Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)

Ein spannender Bereich aktueller Forschung betrifft unterschiedliche Arbeitsweisen des Gehirns bei Männer und Frauen. Das Mittel zur Beobachtung dieser ist die Funktionelle Magnetresonanztomographie.

Aus der Wikipedia dazu:

Durch fMRT-Aufnahmen ist es möglich,Durchblutungsänderungen von Hirnarealen sichtbar zu machen, die auf Stoffwechselvorgänge zurückgeführt werden, welche wiederum mit neuronaler Aktivität in Zusammenhang stehen. Hierbei macht man sich die unterschiedlichen magnetischen Eigenschaften von oxygeniertem und desoxygeniertem Blut zu nutze (BOLD-Kontrast). Bei der Aktivierung von Kortexarealen kommt es zu einer Steigerung des Stoffwechsels, wodurch das aktivierte Areal mit einer überproportionalen Erhöhung des Blutflusses reagiert (sog. neurovaskuläre Kopplung). Dadurch erhöht sich die Konzentration von oxygeniertem (diamagnetischem) relativ zu desoxygeniertem (paramagnetischem) Hämoglobin. Über den intermolekularen Elektronendipol-Kerndipol Relaxationsmechanismus bewirkt diese Konzentrationsänderung eine Veränderung der effektiven transversalen Relaxationszeit der beobachteten Wasserstoff-Kernspins und führt damit zu einer Signaländerung in der MRT. Um so Rückschlüsse auf den Ort einer neuronalen Aktivität zu ziehen, wird dasMagnetresonanz-Signal des Gewebes zu zwei Zeitpunkten verglichen – z. B. im stimulierten oder Experimentalzustand einerseits sowie im Ruhe- oder Kontrollzustand andererseits. Die Aufnahmen können durch statistische Testverfahren miteinander verglichen und die statistisch signifikanten Unterschiede (die den stimulierten Arealen entsprechen) räumlich zugeordnet und dargestellt werden.

Die Wikipedia nennt auch gleich verschiedene Schwächen:

Im Vergleich zu den anderen etablierten nicht-invasiven neurophysiologischen Untersuchungsmethoden,etwa EEG oder ERP, zeigt die (verhältnismäßig junge) fMRT zwar deutlich mächtigere Möglichkeiten in der räumlich-lokalisierenden Untersuchung, aber eine prinzipbedingt sehr viel niedrigere zeitliche Auflösung. Eine zusätzliche Unsicherheit ergibt sich aus dem indirekten Charakter der Methode – die neuronale Aktivität wird nicht direkt gemessen, sondern aus Änderungen von Blutfluss und -oxygenierung geschlossen.[8] Dabei wird ein grob lineares Verhältnis zwischen Stimuli, die länger als vier Sekunden sind, und BOLD-Effekt angenommen[9]. Ob der BOLD-Effekt bei kürzeren Stimuli zuverlässig neuronale Aktivität wiedergibt, ist strittig und noch Gegenstand aktueller Forschung.

Weitere technische Limitationen der fMRT-Messung sind:

In intakten Geweben wird der BOLD-Effekt nicht nur durch das Blut in den Gefäßen, sondern auch durch das Zellgewebe um die Gefäße herum verursacht.

Wird bei der Messung des BOLD-Effekts eine minimale Größe des Mess-Voxels unterschritten, können Gefäße, die einen Querschnitt haben, der größer ist als die festgelegte Voxelgröße, fälschlicherweise als neuronale Aktivität gedeutet werden.

Darüber hinaus gibt es an den grundlegenden Annahmen und möglichen Erkenntnissen aus fMRT-Untersuchungen Kritik, die darauf beruht, dass die Visualisierung der Messdaten der fMRT eine konstruktive Komponente hat, wodurch eher die Modellvorstellungen der Forscher als tatsächliche Vorgänge dargestellt werden könnten. Des Weiteren fehlten bei zahlreichen Untersuchungen statistische Korrekturrechnungen, um Zufallsergebnisse auszuschließen.

Feministinnen wie Schmitz sehen darin einen der großen Nachteile:

Doch was zeigen uns diese Bilder wirklich? Zunächst einmal sind sie keine direkten Abbilder aus dem Innern des Gehirns, denn erst mit Hilfe von informationstechnischen Berechnungen und computergraphischen Verfahrensschritten werden aus den Daten des Scanners Bilder konstruiert. Zur Bildrekonstruktion aus Streudaten, zur Bereinigung der Daten von Rauscheffekten, zur Segmentierung und zur 3D-Bildrekonstruktion wird eine inzwischen fast unüberschaubare Menge von Berechnungsverfahren eingesetzt, um die Einzelbilder dem Vergleich zugänglich zu machen. Diese Verfahren werden von unterschiedlichen Laboratorien in unterschiedlichen Kombinationen angewandt, und dies stellt eines der größten Probleme für die vergleichende Analyse dar. Denn im Verlauf der Konstruktionsprozesse wird eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen, was ins Bild hineinkommt, was weggelassen wird, was hervorgehoben wird oder in den Hintergrund tritt. Forscher und Forscherinnen aus einem bestimmten kulturellen Umfeld, geprägt durch bestimmte Vorstellungen von Geschlecht oder Geschlechterdifferenzen, treffen diese Entscheidungen. So konnte beispielsweise Anelis Kaiser zeigen, dass Geschlechterunterschiede in der Asymmetrie der Sprach-areale auftauchen oder verschwinden, je nachdem welche (wissenschaftliche anerkannte) statistische Schwelle bei der Berechnung von Gruppenbildern eingestellt wird.12 Die Bild gebenden Verfahren der Computertomographie haben zweifelsohne viele Vorteile für die neuromedizinische Diagnose und Behandlung von IndividualpatientInnen. Sie bergen aber Gefahren unreflektierter Determinationen, wenn sie Gruppen spezifische Aussagen generalisieren und den Blick in das reale Normgehirn versprechen. Denn dem Gruppenbild „der Frau“ oder „des Mannes“ sind die Variabilität, die zeitliche Dynamik und auch die Widersprüche der zugrunde liegenden Einzelbefunde nicht mehr anzusehen. Zu fordern ist hier Transparenz in der Methodik, um die Entscheidungen im Konstruktionsprozess der Bilderstellung deutlich zu machen. Hier müsste die Neurowissenschaft einen entscheidenden Schritt wagen. Sie müsste die scheinbare Objektivität und technische Neutralität ihrer Verfahren enttarnen und öffentlich diskutieren, dass auch die einprägsamen, bunten Hirnbilder nur eine Form situierten Wissens darstellen und nur ausgewählte Fassetten des Netzwerkes von Gehirn, Denken, Verhalten, Geist und nicht zuletzt Geschlecht malen. Erst auf dieser Grundlage könnte sie ihrer Aufgabe gerecht werden, zum gesellschaftlichen Diskurs über Gehirn und Geschlecht beizutragen.Und auch wenn diese Methoden, wenn man den ein günstiges Ergebnis erwartet, anscheinend auch in den Gender Studies verwendet, bleibt die Annahme (verständlicherweise, denn überwiegend werden ja Unterschiede festgstellt) kritisch.

Ich selbst kenne mich mit dem Verfahren nicht aus, finde es aber spannend. Ich denke, dass man , auch wenn die Auflösung sicherlich noch verbesseren kann, bereits jetzt gewisse Unterschiede feststellen kann, die zwischen den Geschlechtern bestehen. Wenn gänzlich andere Zentren, Hirnhälften oder Gehirnbereiche arbeiten, dann wirkt sich eine geringe Auflösung nicht aus. Diese Unterschiede kann man dann nicht durch den Verweis, dass sehr feine Unterschiede nicht wahrgenommen werden können, ablehnen, sondern muss eine Erklärung für sie finden, sie sind von der Ungenauigkeit nicht betroffen.

Wie seht ihr das Verfahren? Was kann man damit herausfinden, was nicht? Wie hat sich die Technik inzwischen entwickelt und ist die Ablehnung aus dem (insbesondere) feministischen Bereich gerechtfertigt?

20 Gedanken zu “Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)

  1. Der Kernsatz ist in der Wikipedia zu finden: „So konnten zum Beispiel durch Vergleichsstudien mit fMRT zwischen Menschen, die an psychischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen leiden, und gesunden Kontrollpersonen deutliche und z. T. chronifizierte Unterschiede im Hirnstoffwechsel nachgewiesen werden.“

    Da besteht durchaus die Gefahr, dass eine Ideologie als Krankheit entlarvt wird.

    • Eigentlich nicht, denn der Begriff der Krankheit ist ein normativer Begriff. Um von Krankheit zu sprechen muss ich schon wissen welche Zustände pathologisch sind. Die Hirnscans zeigen mir das nicht.

    • @Michael

      „Da besteht durchaus die Gefahr, dass eine Ideologie als Krankheit entlarvt wird.“

      Um gewisse Ideologien als Produkte
      pathologischer Gehirne zu erkennen,
      braucht es keine Hightech-Einrichtungen!
      😉

  2. Sehr schwierig zu beurteilen… das Problem ist, dass man wahrscheinlich größere individuelle Unterschiede finden wird, als durchschnittliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen als Gruppe genommen. Nur mal so ein Beispiel: Das Sprachzentrum kann bei verschiedenen Individuen auf der linken, rechten oder aber auch in beiden Gehirnhälften angesiedelt sein. Das Gehirn ist flexibel genug, mit solchen Unterschieden umzugehen, ohne, dass die Sprachfähigkeit eingeschränkt würde. Es gibt Menschen, die mit einem halben Gehirn völlig unauffällig leben können, denn auf Grund der hohen Plastizität des Gehirns ist die funktionale Ausdifferenzierung nie völlig abgeschlossen und es ist gerade in jungen Jahren extrem viel Variation möglich. Das heißt nicht, dass die Regulationsmechanismen bei Männern und Frauen, die die Neuroplastizität des Gehirns steuern, nicht im Durchschnitt anders ausfallen. Aber diese Regulationsmechanismen, bis hin zu den Genen, sind selbst nicht statisch, sondern funktional abhängig von der Umwelt. Und zwar von der zellulären Umwelt des einzelnen Gens bis hin zur sozialen Umwelt des ganzen Organismus. Beispielsweise ist der durchschnittliche Testosteronlevel eines Mannes abhängig von der sozialen Umwelt. Nüchtern betrachtet weiß ich darüber zu wenig um konkrete Aussagen machen zu können, aber ich weiß sehr wohl genug, um zu wissen, dass auch die „Experten“ meist sehr wenig wissen im Angesicht der extremen Komplexität der Materie.

    „Diese Verfahren werden von unterschiedlichen Laboratorien in unterschiedlichen Kombinationen angewandt, und dies stellt eines der größten Probleme für die vergleichende Analyse dar. Denn im Verlauf der Konstruktionsprozesse wird eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen, was ins Bild hineinkommt, was weggelassen wird, was hervorgehoben wird oder in den Hintergrund tritt.“

    Dieser kritischen Bemerkung ist aber sicherlich zuzustimmen, ganz unabhängig von der Frage nach Geschlecht übrigens. So ist die Aussage, „dass die Visualisierung der Messdaten der fMRT eine konstruktive Komponente hat“ auch wieder ein alter Hut. Das gilt für so ziemlich jede Art von Messung. Genauso wie die obige Bemerkung für alle Messverfahren gilt, bei denen Standardisierungen nicht klar sind. Oder bei denen nicht klar ist, welches Phänomen denn nun genau wie operationalisiert ist. Es gibt immer Messfehler, Ausreißer etc. mit denen irgendwie umgegangen werden muss. Eine Nachbearbeitung der Ergebnisse mittels Statistik ist gar nicht zu umgehen.

    • @itsme

      „Dieser kritischen Bemerkung ist aber sicherlich zuzustimmen, ganz unabhängig von der Frage nach Geschlecht übrigens. So ist die Aussage, “dass die Visualisierung der Messdaten der fMRT eine konstruktive Komponente hat” auch wieder ein alter Hut. Das gilt für so ziemlich jede Art von Messung.“

      Die Frage ist ja, ob das konkrete Messverfahren, also fMRT, so ungenau ist, dass die konstruktive Komponente den Einsatz unseriös macht, man die Daten beliebig macht und echte Ergebnisse, neue Erkenntnisse, nicht zu erzielen sind.

      „Es gibt Menschen, die mit einem halben Gehirn völlig unauffällig leben können, denn auf Grund der hohen Plastizität des Gehirns ist die funktionale Ausdifferenzierung nie völlig abgeschlossen und es ist gerade in jungen Jahren extrem viel Variation möglich.“

      Plastizität finde ich eine spannende Frage. Ich habe dazu mal etwas geschrieben:
      https://allesevolution.wordpress.com/2011/06/22/plastizitat-des-gehirns-und-die-unterschiede-zwischen-den-geschlechtern/

      Wie funktioniert denn diese Plastizität deiner Meinung nach?

      • „Die Frage ist ja, ob das konkrete Messverfahren, also fMRT, so ungenau ist, dass die konstruktive Komponente den Einsatz unseriös macht“

        Es geht ja bei der Kritik gar nicht mal so sehr um die Messung, sondern um die statistische Aufbereitung, die dann in eine Visualisierung umgesetzt wird. Die Messung bei fMRI ist ein eigenes Problem, weil dort nicht die Hirnfunktion direkt gemessen wird, sondern aus den Messdaten auf die stärkere oder schwächere Aktivierung von Hirnarealen geschlossen wird. Woraus wiederum auf die Aktivierung von bestimmten Hirnfunktionen geschlossen wird. Was aber natürlich z.B. nicht heißt, dass die Areale, die gerade nicht stärker aktiv sind, überhaupt nichts machen.

        Bei der Aufbereitung sollte aber jeder, der die schönen Bilder von Gehirnen mit rot-gelben Aktivierungsarealen mal gesehen hat, wissen: Das kann man mit ein bisschen Modifizierung der Darstellung auch so erscheinen lassen, dass das ganze Gehirn grellgelb leuchtet. Denn kein Hirnareal ist völlig inaktiv, wenn es nicht tot ist. Entwertet das das Verfahren völlig? Ich denke nicht, weil das für viele wenn nicht gar alle wissenschaftliche Verfahren zutrifft. Es gibt immer eine nicht ganz objektivierbare Selektion der Ergebnisse nach Relevanzkriterien. Man muss sich nur im klaren sein, welche Selektion hier stattgefunden hat, um zu sehen ob die Ergebnisse für die eigene Fragestellung eigentlich aussagekräftig sind. Diese Ergebnisse hängen damit zumindest teilweise davon ab, nach welchen Differenzen ich suche. Ich muss dazu sagen, aus dem wissenschaftstheoretischen Hintergrund den ich habe, finde ich besonders das immer noch relativ unbekannte Büchlein von Ludwik Fleck „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ sehr empfehlenswert. In aller Kürze ist seine Position, dass man Wissenschaft als einen sozialen Prozess verstehen kann, bei dem nach bestimmten internen Suchheuristiken vorgegangen wird; es wird nach etwas gesucht, was sozial relevant ist, wodurch sich eine bestimmte Form zu suchen herausbildet (Fleck: der Denkstil). Im Laufe der Suche stößt die wissenschaftliche Gemeinschaft (Fleck: das Denkkollektiv, welches einem bestimmten Denkstil folgt) dann auf einen externen Widerstand. Aus der Interaktion dieser drei Komponenten bildet sich dann das, was er „wissenschaftliche Tatsache“ nennt. Tatsachen sind dann interne soziale Repräsentationen einer äußeren kollektiven Umwelt, die nie direkt beobachtet wird, sondern einen sozialen Filter durchläuft. Der Begriff von „Tatsache“ ist also relational, Tatsachen sind Relationen zwischen einem sozialen Interaktionsprozess einer Gruppe, einer bestimmten Strategie oder Menge von Strategien und einer Umwelt. Interessant ist dabei vor allem: Diese Repräsentationen unterliegen selbst einer evolutionären Selektion, je nachdem wie sich der Denkstil (evolutionäre heuristische Strategien würde man heute vielleicht sagen) und die widerständige Umwelt (z.B. durch veränderte Messtechnologie) ändert.

        Wann sind also wissenschaftliche Ergebnisse interessant? Wenn sie lokal stabile Differenzen aufzeigen können. Deswegen ist ein Ergebnis, beim dem das ganze Hirn gelb ist, nicht interessant, ein Ergebnis aber, bei dem man bestimmte Hirnareale mit bestimmten kontrollierbaren Funktionen korrelieren kann, sehr wohl. Wobei hier bei fMRI noch hinzukommt, dass man Korrelationen findet, aber nicht notwendigerweise Kausalität, da man in die Hirnareale ja nicht direkt intervenieren kann. Man sollte sich darüber klar sein, dass diese Differenzen eben nur eine lokale Stabilität haben. Wie sehr das, was man findet generalisierbar ist, ist immer problematisch. Und Wissenschaftler sind leider auch nur Menschen; wenn man genau hinsieht, wird man feststellen, dass man oft die naive Ansicht antrifft, gerade der eigene Ansatz sei quasi universell generalisierbar.

        „Wie funktioniert denn diese Plastizität deiner Meinung nach?“

        Darüber kann ich nur spekulieren. Ich bin kein Neurowissenschaftler. Aber ich würde folgendermaßen spekulieren: Es gibt bestimmte sehr generelle Metastrategien oder globale Variablen, die unser Gehirn mitbringt und die festlegen, wie sich die Strukturen bei bestimmten Umweltbedingungen organisieren. Das führt dazu, dass Menschen jede natürliche Sprache erwerben können, weil sich das Hirn in sozialer Interaktion (bloße Reize von außen reichen hier übrigens nicht aus, Interaktion fördert den Spracherwerb gewaltig) dynamisch an die gegebene Umwelt anpasst und auf diese Weise konkrete Sprachfähigkeit ausbildet. Oder es führt dazu, dass jemand, der in den ersten Lebensjahren in einer völlig dunklen Umgebung aufwächst, nie die entsprechenden Strukturen zur Verarbeitung visueller Reize ausbildet. Hinzu kommt dann noch die entwicklungspsychologische Schiene, weil das Gehirn offenbar in verschiedenen Lebensphasen verschieden flexibel ist.

        Interessant ist das übrigens auch, weil Du ja gern viele Sachen aus der evolutionären Psychologie zitierst. Von der ich persönlich nicht sehr viel halte, da dort meines Wissens angenommen wird, dass unser Geist aus einem Haufen isolierter Module besteht, die durch biologische Evolution für bestimmte Funktionen vorselektiert wurden. Ich halte so eine Ansicht für ziemlich, nun ja, unterkomplex. Man übersieht dann leicht, dass es verschiedene, miteinander interagierende Ebenen, evolutionär selektiver Prozesse gibt, die übrigens auch nicht alle darwinistisch ablaufen müssen – d.h. bei denen es nicht unbedingt der Fall sein muss, dass die basalen Einheiten der evolutionären Prozesses von einander isoliert sind. Denn wenn ich darwinistische Evolution modellieren will (z.B. mittels evolutionärer Spieltheorie) nehme ich dabei an, dass die evolutionären Strategien sich nicht gegenseitig beeinflussen. Ich vermute, dass das weder für unser Gehirn noch für soziale Prozesse eine sehr plausible Annahme ist. Gene imitieren ihr Verhalten nicht gegenseitig, Menschen hingegen schon.

        Ich habe mir Deinen anderen Blogeintrag auch mal durchgelesen. Du neigst dazu, biologische Prozesse als unabhängig von anderen sozialen, kulturellen etc. anzusehen scheint mir. Ich denke, diese Unabhängigkeit ist nur relativ. Pränatales Testosteron macht aus dem Embryo einen Mann nur dann, wenn man keine Hormonpräparate gibt. Dass man aber, dank der modernen Medizin, Hormone auch pränatal zuführen kann zeigt, dass die kausale Struktur eines biologischen Regulationsmechanismus wie der Ausschüttung von Testosteron eben nicht von sozialen Prozessen unabhängig ist. Lediglich der Grad der Wechselwirkung ist ziemlich stark variabel. Es ist ebenso gut denkbar, dass die Gesellschaft in sein hohem Maße die technologische Kontrolle über die pränatalen Homonlevels übernimmt. Im Bereich der Literatur würde ich da mal auf Aldous Huxelys Brave New World verweisen, wo genau so etwas bereits ausgemalt wird. Dann gibt es eben einen sozialen Prozess, der direkt und sehr weitreichend die Kausalität biologischer Regulation beeinflusst. Michel Foucault nannte das ja die Herausbildung der „Biomacht“, die Tendenz der modernen Gesellschaften die biologischen Mechanismen selbst mehr und mehr durch soziale Machtzusammenhänge zu regeln. Was uns „normal“ erscheint ist auch hochgradig variabel. Atheismus ist heute normal, früher war es alles andere als normal.

        Ich weiß nicht, ob das deine Fragen wirklich beantwortet hat, aber ich denke eben: Eine einfache und zugleich wahre Antwort gibt es hier nicht.

        • @itsme

          Danke für deine Antwort, ich werde versuchen da so bald wie möglich umfassend drauf zu antworten.

          „Von der ich persönlich nicht sehr viel halte, da dort meines Wissens angenommen wird, dass unser Geist aus einem Haufen isolierter Module besteht, die durch biologische Evolution für bestimmte Funktionen vorselektiert wurden.“

          Isoliert würde ich nicht sagen, jedenfalls wenn man damit meint, dass sie keinen Einfluss aufeinander haben. Die Informationen aus allen Bereichen beeinflussen sich ja gegenseitig.

          Ich hatte hier mal was dazu:
          https://allesevolution.wordpress.com/2011/10/19/das-modulare-gehirn-und-selbsttauschungen/

          If the mind is modular, says Mr. Kurzban, then sometimes the modules will contradict each other. The hunger module will demand a cheeseburger, while the vanity module demands a diet. People break New Year’s resolutions because willpower is just one module, up against some formidable mental rivals. Eliot Spitzer’s moralistic module led him to condemn prostitution; his lust module chose a different path. Presumably, we disapprove of hypocrisy because we have a fairness module: We demand that others practice equal treatment, and we see their hypocrisy as evidence that they exempt themselves from their own rules.

          Das würde nach meiner Meinung schon einiges erklären.
          Es stellt sich auch die Frage, wie sich ein komplexes Gehirn sonst entwickeln soll (und das es durch Evolution entstanden sein muss würde ich mal als allgemein akzeptierte Grundlage dieser Diskussion sehen). Wenn in jedem kleinen Bereich eine Selektion auf günstige Mutationen stattfinden kann, dann wäre die Entwicklung wesentlich besser vorstellbar als bei einem „Blank Slate“.

          „Pränatales Testosteron macht aus dem Embryo einen Mann nur dann, wenn man keine Hormonpräparate gibt.“

          Keine Frage. Man kann das steuern. Mir geht es erst einmal darum, denn „natürlichen Ablauf“ ohne Steuerung darzulegen.

          „Dass man aber, dank der modernen Medizin, Hormone auch pränatal zuführen kann zeigt, dass die kausale Struktur eines biologischen Regulationsmechanismus wie der Ausschüttung von Testosteron eben nicht von sozialen Prozessen unabhängig ist.“

          Das sind aber ganz erhebliche Eingriffe, von denen wir bislang noch weit entfernt sind. Interessanter sind „unfreiwillige Angriffe“: Stress der Mutter, Umweltgifte, falsche Medikamente, da gibt es auch interessante Forschung zu

      • @ Itsme

        „Interessant ist das übrigens auch, weil Du ja gern viele Sachen aus der evolutionären Psychologie zitierst. Von der ich persönlich nicht sehr viel halte (…)“

        Ich finde die Diskussionen Pro und Contra-Evolutionäre Psychologie immer sehr spannend. Hättest Du Lust Deine Kritik an der Evolutionären Psychologie bei Gelegenheit etwas ausführlicher darzustellen?

      • @Leszek

        Gern.

        1) Die evolutionäre Psychologie nimmt an, dass die Psyche in schöne isolierte berreichspezifische Module oder Anpassungen zerlegt werden kann. Das mag vielleicht für visuelle Wahrnehmung und auditive Wahrnehmung halbwegs plausibel sein, aber für Sozialverhalten eher nicht. Um zu handeln muss ich verschiedene Informationen integrieren… die Module des Geistes sollen aber bereichsspezifisch funktionieren. Also fehlt da irgendwas.

        2) Dann nimmt sie an, dass diese Module direkt aus der biologischen Evolution herstammen. Dagegen spricht, dass das Gehirn selbst viele dieser bereichsspezifischen Module nur in entsprechenden Umweltkontexten ausbildet. Offenbar entwickelt sich das Gehirn selbst ganz erheblich… davon wird aber mal so einfach ganz lässig abstrahiert und so getan als gäbe es feste „Module“. Meine Vermutung wäre, dass die zeitliche Dynamik der Entwicklung des individuellen Gehirns außerordentlich wichtig ist, um individuelles Verhalten zu erklären. Dafür leistet die evolutionäre Psychologie aber rein gar nichts.

        Beim Wikipedia-Artikel zu Evolutionary Psychology liest man z.B. sowas: „Evolutionary psychologists hold that behaviors or traits that occur universally in all cultures are good candidates for evolutionary adaptations“

        Mag sein… aber was für Verhaltensweisen sollen das bitte sein? Vielleicht kommen dann solche Banalitäten dabei heraus, wie die, dass Menschen in allen Kulturen Sex haben und alle Kulturen irgendwelche Moralvorstellungen besitzen. Oder, dass Mord überall als verwerflich angesehen wird. Wobei nur leider gewisse Meinungsverschiendenheiten darüber bestehen, was genau denn nun ein Mord eigentlich ist. In der linguistischen Typologie (vergleichende Sprachforschung) hat man auch früher geglaubt so etwas wie gehaltvolle sprachübergreifende Universalien ausfindig machen zu können… je mehr Sprachen man sich aber angeschaut hat, desto größer wurde die Variation. Am Ende bleiben dann so Erkenntnisse übrig, wie die, dass alle Sprachen Konsonanten und Vokale kennen, was, angesichts des menschlichen Artikulationsapparats keine wirklich revolutionäre Einsicht darstellt.

        Ich habe dabei nichts gegen evolutionäre Erklärungen an sich, aber nicht jede Form von Evolution ist darwinistisch, und nicht jede Art von Evolution ist biologisch. Es gibt bspw. meiner Meinung nach eine kulturelle Evolution mit jeder Menge Teilaspekten, die mit der biologischen Evolution in verschiedenen Graden rückgekoppelt ist. Primitivere Formen kultureller Evolution gibt es übrigens auch schon bei bestimmten Tierarten, wenn gleich der Mensch sich hier doch relativ deutlich abhebt. Für so etwas ist im Rahmen der evolutionären Psychologie (die ja übrigens auch nur ein Rebranding der Soziobiologie ist) aber leider kein Platz. Es ist dabei z.T. durchaus interessant zu sehen, was für Daten und Fakten aufgetrieben werden, wie sich Männlein und Weiblein so unterscheiden usw., aber die Erklärungen für diese Fakten sind aus meiner Sicht oft wertlos.

        Auch sehr schön ist dieser Satz aus dem Wikipedia-Artikel:

        „EP (Evolutionary Psychology) is generally not focused on proximate analyses of behavior but rather its focus is on the study of distal/ultimate causality (the evolution of psychological adaptations). The field of behavioral genetics is focused on the study of the proximate influence of genes on behavior.“

        So eine Verteidigung kann man bestenfalls noch als zirkuläre Immunisierung bezeichnen. Ich würde bestreiten, dass das Phänomen was da erklärt werden soll überhaupt existiert. Denn „ultimate causality“ kann ja wohl nichts anderes sein als die Summe der „proximate influence“. Dann gibt diese „psychologischen Anpassungen“ aber überhaupt nicht, weil es nur das konkrete Verhalten gibt. Man mag sich fragen, warum man sie dann studieren möchte. Vielleicht als Idealtypen? Oder doch lieber direkt Verhaltensgenetik? Mich erinnert das ein wenig an die neoklassische Ökonomie mit ihrer Gleichgewichtsanalyse. Es gibt in der wirklichen Welt auch keine Marktgleichgewichte. Denn wenn der Gleichgewichtspreis bei vollständiger Konkurrenz jemals erreicht werden würde, würden die Unternehmen keine Profite mehr machen. Ein Horror für jeden Unternehmer. Leider ist Wissenschaft aber auch nicht ideologiefrei, von daher ist meine Hoffnung, dass Menschen aufhören ihre Energien in solchen sinnfreien Beschäftigungsfeldern wie neoklassischer Ökonomie oder evolutionärer Psychologie zu verpulvern eher gering.

        Ich hab noch ein ähnliches Zitat aus nem Übersichtsartikel von einigen evolutionären Psychologen. Das einzige was gut ist an dem Artikel ist allerdings die erste evolutionäre Psychologin (also auf dem Foto), die durchaus meine fertile mate selection adaptation anspricht. Ich frage mich, ob die das absichtlich gemacht haben. Leider ist ihre Theorie trotzdem Quatsch.

        http://homepage.psy.utexas.edu/homepage/Group/BussLAB/pdffiles/evolutionary_psychology_AP_2010.pdf

        „Understanding the evolved function of a psychological mechanism, or why it exists (often referred to as an ultimate explanation) provides
        a complementary level of analysis to that of understanding the details of how the mechanism works (often referred to as a proximate explanation).“ (111)

        Diese „ultimate explanation“ ist ein reichlich mysteriöser Begriff. Reichlich mysteriös ist vor allem zum einen, wieso man ihn überhaupt braucht, es sei denn um nette Storys zu erzählen, wozu er dann ja auch tatsächlich gebraucht wird. Um eine kausale Erklärung zu erzielen reicht das „wie“ nämlich aus, und das wusste auch schon Thomas Hobbes vor fast 400 Jahren. Zum anderen ist es ziemlich nebulös wieso es dabei unbedingt um die biologische Funktion gehen muss, die mir das „warum“ erklärt. Ich könnte genauso gut einen sozialen Funktionalismus annehmen, oder einen immanent-psychologischen Funktionalismus. Oder einen theologischen Funktionalismus. Würde als funktionale Erklärung genauso gut funktionieren. Man kann nämlich auf ganz vielen Ebenen funktionalistische Storys erzählen. Insofern ist der Biologismus in der evolutionären Psychologie eben nicht mehr als eine dogmatische Setzung.

        Oder man findet so einen Satz in dem Artikel:

        „It is important to note that there is no single criterion for rationality that is independent of adaptive domain.“ (115)

        Damit soll dann angeblich die Möglichkeit von bereichsübergreifenden Rationalitätskriterien widerlegt sein. Ich persönlich weiß nicht, wie man so einen Blödsinn schreiben kann. Denn um Rationalität in verschiedenen spezifischen Bereichen feststellen zu können, brauche ich ja schon ein allgemeines rein formales Kriterium für Rationalität. Übrigens ist gerade die Evolution ein nicht-bereichsspezifischer Prozess, der nach rationalen Kriterien abläuft, nämlich Optimierung durch Mutation und Selektion. Jede Selektion ist zwar bereichsspezifisch, aber das allgemeine Prinzip rationaler Optimierung, was dahinter steht, ist es nicht. Deswegen gibt es ja überhaupt eine bereichsunabhängige Entscheidungs- und Spieltheorie, die auch für die mathematische Modellierung verschiedenster berreichsspezifischer evolutionärer Anpassungsprozesse eingesetzt werden kann. Offenbar ist „Rationalität“ nämlich so etwas wie ein allgemeines Strukturkriterium.

        Gut ist auch diese Aussage hier, am Ende des Artikels als die Probleme der evolutionären Psychologie diskutiert werden:

        „Another limitation is that we lack detailed knowledge of many selection pressures that humans faced over the millions of years of their evolution.“ (122)

        Großartig nicht? Ich mache eine „ultimate explanation“, für deren Test ich überhaupt keine Daten habe, noch auch je in der Lage sein werde sie zu bekommen. Übrigens ist das ein großes Problem für alle evolutionären Erklärungen, weil oft gar nicht klar ist, welche Eigenschaften der Umwelt tatsächlich kausal für den Selektionsdruck verantwortlich gemacht werden können. Wenn ich dann aber meinen Funktionalismus ins Spiel bringe und sage die Leber ist da um den Körper zu entgiften, bin ich natürlich schnell bei der Annahme, es müssten wohl Umweltgifte gewesen sein, die die Leber hervorgebracht haben. Das Problem dabei ist nur, dass das keine sehr gut Argumentation ist, denn die Leber hätte auch als Nebenprodukt von irgendwas anderem entstanden sein können, wäre dann aufgrund ihrer Nützlichkeit in einer neuen Situation mit Umweltgiften aber erhalten geblieben. Deswegen trennt die darwinsche Evolution ja auch Mutation und Selektion, weil nämlich die kausalen Prozesse der Selektion keinen Rückschluss auf die kausalen Prozesse der Mutation erlauben. Das war sehr klug von Darwin, leider scheint das dank des Funktionalismus wieder in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei ist diese Trennung sehr wichtig. Bei technologischer Evolution bspw. passieren solche Zufallsentdeckungen nämlich sehr häufig. Das bedeutet aber, die Funktion der Sache muss mit dem Prozess ihrer Entstehung nicht das geringste zu tun haben. Denn wenn ich wirklich etwas erklären will, dann muss ich den konkreten Prozess ausfindig machen, durch den die Leber unter bestimmten Umweltbedingungen entstanden ist, oder ich abstrahiere davon und erkläre warum sie überlebt hat. Beides ist aber sehr schwierig, weil ich konkrete Bedingungen nachweisen muss und außerdem wäre es wieder eine Reduktion der „warum“ auf eine „wie“ Frage. Wenn die Umwelt dann nicht einmal mehr existiert ist das natürlich noch besser.

        Nun ja, das reicht hoffentlich. Wenn ich aber sehe, dass sowas in der Psychologie offenbar ankommt, dann hoffe ich nur, dass die Neurowissenschaft, die sich mit der mathematischen Modellierung von konkreten Strukturen im Hirn auseinandersetzt, solche Theorien möglichst schnell überflüssig macht.

      • @ Itsme

        Vielen Dank für die ausführliche Antwort.

        Ich bin gespannt auf weitere Meinungen zu den von Dir angesprochenen Aspekten.

        Schade, dass Ketkar nicht mehr hier postet. Von ihr hätten wir bestimmt eine weitere sehr interessante Stellungnahme zur Frage des wissenschaftlichen Status der Evolutionären Psychologie erhalten.

        (Bin selbst leider gerade etwas im Stress und muss mich mit längeren Diskussionen etwas zurückhalten.)

      • @Leszek

        Bitte. Was für Ansichten hatte der denn?

        @Christian

        „Isoliert würde ich nicht sagen, jedenfalls wenn man damit meint, dass sie keinen Einfluss aufeinander haben. Die Informationen aus allen Bereichen beeinflussen sich ja gegenseitig.“

        Klingt toll. Kannst Du mir auch erklären, wie die Integration von Information dann funktioniert? Gibts dafür vielleicht ein Metamodul? Und aus welchem spezifischen Anpassungsprozess soll das dann entstanden sein? Also ich sehe da einen gewissen Konflikt einerseits zu behaupten, die einzelnen psychologischen Mechanismen seien für spezielle Probleme ausgewählt worden, andererseits aber zu behaupten, sie interagierten alle miteinander. Denn dafür brauche ich einen psychologischen Mechanismus, der, so würde ich mal frech behaupten, offenbar nicht für ein spezifisches Problem in der Umwelt ausgewählt wurde.

        Abgesehen davon muss man sich fragen, was ein „Modul“ eigentlich ausmacht. Die Modularitätsthese kommt ja ursprünglich von Jerry Fodor, für den informationelle Abgeschlossenheit gerade das Hauptkriterium für Modularität eines Prozesses war. Wenn man also nicht mehr von Fodorschen Modulen ausgehen will: Was ist eigentlich das Identitätskriterium für einen modularisierten Prozess?

        Nun muss ich zugeben, die evolutionären Psychologen haben dieses Problem erkannt und sich mittlerweile offenbar ein bisschen von der Rede von Modulen distanziert. Genützt hat das aber nichts. In dem Text hier

        http://homepage.psy.utexas.edu/homepage/Group/BussLAB/pdffiles/evolutionary_psychology_AP_2010.pdf

        den ich oben schonmal in der Antwort auf Leszek zitiert habe, schreiben die Autoren folgendes:

        „Psychological adaptations are not separate “modules” in the Fodorian (Fodor, 1983) sense of informational encapsulation; rather, they often share components and interact with each other to produce adaptive behavior“ (111)

        Das ist eine etwas merkwürdige Erklärung, nicht? Denn die einzelnen psychologischen Anpassungen müssen bereits einzeln schon als Anpassungen von der Evolution ausgewählt worden sein. Sonst wären sie ja keine Anpassungen. Außerdem würde man doch wohl erwarten, dass sich für eine neue Herausforderung eine neue spezifische Anpassung herausbildet, anstelle einer informationellen Schnittstelle, deren Mechanismus völlig unklar ist. Und dann haben die Dinger auch noch Komponenten. Wo kommen die denn her?

        Aus meiner Sicht ist der Begriff einer „functionally specialized psychological adaptation“ so schwammig, dass man da jeden Scheiss reinlesen kann, wenn man nur will. Ob ich jetzt Schlangen und Spinnen fürchte (was ich bei Spinnen nicht wirklich tue) oder Frauen flachlege oder ein Bild male, oder mir Essen im Supermarkt aussuche, ist dann alles eine „functionally specialized psychological adaptation“. Das führt auch zu einem weiteren Problem, was ich noch gar nicht angesprochen habe: Es gibt für so ziemlich alles so eine „psychological adaptation“, so dass man nachher so viele davon hat, wie es konkrete Probleme gibt. Es sollte klar sein, dass das keine gute Erklärung mehr sein kann.

        Hier der Begriff von psychological adaptation unserer Autoren: „Psychological adaptations are information-processing circuits that take in delimited units of information and transform that information into functional output designed to solve a particular adaptive problem.“ Also entschuldige bitte, aber gilt das nicht für alle Arten von Algorithmen? Das ist so unspezifisch, dass man echt verzweifeln kann. Wenn mich die Psychologin auf Seite 111 ja nicht so hübsch anlächeln würde, dann würde mich der Text echt wütend machen.

        „Es stellt sich auch die Frage, wie sich ein komplexes Gehirn sonst entwickeln soll (und das es durch Evolution entstanden sein muss würde ich mal als allgemein akzeptierte Grundlage dieser Diskussion sehen). Wenn in jedem kleinen Bereich eine Selektion auf günstige Mutationen stattfinden kann, dann wäre die Entwicklung wesentlich besser vorstellbar als bei einem “Blank Slate”.“

        Mein Gehirn ist nicht durch Evolution entstanden, sondern mein genetischer Code ist es vielleicht teilweise. Mein Gehirn entsteht durch meine individuelle Entwicklung, bei der genetische Mechanismen neben jeder Menge anderer Faktoren eine Rolle spielen.

        Lass mich mal wild raten, wie das so vor sich geht. Das Gehirn hat verschiedene Areale, die verschiedene Typen von Nervenzellen mitbringen. Dann bringt der Körper bestimmte Sinnesorgange mit. Der Einfluss dieser Sinnesorgane verändert dann diese neuronalen Strukturen je nach deren biochemischen und topologischen Eigenschaften. Die globale Topologie des Gehirns ist vielleicht ein Produkt der genetischen Regulation während der Ontogenese, die im Durchschnitt wieder ein Produkt der biologischen Evolution ist. Aber die Funktionen, die diese neuronale Struktur übernimmt, sind damit nicht festgelegt. Das Gehirn entwickelt sich viel stärker und man muss nicht annehmen, dass bestimmte konkrete Funktionen schon durch die Evolution bestimmt sind. Das interessante dabei wäre folgende Hypothese: Würde man statt unserer „normalen“ Sinnesorgane künstliche Sinnesorgane benutzen, ergäbe sich auch ein ganz anderes Gehirn, angepasst an die anderen Informationen mit denen es sich auseinandersetzen muss. Es gibt ja z.B. auch einzelne Fälle frühzeitig erblindeter Menschen, die Töne sehen können, also Schall in visuelle Erlebnisse umsetzen. Da hat der visuelle Cortex offenbar eine andere Funktion übernommen, als bei mir. Das setzt eine hohe funktionale Flexibilität bei der Entwicklung des Gehirns nach der Geburt voraus.

        „Keine Frage. Man kann das steuern. Mir geht es erst einmal darum, denn “natürlichen Ablauf” ohne Steuerung darzulegen.“

        Also wieso sollen gesellschaftliche kausale Prozesse nicht Teil der Natur sein? Ich denke, dass das eine der interessantesten Eigenschaften des Menschen ist, dass man hier nicht so klar trennen kann. Die Kultur ist gewissermaßen die „zweite Natur“ des Menschen, wie man das in der Philosophie mal genannt hat. Diese wirkt auf die „erste Natur“ zurück. Mir ging es nur darum zu zeigen, dass die Soziabilität des Menschen Prozesse hervorbringt, die in den menschlichen Körper eingreifen, mehr oder weniger stark, und die gar nicht in den Blick kommen, wenn man sich nur den einzelnen Körper isoliert ansieht.

        Was für einen Begriff von „Natur“ hast Du eigentlich? Mir scheint, dass da mehr ist als nur der naturalistische Begriff, dass alles das Natur ist, was kausal wirksam ist. Es gibt ja noch andere Begriff von Natur, beispielsweise Natur als das, was von selbst geschieht, ohne bewusste Einflussnahme. Ein Begriff mit entsprechender eigener philosophischer Tradition im Rücken.

        „Das sind aber ganz erhebliche Eingriffe, von denen wir bislang noch weit entfernt sind. Interessanter sind “unfreiwillige Angriffe”: Stress der Mutter, Umweltgifte, falsche Medikamente, da gibt es auch interessante Forschung zu“

        Was ist mit Hormonbehandlungen bei Geschlechtsumwandlungen? Was ist mit Hirnschrittmachern gegen Depression? Oder Ritalin gegen zu wilde Kinder? Was mit Geburtenkontrolle durch die Pille? Letztere hatte einen erheblichen Effekt auf die menschliche Populationsdynamik. Wir sind zwar von dem Extrem sehr weit weg, Du hast Recht, aber doch in unseren Möglichkeiten erheblich weiter als vor 100 Jahren.

        Übrigens: In nichts von dem, was ich sage behaupte ich, dass das „Blatt“ unbeschrieben ist. Dass wir ohne alles auf die Welt kommen, davon kann keine Rede sein. Ich sehe nur eine wesentliche höhere Flexibilität.

        • „Klingt toll. Kannst Du mir auch erklären, wie die Integration von Information dann funktioniert? Gibts dafür vielleicht ein Metamodul? Und aus welchem spezifischen Anpassungsprozess soll das dann entstanden sein? Also ich sehe da einen gewissen Konflikt einerseits zu behaupten, die einzelnen psychologischen Mechanismen seien für spezielle Probleme ausgewählt worden, andererseits aber zu behaupten, sie interagierten alle miteinander.“

          Angesichts dessen, was das Gehirn sonst so an Denkleistung erbringt erscheint mir das eher ein kleines Problem der Informationsauswertung.
          Beispielsweise nimmt beim Anblick einer attraktiven Frau das Gehirn sicherlich einige Berechnungen vor, nach der der „Partnerwert“ dieser Frau berechnet wird. Es entsteht also Lust, die wir wahrnehmen. Diese Bewertungen müssen ja irgendwo niedergelegt sein, die Berechnungen nach Hüftverhältnis etc irgendwo durchgeführt werden und dieser Vorgang sich irgendwie herausgebildet haben. Da erscheint mir der Gedanke eines Moduls der naheliegendste. Wenn sie dann zufällig auf einen zugeht wird man vielleicht überlegen sie anzusprechen und unbewußt stellt unser Gehirn bestimmte Überlegungen an, welche Folgen das haben kann. Wird sie uns auslachen und alle werden merken, dass sie uns abgelehnt hat? Werden alle vor Ort uns für einen Versager halten und die Schande miterleben? Das sind ja ziemlich irrationale Gedanken, die da ablaufen, die aber gut zu einem Modul passen würden, welches unsere sozialen Beziehungen überwacht und aufpasst, dass wir uns nicht zu sehr blamieren. Heute, wo man quasi anonym in der Masse ist, bringt das vielleicht nicht mehr so viel, weil uns die Meinung der Leute in der Disko relativ egal sein kann, aber es ist eben noch vorhanden. Die von dem einen Modul angeregte Luststeigerung durch Testosteronausstoß wird nun durch das andere Modul, dass die Ausschüttung von Testosteron wieder runterreguliert ausgebremst. Insofern braucht man nur eine Verschaltung zu zu Hypothalamus und Hypophyse. Dort muss nur der Auftrag, welche Hormone ausgeschüttet werden sollen, umgesetzt werden. Aus der Gesamtschau der Aufträge ergibt sich dann eine Stimmung, eben zB Lampenfieber verbunden mit dem Wunsch, sie anzusprechen.
          Oder eben Hunger verbunden mit der Angst für egoistisch gehalten zu werden, wenn man das letzte Stück nimmt.
          Vielleicht etwas schlicht, aber so kompliziert muss eine Auswertung nicht sein und die Entwicklung wäre, da die Hormonabgabestelle eh entwickelt wurde, nicht so kompliziert

          „Denn dafür brauche ich einen psychologischen Mechanismus, der, so würde ich mal frech behaupten, offenbar nicht für ein spezifisches Problem in der Umwelt ausgewählt wurde.“

          Doch, für die Abgabe von Hormonen etc.

          „Abgesehen davon muss man sich fragen, was ein “Modul” eigentlich ausmacht. Die Modularitätsthese kommt ja ursprünglich von Jerry Fodor, für den informationelle Abgeschlossenheit gerade das Hauptkriterium für Modularität eines Prozesses war. Wenn man also nicht mehr von Fodorschen Modulen ausgehen will: Was ist eigentlich das Identitätskriterium für einen modularisierten Prozess?“

          Ich sehe schon die Gefahr, dass man zu klein untergliedert. Aber selbst wenn dann einige Funktionen nur Unterfunktionen in einem Modul sind, ändert das meiner Meinung nach wenig

          “Psychological adaptations are not separate “modules” in the Fodorian (Fodor, 1983) sense of informational encapsulation; rather, they often share components and interact with each other to produce adaptive behavior” (111)

          Das ist eine etwas merkwürdige Erklärung, nicht? Denn die einzelnen psychologischen Anpassungen müssen bereits einzeln schon als Anpassungen von der Evolution ausgewählt worden sein. Sonst wären sie ja keine Anpassungen. Außerdem würde man doch wohl erwarten, dass sich für eine neue Herausforderung eine neue spezifische Anpassung herausbildet, anstelle einer informationellen Schnittstelle, deren Mechanismus völlig unklar ist. Und dann haben die Dinger auch noch Komponenten. Wo kommen die denn her?“

          Evolution ist immer eine Anpassung von bereits bestehenden. Es kann sich nicht einfach für eine neue spezifische Herausforderung eine ganz neue Lösung ergeben. Es findet ja keine Planung statt, sondern jedes Problem muss zunächst mit einer bestehenden Lösung angegangen werden, dann treten Mutationen ein, die dieses Problem ein klein wenig besser lösen und die daher einen selektiven Vorteil darstellen (oder vorher bereits aufgetretene Mutationen haben in diesem Bereich einen Zusatznutzen und „leben daher auf“). Wenn der Bereich besonders wichtig ist, dann herrscht ein größerer Evolutionsdruck in diese Richtung und Mutationen haben es leichte sich durchzusetzen. Daraus kann sich dann ein eigenständiger Bereich entwickeln, der aber nicht so klar abgegrenzt sein muss, wie bei der Planung des Motorraums eines neues Autos – hier die Benzinpumpe, dort der Vergaser. Es hat eben Nachteile, wenn man den Motorraum aus einer Pferdekutsche bauen muss und jede Änderung eines Teils einen selektiven Vorteil haben muss.

          „Aus meiner Sicht ist der Begriff einer “functionally specialized psychological adaptation” so schwammig, dass man da jeden Scheiss reinlesen kann, wenn man nur will. Ob ich jetzt Schlangen und Spinnen fürchte (was ich bei Spinnen nicht wirklich tue) oder Frauen flachlege oder ein Bild male, oder mir Essen im Supermarkt aussuche, ist dann alles eine “functionally specialized psychological adaptation”. Das führt auch zu einem weiteren Problem, was ich noch gar nicht angesprochen habe: Es gibt für so ziemlich alles so eine “psychological adaptation”, so dass man nachher so viele davon hat, wie es konkrete Probleme gibt. Es sollte klar sein, dass das keine gute Erklärung mehr sein kann.“

          Spinnenangst scheint mir sehr real zu sein und einen biologischen Hintergrund zu haben. Wo hättest du da bedenken?
          Natürlich kann man es übertreiben. Und viele Sachen kann man zusammenlegen bzw. sind einfach nur das Zusammenwirken bestimmter Module. Deswegen ist aber nicht die Idee von Modulen an sich falsch. Es wäre allenfalls ein Argument dafür, es insoweit nicht zu übertreiben

          „Hier der Begriff von psychological adaptation unserer Autoren: “Psychological adaptations are information-processing circuits that take in delimited units of information and transform that information into functional output designed to solve a particular adaptive problem.” Also entschuldige bitte, aber gilt das nicht für alle Arten von Algorithmen? Das ist so unspezifisch, dass man echt verzweifeln kann.“

          Und? Es ist ja auch eine Angabe für verschiedene Module, die deswegen natürlich unspezifisch sein muss. Das wir und die meisten Lebewesen teilweise spezielle Module haben ist ja eigentlich nicht wirklich umstritten. Die Verarbeitung der optischen Signale, die über die Augen aufgenommen werden, funktioniert denke ich recht unstreitig über ein Modul, dass darauf ausgelegt und spezialisiert ist, Bildbearbeitung durchzuführen und die Nachteile unser schlechtdesignten Augen auszugleichen. Dort sind natürlich spezielle Anpassungen erfolgt, die uns das ermöglichen. Die Frage, mit wem wir uns paaren und was wir essen ist eine Frage von wesentlich grundlegenderer Bedeutung. Das Gewicht von Fortpflanzung in der Evolution und ihre Bedeutung innerhalb von Selektion kann man wohl kaum übertreiben. Jede Spezialisierung, die die Berechnungen einfacher werden lässt wäre ungemein vorteilhaft. Das gilt natürlich auch für Nahrung. Die Hauptnahrungsgruppen zu erkennen und dann Hunger zu entwickeln, dass ist, weil es das Überleben fördert, ungemein wichtig. Geruchsverarbeitung in speziellen Modulen und weiterleitung relevanter Informationen an Stellen, die dann Hunger über die Ausschüttung bestimmter Stoffe bewirken ist jetzt wirklich nicht überraschend. So kann man einige der Punkte durchgehen.

          “ Wenn mich die Psychologin auf Seite 111 ja nicht so hübsch anlächeln würde, dann würde mich der Text echt wütend machen.“

          113 und 116 ebenfalls ansehen und immer ruhig ein und ausatmen 😉

          „Mein Gehirn ist nicht durch Evolution entstanden, sondern mein genetischer Code ist es vielleicht teilweise. Mein Gehirn entsteht durch meine individuelle Entwicklung, bei der genetische Mechanismen neben jeder Menge anderer Faktoren eine Rolle spielen.“

          Wortspielerei. Alle individuelle Entwicklung macht aus einem Affen keinen Menschen. Wir haben einen in unseren Genen hinterlegten Aufbau des Gehirns, der uns zu dem Macht, was wir sind. Natürlich kann der Wachstumsplan in der Ausführung gestört werden, die Abgleichungen an der Umwelt und die Kalibrierung an dieser nicht richtig erfolgen oder eine besondere Förderung eintreten. Aber ein Idiot wird auch mit bester Förderung kein Genie und eine Genie kann auch bei Vernachlässigung entstehen. Vieles ist schlicht Genetik, gerade wenn man Menschen im Schnitt betrachtet.

          „Lass mich mal wild raten, wie das so vor sich geht. Das Gehirn hat verschiedene Areale, die verschiedene Typen von Nervenzellen mitbringen. Dann bringt der Körper bestimmte Sinnesorgange mit. Der Einfluss dieser Sinnesorgane verändert dann diese neuronalen Strukturen je nach deren biochemischen und topologischen Eigenschaften. Die globale Topologie des Gehirns ist vielleicht ein Produkt der genetischen Regulation während der Ontogenese, die im Durchschnitt wieder ein Produkt der biologischen Evolution ist. Aber die Funktionen, die diese neuronale Struktur übernimmt, sind damit nicht festgelegt. Das Gehirn entwickelt sich viel stärker und man muss nicht annehmen, dass bestimmte konkrete Funktionen schon durch die Evolution bestimmt sind.“

          Dafür, dass bestimmte konkrete Funktionen schon durch die Evolution bestimmt werden, spricht aber einiges an Forschung. Und es macht auch evolutionär Sinn.
          Das pränatale Hormone eine erhebliche Strukturierung des Gehirns bewirken ist gegenwärtig in der biologischen und medizinischen Forschung wohl die mit Abstand vorherrschende Meinung.
          vgl.
          https://allesevolution.wordpress.com/tag/pranatales-testosteron-erzeugt-die-geschlechter/
          Wie Geschlechtsunterschiede im Gehirn durch pränatale Hormone entstehen

          „Das interessante dabei wäre folgende Hypothese: Würde man statt unserer “normalen” Sinnesorgane künstliche Sinnesorgane benutzen, ergäbe sich auch ein ganz anderes Gehirn, angepasst an die anderen Informationen mit denen es sich auseinandersetzen muss. Es gibt ja z.B. auch einzelne Fälle frühzeitig erblindeter Menschen, die Töne sehen können, also Schall in visuelle Erlebnisse umsetzen. Da hat der visuelle Cortex offenbar eine andere Funktion übernommen, als bei mir. Das setzt eine hohe funktionale Flexibilität bei der Entwicklung des Gehirns nach der Geburt voraus.“

          Richtig, aber diese Flexibilität ist eben nicht beliebig. Menschen mit Gehör sehen Schall nicht, sondern folgen dem Grundplan. Die Flexibilität einfach als allumfassend anzunehmen, weil nicht genutzte Bereiche mitunter eine andere Funktion annehmen, ist kein logischer Schluss. Bei einigen Punkten spricht vieles für eine Festverdrahtung. Schon, dass die Menschen auf der Welt so vieles gemeinsam haben und die Flexibilität sich nicht in vollkommen verschiedene Richtungen auswirkt ist ein deutliches signal.

          “Keine Frage. Man kann das steuern. Mir geht es erst einmal darum, denn “natürlichen Ablauf” ohne Steuerung darzulegen.”

          Also wieso sollen gesellschaftliche kausale Prozesse nicht Teil der Natur sein? Ich denke, dass das eine der interessantesten Eigenschaften des Menschen ist, dass man hier nicht so klar trennen kann. Die Kultur ist gewissermaßen die “zweite Natur” des Menschen, wie man das in der Philosophie mal genannt hat. Diese wirkt auf die “erste Natur” zurück.“

          Ich sehe die Kultur eher als Überbau der Biologie. An anderer Stelle wurde hier mal der Vergleich gebracht, dass die Natur das Gelände, die Kultur die darauf zu errichtende Stadt ist. Man kann viele verschiedene Gebäude und Städte auf dem Gelände bauen, aber man muss eben immer das Gelände beachten und es wird immer das Stadtbild deutlich mitbestimmen.

          „Mir ging es nur darum zu zeigen, dass die Soziabilität des Menschen Prozesse hervorbringt, die in den menschlichen Körper eingreifen, mehr oder weniger stark, und die gar nicht in den Blick kommen, wenn man sich nur den einzelnen Körper isoliert ansieht.“

          Aber das von dir genannte (Hormongaben vor der Geburt), dass sind ja ganz enorme Eingriffe, die nicht auf einer Seite mit „normaler Kultur“ stehen.

          „Was für einen Begriff von “Natur” hast Du eigentlich? Mir scheint, dass da mehr ist als nur der naturalistische Begriff, dass alles das Natur ist, was kausal wirksam ist. Es gibt ja noch andere Begriff von Natur, beispielsweise Natur als das, was von selbst geschieht, ohne bewusste Einflussnahme. Ein Begriff mit entsprechender eigener philosophischer Tradition im Rücken.“

          Ich würde als Natur das ansehen, was aufgrund Genen oder biochemischer Vorgänge etc eintritt. Vielleicht auch noch etwas vage.

          „Was ist mit Hormonbehandlungen bei Geschlechtsumwandlungen?“

          Nochmal: Natürlich können wir das ändern. Aber das sind ja sehr erhebliche Eingriffe. Einigen wir uns doch erst einmal darauf, was ohne diese extremen Eingriffe passiert. Denn das wird uns auch helfen, Männer und Frauen besser zu verstehen. Warum haben Menschen den Wunsch, sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen? Rational ja nur schwer zu erklären. Wenn man von der Wirkung pränataler Hormone etc ausgeht meiner Meinung nach wesentlich verständlicher.

          „Was ist mit Hirnschrittmachern gegen Depression?“

          Natürlich können wir in unserem Körper eingreifen. Aber eben mit Medizin. Die Frage ist, wie gut eine normale Umerziehung funktionieren könnte.

          “ Oder Ritalin gegen zu wilde Kinder? Was mit Geburtenkontrolle durch die Pille? Letztere hatte einen erheblichen Effekt auf die menschliche Populationsdynamik. Wir sind zwar von dem Extrem sehr weit weg, Du hast Recht, aber doch in unseren Möglichkeiten erheblich weiter als vor 100 Jahren.“

          Inwiefern meinst du widersprechen sich in dem Bereich unsere Meinungen?
          Vielleicht insoweit, dass ich meine, dass es zu solch weitgehenden Eingriffen, dass die Geschlechterrollen betroffen sind, in naher Zukunft nicht kommen wird? Und wir auch so schnell unserer Biologie nicht massenhaft entfliehen werden können?

          „Übrigens: In nichts von dem, was ich sage behaupte ich, dass das “Blatt” unbeschrieben ist. Dass wir ohne alles auf die Welt kommen, davon kann keine Rede sein. Ich sehe nur eine wesentliche höhere Flexibilität.“

          Aber worauf genau stützt du die? Schwule oder Lesben umzuerziehen beispielsweise ist bisher nicht gelungen. Trotz aller Flexibilität. Genauso wenig wie Transsexuelle?

      • @ Itsme

        „Bitte. Was für Ansichten hatte der denn?“

        Ketcar ist eine von mir geschätzte liberale Feministin – sehr intelligent und sehr versiert in wissenschaftlichen Fragen.

        Sie hatte stets interessante Kritiken evolutionär-psychologischer Sichtweisen auf Lager, was dann nicht selten lesenswerte Diskussionen nach sich zog.
        Daher kam mir gerade diese Assoziation beim Lesen Deiner interessanten Kritik zur Evolutionären Psychologie.

      • @Christian

        „Angesichts dessen, was das Gehirn sonst so an Denkleistung erbringt erscheint mir das eher ein kleines Problem der Informationsauswertung.“

        Wir reden aber doch hier über evolutionäre Psychologie, oder? Meine Kritik war, dass die Jungs und Mädels von der evolutionären Psychologie keinen Platz für bereichsübergreifende Mechanismen haben, weil sie seltsamerweise glauben, Evolution bringe nur Lösungen für spezifische Probleme hervor. Welcher psychologische Mechanismus ist denn dann bitte für die „Gesamtschau der Aufträge“ verantwortlich? Das ist das Problem: Es dürfte nach der evolutionären Psychologie keinen solchen Mechanismus geben.

        „Beispielsweise nimmt beim Anblick einer attraktiven Frau das Gehirn sicherlich einige Berechnungen vor, nach der der “Partnerwert” dieser Frau berechnet wird. Es entsteht also Lust, die wir wahrnehmen. Diese Bewertungen müssen ja irgendwo niedergelegt sein, die Berechnungen nach Hüftverhältnis etc irgendwo durchgeführt werden und dieser Vorgang sich irgendwie herausgebildet haben. Da erscheint mir der Gedanke eines Moduls der naheliegendste.“

        Und wie kommen die Informationen aus Deinem Brust-Bewertungs-Modul in Dein Bewusstsein von Brüsten? Wenn wir die Lust wahrnehmen, dann ist sie ja schon bewusst, und d.h. hochgradig integriert mit anderen Zusammenhängen. Beispielsweise mit Wünschen, zeitlichen Erwartungen, sinnlichen Wahrnehmungen verschiedener Modalitäten etc. die evolutionäre Psychologie ist ziemlich schlecht darin solche Prozesse auch nur annähernd verständlich zu machen, weil sie offenbar alle bereichsübergreifend sind. Visuelle Information und auditive Information zu integrieren ist eben selbst weder visuell noch auditiv. Und es hat auch zunächst nichts mit dem spezifischen Problem zu tun Schall und Licht aus der Umwelt registrieren und auswerten zu können – auswerten könnte man die beiden Sachen auch jede für sich. Und einfacher gestrickte Tiere wie Quallen tun das ja auch. Die haben allerdings auch kein Gehirn sondern nur Steuerungsmechanismen, die lichtempfindlich sind. Aber allein um eine Frau als Frau zu erkennen, muss ich zahlreiche Modalitäten visueller Information integrieren, muss soziale Cues erkennen können; für Sex muss ich das dann in Bezug zu meinen Begierden, Wünschen, Moralvorstellung etc. setzen, was voraussetzt, dass die Information zeitlich codiert wird, räumlich lokalisiert etc. blablabla und außerdem für Handlungszusammenhänge verfügbar gemacht wird. Das alles spricht gegen spezialisierte Module ab einer bestimmten Komplexität von Aufgabe und eher für ein großangelegtes Netzwerk, dass sehr flexibel spezialisierte Information aufgreifen, integrieren, vergleichen, umbauen, neu bewerten kann. Wie könnte ich sonst z.B. feststellen, dass es Ähnlichkeiten in Strukturen verschiedener Bereiche gibt? Das war ja auch so ein Fall, mit der Aussage, dass die Mädels in dem Text meinten, es gäbe nur bereichsspezifische Rationalität. Ja, denk ich mir, bei euch Frauen ist das vielleicht so…

        Wie gesagt: Es geht gar nicht so sehr um die Auswertung, als vielmehr um die Integration von verschiedenster Information – Information, die zwar selbst zunächst selektiv ausfallen kann, aber eben nicht nur selektiv verfügbar ist. Oder möchtest Du mir etwa sagen, dass Deine Aufmerksamkeit bei Frauen rein selektiv ist? 😀

        Es geht eben um die Frage, ob die evolutionäre Psychologie überhaupt eine Theorie dafür hat, wie solche Mechanismen der Integration sich hätten entwickeln können. Da sie meinen, dass Evolution nur auf spezifische Probleme schaut, scheint mir das nicht der Fall zu sein. Und damit bin ich eben überhaupt nicht einverstanden.

        „Evolution ist immer eine Anpassung von bereits bestehenden. Es kann sich nicht einfach für eine neue spezifische Herausforderung eine ganz neue Lösung ergeben.“

        Doch klar, es gibt ja auch Mutation und nicht nur Selektion. Mutation erklärt gerade, warum durch „Zufall“ (der natürlich auch molekulare Mechanismen hat) etwas neues entsteht. Selektion erklärt, was davon auf lange Sicht übrig bleibt. Evolution hat auf diesem basalen begrifflichen Level eine statistische und eine deterministische Komponente. Zu behaupten, Evolution würde nur vorhandene Formen variieren klingt schon fast ein wenig kreationistisch. Klar hat unser Auge eine ganze Reihe von Verwandten. Aber irgendwann muss sich ja mal eine erste Zelle, die lichtempfindlich war, herausgebildet haben, oder nicht? Und das geschah wohl durch Mutation. Vorher gabs nichts, was dem Auge vergleichbar gewesen wäre.

        Weiter: Evolution ist eine Anpassung an eine dynamische Umwelt, und nicht an eine spezifische Herausforderung in der Umwelt. Es kann also gut sein, dass sich Eigenschaften herauskristallisieren, die nur durchschnittlich an alle spezifischen Herausforderungen angepasst sind, die sich in einer bestimmten Umwelt finden, aber trotzdem in dieser Umwelt im Ganzen den besten Reproduktionserfolg garantieren. Auch das, scheint mir, hat in den Storys der evolutionären Psychologie keinen Platz.

        „Und? Es ist ja auch eine Angabe für verschiedene Module, die deswegen natürlich unspezifisch sein muss.“

        Nun, wenn das alles ist, dann ist evolutionäre Psychologie nichts anderes als die Auffassung, dass der Geist irgendwie aus Algorithmen besteht. Der Punkt ist: Das ist eine ziemlich überflüssige theoretische Behauptung, weil sie nichts spezifisches enthält und deswegen nichts erklärt. Wenn das alles ist, dann unterscheidet sich evolutionäre Psychologie nicht signifikant von irgendwelchen beliebigen anderen Formen des Computerfunktionalismus. Abgesehen von den evolutionären Storys, die aber keinen Erklärungs- sondern bestenfalls einen Plausibilisierungswert besitzen.

        Es ging übrigens an dieser Stelle auch nur um die Definition von „Psychologischer Anpassung“. Und die Definition sollte so spezifisch sein, dass sie mir ermöglicht etwas von etwas anderem abzugrenzen. Sonst ist sie wertlos. Was in dem Text, den ich zitiert habe, leider der Fall ist.

        „So kann man einige der Punkte durchgehen. “

        Ja, und kommt zu dem Ergebnis, dass man für jeden Scheiss ein eigenes Modul braucht. Das ist ja genau eines der Probleme mit der evolutionären Psychologie. Zusammenlegen kann man die Module übrigens nicht mal eben so einfach, weil es ja zum Begriff des Moduls gehört, für eine spezifische Problematik ausgewählt worden zu sein. Deswegen sagte ich ja: Der Begriff „Modul“ bzw. „psychologische Anpassung“ ist so unspezifisch, dass er wertlos ist.

        Allerdings ist die Sache mit der spezifischen Problemanpassung auch vom computationalistischen Standpunkt ziemlich hinter dem State-of-the-Art zurück. Es gibt nämlich heute auch evolutionäre Algorithmen, die recht flexibel darin sind sich selbst einer sich dynamisch verändernden Umwelt anzupassen.

        http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4rer_Algorithmus

        Wichtig ist diese Aussage: „Die wichtigsten Anwendungsgebiete der Evolutionären Algorithmen sind Optimierungsprobleme, bei denen traditionelle Optimierungsverfahren aufgrund von Nichtlinearitäten, Diskontinuitäten und Multimodalität versagen (z.B. Nichtlineare Regression).“ Zufälligerweise sind das natürlich genau solche Bereiche in denen ich auch die Probleme mit der evolutionären Psychologie sehe. Multimodalität wäre z.B. die Integration der Optik und Haptik von Brüsten zu einem Gesamteindruck einer Frau.

        Es ist also völlig klar, dass diese Algorithmen gerade nicht mehr für ein spezifisches Problem programmiert wurden, sondern dafür, sich für verschiedene spezifische Probleme dynamisch anzupassen, ohne wissen zu müssen, was für ein Problem auftritt. Denn Nichtlinearlität, Diskontinuität und Multimodalität heißt ja gerade, dass ich nur sehr beschränkt wissen kann, was für konkrete Probleme auf mich zukommen. Umso wichtiger wird es, auf viele unerwartete Probleme flexibel reagieren zu können. Wenn man schon davon ausgeht, dass unser Geist eine algorithmische Maschine ist (wogegen ich so meine Bedenken aus anderen Gründen hätte), dann sollte er wenigstens die Flexibilität moderner Roboter haben, die sich selbstständig das Laufen beibringen können. Das leistet die evolutionäre Psychologie aber nicht.

        „113 und 116 ebenfalls ansehen und immer ruhig ein und ausatmen 😉 “

        Jaja, hab ich wohl auch schon gesehen 🙂 … ich glaube ja bei den Mädels ist das wahrscheinlich wie bei Dir. Evolutionäre Psychologie ist so ein Ding um seine eigenen Verhaltensweisen zu objektivieren und dann sagen zu können: „So bin ich halt, Mutter Natur hat mich dazu gemacht. Deswegen mach ich gern Fotos, auf denen ich sexy aussehe und packe die in meine wissenschaftlichen Papers“ 😀 Oder: „Hey, ich habe einen Schuhtick weil meine Vorfahren ihre zarten Füße vor den rohen Klauen dominanter prähistorischer Männer schützen mussten. Deswegen habe ich ein heute Schuheinkaufs-Modul, jeweils upgedated mit der neuesten Mode, dass mir leider nicht gestattet von diesem Verhalten abzuweichen…“ … jaja so ist das.

        „Wortspielerei. Alle individuelle Entwicklung macht aus einem Affen keinen Menschen.“

        Keine Wortspielerei. Evolution wählt vielleicht Gene aus, die Gehirne in ihrer Entwicklung beeinflussen, aber sie macht nicht das individuelle Gehirn. Das ist wichtig, denn selbst die hübschen Mädels von der evolutionären Psychologie geben nachher zu, dass sie ein ziemliches Problem haben, individuelle Variation zu erklären. Individuelle Entwicklung bringt sogar dem Affen unter Umständen eine rudimentäre Beherrschung von Sprache bzw. eher von Begriffen bei, die er sonst nicht hätte. Auch der Affe (zumindest manche Spezies) ist flexibler in Bezug auf Sprachfähigkeit als man denkt, wenn man ihn „in the wild“ beobachtet. Insofern ist die These:

        „Wir haben einen in unseren Genen hinterlegten Aufbau des Gehirns, der uns zu dem Macht, was wir sind.“

        Leider in ihrer Einseitigkeit falsch. „Der Affe“ und „der Mensch“ existiert so nicht. Bestenfalls haben wir bestimmte genetisch festgelegte individuelle Potentiale, die bestimmten wozu wir uns unter bestimmten Umständen mit einer bestimmten Wahrscheinlich entwickeln würden. Oder eben nicht. Wobei sich auch fragt, was dann „genetisch“ heißt, dazu aber weiter unten noch was. Hinzu kommen Rückkopplungseffekte zwischen unseren Genen, unserer individuellen Entwicklung und den Umständen unserer Entwicklung, die das ganze dann ziemlich unübersichtlich werden lassen. Bei psychischen Erkrankungen, bspw. Schizophrenie gibt es ja zahlreiche Studien, die bestimmen sollen, was eigentlich die Gene direkt so dazu beitragen. Ergebnis: Gene und alles was dazugehört erhöhen oder senken zwar die Wahrscheinlichkeit Schizophrenie zu bekommen beträchtlich (z.B. bei eineiigen Zwillingen), aber sie determinieren nicht die Ausbildung von Schizophrenie.

        „Aber ein Idiot wird auch mit bester Förderung kein Genie und eine Genie kann auch bei Vernachlässigung entstehen. Vieles ist schlicht Genetik, gerade wenn man Menschen im Schnitt betrachtet.“

        Ja, der letzte Satz stimmt wohl. Aber was sagt uns das über das Individuum? Der Mensch im Schnitt existiert ja nicht. Übrigens kommt es stark auf den Grad und Typ der Vernachlässigung an. Man kann auch alles kaputt machen. Und der Idiot wäre vielleicht zum Normalverbraucher geworden. Wozu der Mensch im Schnitt fähig ist, weiß ich erst hinterher, wenn ich alle Individuen unter ähnlichen Bedingungen so gefördert habe, dass sie sich gut entwickeln können. Dann weiß ich, wie sich Menschen im Schnitt unter vergleichbaren Bedingungen entwickeln.

        „Richtig, aber diese Flexibilität ist eben nicht beliebig.“

        Hat auch niemand behauptet. Totale Flexibilität wäre ja wohl sowas wie mathematischer Zufall. Ich glaube jeder sieht, dass Menschen ziemlich organisierte Wesen sind.

        Ein Beispiel für Flexibilität bereits auf genetischer Ebene gibt es übrigens hier:

        http://en.wikipedia.org/wiki/Gene_regulatory_network#Stochastic_gene_networks

        Ich denke, dass sich bei Nervenzellen ähnliche Netzwerkstrukturen bilden, wie schon bei Genen.

        Übrigens gilt das mit den Genen sogar schon für Bakterien: „A network of interactions among diverse types of molecules including DNA, RNA, proteins and metabolites, is utilised by the bacteria to achieve regulation of gene expression. In bacteria, the principal function of regulatory networks is to control the response to environmental changes, for example nutritional status and environmental stress.[32] A complex organization of networks permits the microorganism to coordinate and integrate multiple environmental signals.[30]“ (Aus dem o.g. Wikiartikel)

        Selbst Bakterien sind schon auf genetischer Ebene nicht an spezifische Probleme angepasst, sondern besitzen komplexe genetische Netzwerke, die eine hochgradig flexible Selbstregulation ermöglichen, die wiederum dem Bakterium erlaubt, in vielen verschiedenen Umgebungen zu leben. Die eigentlich evolutionäre Anpassung ist also die Entwicklung einer bestimmten Anspassungsflexibilität in der Genregulation. Es kann also keine Rede davon sein, dass die einzelnen Gene lediglich an bestimmte Umgebungseigenschaften spezifisch angepasst sind. Ich frage mich da: Hängt die evolutionäre Psychologie nicht vielleicht 30 Jahre hinter der evolutionären Biologie zurück?

        Interessant ist auch das hier:

        „A major question then, for evo-devo studies, is: If the morphological novelty we observe at the level of different clades is not always reflected in the genome, where does it come from? Apart from neo-Darwinian mechanisms such as mutation, translocation and duplication of genes, novelty may also arise by mutation-driven changes in gene regulation. The finding that much biodiversity is not due to differences in genes, but rather to alterations in gene regulation, has introduced an important new element into evolutionary theory.“

        Aus diesem Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/Evolutionary_developmental_biology#Development_and_the_origin_of_novelty

        Je länger ich in der Wikipedia in der biologischen Sektion rumkrame, desto mehr fühle ich mich irgendwie bestätigt. Und ich glaube, dass ist nicht nur mein subjektiver Narzissmus, der da zur Geltung kommt. Ich würde natürlich noch einen drauf setzen: Es gibt bei uns Menschen auch culturally induced mutation-driven changes in gene regulation. Irgendwann entdecken das die evolutionären Entwicklungsbiologen aber vielleicht auch noch.

        „Bei einigen Punkten spricht vieles für eine Festverdrahtung.“

        Wie ich ja schonmal gesagt habe, ich bin eher der Auffassung, dass es so was wie allgemeine Metavariablen gibt, die die Freiheitsgrade der Flexibilität der einzelnen Systemkomponenten global einschränken ohne sie spezifisch zu determinieren. Das spricht gegen Festverdrahtung (ohnehin ein Begriff, der beim Gehirn irgendwie wenig Sinn macht, weil sich Nervenbahnen ja neu verbinden), aber auch gegen Beliebigkeit. Und ich habe auch nichts dagegen, dass solche Metavariablen selbst wieder durch pränatales Testosteron beeinflusst werden oder sowas. Mag sein, dass es hier durchschnittliche Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, die sich unter gleichen Bedingungen eben in verschiedener individueller Entwicklung äußern. Aber ich glaube eben auch, dass sich das Sehzentrum nur deshalb so entwickelt, weil es an ein Sehorgan mit bestimmten Eigenschaften angeschlossen ist. Ich würde vermuten, unser Gehirn könnte sich auch an andere Sehorgane anpassen. Oder andere Typen von Input visuell erfahrbar machen.

        „Ich sehe die Kultur eher als Überbau der Biologie. “

        Erinnert mich an den Marxismus-Leninismus, Ökonomie als Basis determiniert Ideologie als Überbau. Jetzt halt etwas ahistorischer mit Biologie und Kultur. Dass das nicht ganz stimmen kann zeigt m.E. schon allein die Möglichkeit der umgekehrten Beeinflussung, der prinzipiell keine Grenze gesetzt scheint. Und das erklärt sich daraus, dass technologische Evolution von der Biologie relativ unabhängig ist, aber dennoch auf sie zurückwirkt. Ich wäre dafür, die Kultur dann einfach mal versuchsweise in die Biologie zu integrieren. Denn immerhin denke ich nicht ohne Gehirn, bete keine Götter an ohne Gehirn, baue kein Auto ohne Gehirn usw.

        „An anderer Stelle wurde hier mal der Vergleich gebracht, dass die Natur das Gelände, die Kultur die darauf zu errichtende Stadt ist. Man kann viele verschiedene Gebäude und Städte auf dem Gelände bauen, aber man muss eben immer das Gelände beachten und es wird immer das Stadtbild deutlich mitbestimmen.“

        Schon ein besseres Bild. Allerdings wird Gelände natürlich auch umgegraben. Und die Geologen streiten sich darüber, ob wir nicht schon im Anthropozän leben, weil der Mensch eine eigene geologische Formation in der Erdgeschichte hervorgebracht hat.

        „Aber das von dir genannte (Hormongaben vor der Geburt), dass sind ja ganz enorme Eingriffe, die nicht auf einer Seite mit “normaler Kultur” stehen.“

        Es gibt auch Kulturen, in denen hängen sich Frauen ganz viele Ringe um den Hals, die den Hals verlängern und mit der Zeit ihr Genick extrem anfällig machen. Für mich klingt das ziemlich idiotisch, trotzdem finden die das irgendwie attraktiv. Was ist denn eine „normale“ Kultur?

        „Ich würde als Natur das ansehen, was aufgrund Genen oder biochemischer Vorgänge etc eintritt. Vielleicht auch noch etwas vage.“

        Ja, das ist etwas vage 😀 … denn wenn man sehr naturalistisch denkt, kann man ja der Auffassung sein, dass Kultur eben nur eine systemische Verschaltung verschiedener biochemischer Einheiten ist, die aber neue biochemische Effekte auf der individuellen Ebene hervorbringt. Ganz ähnlich wie die genetischen Netzwerke, gibt es eben kulturelle Netzwerke, die mit den genetischen Netzwerken auf verschiedenste Weise mehr oder weniger stark rückgekoppelt sind. Und solche Netzwerke haben interessante Eigenschaften, die man unabhängig von den Individuen studieren kann.

        „Nochmal: Natürlich können wir das ändern. Aber das sind ja sehr erhebliche Eingriffe. Einigen wir uns doch erst einmal darauf, was ohne diese extremen Eingriffe passiert. Denn das wird uns auch helfen, Männer und Frauen besser zu verstehen. Warum haben Menschen den Wunsch, sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen? Rational ja nur schwer zu erklären.“

        Nun, das ist interessant. Du fängst nämlich an normativ zu argumentieren. Rationalität ist ja so ein Begriff, der zwischen Beschreibung und Vorschrift oszilliert. Das ist mir bei Alexander Roslin auch schon an anderer Stelle aufgefallen. Hinter der Behauptung, dass die Biologie uns so und so bestimmt, steht in Wirklichkeit eine normative Überzeugung, dass ich das Recht habe mich so und so zu verhalten und niemand das Recht hat einzugreifen. Oder wenn nicht unbedingt gleich das Recht, so doch zumindest der Wunsch mein Verhalten beizubehalten obwohl ich damit konfrontiert bin, dass andere meinen, ich sollte es ändern. Und zufälligerweise ist dann dieses Verhalten auch genau das, wozu mich die Biologie bestimmt. Das ist von der Argumentation her aber nicht ausreichend. Allerdings ist so zu denken selbst ein interessantes soziales Phänomen: Es ist nämlich der Versuch bestimmte von der Gesellschaft errichtete Normen, deren Autorität auf einer bestimmten Ideologie beruht, durch Konstruktion einer Gegenautorität zu destabilisieren.

        Ich will Dich aber nochmal ein bisschen weiter irritieren. Was nämlich, wenn die Nachvollziehbarkeit dessen, was für Dich rational nachvollziehbar ist, ebenfalls nur ein Effekt Deiner Biochemie unter den Bedingungen unserer heutigen Kultur, verstanden als netzwerkartige Verschaltung vieler biochemischer Individuen mit systemischen Effekten, ist? Dann ließe sich wohl erdenken, dass andere Kulturen aufgrund ihrer Wertvorstellungen, die ja vielleicht so eine Art von kollektivem kulturellem Genregulationsnetzwerk sind (als Metapher verstanden!), dazu kommen müssen, andere Handlungsoptionen für rationaler zu halten, oder nicht? Vielleicht wird es sogar mit steigender Komplexität der Kultur immer „rationaler“ die Individuen immer stärkerer technologischer Normierung zu unterwerfen? Das ist ja genau das, was Michel Foucault mit seinem Begriff der „Biomacht“ so interessant macht.

        „Die Frage ist, wie gut eine normale Umerziehung funktionieren könnte.“

        Interessant ist was für einen Schluss man daraus zieht, wenn man sieht, dass „normale“ Umerziehung nicht oder nur schlecht funktioniert. Man kann nämlich auf zwei Ideen kommen, absehen davon, dass man sich natürlich auch für ein suboptimales Ergebnis entscheiden kann: 1) Umerziehung sein lassen; 2) Methoden der Umerziehung verbessern. Du neigst mehr zu Schluss 1), ich übrigens auch, aber ich will nur sehr nachdrücklich darauf bestehen, dass Du Dir klar machst, dass Schluss 2) keineswegs logisch ausgeschlossen ist. Und das ist eine große Schwäche aller Versuche sein eigenes Verhalten mittels irgendwelcher wissenschaftlicher Erkenntnisse zu naturalisieren. Denn Naturalisierung ist, im Falle des Naturbegriffs der modernen Naturwissenschaft, keine Rationalisierung mehr. Im Gegenteil: Naturalisierung bedeutet erst die Ermöglichung einer technischen Manipulation, weil nämlich Kausalität und Intervention begrifflich mit einander zusammenhängen.

        Lass mich mal ein kleines ideologisches Gedankenexperiment anstellen. Stellen wir uns mal vor, wir wären alle transhumanistische dekonstruktivistische Feministen. Wir glauben einerseits daran, dass die Menschheit vermöge der Technologie beliebig verbessert werden sollte, andererseits sind wir auch der Überzeugung, dass spezifisch männliche Eigenschaften, wie sie uns die evolutionäre Psychologie ja als Produkt der Evolution aufgezeigt hat, für den gesellschaftlichen Fortschritt schädlich sind. Männer bringen die Gesellschaft aus ihrer planerischen Balance, sie neigen zu aggressivem, dominantem, egoistischem, irrationalen Verhalten etc.. Aber zugleich wissen wir, dank der Forschung in der evolutionären Psychologie, dass sie gar nichts für ihren traurigen Zustand können, weil es sich ihrem Willen entzieht. Was also tun? Ich würde sagen, es liegt nahe die Menschheit vom Joch der biologischen Zweigeschlechtlichkeit zu befreien. Die Reproduktion wird künstlich organisiert werden, die Aufzucht der Kinder nach wissenschaftlichen Standards von Spezialisten erledigt, die psychologische Formierung individueller Präferenzen überwacht und notfalls in Echtzeit korrigiert, so dass individuelle Wunschvorstellungen in einen gesellschaftlich-ökonomischen Gesamtplan integriert werden können, usw usf. … klingt das wie eine dystopische Vorstellung für Dich? Ja? Stellt sich die Frage: Wieso eigentlich? Vielleicht würden Dir die transhumanistischen dekonstruktivistischen Feministen antworten: Du bist ein irrationales Überbleibsel der Vergangenheit, das den Fortschritt offenbar nicht zu begreifen in der Lage ist. Schade. Aber es gibt ja in Zukunft auch keine mehr wie Dich.

        So, Gedankenexperiment zu Ende. Das interessante hier: Die Ideologien habe ich mir nicht ausgedacht, lediglich die Synthese existiert möglicherweise so noch nicht. Wobei ich darauf keine Wetten abschließen würde. Die technischen Mittel sind heute zwar noch nicht vorhanden, aber eben auch alles andere als unvorstellbar. Die Frage, die sich mir eigentlich stellt, ist die: Was spricht gegen eine solche Welt?

        „Inwiefern meinst du widersprechen sich in dem Bereich unsere Meinungen? Vielleicht insoweit, dass ich meine, dass es zu solch weitgehenden Eingriffen, dass die Geschlechterrollen betroffen sind, in naher Zukunft nicht kommen wird? Und wir auch so schnell unserer Biologie nicht massenhaft entfliehen werden können?“

        Und ich meine, die nahe Zukunft ist unsicher. Sie interessiert sich oftmals nicht für das, was Du heute über sie meinst. Darauf sollte man sich einstellen. Finanz- bzw. Kreditkrisen entstehen ja auch dadurch, dass sich die Zukunft nicht dafür interessiert, was alle Leute heute über sie meinen. Und nachher sind alle pleite und verschuldet.

        Übrigens: Wenn man mal von so ganz einfachen Zusammenhängen ausgeht (die natürlich nicht so einfach sind). Wenn Testosteron Aggressivität hervorruft und Aggressivität schädlich ist, wieso nicht Hormonpräparate für Männer mit zuviel Testosteron zum Schutz der Gesellschaft? Gerade um die ganzen unzufriedenen Männer ruhig zu stellen, die das neue Präkariat bilden. Ich hab mal so einen kleinen Artikel von einer feministisch angehauchten Studentin gelesen über Hormonpräparate für Männer zur Verhütung. Schuld, dass wir sowas noch nicht haben sind nur die Pharmakonzerne und das Patriarchat. Denn das Patriarchat verhindert, dass es für sowas einen Markt gibt. Dass solche Hormonpräparate einerseits schwieriger einzusetzen sind als die Pille und andererseits auch stärkere Nebenwirkungen haben war egal. Denn im Namen der Gleichberechtigung müssen die Männer endlich auch lernen, dass… usw usf. wir kennen das ja alles. Lehre aus der Geschichte: Manche unschöne Innovation ist näher, als man denkt. Und die Menschen, die sie durchsetzen möchten, auch.

        „Aber worauf genau stützt du die? Schwule oder Lesben umzuerziehen beispielsweise ist bisher nicht gelungen. Trotz aller Flexibilität.“

        Allgemein darauf, wie ich mir in aller mangelnden Präzision vorstelle, wie sich unser Hirn so entwickelt. Es bilden sich m.E. niemals völlig stabile Strukturen heraus. Manche sind stabiler als andere, aber keine ist völlig stabil. Ich vermute Umerziehung im bisherigen Sinn setzt an der falschen Ebene an und erreicht deswegen wenig. Pray the gay away funktioniert eben nicht sehr gut. Wenn ich Leuten ins Gewissen rede, dass Essen schlecht ist, hören sie natürlich nicht auf hungrig zu sein. Wobei man natürlich sagen muss, dass es durchaus möglich ist seine Triebe bewusst zu unterdrücken, und das in ganz erheblichem Maße. Aber das heißt nicht, dass, wenn man an anderer Stelle mit einem anderen Verfahren ansetzt, man das Hungergefühl selbst nicht direkt aus- und einschalten kann.

        Interessant ist aber hier, dass unsere Gesellschaft natürlich auch sehr inkonsequent ist. Es gibt jede Menge sexuelle Vorlieben, die vielleicht vom biologischen Standpunkt genauso „natürlich“ sind wie Homosexualität und Heterosexualität, die aber nach wie vor „wissenschaftlich“ als Krankheit eingestuft und mit beträchtlichem gesellschaftlichen Stigma belegt sind. Wie wärs denn mit Nekrophilie oder Gerontophilie? Wenn ich Deiner Vorstellung von „akzeptiert die Natur wie sie ist“ folge, müsste ich dann nicht jede Form von Paraphilie genauso behandeln wie durchschnittliche Heterosexualität? Offenbar tun sich Menschen von Natur aus schwer andere Menschen, die von anderer Natur sind als sie selbst, als natürlich zu akzeptieren. Gibts dafür auch ein Modul?

        Und zum Schluss etwas, das ich mich schon die ganze Zeit frage. Erzählst Du den Ladies, die Du sexuell beglückst eigentlich auch in dem selben Ton wie mir, wie Deine Module so gewirkt haben, um das befriedigende Endergebnis zu produzieren? 😀 Ich muss übrigens bei der Gelegenheit mal sagen, ich finde Pickup ziemlich cool. Also keine falsche Polemik dagegen. Man sollte das vielleicht zum Teil der Sexualaufklärung von Jungs in der Schule machen. Die Ideologie, die zum Teil mittransportiert wird, ist aber meiner Meinung nach für die Sache an sich völlig überflüssig. Ich glaube man braucht keine lange phantasievolle Evolutionsgeschichte, um zu kapieren, warum Frauen lieber Männer mögen, die keine unterwürfigen Hündchen sind.

      • @ itsme

        *Wir reden aber doch hier über evolutionäre Psychologie, oder? Meine Kritik war, dass die Jungs und Mädels von der evolutionären Psychologie keinen Platz für bereichsübergreifende Mechanismen haben, weil sie seltsamerweise glauben, Evolution bringe nur Lösungen für spezifische Probleme hervor. Welcher psychologische Mechanismus ist denn dann bitte für die “Gesamtschau der Aufträge” verantwortlich? Das ist das Problem: Es dürfte nach der evolutionären Psychologie keinen solchen Mechanismus geben.*

        Die Jungs und Mädels von der Evo-Psych-Front sind nicht ganz so deppert, wie Du sie gerne sehen möchtest.
        Du wählst die Methode „Strohmann-Bekämpfung“, um leicht und überlegen zu obsiegen.

        Über den Strohmann, s. dazu den Artikel von Frank Mielke, Zitat:

        *How Modular is the Mind? Debate, Not Dogma

        David Buller is “deeply skeptical” of what he calls EP’s two “defining doctrines.” First, that the human mind is “massively modular,” composed of a myriad of independent, special purpose (“domain-specific”) modules, each evolved to help our ancestors survive and reproduce during the hunter-gather period of human evolution. Second, that no subsequent cognitive adaptations to novel environments have occurred. According to Buller, evolutionary psychologists think that we are “a legion of idiot savants” who struggle to get by like “Fred and Wilma Flintstone” dumped out of a time machine into modern suburbia.

        Modularity and adaptation to novel environments are two of the central debates, not dogmas, in EP. They are described in the textbook by David Buss, one of the evolutionary psychologists whose work Buller claims to have refuted. Interestingly, Buller cites Buss’s first edition, but not the second (2004), which updates the coverage of these issues.

        The view that “humans must possess a large number of specialized psychological mechanisms, each dedicated to solving specific adaptive problems,” Buss summarizes, is “widely accepted within the field of evolutionary psychology and indeed lies at the foundation of evolutionary approaches.” However, he then quotes several evolutionary psychologists who have “recently argued that in addition to these specific mechanisms humans also have evolved several domain-general mechanisms.” His list of such general purpose processes includes: “intelligence, concept formation, analogical reasoning, working memory, and classical conditioning.” Finally, Buss notes that we “routinely solve ancient adaptive problems in highly novel ways” and that “everyone recognizes that humans have been able to flourish in an environment very different from that in which we evolved.”

        While he concludes that the specificity–generality debate remains an open question, Buss emphasizes that no evolutionary psychologist has ever claimed that domain-specific modules are hermetically sealed off from each other by any neurocognitive firewalls. Rather, discovering “the precise nature of information sharing” between modules lies at the cutting edge of research.*

        http://www.skeptic.com/reading_room/evolutionary-psychology-is-here-to-stay/

      • @Roslin

        „Die Jungs und Mädels von der Evo-Psych-Front sind nicht ganz so deppert, wie Du sie gerne sehen möchtest.
        Du wählst die Methode “Strohmann-Bekämpfung”, um leicht und überlegen zu obsiegen.“

        Ja, möglicherweise ein wenig. Zumal mein Stil hier natürlich auch manchmal meine Neigung zu männlicher Dominanz erkennen lässt. Die Jungs und Mädels passen sich aber jedenfalls doch dynamischer an, als ihre Theorie vermuten lies. Allerdings muss ich sagen: Alles was nicht Mathematik ist, ist sprachlich mehrdeutig. Also auch deren Texte, insbesondere wenn sie so unpräzise verfasst sind. Man kann sich also leicht von bestimmten Deutungsoptionen zurückziehen. Wichtig ist mir, dass eine bestimmte Deutungsmöglichkeit eliminiert ist. Nämlich die, zu meinen Ontogenese lasse sich einfach mal so auf die Evolution des Genpools reduzieren. Das ist die gute alte Soziobiologie, die niemand mehr braucht, und die komischerweise ja auch nicht mehr offen erwähnt wird, obwohl alle gebildenten Leute wissen, wo das Zeug herkommt. Wenn die Jungs und Mädels dann das, was als Alternative übrigbleibt, „evolutionäre Psychologie“ nennen wollen, sei ihnen das gern gelassen. Aber ich habe immer noch das Gefühl, dass das nicht so ist. Ich mag evoltionäres Denken an sich ja gern, aber nicht so.

        Den Buller kenne ich wohl auch vom Hörensagen; allerdings hat der meine Kritik hier nicht direkt bestimmt, das hab ich mir schon selbst ausgedacht. Es gibt noch ein paar andere interessante Leute, die ich allerdings auch nicht selbst ausführlich gelesen habe, z.B. John Dupré „Human Nature and the Limits of Science“. Insofern bin ich kein Bullerist. Insbesondere bin ich auch kein Bullerist, was die Details angeht – ich habe mich hier nicht für irgendeine Theorie über das Geschlechterverhältnis ausgesprochen, noch auch nur versucht zu gewichten, wie stark der Einfluss genetischer Faktoren auf dieses oder jenes Phänomen ist. Auf welcher Basis sollte ich das auch tun? Mich interessiert, wie plausibel das begriffliche Framework der evolutionären Psychologie ist. Ich finde es nicht sehr plausibel sondern eher widersprüchlich und schwammig. Der Artikel aus dem ich zitiert habe kam ja übrigens von Buss und Kollegen selbst. Und gerade darin finden sich so allgemeine Behauptungen über die spezifische Angepasstheit von Mechanismen an bestimmte Aufgaben. Es ist nicht schwierig zu erkennen, dass das im Widerspruch steht zu Formen von Evolution, die gerade keine spezifischen Anpassungen hervorbringen sowie zur Existenz allgemeiner kognitiver Mechanismen. Dass die evolutionäre Psychologie positiv auf Kritik reagiert ist erfreulich und es ist schön zu sehen, dass sie bereit ist anzuerkennen, dass es zahlreiche sehr allgemeine kognitive Prozesse gibt. Allerdings ist es natürlich auch klar, dass das eine erst kürzliche eingetretene Entwicklung ist – d.h. bisher wurde das gern ignoriert. Und Buss gibt das ja auch in einem deiner Zitat zu.

        Was ich aber doch in aller Kürze gezeigt zu haben meine, ist, dass diese Aussage hier von Buss falsch ist: „The view that “humans must possess a large number of specialized psychological mechanisms, each dedicated to solving specific adaptive problems,” Buss summarizes, is “widely accepted within the field of evolutionary psychology and indeed lies at the foundation of evolutionary approaches.”“ Mag sein, dass die evolutionären Psychologen das glauben. Gerade der letzte Teilsatz ist aber sehr seltsam. Die Biologen studieren Formen von Netzwerken der genetischen Selbstregulation, die sich dynamisch an verschiedene Umweltbedingungen ohne neue Mutation und Selektion der Gene selbst anpassen können. Und das schon bei Bakterien. Keines dieser Netzwerke ist an ein spezifisches Problem angepasst. Dasselbe gilt für die angesprochenen evolutionären Algorithmen in der Informatik. Die hat man gerade deswegen entwickelt, weil die Strategie spezifischer Optimierungen unter manchen Bedingungen versagt. Insofern hat die evolutionäre Psychologie eben ein Verständnis von Evolution, dass aus meiner Sicht zu primitiv ist. D.h. weit gefehlt gegen den Einsatz von evolutionärem Denken zu argumentieren, bin ich für sehr viel mehr davon – nur eben weniger flach und mit mehr Bewusstsein dafür, was da genau wie mutiert und wie ausgewählt wird. Es mutieren nicht immer Gene. Diese Evolutionary Developmental Biologie Geschichten zeigen das: Phänotypisch große Unterschiede korrelieren nicht notwendigerweise mit ausreichend großen genotypischen Differenzen. Lösung: Gennetzwerke mutieren auf der Ebene der Vernetzung ebenso wie auf der Ebene der Gene. Damit kommt auf einmal das Relationsgeflecht zwischen den Genen in den Blick. Wenn sie das alles aufnehmen möchte, ist mir das recht, der Name „evolutionäre Psychologie“ allein erregt keine großen Widerstände bei mir. Allerdings werden sich dann ihre theoretischen Grundbegriffe so deutlich ändern, dass nachher eine ziemlich andere Theorie dabei herauskommt. Die theoretische Tradition, die zur Soziobiologie zurückweist, wäre damit jedenfalls verschwunden.

        Diese Aussage hier aus Deinem Zitat: „Rather, discovering “the precise nature of information sharing” between modules lies at the cutting edge of research.“ ist ebenfalls sehr schön. Sie verschleiert schlicht, dass sie keine Ahnung haben. Mir hat man mal gesagt, sowas gehöre nicht in eine Seminararbeit, zu sagen hier müsse noch viel getan werden, sondern man solle sagen, was Sache ist. Denn die Sache ist: Entweder die Module sind spezifisch optimierte Algorithmen, oder sie sind Algorithmen, die sich dynamisch reoptimieren, wenn sich die Probleme ändern. Oder es gibt beides, für verschiedene Typen von Optimierungen. Es liegt nahe, dass die flexiblen Netzwerke, die Buller ja offenbar auch gern mag (was ich übrigens noch nicht wusste), genau das leisten könnten, was hier als „cutting-edge“ beschrieben wird. Das trifft dann aber ins Mark, weil es eine Revision der Grundannahmen der evolutionären Psychologie erfordert. Es wird dann schwierig spezifisches Verhalten von heute mit einer evolutionären Story in Bezug auf ein spezifisches Problem zu plausbilisieren, das 30000 Jahre zurückliegt. Und nebenbei: Wenn ich richtig nachgeschaut habe, dann gibt es diese Forschung in der Biologie seit den 70er Jahren. Und nochwas: Diese „Cutting-Edge“ Aussage von Buss stammt von 2004, der Artikel mit den Mädels von 2010. Es hat sich offenbar nicht viel getan in den 6 Jahren was die Natur dieser Mechanismen erhellen würde. Nicht, dass mich das wundern würde, denn ich habe ja eine Reihe von Gründen genannt, die gerade erklären können, warum sie keine Ahnung von sowas haben: Es passt eigentlich nicht in die Theorie von spezifischer Angepasstheit.

        Eine Sache zu dem Review Artikel fällt mir noch ein. Dessen Autor schreibt nämlich zu Anfang, dass „the only process in nature capable of producing functionally organized structure is natural selection, so it stands to reason that principles of natural selection should be brought to bear on issues in cognitive science because the brain and body constitute an organized system built by the same process as all systems in nature.“ Es ist ziemlich klar, dass das ein extrem verkürztes Bild der Sache ist. Die Ontogenese des Organismus wird natürlich gerade nicht durch die (Neo-)Darwinistische Evolutiontheorie erklärt. Das Argument ist also ein reiner Analogieschluss. Der ist zwar nicht verkehrt, weil die formale Struktur (!!!) der darwinistischen Evolution auch in anderen Bereichen Verwendung finden kann. Aber man ändert eben den Gegenstandsbereich der Evolution. Das heißt dann, dass man die Anpassungen, die man in einem zweiten Gegenstandbereich findet, nicht auf die Selektionseinheiten im ersten Gegenstandsberiech zurückführen kann. Konkret: Kognition direkt und ohne Umwege nicht auf Gene. Und man sollte doch meinen, dass jemand, der über Evolution schreibt, den Unterschied zwischen Ontogenese und Phylogenese kennt, oder etwa nicht? Nicht umsonst hieß Darwins Buch ja „The Origin of Species“ und nicht „The Origin and Development of Properties of Specific Individuals Belonging to Species“. D.h. wie gesagt nicht, dass es nicht strukturähnliche oder gar identische Mechanismen in anderen Bereichen gäbe. Allerdings sind die Einheiten der Selektion dann andere, als die der darwinistischen Evolution. Die evolutionären Algorithmen bspw. haben dieselbe oder eine ähnliche Struktur wie die biologische Evolution (die sich dabei übrigens auch pluraler und vor allem weniger deterministisch zeigt, als man zunächst meint), aber sie wählen keine genetischen Eigenschaften aus. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Ausbildung neuronaler Netzwerke im Gehirn während der Ontogenese auch ein Selektionprozess ist, bei dem sich das Gehirn nach bestimmten Variablen optimiert. Manche davon mögen genetisch beeinflusst sein, manche sind sensorische Eingangsdaten, andere sind soziale Handlungszusammenhänge. Aber die Selektion wählt dann auch hier dann keine Spezies-Eigenschaften mehr aus, sondern bestimmte Hirnstrukturen. Also: Diese irrige Ebenenverschiebung, die hier stattfindet, ist aber eben typisch für die bisherige evolutionäre Psychologie, soweit sie mir bekannt ist. Ontogenetische Eigenschaften können nicht so ohne Zusatzerklärung auf irgendwelche phylogenetischen Anpassungen zurückgeführt werden. Genau das scheint hier aber immer wieder versucht zu werden. Insofern ist es auch kein Wunder, dass die evolutionäre Psychologie so ein großes Problem mit der Erklärung von individueller Variabilität hat. Meiner Meinung nach ist das ein klarer Missbrauch und eine krasse Verkürzung des Konzepts „Evolution“. Das heißt natürlich im Umkehrschluss nicht, dass unsere Gene egal sind – dass sie das nicht sind, sieht man an vielen Beispielen (ich hatte Schizophrenie als Beispiel gebracht). Aber die simple Reduktion der Ergebnisse der Ontogenese auf unsere Gene gehört in den konzeptuellen Mülleimer. Denn selbst die Funktion der Gene ist nicht auf die einzelnen Gene reduzierbar, sondern nimmt die Form eines sich selbst regulierenden Netzwerks an, das auf sich dynamisch verändernde Umweltbedingungen innerhalb bestimmter Parameter flexibel reagieren kann.

        Insofern, ich glaube ich teile einige der Kritikpunkte von Buller wohl durchaus. Aber ich habe selbst auch eigene, die sich bei ihm nicht finden. Jedenfalls sehe ich sie nicht in dem Artikel besprochen, der ihn angreift. Außerdem muss ich sagen, dass mein Eindruck wohl ist, dass sein Buch doch das Wespennest etwas erschüttert hat, sonst würde wohl niemand einen derartig bissigen Review Artikel schreiben.

        Lustig ist auch noch dieser Satz: „Jerry Fodor displaying his poor understanding of proximate and ultimate levels of explanation“; wie schon gesagt, das „ultimate level“ ist überhaupt kein Level of Explanation. Es erklärt nichts, weil völlig unüberprüfbar ist was vor 30000 Jahren der Fall war. Ganz unabhängig von der Frage, ob Jerry Fodor nun richtig liegt oder nicht.

        Oder das hier: „Somehow, Buller seems to be under the impression that he can step in and generate better hypotheses, on the fly, than experts in their field who have been doing their research for more than two decades.“ Anrufung von Expertenautorität, nichts weiter. Allerdings, wenn man Wissenschaft, so wie ich, ebenfalls als eine Form von adaptivem Netzwerk sieht, besteht kein Grund zu meinen, 20 Jahre Vergangenheit, ließen notwendigerweise etwas für die nächsten 20 Jahre in der Zukunft erhoffen. Berühmt geworden ist ja die Aussage eines Physikers Ende des 19. Jahrhunderts: Die Physik sei quasi fertig. Experten sehen gerade weil sie Experten sind oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und wenn man dann noch etwas polemischer aufgelegt ist, darf man wohl sagen: 20 Jahre Experte von nichts zu sein, ist keine große Leistung. Solche Argumentationen sind übrigens auch ein schöner Fall um zu demonstrieren, wie wenig es z.T. in der real existierenden Wissenschaft um die reine Wahrheit geht; persönliche Eitelkeiten, ökonomische Interessen in der Forschungsfinanzierung, Gruppendynamik, Traditionsweitergabe durch Schulenbildung, Zitationskartelle etc. überlagern viel. Das führt dazu, dass bestimmte Wissenschaftler innerhalb bestimmter Paradigmen Jahrzehnte vor sich hinforschen können, ohne dass die Ergebnisse irgendeine mehr als eingebildete Substanz hätten. Ein großer Teil der Modelle der heutigen Makroökonomie, die mir bekannt sind, würde ich ebenfalls zu dieser Gruppe zählen.

        Von dieser Debatte um die theoretischen Grundlagen abgesehen würde ich übrigens nicht bestreiten wollen, dass die evolutionären Psychologen interessante Daten gefunden haben. Paradoxerweise mag gerade die Tatsache, dass sie so einen etwas kruden Evolutionismus vertreten dazu geführt haben, sich mit Themen zu beschäftigen, die ansonsten eher „igitt“ wären. Das aber nur so als Randnotiz.

  3. der kern von diesem fMRT ansatz ist die erkenntnis der „unterschiedlichen magnetischen Eigenschaften von oxygeniertem und desoxygeniertem Blut “

    MRT ist standart technologie. es kommt darauf an den ’sauerstoff-verbrauch‘ zeitlich zu dokumentieren.
    also unterschiedlich viel sauerstoff im blut ergibt unterschiede im magnetfeld das wird dann, wie bei einem wetterbericht die temperatur, eingefärbt.

    wo das problem für Schmitz liegt sehe ich nicht.

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