Sprache und Testosteron

Leser Dummerjan hatte auf eine interessante Studie hingewiesen, nach der Testosteron den Spracherwerb verzögern kann. Leider habe ich den Volltext der Studie nicht gefunden, hier ist der Abstract:

Background:  Preliminary evidence suggests that prenatal testosterone exposure may be associated with language delay. However, no study has examined a large sample of children at multiple time-points.

Methods:  Umbilical cord blood samples were obtained at 861 births and analysed for bioavailable testosterone (BioT) concentrations. When participating offspring were 1, 2 and 3 years of age, parents of 767 children (males = 395; females = 372) completed the Infant Monitoring Questionnaire (IMQ), which measures Communication, Gross Motor, Fine Motor, Adaptive and Personal–Social development. Cut-off scores are available for each scale at each age to identify children with ‘clinically significant’ developmental delays. Chi-square analyses and generalized estimating equations examined longitudinal associations between sex-specific quartiles of BioT concentrations and the rate of developmental delay.

Results:  Significantly more males than females had language delay (Communication scale) at age 1, 2 and 3 years (p-values ≤. 01). Males were also more likely to be classified as delayed on the Fine-Motor (p = .04) and Personal–Social (p < .01) scales at age 3 years. Chi-square analyses found a significant difference between BioT quartiles in the rate of language delay (but not Fine-Motor and Personal–Social delay) for males (age 3) and females (age 1 and 3). Generalized estimating equations, incorporating a range of sociodemographic and obstetric variables, found that males in the highest BioT quartile were at increased risk for a clinically significant language delay during the first 3 years of life, with an odds ratio (OR) of 2.47 (95% CI: 1.12, 5.47). By contrast, increasing levels of BioT reduced the risk of language delay among females (Quartile 2: OR = 0.23, 95% CI: 0.09, 0.59; Quartile 4: 0.46, 95% CI: 0.21, 0.99).

Conclusion:  These data suggest that high prenatal testosterone levels are a risk factor for language delay in males, but may be a protective factor for females.

Zu den Unterschieden bei der Sprache von Mann und Frau hatte ich schon ein paar Artikel:

Diese Studie macht noch einmal deutlich, dass auch hier die Hormone eine Rolle spielen.

Aus einem Artikel zu der Studie:

The research team wanted to test whether this developmental delay could be due to prenatal exposure to sex steroids such as testosterone, as male fetuses are known to have ten times the circulating levels of testosterone compared to females. The team proposed that higher levels of exposure to prenatal testosterone might increase the likelihood of language development delays. Dr. Whitehouse’s team measured levels of testosterone in the umbilical cord blood of 767 newborns before examining their language ability at one, two, and three years of age. The results showed that boys with high levels of testosterone in cord blood were between two and three times more likely to experience language delay. However, the opposite effect was found in girls, where high levels of testosterone in cord blood were associated with a decreased risk of language delay. Dr. Whitehouse said the finding is significant in that it gives a biological explanation for why boys’ language development differs to that of girls.

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21 Gedanken zu “Sprache und Testosteron

  1. Deswegen kann Tippse wahrscheinlich besser
    schreiben als Roslin? Er, der Patriarch lässt
    sie, die Tippse;, nur nicht!
    Goehte und Böll und Hamsun und ….
    waren alles Frauen!

    Können Männer eigentlich sprechen? Wenn ja, wie
    kam es zu diesem Wunder?

    • Frauen und Männer leben nicht nur von
      Hormonen, sondern diese haben wegen
      der Biologie andere Wirkungen!
      Womit wiedereinmal Gender verloren hat.

      • Denn Gender als Alchemie der Moderne
        kann nur verlieren!
        Und wir erdreisten uns ernsthaft das
        Mittelalter als „dunkel“ zu bezeichnen.
        Die hatten hoffentlich nicht den
        Feminismus, und wir haben sowas im
        21. Jahrhundert! Im dunkelen 21. Jhr!

      • Frauen und Männer leben nicht nur von Hormonen, sondern diese haben wegen der Biologie andere Wirkungen!
        Womit wiedereinmal Gender verloren hat.

        Ich verteidige sicher nicht die Genderjunkscience, aaaaber …

        das ist eine ad-hoc Hypothese, denn der gegenteilige Effekt bei Männern und Frauen widerspricht zunächst mal der ursprünglichen christianschen Annahme, dass der Einfluss des pränatalen Testosterons ursächlich für unterschiedliches geschlechtsspezifisches Verhalten von Männern und Frauen sei.

        Oder anders formuliert: Hätte sich dieser gegenteilige Effekt nicht gezeigt, hätte das erst recht als Bestätigung der christianschen Annahme gegolten.

        Was also bleibt als Erkenntnis: Irgendwie spielt pränatales Testosteron eine Rolle. Genaues weiss man nicht.

        • @ Peter

          Du übersiehst, dass auch hier die Dosis wahrscheinlich das Gift macht (oder das Heilmittel).

          Vielleicht gibt es einen niedrigen Testosteronwert, der die Sprachentwicklung sogar fördert, der aber bei Jungen normalerweise in jedem Falle überschritten wird, über einen relativ hohen Schwellenwert hinaus, ab dem Testosteron „toxisch“ wirkt, so dass deren Sprachentwicklung im Vergleich zu Mädchen normalerweise zurückhinkt, weil Mädchen kaum je in Gefahr geraten, auch nur in die Nähe dieses oberen Schwellenwertes zu kommen.

    • @muttersheera
      Ich fürchte, du hast zu hohe Ansprüche an die Hormon-Theorien. Da ist bestimmt vieles noch nicht richtig verstanden. Diese ganzen Abläufe im Körper auf molekularer Ebene sind sowieso saukompliziert, das menschliche Lernen, die menschliche Psyche ebenso. Man kann froh sein, wenn man da rudimentär auf Zusammenhänge schließen kann. Was bietet denn die Genderforschung für Alternativen?

      Du hast mal gesagt, dass du dich mehr mit deinem Vater identifiziert hast und dass dies in deiner Familie gefördert wurde. Das ist leicht behauptet, wird aber der Komplexität deiner Entwicklung wahrscheinlich nicht gerecht und ist letztlich überhaupt nicht auf klare Kausalzusammenhänge zurückzuführen. Leg da doch mal die gleichen Maßstäbe an.

      • Fleischhauer

        Du willst doch den gender kram nicht retten. indem due uterschiedliche erziehungen den hormonen unterschiedliche wirkungen zuschreiben kannst?

        Nicht ernsthaft?

      • „Ich fürchte, du hast zu hohe Ansprüche an die Hormon-Theorien“

        Ich erwarte nur, dass man Meinungen, Vermutungen und Fakten jeweils korrekt benennt, d.h. im Zweifelsfall, lieber vorsichtiger zu formulieren, es offenzuhalten und – im Idealfall – selbst auf Ungereimtheiten hinzuweisen. Diesen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen m.M.n. die Meisten „Studien“ kaum mehr, was ich nicht den einzelnen Wissenschaftlern, sondern dem System insgesamt anlaste.

        Wobei natürlich auch den Personen, die es im Wissenschaftsbetrieb weit bringen, Bescheidenheit sehr gut zu Gesicht stünde und sie ihnen gelegentlich, durch geschickte Fragen, gar zu entlocken ist, bspw. hier:

        „Klein: Hat der langsame Fortschritt nicht einfach damit zu tun, dass die Sache vertrackter ist als erwartet? Von 95 Prozent der Erbsubstanz weiß noch keiner genau, wozu sie eigentlich gut ist. All die Abschnitte, die keine Gene sind und noch vor ein paar Jahren als »DNA-Schrott« abgetan wurden, haben offenkundig wichtige Funktionen – nur welche?

        Venter: Ja, wir waren sehr naiv und zu optimistisch.

        Klein: Zudem wirkt das Genom mit anderen Substanzen im Zellkern auf viel kompliziertere Weise zusammen als gedacht. Eigentlich hat es gar keinen Sinn, die Erbinformation ohne die Zelle zu untersuchen, die sie umgibt.

        Venter: Diese Einsicht beginnt sich tatsächlich durchzusetzen. Sie widerspricht den gewohnten Dogmen der Biologie.“

        Aber nur ein paar Sätze später kippt er wieder zurück in den Größenwahn-Modus:

        „Klein: …ebenso wenig wie wir verstehen, wie aus den Molekülen der Erbsubstanz in neun Monaten ein Mensch wird, der dann mit spätestens zwei Jahren zu sprechen beginnt.

        Venter: Wir werden es verstehen. Wir haben jetzt die Technik dazu. Darin liegt vermutlich die größte Errungenschaft des Genomprojekts.“

        http://www.zeit.de/2009/03/Klein-Venter/komplettansicht

        „Was bietet denn die Genderforschung für Alternativen?“

        Ich bin keine Gender-Expertin wie die vom Christian vertriebene Khaos.kind oder die per Publikumsbeschimpfung noch nicht anzulockende Lantzschi. Ich werde allgemein – vermutlich zurecht – eher der second-wave als dem Post-/Queer-/Gender-Feminismus zugerechnet. Die Genderforschung hat aber m.M.n. den Vorteil, weniger zu kosten und weniger (Kollateral-)Schäden anzurichten, da sie hauptsächlich mit Sprache zu hantieren scheint. Die andere Seite der Medaille sind folgerichtig ihre weit-geringeren „Heilsversprechen“.

        „Leg da doch mal die gleichen Maßstäbe an.“

        Wie ungefähr stellst Du Dir das vor?

    • @ muttersheera

      Wo widerspricht denn Baron-Cohen Dr. Whitehouse.

      Jungen entwickeln sich langsamer als Mädchen, dafür länger, auch IQ-mäßig.

      Deshalb sind bis zum Alter von ca. 8 Jahren Mädchen im Schnitt tatsächlich intelligenter als Jungen.

      Sprache ist und bleibt auch bei Erwachsenen eine Schwerpunktdomäne weiblicher Begabung.

      Dass trotzdem der größte Teil genialer Weltliteratur von Männern geschrieben wurde (ich schätze, 2/3), liegt vielleicht daran, dass über IQ 125 der Männeranteil in dieser Gruppe doppelt so hoch ist wie der Frauenanteil und wahrscheinlich exponentiell steigt je höher es hinaufgeht (unten bekanntlich dasselbe Phänomen, nur schreiben sehr Dumme keine Weltliteratur).

    • Also der Widerspruch zu Baron-Cohen ist zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn language delay ist ja relativ zum Normwert der weiblichen/männlichen Population. Baron-Cohen berichtet meines Wissens hier tatsächlich nicht von geschlechter-inversen Zusammenhängen.
      Allerdings ist es zum Einen schon mal naiv anzunehmen, dass dies alles streng linear verläuft. Ganz ohne Testosteron fängt zum Beispiel kein Kind an zu sprechen, während zu viel irgendwann auch immer negative Auswirkungen hat.

      Vor allem aber ist Sprache eine komplexe Fähigkeit, die sich aus etlichen sehr viel basaleren kognitiven Funktionen zusammensetzt.
      Dislexie ist bei weitem nicht dasselbe wie eine schlecht ausgebildete Sprachpragmatik. Sprachentwicklungsstörungen können im Wernicke- (Rezeption) aber auch im Broca-Areal (Produktion) zu lokalisieren sein, oder aber schon am semantischen Verständnis scheitern, welches durchaus mit der Theory of Mind und anderen sozialen Fähigkeiten zusammenhängen kann. Ein gelähmtes Kind hat beispielsweise auch fast automatisch eine verzögerte Sprachentwicklung, schlicht weil es sich Kontexte von Begriffsnennungen nicht durch durch Blick- und Kopfbewegungen erschließen kann.
      Es ist also mal wieder die Frage, wie man „Sprachentwicklung“ spezifiziert und operationalisiert. Kein Wunder dass man da unterschiedliche Zusammengänge zu fT (foetal Testosterone) finden kann.

      • Baron-Cohen hat auch schon Daten veröffentlicht, nach dem der Wortschatz beispielsweise stärker durch das Geschlecht beeinflusst ist (Mädchen lernen allgemein schneller mehr Wörter als Jungs) als durch fT.
        Der Wortschatz hat wiederum mit Syntax kaum etwas zu tun.

    • Der Effekt ist monoton und nichtliear – ein Schwellwert wird vermutet.

      Der entscheidende Punkt in Bezug auf die Genderfrage ist bei dieser Forschungsarbeit, daß eine kausale biologische Ursache (Hormon) für ein bestimmtes geschlechtsspezifisches Verhalten (Spracherwerb) präsentiert wird.

      Damit ist jede Theorie, die nur von Erziehung als Ursache geschlechtsspezifischen Verhaltens ausgeht, widerlegt.

      Ich frage mich nur, wie lange wir in Schulen und Kindergärten weiterhin davon ausgehen, daß der schlechtere Spracherwerb von Jungen einfach ein Erziehungsproblem ist. Der Vorteil dieser Anschauung ist natürlich, daß man dies dann den Eltern aufladen kann – sollen die sich kümmern.

      Würde man zugeben, dass es biologische Ursache gäbe, müßte man ja entweder auch zugeben, dass wir gesellschaftlich systematisch nicht bereit sind, nachteilige Voraussetzungen bereits im Kleinkindalter auszugleichen – oder aber man müßte eine Jungenförderung etablieren.

    • Und in deinem Blut, wenn du besoffen bist?
      Ist jetzt nur dein Blut besoffen?

      Aber da das Spiel Spass macht, lass uns weiter
      machen Fleischhauer……bittte, bitte!

      • Man kann die Nabelschnur auch pränatal durch mikroinvasive Methoden punktieren.

        Ob das hier gemacht wurde, weiß ich nicht, vielleicht im Rahmen anderer Diagnostik, denn nur um den Testosteronspiegel zu bestimmen ist ein solcher Eingriff ethisch eigentlich nicht gerechtfertigt.

      • Anscheinend sind pränatale Fruchtwasseruntersuchungen gefährlich, so dass die (allgemein schwankenden) Werte meist erst bei Geburt entnommen werden und daher auch nicht all zu verlässlich sein können.
        Postnatal bleibt dann eben nur noch die Digit Ratio als einigermaßen verlässlicher Marker.

        • Sie sind nicht gefählich, haben aber ein geringes Risiko, pränatale Nabelschnurpunktionen sind etwas riskanter, jedoch auch das geringste Risiko ist ein zu hohes Risiko, wenn der Eingriff weder der Leibesfrucht noch der Schwangeren nützt, sondern nur der Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier dient.

          Natürlich kann ich Schwangere über das Risiko aufklären und wenn sie ihr Einverständnis geben, zur „Tat“ schreiten, falls sie sich für die Forschung opfern wollen.

          Aber auch damit hätte ich meine Probleme, weil die Schwangere ja nicht einfach nur für sich selbst und über ihr Risiko entscheidet, sondern auch für das nicht befragbare Kind mitentscheidet.

  2. Pingback: Frühes postnatales Testosteron ist ein Indikator für Sprachfertigkeiten | Alles Evolution

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