Dogma und Religion

Gesellschaften brauchen Regeln, an die sich die Leute halten. Besteht gar kein Konsens, nach dem sich die Leute richten können, dann wird ein Zusammenleben kaum möglich sein.

Eine verschärfte Regel bezüglich des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist das Dogma oder das Taboo. Dabei wird eine Regel oder ein bestimmter Umstand der Diskussion entzogen und entweder eine Diskussion darüber bereits unmöglich gemacht oder dagegen stehende Argumente schlicht ignoriert und deren Anführung als Beleidigung/Regelverletzung angesehen.

Man kann sich vorstellen, dass so etwas durchaus nützlich für eine Gesellschaft ist/war. Denn so konnte man bestimmte Themen, die zu Streit führten, ausklammern und gegebenenfalls auch Gruppenwerte schaffen, in dem man einen „Identitätskern“ gestaltete, der nicht zu diskutieren war. Ähnlich wie bei anderen Hierarchien auch kann vielleicht zudem eine „Hierarchie der Ideen“, (also etwa Vermutungen, allgemein angenommenes, Dogma) Hierarchiekämpfe reduzieren, die ansonsten bei der Frage, ob eine Auffassung richtig ist aufkommen würden. Hier könnte die Idee sein, dass man eine Idee, die die obersten oder die Gemeinschaft an sich als absolut verbindlich ansieht, besser nicht hinterfragt (jedenfalls nicht offiziell).

Da Religionen Ideen sind, die üblicherweise auf einer schwachen Grundlage stehen, sie aber gleichzeitig darstellen auf der Basis einer hohen Autorität zu sprechen, die ihre Vorgaben an die Gesellschaft und ihre Regeln verlangt, bieten sich für Religionen Dogmen und Taboos als Machtmittel an.

Dabei sind beide Mittel durchaus gefährlich, weil sie zu irrationalen Handeln verleiten.

Gut zu sehen ist dies gegenwärtig an den Ausschreitungen einiger Muslime aufgrund eines Films, der nach ihrer Auffassung Mohammed schmäht sowie ebenso an der dortigen Reaktion auf Karikaturen, die Mohammed zeigen. Hier soll ein religiöses Dogma betroffen sein, den Propheten Mohammed gemäß seinem Status zu behandeln und demnach mit Erfurcht zu begegnen.

Die Folge des Dogmabruchs oder der Tabooverletzung ist allerdings aus meiner Sicht nicht nur eine reine Verletzung des Dogmas, vielmehr bietet diese Verletzung Anlass aufgestauten Hass loszuwerden und Feindbilder zu bestätigen. Es ist ja relativ offensichtlich, dass es sich bei dem Film nicht um eine Produktion der USA, sondern einer Einzelperson handelt. Allerdings bietet das Dogma – trotz des schwachen Bezugs zu einigen der von den Protesten betroffenen Länder – hier die Möglichkeit zu einem Handeln aufzurufen. Auch hier kann mit entsprechender Gestaltung eine Radikalität erzeugt werden, in dem Umsetzung und Schutz des Dogmas oberste Priorität genießen und Verletzungen echten Hass hervorrufen.

Dieses Gefahrenspotential ist Teil vieler Religionen, mir scheint aber gerade der Islam hat besonders viele Vertreter, die auf Dogmenerrichtung und Radikalisierung aus sind.

Das Christentum hat insoweit vielleicht einfach den Vorteil, dass es heute diese Phase schon im wesentlichen überwunden hat und einen anderen Weg eingeschlagen hat, bei dem im religiösen so getan wird als würde der theologische Glaubensinhalt so richtig sein und lediglich neben der „eigentlichen Welt“ stehen.

Die Evolution ist in dieser Vorstellung richtig, die Bibel aber auch irgendwie. Es ist also ein weniger dogmatischer Weg, bei dem die Religion zwar nicht zugibt, dass sie unrecht hat, aber sich stark auf innere Belange zurückzieht.

Ob Maria nun Jungfrau war oder es sich nur um einen Übersetzungsfehler handelt, ob Jesus weitere Geschwister hatte, weil Maria zumindest nach seiner Geburt „die Ehe vollzog“, ob Jesus eine Frau hatte, wird zwar innerhalb der Kirche als Taboo bzw. Dogma gesehen, es wird aber als Diskussion gesehen, die religiöses, nicht weltliches betrifft. Glücklicherweise gibt es deswegen keine Proteste oder Gewaltaktionen.

Es gibt natürlich auch moderate Muslims und radikale Christen, der Hauptteil des Christentums scheint mir aber wesentlich moderater als  Vertreter des Islams.

Einen solchen radikalisierten Trend wieder zu stoppen ist sicherlich schwierig. Ich wünschte der Islam würde eine Umwandlung vornehmen, die ebenso dazu führt, dass dort die moderateren Stimmen überhand gewinnen.