosexualität ausschließt. Das muss jedoch keineswegs der Fall sein. Es kann einfach eine Darstellung von Sexualität, Liebe oder Lust sein, die unabhängig von der jeweiligen sexuellen Ausrichtung erfolgt (und die man demnach auch unabhängig von ihr kritisieren kann). Ich bezweifele, dass die Nichtdarstellung von hetreosexueller Zuneigung in irgendeiner Weise die Lage für Homosexuelle verbessert: Wenn keiner im Raum küsst, dann wird ein homosexuelles Paar bei denjenigen, die zu engstirnig sind und etwas gegen Homosexualität nicht auf mehr Verständnis stoßen. Wenn in einer Gruppe knutschender Paare auch ein homosexuelles Paar knutscht, dann wird es wahrscheinlich sogar eher in der Menge untergehen.

Allenfalls könnte man in dieser „Raumeinnahme“ eben eine Erinnerung daran sehen, dass man selbst als Homosexueller diese Sexualität nicht so frei zeigen kann.

Also ist es auch kein Zufall, dass Hetenpärchen auf Facebook gerne mal ein Zweifoto als Profilbild oder Titelbild verwenden. Es steckt viel Botschaft in diesem Bild. Ich denke die wichtigste Botschaft soll sein: Ich habe jemanden. Ich bin nicht allein. Ich bin wertvoll. Und gebraucht werden. Abgrenzung. Die Schaffung eines Bildes „Wir zwei gegen den Rest der Welt.“

Nicht anders wenn Heten mir außerhalb des Internets begegnen. Auf einer Party mag ich das Aneinanderkleben auch nicht, dieses ständige befummeln und rumknutschen (wir müssen nicht auf die Meinung der Umwelt achten, wir haben ja uns) finde ich arg nervig. Aber gut, es ist dort dunkel, und vielleicht haben die sich gerade erst bei einem Flirt kennengelernt (ich bin so gutmütig…), es gibt Alkohol, die Synapsen sind etwas eingeschränkt…

Anders ist das aber bei Dingen wie einem Vortrag. Wie soll ich einer Referent_in richtig zuhören, wenn sich ständig diese Pärchen vor mir betascht, begrabbelt und die Händchen festhält? Warum liebe Heten, warum könnt ihr das nicht woanders machen?

Hier wird es etwas deutlicher: Sie stört, dass ihr jedesmal deutlich gemacht wird, dass diese nicht auf die Umwelt achten müssen, sie aber schon. Also ein „wenn ich es nicht problemlos machen darf, dann sollen die es auch nicht dürfen“. Das lässt sich leicht aus dem Gedanken herleiten, dass Leute, die Privilegien haben, diese eben hinterfragen und nicht nutzen dürfen.

Meiner Meinung nach geht es mal wieder erheblich zu weit. Jeder Mensch sollte das Recht haben, seine Beziehung leben zu können und sie zusätzlich für bestimmte Leute einzuschränken, weil es Idioten gibt, die dies Homosexuellen verbieten oder schwerer machen ist sicherlich nicht der richtige Weg.

Eher die bedürftige Paarnormativität dahinter. Die natürlich auch sexistisch verteilt ist. Der Typ muss sich der Frau nicht ständig vergewissern. Dafür ist sie ja da. Emotionale Arbeit. Aber mal Besitzergreifend dem Arm um sie legen, das schadet ja nicht. Hat natürlich niiichts mit Außenwirkung zu tun…

Was für ein schlichtes Weltbild: Es gibt wahrscheinlich nur Mackermänner darin, die keinerlei Angst um ihre Freundin haben oder aus anderen Gründen „emotionale Arbeit leisten“. Das müssen eben die armen Frauen tun, an denen die ganze Arbeit hängenbleibt. Der Mann markiert anscheinend allenfalls seinen Besitz.

Dass auch den Arm um jemanden legen emotionale Arbeit sein kann und die meisten Frauen es durchaus gerne haben, wenn ihr Freund den Arm um sie legt, das kommt denke ich in ihrer Vorstellungswelt gar nicht vor. Ganz zu schweigen davon, dass eine gewisse Besitzmarkierung auch durchaus gut bei der jeweiligen Freundin ankommen kann. Und auch nicht, dass er den Arm aufgrund unterschiedlicher Größen üblicherweise viel eher auf ihre Schulter legen kann als sie auf seine.

Dieses: „Ich habe Angst dich zu verlieren, wenn ich dich eine Sekunde loslasse. Du könntest dich ja während des Vortrages in Luft auflösen.“ macht mich wirklich wütend. Dieses symbiotische ineinander verschmelzen und gleichzeitige Panikmache.

Sich gegenseitig an der Hand zu halten ist keineswegs ein Ausdruck von Verlustangst. Es ist einfach mitunter schön, den anderen zu fühlen und gegenseitigen Körperkontakt zu haben. Es ist in den meisten Fällen keine Pankmache, sondern einfach ein entspanntes miteinander. Dass sie das nicht kennt und nicht einordnen kann ist traurig. Es spricht vielleicht eher für ihre eigenen Verlustängste.

Klar gibt es Gründe. Angst vor dem Verlassenwerden, Angst vor Ausgrenzung, Angst davor Status zu verlieren. Heteronormative Beziehungen haben viel mit Prestige zu tun. Wer hat wen abgekriegt?

Lookism. Wer sieht wie „gut“ aus? Natürlich ist vieles davon auch Paarnormativität. Wer sicht als nicht-heteronormatives “Pärchenteil” angesprochen fühlt, darf gerne das Paarnormative bei sich sich selbst überprüfen und in Frage stellen. Sehr gerne. Diese Paarnormativität stammt jedoch aus einem heteronormativen Kontext. Und ist da einfach viel präsenter. Und normativer.

Da wird immer gesagt, dass Pickup oder Biologie die Beziehung zwischen Menschen zu trocken darstellt. Hier scheint der Feminismus von Steinmädchen in nichts nachzustehen. Alles ist nur Panik, Gegenmaßnahme um Verlust vorzubeugen, Schein nach Außen, Verfestigen von Normen. Dass es einfach eine Form der Zuneigung sein könnte und man diese auch gleichzeitig allen anderen Menschen zugestehen kann, kommt ihr anscheinend nicht in den Sinn.

Denn leider hört der Kampf um Anerkennung in einer RZB nicht auf, denn dann geht es ja darum, die männlich sozialisierte Person dazu zu kriegen, doch bitte auf die eigenen Gefühle Rücksicht zu nehmen und die nötige Anerkennung zu schenken. Das Problem ist: Cis-Männer müssen das nicht. So einfach ist das. In ihrer privilegierten Position gibt es keinen Grund, das tun zu müssen. Die sogenannte „Beziehungsarbeit“ zu übernehmen. Dafür gibt es ja eine Person.

Also ist es unlogisch, darauf zu hoffen, dass sich da was verbessert. Einfach so. Das ist viel Arbeit, Privilegien zu hinterfragen, wenn die privilegierte Person das noch nicht selbst reflektiert. Und bei diesem Kampf dann auf die Kosten des eigenen Anerkennungsbedürfnisses kommen? Kommt schon Leute, das klingt echt nicht so erfolgsversprechend.

Ich verstehe hier ehrlich gesagt noch nicht einmal, was sie hier genau der „männlich sozialisierten Person“ vorwirft. Wohl, dass sie in Beziehungen nicht genug Rücksicht nehmen, weil sie das eben nicht müssen. Aber dazu hatte ich ja schon was gesagt.

Sie erklärt es später in einem Kommentar noch einmal so:

Bei dem Abschnitt über Cis-Männer bezog ich mit auf heteronormative Aufgabenverteilung in diesen Beziehungen, ich wollte deutlich machen, dass das vielleicht nicht für alle Männer gilt, sondern vor allem was mit cis-sozialisation zu tun ist – die eigene Identität und Verortung als Selbstverständlich zu betrachten. In Heterobeziehung hat die Frau dem Mann nachzurennen und Probleme anzusprechen. Heteronormativität hängt auch eng mit Geschlechterrollen zusammen.

Auch ein Stück Selbstimmunisierung – es gilt für CIS-Sozialisiation. Also für Männer, die sich wie Männer  benehmen, was schlecht ist. Wer sich anders verhält, der ist eben nicht cis-Sozialisiert und damit raus. Wenn eine Frau rumzickt und ihr Mann versucht ihr alles Recht zu machen – ist sie dann eigentlich männlich sozialisiert oder ist es noch eine weibliche Sozialisiation? Wenn sie Zärtlichkeiten einfordert und er schüchtern ist, ist sie dann allein heteronormativ? Ihr Weltbild ist aus meiner Sicht – ich wiederhole mich da – erstaunlich schlicht. Männlich sozialisiert (was ja letztendlich auch nur männlich bedeutet) = schlecht, weiblich sozialisiert (was dann wohl weiblich bedeutet) =gut und leidtragender.

Wie macht man es also richtig? Jedenfalls auch nicht, wenn man gar keine Zärtlichkeiten mehr zeigt:

Manchmal ist es natürlich noch schlimmer, wenn so getan wird, als gäbe es keine Beziehung. Also wenn es eine RZB gibt, diese aber nicht so benannt wird, weil das ist ja böse. So als gäbe es ohne benennen keine RZB. Und als wäre diese dadurch besser, dass sich in der Öffentlichkeit die zwei Personen nicht angucken und so tun, als hätten sie überhaupt keine Beziehung. Durch demonstratives Nichtberühren wird auch Raum eingenommen! Manchmal finde ich das NOCH ätzender. So wie: “Wir zeigen jetzt mal dass wir kapiert haben, dass wir das nicht dürfen und übergehen mal unsere Bedürfnisse nach Zuneigung”

Wie man es macht ist es also falsch. Ich hatte einmal nachgefragt und erhielt die folgende Antwort:

Eigentlich schalte ich keine Menschen frei die auf ihrem Blog Homosexualität auf genetischer Ebene diskutieren, aber vermutlich bist du nicht der einzige, der diese Frage hat. Und daher antworte ich auch mehr für diese anderen Menschen.

Den Arm um die Freundin zu legen hat was mit Machtmarkierung zu tun. Frauen sind gar nicht so oft kleiner von einer messbaren Größe her, sondern werden kleiner gemacht. Und unabhängig davon ist es in der Öffentlichkeit eine Demonstration von Besitz.

Cooles Verhalten gibt es auch: Der/die Partner_in hat zB einen Namen, ist eine Person und nicht “mein Freund”. Dann kein ständiges Händchenhalten und rumknutschen in der Öffentlichkeit. Aber auch kein demonstrativen Ausweichen, sondern es darf sich auch hallo gesagt werden und nicht jede Berührung muss vermieden werden. Es ist völlig okay, sogar cool, wenn Menschen nicht als Heteropärchen erkennbar sind, schwierig wird es nur, wenn dieses “wir sind das ja nicht” mackerig in Szene gesetzt wird – so ein bisschen auf der Ebene: Jetzt will ich aber einen Keks weil ich das alles so toll anders mache. Besonders beliebtes Verhalten bei AntiPatmackern (Anti-Patriarchat Mackern).

Sich küssen muss kein Problem sein (thinkpunk schrieb auch schon was von letzter Reihe), nicht-küssen ist oft solidarischer, aber geht eben auch – es ist die Frage, wodurch welcher Raum okkupiert wird und wer dadurch ausgeschlossen wird. Patriarchale Machtstrukturen in Szene zu setzen war schon immer scheiße und bleibt das auch. Ich bin oft auch eher auf persönlicher Ebene “tolerant”, weil ich auch sehe, das Menschen Gründe für ihr Verhalten haben können (seht aktueller Post zu Mobbing – es ist manchmal wichtig, dass Menschen sich in der Öffentlichkeit daneben stellen), aber es geht ja darum zu gucken, wann welche Machtposition repräsentiert und auch noch inszeniert wird.

Einfach wer durch verhalten (oder demonstrative! Nichtverhalten) wie viel Raum einnimmt.

Zu reflektieren, welche Machtposition man einnimmt ist für sie natürlich einfacher als für andere: Denn sie nimmt eben nie eine Machtposition ein, Männer hingegen aus ihrer Sicht sehr oft, wenn sie heterosexuell sind und Heterosexuelle Paare eben auch. Die sollen dann auf dem schmalen Pfad wandern zwischen nichts machen, aber das nicht zu offensichtlich. Da der letztendlich nicht gehbar ist, man nimmt ja als heterosexuelles Paar immer Raum ein, ist man auch immer schuld.

Schön fand ich noch den folgenden Kommentar eines anderen Kommentators:

Noch bevor ich das erste Mal Worte wie Heteronormativität das erste Mal hörte, hat mich genau dieses Heten-Posing gestört. Und selbst bei den Nicht-Posern bin ich manchmal wütend geworden. Warum? Weil ich ihre Solidarität vermißt habe. (…) Es ist nämlich mitunter eine recht angstbesetzte Probe des Verhaltens anderer. Ich WAR mal eine kurzhaarige, wütende, feministische Lesbe. Mit Betonung auf WAR. Einfach, weil ich mich nach langjährigem Single-Dasein wieder verliebt habe. Und es ein Mann war. Und ich plötzlich das Gefühl hatte, nirgendwo mehr dazuzugehören. Jetzt kann ich ja auf einmal nicht mehr das sein, was ich immer war & womit ich mich identifiziert habe. Und was würde denn eine Frau sagen, die ich kennenlerne & ich zugeben muß, daß ich weder Single bin noch in einer offenen Beziehung mit einer Frau, sondern mit einem Mann zusammen bin? Darf ich denn überhaupt noch auf den CSD? Ich gehöre ja nun nicht mehr “wirklich” dazu. Darf ich denn noch so wütend über Heterosexismus sein wie früher. Und wer wird mich warum wann ausschließen?

Muss in der Tat ein merkwürdiger Wechsel sein, wenn man plötzlich wieder auf der anderen Seite ist und man nunmehr seine Regeln auf sich selbst anwenden muss.

Kreativität, Schizophrenie und Gene

In einem Spiegelartikel geht es um die enge Grenze zwischen Kreativität und Schizophrenie:

Nach vielen Enttäuschungen präsentierte 2002 ein isländisches Forschungsteam um den ehemaligen Harvard-Neuropathologen Kári Stefánsson seine Ergebnisse zu einem Gen, das, so vermuteten die Forscher, in einem ursächlichen Zusammenhang zur Schizophrenie stehen müsse. Neuregulin 1 (NRG1) nennt es sich, es verfügt über Signalübertragungsfunktionen zwischen Zellen und ist für ihre Interaktion verantwortlich. Störungen der NRG1-Signalübertragung wurden von den Forschern fortan mit Schizophrenie in Verbindung gebracht, zumindest mit Aufmerksamkeitsstörungen. Die eigentliche Entdeckung folgte sieben Jahre später. Eine Studie der renommierten Semmelweis-Universität in Budapest zeigte in der Fachzeitschrift „Psychological Science“: Nicht nur für ein höheres Schizophrenierisiko sollte die Genvariante von Neuregulin 1 stehen, sondern auch für Kreativität.

Bestimmte Gene erhöhen also wohl das Risiko zum einen Schizophren, zum anderen aber auch besonders kreativ zu sein.

Bei der Hälfte der Europäer entdeckte der Neuropathologe eine Kopie des Gens, bei ungefähr 15 Prozent waren es zwei. Diese Menschen waren nicht nur anfälliger für Schizophrenie, sondern auch kreativer. Man fragte sie: Stellen Sie sich vor, von den Wolken würden Fäden bis zur Erde herabhängen. Was würde geschehen? Die Träger der beiden Gene beeindruckten mit deutlich originelleren und komplexeren Ideen. Anstelle von erwartbaren Antworten wie „Ich würde hochklettern und die Fäden dafür nutzen“ oder „Ich würde das Wetter ändern“ gingen die Antworten der Testpersonen mit der Genvariante in eine andere Richtung. „Ich würde eine Decke stricken, um die Erde zu bedecken und zu schützen“, sagte einer. Ein anderer: „Ich würde spezielles und frisches Wasser in eine Wolke injizieren, wenn die Wolken verschwänden, kämen die Leute durch die Fäden immer noch dran.“

Kreativität ist natürlich schwer zu messen und auch bei solchen Beispielen ist es schwer sie in eine „kreativere Reihenfolge“ zu bringen. Fäden, die aus Wolken hängen? Ich müßte wohl erst einmal mit der Unlogik der Situation kämpfen, aber wenn passend beschrieben wäre, dass man es einfach als Gedankenspiel sehen soll, dann würde es wohl gehen.

Verblüfft stellte Kéri fest, dass eine genetische Variante, die mit Schizophrenie assoziiert war, erstmals auch positive Eigenschaften besaß. Er übertrug den Gedanken auf das Prinzip der Evolution, denn bei einigen Menschen führte die Variante offenbar zur schizophrenen Gedankenflucht, zu Halluzinationen und Wahnideen, bei anderen setzte sie ein freieres Denken und ungewöhnliche Gedankenkombinationen in Gang. Was unterschied diese Menschen?

Kreative, darin sind sich die Forscher einig, denken assoziativer, weniger fokussiert, offener. Ihre Gehirne filtern weniger stark Wesentliches von Unwesentlichem und ähneln denen von Kranken – aber mit einem entscheidenden Unterschied. Was den Schizophrenen überschwemmt, wird vom Erfinder geordnet, zu sinnstiftenden Einheiten kombiniert, sein Gehirn „bündelt“.

Die Frage, wie stark man den „Vorfilter“ einstellt hätte insoweit Vorteile, was eine stärkere Fokussierung angeht, läßt aber im Bereich der Kreativität gleichzeitig aber auch einiges nicht durch, was vielleicht origineller ist.

Bei der Schizophrenie hingegen würde zuviel durchgelassen werden.

Evolutionstechnisch wäre damit Schizophrenie wieder besser erklärbar: Dass eine Genvariante bei einigen Trägern schädlich ist, führt nicht dazu, dass diese ausselektiert wird, wenn sie in anderen Trägern vorteilhaft ist. Ein Nachteil bei einem Verwandten kann durch Vorteile bei anderen Verwandten ausgeglichen werden.

Selbermach Samstag XI

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs oder auf den Blogs anderer? Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?