Die Biologischen Grundlagen für ein faires Geschäft

Ein interessante Studie zeigt, wie sich bei Kindern ein Sinn für ein faires Geschäft entwickelt

Highlights

Age-related increases in strategic behavior correlate with greater impulse control

Development of DLPFC function subserves impulse control needed for strategic behavior

Age-independent DLPFC thickness predicts individual differences in strategic behavior

Summary

Human social exchange is often characterized by conflicts of interest requiring strategic behavior for their resolution. To investigate the development of the cognitive and neural mechanisms underlying strategic behavior, we studied children’s decisions while they played two types of economic exchange games with differing demands of strategic behavior. We show an increase of strategic behavior with age, which could not be explained by age-related changes in social preferences but instead by developmental differences in impulsivity and associated brain functions of the left dorsolateral prefrontal cortex (DLPFC). Furthermore, observed differences in cortical thickness of lDLPFC were predictive of differences in impulsivity and strategic behavior irrespective of age. We conclude that egoistic behavior in younger children is not caused by a lack of understanding right or wrong, but by the inability to implement behavioral control when tempted to act selfishly; a function relying on brain regions maturing only late in ontogeny.

Quelle: Impulse Control and Underlying Functions of the Left DLPFC Mediate Age-Related and Age-Independent Individual Differences in Strategic Social Behavior

Aus dem Spiegelartikel dazu:

Wie sie im Fachmagazin „Neuron“ berichten, verstehen auch jüngere Kinder durchaus, welche Art des Teilens oder Tauschens gerecht ist und welche nicht. Damit sie jedoch die Situation des anderen mit bedenken und nicht impulsiv aus egoistischer Sicht entscheiden, muss eine bestimmte Hirnregion aktiv werden. Und der sogenannte linke dorsolaterale präfrontale Cortex, der für die Impulskontrolle wichtig ist, entwickelt sich erst relativ spät vollständig. Daher sei faires Teilen noch im Grundschulalter leicht gesagt, doch schwer getan, schreiben die Wissenschaftler

Das finde ich interessant. Für kleine Kinder eines gewissen Alters ist es meiner Meinung  nach durchaus vorteilhaft, egoistisch zu sein. Schließlich sind sie noch sehr verletzlich und sollten sich an Ressourcen sichern, was sie können. Es wäre insofern durchaus sinnvoll, eine Gehirnfunktion, die dies einschränkt erst später zu entwickeln. Das wir ohne diese Gehirnregion egoistischer sind zeigt zudem gut, wie sich soziales Denken auch biologisch entwickeln kann.

Und weiter:

Beim Ultimatumspiel unterbreiteten ältere Kinder häufiger faire Angebote, während die jüngeren Kinder zwischen beiden Spielen kaum Unterschiede machten. Auch die Reaktion auf ein ungerechtes Angebot fiel je nach Alter unterschiedlich aus: Während fast alle 11- bis 14-Jährigen das Geld ablehnten, wenn ihnen nur eine einzige Einheit angeboten worden war, akzeptierten die meisten 6- bis 9-Jährigen dieses Angebot. Dies taten die Jüngeren, obwohl ihnen bewusst war, dass die Aufteilung unfair war und sie es daher im Prinzip ablehnen sollten.

Es ist hier zunächst erst einmal festzuhalten, dass die 6-9jährigen eigentlich logischer handeln. Zumindest, wenn man das Spiel nur einmal gespielt hat. Denn in diesem Fall bringt die Bestrafung nicht, der Spieler hat den größten Vorteil, wenn er jeden angebotenen Betrag und sei er noch so niedrig, sofort annimmt, was der Anbietende sich denken kann und daher den geringstmöglichen Betrag bieten sollte.

Hier zeigt sich auch mal wieder, dass unser Gehirn nicht für absolutes logisches Denken gemacht ist, sondern für die Praxis: Im wahren Leben gibt es eben keine Spielregeln, die festlegen, dass man nur einmal miteinander spielt, sondern die Chance ist groß, dass man weitere Male miteinander zu tun hat oder zumindest andere mitbekommen, dass man bereit ist zu bestrafen, wenn man ein schlechtes Angebot bekommt. Dies hat auf lange Sicht dann wieder Vorteile

Und weiter

Messungen der Hirnaktivität brachten weitere interessante Erkenntnisse: Je älter die Kinder waren, desto stärker wurde der laterale präfrontale Cortex aktiv. Er reift erst spät in der Kindesentwicklung voll heran. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, hat nach Ansicht der Forscher demnach nichts mit mangelndem Verständnis zu tun. Es erklärt sich stattdessen aus der späten Entwicklung dieser für die Impulskontrolle wichtigen Hirnregion.

Andere Studien haben bereits gezeigt, dass Kinder schon sehr früh abschätzen können, wer moralisch richtig handelt und oft auch dementsprechend reagieren – etwa ein Experiment am Leipziger MPI, bei dem 3-jährige Fieslinge abstraften, freundlichen Erwachsenen dagegen halfen.

Die Impulskontrolle scheint also zunächst erst einmal auf den „logischsten Weg“ anzuspringen und wird dann entsprechend gehemmt.

6 Gedanken zu “Die Biologischen Grundlagen für ein faires Geschäft

  1. Ich finde es immer wieder etwas befremdlich, wenn behauptet wird, der Spieler, der das schlechte Angebot annimmt, würde „Logisch“ handeln.

    Die Logik impliziert ja die komplette konsequenzlosigkeit (vom gewinn abgesehen), und die garantierte Einmaligkeit des Spiels.
    Das erste ist dadurch, dass die Restwelt Informationen über das Spielverhalten erlangen kann, und ihre Handlungen daran ausrichten wird, falsch.
    Und selbst für das zweite hat man lediglich die Aussage der Experimentatoren.

    Von normalen Umständen ausgehend, ist es im endeffekt ist es also nur dann logisch, wenn man sich komplett auf den fremden „Frame“ der Experimentatoren einlässt.

    Unser Gehirn handelt imho durchaus Logisch, es ist nur nicht sonderlich gut darin, beliebige Axiome anzunehmen (manche scheinen sogar „hardcodiert“ zu sein).

    Anstatt die Handlungen in Logisch/Unlogisch zu klassifizieren, würde ich sie lieber in Langfristig/Kurzfristig teilen:

    Jemand, der einen niedrigen Gewinn ausschlägt, spekuliert auf ähnliche Situationen in der Zukunft. Jemand, der den niedrigen Gewinn annimmt, handelt kurzfristig.

    Und das passt auch wieder recht gut mit dem Verhalten der Kinder: als 7-Jähriger hat man nicht gerade viel „Spekulationskapital“, als 14-Jähriger schon.

  2. @ Christian

    *Furthermore, observed differences in cortical thickness of lDLPFC were predictive of differences in impulsivity and strategic behavior irrespective of age. *

    Auch interessant: Unterschiede in der corticalen Dicke der Region erlaubten die Vorhersage von Unterschieden in der Impulskontrolle und in der Befähigung zu strategischem Verhalten.

    Da die kortikale Dicke stark genetisch bestimmt ist, ein weiterer Hinweis auf Erbeinflüsse auch bei Impulskontrolle und strategischem Verhalten.

    Interessant für Soziobiologen.

    Ist ja nicht ganz unwesentlich für z.B. Lebenserfolg und Kriminalitätsneigung, die Befähigung zu strategischem Verhalten und die Fähigkeit zur Impulskontrolle.

    • „Ist ja nicht ganz unwesentlich für z.B. Lebenserfolg und Kriminalitätsneigung, die Befähigung zu strategischem Verhalten und die Fähigkeit zur Impulskontrolle.“

      In den gleichen Bereich gehört auch
      die Fähigkeit, den Impuls zu unmittelbarer
      Belohnung zu Gunsten eines grösseren
      Erfolges zu einem späteren Zeitpunkt,
      zu unterdrücken.
      Unter dem Begriff: Delayed Gratification
      findet man tonnenweise Material.
      Da wurden viele Experiment gemacht und
      die Unterschiede zwischen Individuen
      und Gruppen sind recht frappant und
      halt teilweise auch recht un-PC.

      • Ich hab mal etwas gegooglet, allerdings nichts sonderlich un-PCiges gefunden, genauer gesagt, nichtmal studien, die in Feldern waren, deren ergebnisse un-PC sein könnten.

        Hast du da vielleicht noch ein paar Hinweise?

      • Hast du da vielleicht noch ein paar Hinweise?

        Wichtige persönliche Eigenschaften wie IQ,
        Aggressivität, Impulskontrolle,etc. sind
        einerseits entscheidend für den Lebenserfolg
        des Individuums aber auch für die Unterschiede
        in der Prosperität verschiedener Weltgegenden.
        Da diese Eigenschaften zu einem erheblichen
        Teil erblich sind, entsteht der Gegensatz zur
        Meinung der Mensch käme als unbeschriebenes
        Blatt zur Welt.

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