Political Correctness

Ich finde die Frage interessant, was genau Political Correctness eigentlich erreichen kann.

„Selbst-Diskriminierung“ oder „Selbstironie“ hat meiner Meinung nach den Effekt, dass man eine gewisse Entspannung zeigt. man macht deutlich, dass der andere nicht auf Zehenspitzen um solche Themen herumschleichen muss, sondern man damit umgehen kann. Wenn eine Frau sagt „

Ich habe – Frau wie ich bin – fünf Versuche gebraucht, um in die Parklücke zu kommen“,

dann ist dieses Eingeständnis, in diesem Punkt unter ein Klischee zu fallen, ein Signal, dass man den Umgang der Geschlechter entspannter sieht. und es erlaubt ihr Schuld von sich an die Gruppe (in diesem Fall Frauen abzugeben) Gleichzeitig ist – insbesondere nach einer solchen Erklärung – ein ebenfalls sexiistscher Witz der Gegenseite ein Zeichen, dass man sich nicht als Feind begreift. Den ein Freund oder eben auch ein Nichtfeind, darf einen Tabubruch eher begehen, eben gerade weil man weiß, dass er damit nichts böses bezweckt.

Dabei dient innerhalb dieses Tabubruchs die Überhöhung dazu, genau diese Nichtfeindlichkeit zu demonstrieren.

Unausgesprochen sagt der Verwender das Folgende:

Wenn er „Selbst-Diskrimierend“ ist:

Ich weiß, dass es Vorurteile über mich oder die Gruppe, der ich angehöre, gibt. Hier, ich spreche sie selbst aus. Keine Angst, ich kann mit diesen Vorurteilen umgehen, es ist kein Taboo um das du herumschleichen musst.“

Der „Diskriminierer“ sagt:

Ich mache hier mal einen Taboobruch. Ich begebe mich damit etwas in deine Hände. Denn du kannst mich daraufhin als Diskriminier outen oder mich deswegen ablehnen. Ich vertraue dir aber genug, um zu wissen, dass du mich richtig verstehst und weißt, dass ich nichts gegen dich habe“

Er kann, wenn die diskriminierte Minderheit nicht dabei ist, natürlich auch einen entsprechenden Appell machen:

Seht ihr ich mache mich angreifbar, indem ich etwas politisch nicht korrektes sage. Ich vertraue aber darauf, dass ihr das nicht gegen mich verwendet.

Letztendlich kann damit Diskriminierung ein Costly Signal sein, mit dem man eine In-Group erzeugt. Das macht bei „freundlicher Diskriminierung“, also der Benennung von Klischees ohne Böshaftigkeit gegen die Gruppe, die diese betreffen, den „Wert“ aus.

Das rechtfertigt natürlich nicht Diskriminierung an sich. Bösartige Diskriminierung oder Abwertung aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit oder das Festhalten an Klischees ohne Berücksichtigung des Individuums schon gar nicht. Ebenso sollte man Berücksichtigen, dass viele betroffene Menschen solche Anmerkungen eben sehr stören können, gerade wenn sie den anderen nicht einschätzen können und die Frage, ab wann ein Spruch ins bösartige umschlägt, von jeder Person anderes bewertet werden kann.

Es macht aber auch deutlich, warum die Leute auf übertriebene political Correctness genervt reagieren. Denn in diesem Fall wird dem Diskriminierten das Signal genommen, dass er die Sache entspannt sieht und dem Gesprächspartner des (potentiell) Diskrimierten die Möglichkeit, durch überzogene Diskriminierung Harmlosigkeit zu signalisieren.

Vielmehr bleibt die Gruppenzugehörigkeit evtl im Raum stehen, ohne das jemand etwas dazu sagt, was es viel unangenehmer machen kann.

81 Gedanken zu “Political Correctness

  1. PC ist eine Art Ersatzhandlung nach der Methode: „Ich kann/will zwar nicht verhindern, dass Schwarze von Nazis zusammengeschlagen werden. Ich diskutiere daher lieber akademisch, ob es „PoC“ heißt oder „farbig“ und protestiere gegen „Blackfacing“, wenn Schauspieler sich die Gesichter schwarz schminken.“

    PC richtet sich dabei immer an leichte Ziele, also Menschen die per se schon selbst nicht diskriminierend sein wollen.

    • Diese reinen Begriffskorrektheiten haben meiner Meinung nach nur eine kurze Lebenszeit. Das zeigt sich bei nigger, neger, schwarzer, farbiger, People of Color, PoC oder wie man die Kette auch immer bildet eigentlich recht gut.

      Die Begriffe sind kurzzeitig wertneutral. Dann werden sie mit den bestehenden Vorurteilen in Verbindung gebracht und nicht mehr als korrekt angesehen. Auch der korrigierte Begriff erleidet dann recht schnell dieses Schicksal. „PoC“ könnte sich vielleicht länger halten, weil er so künstlich und lang ist, dass man ihm außerhalb des korrekten schlichtweg nicht verwendet, was die Lebensdauer erhöht. Sobald aber das Ziel einer allgemeinen Übernahme erreicht ist, holen auch die Vorurteile wieder auf und der Begriff wird problematisch.

    • Das ohnehin. Deswegen werden ja immer sperrigere Begriffe erfunden.

      PoC wird gar nicht erst eingang in den normalen Sprachgebrauch finden. Daran kann sich dann die Rassismuskritik ausgiebig und lange aufhalten.

  2. PC ist der Sargnagel einer jeden freiheitlichen Gesellschaftsordnung, ein Machtmittel zur Bestimmung des Leit-Diskurses. Dabei sind Vor-Urteile, sofern sie nicht der Rechtsordnung widersprechen (Beleidigung usw.), eine inhärent menschliche Eigenschaft der Weltaneignung, der Identitätsausprägung in einer jeweiligen Gruppenzugehörigkeit. Wie sehr dieser Diskurs pervertiert ist, zeigt sich, wenn es bestimmten Gruppen dem Zeitgeist entsprechend erlaubt ist, politisch inkorrekt zu hetzen, anderen nicht, politisch inkorrekt zu argumentieren.

    Bsp.:
    – Feministinnen gegenüber Männern,
    – Lesben gegenüber (F-M)Transsexuellen,
    – Ökobewegte gegenüber Klimarealisten,
    – Eurokraten gegenüber konservativen Bürgern
    – Linke gegenüber dem Christentum
    usw.

    • @ Terminatus

      volle Zustimmung, Terminatus

      PC ist mit seinen Srprachregelungen ein sehr effektives Mittel der Diskurslenkung und Zensur.

      Wer definiert, was anzusprechen und wie es anzusprechen ist, ist damit von Anfang an in der Vorhand, in jeder diskursiven Situation.

      Vor allem die Linke ist heutzutage in der Position, zu definieren, was politisch korrekt ist und stempelt alles als inkorrekt, verwerflich-rassistisch, sexistisch, was nicht in ihr Weltbild passt.

      Sehr bequem, das.

      Dabei geht es nicht einfach nur um das Bekämpfen von Vorurteilen, sonderna auch unangenehme (für linke Ideologen unangenehme) Asöekte der Realität sollen so nicht mehr angesprochen werden dürfen.

      Letzten Endes wird daduch in gutmenschlicher Heimtücke angestrebt, ohne offensichtliche Zensur den Bereich des Sagbaren im eigenen Interesse für die Gegner der eigenen Position zu beschneiden, den eigenen Standpunkt als das allgemeingültig Gute, als das allein noch Äußerbre durchzusetzen.

      So wird Stück für Stück der Bereich des Sagbaren eingeengt.

      Dahinter steckt die sozialkonstruktivistische Hoffnung, dass die Manipulation des Sagbaren auch zu einer politisch erwünschten Manipulation der Wahrnehmung führt, weil vorausgesetzt wird, dass nur das, was sagbar ist, auch wahrnehmbar sei.

      Und da alles an Wahrnehmung, was linker Ideologie widerspricht, nur Fehlwahrnehmung = Vorurteil sein kann, hofft man durch Regulierung der Sprache die Ralität in Richtung der eigenen politischen Vorlieben verändern zu können.

      Erreicht damit aber nur, dass die noch führbraran öffentlichen Diskurse immer irrealer, immer verlogener werden.

      Weil immer mehr Menschen, sich an den moralischen Druck im definierten Sinne korrekt sein zu wollen, immer weniger die Wahrheit sagen, immer weniger erkennen lassen, was sie tatsächlich denken.

      Das spricht sich dann umso ungehemmter im Internet aus, wo die Tyrannei der „Tugendhaften“, dank Anonymität, noch nicht greift.

      Politische Korrektheit ist das Signum eines neuen Jakobinertums.

      • @ PS:

        *Weil immer mehr Menschen, sich an den moralischen Druck im definierten Sinne korrekt sein zu wollen, immer weniger die Wahrheit sagen, immer weniger erkennen lassen, was sie tatsächlich denken.*

        Da fehtl „anpassend“.

        Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – ach quatsch, eine Korrekturfunktion würde mir ja bereits genügen.

  3. Manche Vertreter der PC argumentieren unlauter. Sie tun so, als sei PC lediglich dazu da, einen Schwarzen nicht Neger und einen Schwulen nicht schwule Sau zu nennen, weil dies beleidigend und abwertend sei.
    Soweit handelte es sich tatsächlich bloss um elementaren menschlichen Anstand, der eingefordert wird. Leider gibt es eine Menge Dummköpfe, die glauben, es gehe im Kern der Sache um das Recht, einen Schwarzen Neger und einen Schwulen schwule Sau zu nennen.

    Aber PC ist natürlich weit mehr als die Ermahnung, elementare Anstandsregeln zu beachten. PC stützt sich auf politische Theorien, die davon ausgehen, dass mittels Sprachnormierung politische Realitäten geschaffen werden können. Deshalb wird die Sprache im Hinblick auf politische Zielvorstellungen normiert und die Einhaltung der aus der politischen Theorie abgeleiteten Sprachregelungen eingefordert.

    Das Bewusstsein soll mittels der normierten Sprache im Sinne der politischen Zielvorstellung strukturiert werden. Das erinnert doch stark an George Orwells Newspeak und manchmal beschleicht mich der Gedanke, die Apologeten des PC hätten G.Orwells „1984“ als Handlungsanleitung gelesen. Das ist eine totalitäre Denke, unabhängig davon, ob die Sprachnormierung der PC tatsächlich das leistet, was sich ihre Befürworter versprechen.

    • @ Peter

      *Leider gibt es eine Menge Dummköpfe, die glauben, es gehe im Kern der Sache um das Recht, einen Schwarzen Neger und einen Schwulen schwule Sau zu nennen.*

      Das sind in der Regel keine Dummköpfe, sondern sehr planvoll handeldne, alles andere als naive Ideologen.

      Sie kennen die Schwächen ihrer Position sehr genau und stempeln genau das als politisch inkorrekt ab, was die wunden Punkte ihrer „Denke“ bloß legt, immunisieren sich so gegen Kritik.

      • Das sind in der Regel keine Dummköpfe, sondern sehr planvoll handeldne, alles andere als naive Ideologen.

        Sie kennen die Schwächen ihrer Position sehr genau und stempeln genau das als politisch inkorrekt ab, was die wunden Punkte ihrer “Denke” bloß legt, immunisieren sich so gegen Kritik.

        Hab ich nicht verstanden.

      • @ Peter

        Diese Ideologen wissen in der Regel z.B., dass sie für ihre Behauptung, Männer und Frauen seien gleichartig, weshalb alle Verteilungsunterschiede nur durch Benachteiligung/Privileg erklärbar wären, nicht aber durch systematisch anderes Entscheiden von Männern und Frauen, durch anders gelagerte Vorlieben/Begabungsschwerpunkte, keine empirisch validen Studien beibringen können.

        Die Empirie weist in die andere Richtung.

        Darum wird es frauenfeindlich-sexistisch genannt, darauf hinzuweisen, dass Frauen im Schnitt anders als Männer sind, pulverisierte doch die Kenntnisnahme dieser Tatsache das Fundament des politisch so überaus einträglichen Frauen-sind-die-unschuldigen-Opfer-böser-Täter-Männer-Feminismus.

        Es gäbe keine Rechtfertigung mehr für Quotensänften, Frauenförderung, Frauenprivilegien, Rosinenpickerei etc.

      • Ja, Meister. Aber meine Bezeichnung „Dummköpfe“ war an diejenigen gerichtet, welche PC ablehnen und auf den Unsinn, PC wäre im Wesentlichen lediglich die Ermahnung, elementare Anstandsregeln zu beachten, einsteigen.

        Das ist wirklich dumm, denn sie stützen damit die PC-Jünger. PC abzulehnen. um das Recht zu bewahren, einen Schwarzen Neger zu nennen, im Wissen, dass er es als Beleidigung auffasst, ist von solch erlesener Einfalt und selbstverständlich kontraproduktiv!

        Tja, ein Problem der Männerrechtsbewegung ist: Was brauchen wir Feinde, wir haben doch unsere Freunde!

      • @ Peter

        *Aber meine Bezeichnung “Dummköpfe” war an diejenigen gerichtet, welche PC ablehnen und auf den Unsinn, *

        Ah, das, Magister helveticus, hatte ich dann falsch verstanden.

        Liegt wohl am Echorausch, hat mich doch Tippse gestern abend genötigt, eine zweite Flasche Wein zu bestellen und mich diese dann fast alleine trinken lassen.

        Tippse ist ja meistens schuld.

        Wer denn sonst?

        Andererseits vergebe ich ihr auch gerne, das ego te absolvo geht mir leicht über die Lippen, zumal sie ihre Schnute dabei regelmäßig ausfährt und geknutscht werden will.

        Na ja, man hat auch Pflichten.

    • @ Adrian

      Das ist naiv, Adrian, gilt vielleicht am Stammtisch und im Alltag, längst nicht mehr in der Academia, auch nicht innerhalb der Behörden, wo der Politruk des Staatsfeminismus, also die Gleiochstellungsbeauftragte, jeden, der sich nicht an die durchgesetzten Sprachregelungen halten mag, als frauenfeinldich ausschreien kann.

      Selbst ein international renommierter Wissenschaftler wie Martin van Creveld wird vor den PC-Bus gestoßen, wenn der PC-Lynchmob es fordert.

      http://www.welt.de/kultur/history/article13693394/Wenn-Maenner-sich-schlagen-erregt-das-die-Frauen.html

      Was weniger renommierten Wissenschaftlern, die vielleicht in diesem Klima noch etwas werden wollen, passiert, kannst Du Dir vielleicht denken.

      Sie passen sich an, reden öffentlich anders als privat.

      Was hier läuft, ist flächendeckener McCarthyismus von links.

      • „jeden, der sich nicht an die durchgesetzten Sprachregelungen halten mag, als frauenfeinldich ausschreien kann.“

        Und? Schrei doch zurück!

        „Was hier läuft, ist flächendeckener McCarthyismus von links.“

        Das verharmlost den McCarthyismus doch um einiges.

      • @ Adrian

        Nein, keineswegs.

        Der McCarthyismus von rechts wurde von außen an die Academia herangetragen, im Wesentliochen aus der Politik heraus in sie hinein.
        Die von der Poltik Ostrazierten erfuhren innerhalb der Academia, von Kollegen, selbst wenn diese konservativ waren, in der Regel Solidarität.

        Der McCarthyismus von links kommt von innen, arbeitet darum wesentlich geräuschloser, weil kein Protestlärm gemacht wird, weil die Medien in überwältigender Mehrheit an der Seite der heutigen Hexenjäger stehen („Kampf gegen Rechts“ – und rechts ist mittlerweile, von linksaußen gesehen, bereits der „Extremismus der Mitte“ – welch verräterischer Begriff).

    • @Adrian

      Ich denke es gibt schon sehr problematische Formulierungen, die man in der Tat meiden sollte und natürlich kann man nicht einfach alles damit rechtfertigen, dass es nur übertriebener PC-Wahn ist.

      Aber ich denke es gibt auch einen Bereich, wo mit der passenden Formulierung kein wirklich Mehrwert mehr verbunden ist und wo es tatsächlich darum geht, sich selbst zu erhöhen. Wie fast immer ist die Übertreibung einer solchen Position das Problem.

      Im Geschlechterbereich zB möchte ich noch mal auf diesen Artikel
      https://allesevolution.wordpress.com/2012/03/06/humor-und-ideologie/

      und das dort verlinkte
      http://kackscheisse.soup.io/

      hinweisen.

      Vieles was dort verlinkt ist ist nur unter dem Gesichtspunkt übertriebener PC problematisch würde ich sagen. Wenn jede Anführung eines Geschlechtersunterschiedes bereits sexistisch ist, dann ist das aus meiner Sicht reine politische Korrektheit

  4. Die substanziellen Kritikpunkte sind nicht neu und ich kann sie größtenteils nachvollziehen. Auch ich sehe PC und überhaupt diese deduktiven Prozesse sehr kritisch, wobei PC häufig als viel autoritärer wahrgenommen wird, als es eigentlich gemeint ist. Häufig geht es um Begriffe, die von Minderheiten oder Lobbygruppen versucht werden zu etablieren, um auf Diskriminierung aufmerksam zu machen, wird dann aber als totalitär und zensierend empfunden von den Märtyrern der Meinungsfreiheit.

    Diese extrem ablehnende Haltung gegenüber sensiblem Sprachgebrauch hat schon oft einen sehr braunen Unterton muss ich sagen, steht in der Tradition von „Politically incorrect“.

    PC hat mit Sicherheit schlimme Auswüche genommen, die auf der Gegenseite sind aber oft wesentlich schlimmer.

    • hi morloff

      „…braunen Unterton…“
      war irgendwie unvermeidlich das godwin vorbeikommt oder? (godwin’s law) damit hast du mich restlos überzeugt das du zu den guten gehörst und wiedersprechen nahezu ein sakrileg.

      „…sensiblem Sprachgebrauch…“
      die gleichen gruppen die genau das einfordern, ignorieren ihre eigenen forderrungen wenn es z.b. um den papst besuch oder allgemein um christen geht. das geht dann ganz schnell soweit das dann gefordert/gehofft wird das kirchen brennen, in zusammen hang mit änschlägen. christliche symbole in den dreckgezogen werden genau genommen war das kot. bibeln zu verbrennen ist die leichteste übung….
      aber uralte kinderbücher umschreiben weil da ‚falsche‘ wörter benutz werden an denen anstoss genommen werden könnte.
      verlogener gehts kaum noch, das ist PC in reinkultur.

      „PC hat mit Sicherheit schlimme Auswüche genommen, die auf der Gegenseite sind aber oft wesentlich schlimmer.“
      die gegenseite von PC ist meinungefreiheit und ist die grundlage von demokratie, ist wirklich schlimm wenn menschen unterschiedliche meinungen haben. so haben bestimmt auch honnecker und co gedacht…

  5. In jedem auf Gruppen bezogenen Vorurteil oder
    Klischee steckt halt meist ein Körnchen Wahrheit.
    Durch PC Sprachregelungen wird ein Vehikel für
    den Abbau von sozialen Spannungen behindert,
    was eher zu grösserer Aggressivität im individuellen
    Umgang führt.
    Durch das Gefühl der Beschränkung der persönlichen
    Meinungsfreiheit durch eine übergeordnete Macht,
    deren Deutungshoheit man nicht akzeptiert, entsteht
    viel Frust und unterschwelliger Hass.
    Gut sichtbar an der veröffentlichten Meinung in
    den Main Stream Medien und dem was ein grosser
    Teil der Bevölkerung denkt. Diese Diskrepanz kommt
    z.B. in Leserzuschriften und im Netz zu Vorschein.

    • „Durch das Gefühl der Beschränkung der persönlichen
      Meinungsfreiheit durch eine übergeordnete Macht,
      deren Deutungshoheit man nicht akzeptiert, entsteht
      viel Frust und unterschwelliger Hass.“

      Das sehe ich in der Tat als großes Problem an. Politische Inkorrektheit, insofern sie nicht ausufert oder strafrechtlich relevant wird, ist oftmals ein Ventil. Ich habe das Gefühl, dass sich PC auch dort, wo sie gutgemeint ist, letztlich als kontroproduktiv erweist. Irgendwann muss der Ärger raus. Zumal, und das dürfen wir nicht vergessen, scheint jeder! Mensch ein solches Ventil zu brauchen, egal welcher Rasse, welchen Gechlechts, welcher Religion oder Orientierung er angehörig ist.

      Es gibt Witze über „Heten“, „Homos“, „Lesben“, „Transen“, „Transsexuelle“, „Ösis“; „Piefkes“, „Große“, „Kleine“, „Dicke“, „Dünne“, „Männer“, „Frauen“, „Blondinen“, „Dunkelhaarige“, „Junge“, „Alte“, „Potente“, „Impotente“, „Christen“, „Juden“, „Moslems“ – und das ist auch gut so (nur über linke Gutmenschen darf man sich nicht lustigmachen, da hört der Spaß bald auf; fragt nur Herrn Fleischhauer).

      • „Nur über linke Gutmenschen darf man
        sich nicht lustigmachen.“

        Der typische linke Intellektuelle fühlt sich
        ,aus zwei sich widersprechenden Gründen, normalen
        Personen überlegen:
        1.Er proklamiert dauernd die Gleichheit aller Menschen.
        2.Er hat einen hohen IQ sie sind dumm.

    • Durch das Gefühl der Beschränkung der persönlichen Meinungsfreiheit durch eine übergeordnete Macht,
      deren Deutungshoheit man nicht akzeptiert, entsteht
      viel Frust und unterschwelliger Hass.
      Gut sichtbar an der veröffentlichten Meinung in
      den Main Stream Medien und dem was ein grosser
      Teil der Bevölkerung denkt. Diese Diskrepanz kommt
      z.B. in Leserzuschriften und im Netz zu Vorschein.

      Das ist bemerkenswert und ich versteh nicht, dass morloff das mit der Bemerkung „Küchenpsychologie“ so nonchalant abbürstet.

      Die rosenbrocksche Theorie dazu ist: Die Untergrundbewegung „Heil dir Antifeminismus“ hat sich vernetzt und ruft regelmässig über das Internet dazu auf, sämtliche Kommentarspalten der Medien mit ihren antifeministischen Beiträgen zu fluten. Eine kleine Minderheit von einigen hundert Antifeministen hat sich so die Diskurshoheit in den Kommentarspalten gesichert, während sich der anständige und rechtschaffene Bürger (damit ist der Feminist gemeint) erschrocken ob der määähanschänverachtenden Sprache abwendet.

      Glaub ich nicht. Die veröffentlichte Meinung ist kein Abbild der öffentlichen. So siehts aus. Die Rosenbrocksche Beschwörung, es sein nur ein paar hundert (humm, er denkt an dreihundert nehm ich an), das ist das Pfeifen im Walde.

      • „Das ist bemerkenswert und ich versteh nicht, dass morloff das mit der Bemerkung “Küchenpsychologie” so nonchalant abbürstet.“

        Vom Bauchgefühl her habe ich ein gewisses
        Verständnis für die Reaktion von morloff.
        In einem früheren Strang habe ich die
        akademische Psychologie als wenig hilfreich
        für praktische Belange bezeichnet.

  6. Ich glaube das Problem mit Rassismus in den USA beispielsweise, ist eigentlich nicht die Diskriminierung an sich, sondern die offensichtliche ökonomische Ungleichheit, die einen quasi farblich-kodiert ins Auge springt. Typische Szene in einer reichen amerikanischen Uni-Mensa in einer Stadt, in der viele Schwarze wohnen: Die Schwarzen kochen, die anderen essen (also an der Uni meist Weiße und Asiaten). Aber an Stelle sich die Frage zu stellen, wie mit der Ungleichheit umgegangen werden soll, werden Ersatzhandlungen durchgeführt, die in immer mehr Verboten enden. Wobei die Verbote ja eigentlich Verbote sind, die Ungleichheit in bestimmter Weise zu benennen. Ich glaube das hat damit zu tun, dass unsere Gesellschaften einerseits einer Ideologie des individuellen Lebensglücks anhängen: jeder kann alles machen, was ihm Spaß macht. Andererseits dann aber eine Ideologie brauchen, die erklärt warum de facto doch nicht alle das machen können, was ihnen Spaß macht, sondern einige z.B. Toiletten putzen müssen während andere ihren Sportwagen fahren gehen. Nur wenn man nämlich alle „Diskriminierung“ eliminiert, kann man nachher guten Gewissens sagen: An der bestehenden Ungleichheit seid ihr selbst schuld. Man kommt zwar in der Wirklichkeit nie an diesen Punkt, aber man bemüht sich ja wenigstens! Und es nicht klappt? Dann lasst uns unsere Anstrengungen eben intensivieren! Diese Ideologie der politischen Korrektheit sehe ich daher eigentlich als eine ideologische Maschine zur Produktion guten Gewissens.

    Die Sache mit dem Abbau der sozialen Spannungen kann man so oder so sehen. Ich sehe auch die Gefahr, dass sich die Probleme gerade nicht mehr artikulieren lassen und es dann irgendwann ein böses Erwachen gibt. Andererseits sind bestimmte Grenzen im Abbau von Spannungen auch notwendig. Auch Massenterror ist ein Abbau sozialer Spannungen, Hexenverfolgung ebenfalls (übrigens sehr „basisdemokratisch“), Genozid ebenfalls. Alles nicht unbedingt wünschenswert.

    Und zu der Behauptung politische Korrektheit sei vornehmlich ein Phänomen „von links“ muss ich sagen: Was ist denn mit Begriffen wie „unamerikanisch“ oder „Beleidigung des Türkentums“? Ich denke das funktioniert sehr ähnlich wie „sexistisch“ oder „rassistisch“, allein die Richtung ist eine andere. Beim einen Mal wird unterstellt man lebe in einer substanziellen Gemeinschaft, die irgendjemand dann mit seinen abweichenden Meinungen verrät, das andere Mal, man verweigere sich dem notwendigen Fortschritt. Politische Korrektheit von rechts mag in Deutschland aus naheliegenden historischen Gründen heute eher out sein. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Der Versuch mit Hardcore-Katholiken über Abtreibung zu diskutieren wird ähnliche Resultate hervorbringen, wie man sie bei Hardcore-Feministinnen erzielt, wenn man ihnen weismachen will, dass Frauen nicht so sind, wie sie sich das herbeifantasieren.

    • @Itsme

      „Ich sehe auch die Gefahr, dass sich die Probleme gerade nicht mehr artikulieren lassen und es dann irgendwann ein böses Erwachen gibt.“

      Solche Eruptionen durch das Losbrechen von
      aufgestauten Ressentiments hat es ja in der
      Vergangenheit leider immer wieder gegeben.
      Falls die Schuldenkrise zu einer grossflächigen
      wirtschaftlichen Katastrophe führt muss man
      Entwicklungen in diese Richtung befürchten.

      „Andererseits sind bestimmte Grenzen im Abbau von Spannungen auch notwendig.“

      Gewisse Grenzen sind ja in den meisten sog.
      zivilisierten Ländern im Sinne von Gesetzen
      gegen Verleumdung und Rassismus zu Recht
      gesetzt.

  7. @terminatus, Roslin, …
    Wie kommt ihr eigentlich auf die Idee, immer auf „linke Gutmenschen“ abzustellen? Wo kommen solche Leute vor? In der Politik dürften die nirgends präsent sein, außer in nicht-leitender Funktion auf der Oppositionsbank. Warum also schiebt ihr Leuten, die es nicht gibt oder die nichts zu sagen haben, die derzeit populäre Methode der Zensur („politische Korrektheit“) in die Schuhe?

    Politisches Handeln und politische Lager driften seit Jahrzehnten nach rechts ab. Das hat zur Folge, dass Positionen, die vor 30 Jahren noch als rechts galten, heute in der Mitte oder „links“ angekommen sind. Der Rechtsextremismus ist eigentlich schon immer bei bürgerlichen Parteien oder Volksparteien salonfähig gewesen. Zusätzlich driften sie in allen Positionen extrem nach rechts ab. Der Begriff der „Rechten“ ist mittlerweile fast inhaltsleer, weil sich alle Parteien dort sammeln.

    Ich weiß daher nicht, worüber ihr klagt. Eine Linke spielt in der realen Politik keine Rolle. Natürlich gibt es „linke“ Gruppen, Diskussionen usw. Aber nirgends in Deutschland hat die Linke in Parlamenten, in Einrichtungen oder sonst bei der Ausgestaltung von Politik etwas zu melden. „Die Linke“ sind ein paar Tausend Leute, die im Netz oder beim Treffen ihrer jeweiligen Grüppchen folgenlos ihre Lamenti loslassen. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es keine Linke. Linke sind komplett wirkungslos. Ihr seid so hochgradig paranoid, dass ihr schon Gespenster seht.

    • Nun, weil erstens ein Großteil der Journaille sich als links, als den Grünen, Sozialisten nahestehend bezeichnet. Weil der propagierte Konsens zweitens sicherlich kein konservativer ist. Was ist mit dem Feminismus, der sich als links generiert?

      Ich kann deine Aussagen nicht nachvollziehen. Meines Erachtens ist die Politik in den letzten Jahren eindeutig nach links und nicht nach rechts gerückt. Wäre dem so, hätte Sarrazin nicht so ein politisches Desaster ausgelöst.

      Komisch, wenn es die „Linke“ nicht gibt, wer hat dann im Saarland über 15% der Stimmen bekommen?

      • Nun, weil erstens ein Großteil der Journaille sich als links, als den Grünen, Sozialisten nahestehend bezeichnet.

        Die einzige Tageszeitung, die man irgendwie als links bezeichnen könnte, ist die „Junge Welt“. Die Grünen sind eine rechts-konservative Partei. Dass deren Positionen en vogue sind, stützt also meine These vom Rechtsruck der Politik. Wen du mit „Sozialisten“ meinst, weiß ich nicht. In Deutschland gibt es keine sozialistische Partei. Die Partei „Die Linke“ (PDL) ist sozialdemokratisch. Sie nimmt z. T. den Platz der alten SPD der 70er-Jahre ein. Die SPD ist seit Jahrzehnten auf neoliberalem Kurs. Links war sie ihrem Selbstverständnis nach nie. Als traditionelle Verräterpartei suchte sie schon immer die Kollaboration mit dem Kapital.

        Meines Erachtens ist die Politik in den letzten Jahren eindeutig nach links und nicht nach rechts gerückt.

        Weil Neoliberalismus so rechts ist, dass er die Skala sprengt und schon wieder links ist?

        Wäre dem so, hätte Sarrazin nicht so ein politisches Desaster ausgelöst.

        Dem Rechtsruck ist es wahrscheinlich auch geschuldet, dass Sarrazin auf so breite Zustimmung in ganz „normalen“ bürgerlichen Schichten stieß. Sein Buch fand ja, obwohl es nur aus unhaltbarem und rassistischem Blödsinn bestand, den sich Sarrazin zugegebenermaßen nur zum Zweck der Hetze aus den Fingern gesogen hat, reißenden Absatz.

        Komisch, wenn es die “Linke” nicht gibt, wer hat dann im Saarland über 15% der Stimmen bekommen?

        Wie gesagt, die PDL ist nicht links, sondern sozialdemokratisch, reformistisch-illusionär und mit Ausnahme der Kommunistischen Plattform prokapitalistisch.

      • @ Zhen
        MIr scheint, wir beide verstehen unter Links und Rechts nicht dasselbe. Hast du Sarrazins Buch gelesen? Es sind genug Fakten angehäuft. Aus welcher Motivlage heraus, Sarrazin dieses Buch schrieb, weiß ich nicht.

      • @terminatus
        Sarrazin sagte mal über sein Buch, er habe „Fakten“ so erfunden, dass sie zu seiner Theorie passen. Wozu sollte man ein angebliches Sachbuch lesen, wenn es der Autor gleich selbst als Fiktion disqualifiziert? Außerdem sind seine Thesen – wie sie auch von ihm über die Medien über Monate kommuniziert wurden – auf den ersten Blick falsch. Sie wurden im öffentlichen Diskurs ausführlich widerlegt.

        Nun aber zum Neoliberalismus: Von Hayek und Friedman, die die heutige Politik vorgezeichnet haben, waren für dich also Linke? Komisch, denn sie haben sich mit ihrem Neoliberalismus explizit gegen den Marxismus in Stellung gebracht.

        • Hast du Belege für die Aussage von Sarrazin und die Behauptung, der öffentliche Diskurs hätte die Thesen, vor allem für mich interessant in Hinblick auf seine Aussagen zur Intelligenz, Intelligenzforschung, ausführlich widerlegt?

          Hayek und Friedman haben mit Sicherheit nicht die heutige Politik der „Die Linke“ und „Die Grünen“ vorgezeichnet. Das kannst du mir nicht erzählen. Neoliberalismus als solcher mag in weiten Teilen der CSU, CDU und FDP seine Anhängerschaft haben, für die SPD sehe ich dies so nicht. Ich glaube wirklich, dass sich unsere Auffassung von Rechts und Links unterscheidet und wir aneinander vorbeireden. Wenn ich von Rechts spreche, referiere ich meist auf Rechtsradikale, Faschisten udgl.

      • http://idw-online.de/pages/de/news384817

        Hayek und Friedman haben mit Sicherheit nicht die heutige Politik der “Die Linke” und “Die Grünen” vorgezeichnet.

        Die Grünen waren mit der SPD am neoliberalen Projekt „Agenda 2010“ beteiligt. Die Grünen sind eine FDP mit Ökoanstrich.

        Wenn ich von Rechts spreche, referiere ich meist auf Rechtsradikale, Faschisten udgl.

        Ja, und genau dort sind die Regierenden und die meisten Parteien angekommen, bzw. waren schon immer dort. Warum wohl haben sich Politiker für Deutschland (sic!) geschämt, als der rechte Terror aufflog? Weil sie sich mit den Zielen der Nationalisten identifizieren. Sie sind ja selbst Nationalisten. Nur Leute einfach so abzuknallen geht dann doch ein bisschen zu weit für unsere Salon-Nazis. Ein Rechtsstaat kann das „Problem“ der Überfremdung eleganter lösen.

      • „Die Grünen waren mit der SPD am neoliberalen Projekt „Agenda 2010“ beteiligt. Die Grünen sind eine FDP mit Ökoanstrich.“

        Absolut richtige Aussage!

      • Das sehe ich nicht so. Zumal es laut Interpol mehr linksextremen als rechtsextremen Terror gibt.

        Für Deutschland und Europa gilt das sicher nicht. Hier wurden seit der Wende von Nazis an die 200 Menschen ermordet, Breivik tötete um die 70. Von Linken ist mir seit der RAF mit ihren 34 Opfern kein Terrorismus bekannt. Im Zusammenhang mit der RAF kann man auch kaum von Terrorismus sprechen, weil sich ihre Taten nie gegen das Volk richteten, nie das Volk einschüchterten. Sie befand sich im (leider erfolglosen) Guerillakampf gegen die herrschende Elite und das sahen auch breite Teile des Volkes so, die offen mit der RAF sympathisierten.

  8. @Zhen

    Nein, die Sache ist die: Eigentlich haben sich alle größeren Parteien mit dem status quo derart arrangiert, dass sich keine fundamental unterschiedlichen Weltanschauungen mehr gegenüberstehen. Sigmar Gabriel hat, soweit ich mich erinnere, die SPD im letzten ZDF Sommerinterview als „wertkonservative Partei“ bezeichnet, weil sie ja die Werte der Aufklärung verteidige. Er fand offenbar gar nichts dabei etwas derartig absurdes zu sagen. Absurd, denn die Aufklärung hatte niemals „Werte“, noch war die Aufklärung jemals konservativ. Die „Werte“ wurden von der deutschen Universitätsphilosophie zwischen 1860 und 1880 erfunden. Und interessanterweise fand man diese „Werte“ gerade in einer ideologischen Gegenbewegung gegen die aufstrebende Arbeiterbewegung, also die SPD bzw. ihre Ahnen. Es ist also schon etwas seltsam solche Bemerkungen zu hören. Aber gewissermaßen auch symptomatisch für das, was gerade passiert. Inhaltlich verschmelzen die hauptsächlichen Parteien zu einer Art großem ideologischen Block. Zugleich ist nämlich auch die CDU nicht mehr weltanschaulich konservativ, und Angela Merkel ist das beste Beispiel dafür. Wehrpflicht, Familienpolitik, Europapolitik, Energiepolitik etc. wird alles lediglich nach pragmatischen Kriterien ausgerichtet. Und das in einer Geschwindigkeit, die auch zeigt: Der Widerstand ist schwach.

    Ich finde Du sagst sehr richtig: „Der Begriff der „Rechten“ ist mittlerweile fast inhaltsleer, weil sich alle Parteien dort sammeln.“ Ich denke er ist es. Aber die Konsequenz daraus ziehst Du nicht. Für mich heißt das, dass auch die Begriffe „Links“ und „Liberal“ inhaltsleer werden. Man kann nämlich auch sagen: Alle Parteien sind irgendwie „links“ oder „liberal“, alle wollen „sozial“ und „freiheitlich“ sein. Mal bin ich konservativ, mal bin ich liberal, mal bin ich christlich-sozial hat Merkel ja mal gesagt. Historisch sind diese drei Bewegungen Kinder von 1789. Wenn das verschwindet, dann wird in Zukunft etwas sehr bedeutsames passieren. Ich kann immer nur wieder sagen, wir leben in interessanten Zeiten.

    Ich glaube nämlich, das was Du unter „Links“ verstehst wird nicht wiederkommen. Das langsame Verschwinden des Mythos vom Klassenkampf, die Tragödien des Stalinismus und Maoismus, schließlich das langsame Siechtum des real existierenden Sozialismus – ich glaube nicht, dass eine Anknüpfung daran noch einmal möglich ist.

  9. Ich kann mir nicht helfen, aber in meinem Freundeskreis sind sexistische Bemerkungen überhaupt kein Thema. Stehen wir damit so alleine? Weder würde eine Frau in meinem Freundeskreis von sich (wenn auch scherzhaft) behaupten, ein Problem beim Einparken gehabt zu haben, nur weil sie eine Frau ist, noch würde ihr ein Mann meines Freundeskreises das unterstellen. Umgekehrt (sexistische Bemerkungen über Männer) genauso wenig.

    Ich meine, sorry. Wenn ich ein Problem beim Einparken habe, dann, weil ich es nicht genug geübt habe und nicht, weil ich eine Frau bin. Hatte leider auch noch kein eigenes Auto, da ist man immer besonders vorsichtig. Wenn da jetzt jemand käme und einen „Frauen und Einparken“-Witz bringen würde… Es ist schlichtweg primitiv und damit nicht witzig. Also warum sich daran aufhalten. Wir haben doch alle besseres auf Lager.

    Das hat nichts mit PC zu tun, sondern mit Niveau.

  10. in meinem Freundeskreis sind sexistische Bemerkungen überhaupt kein Thema.

    Steile Ansage von einer selbstbezeichneten „Thekenschlampe“.

    Es ist schlichtweg primitiv
    Das hat nichts mit PC zu tun, sondern mit Niveau.

    Möglich. Aber kannst Du das auch so formulieren, daß es nicht tierisch herablassend rüberkommt?

    Wobei, nachdem ich ein paar Artikel in Deinem Blog gelesen habe… Das war ironisch gemeint, oder?

    FTR: Ich kann Aussagen wie „Ich kann das nicht, ich bin halt ein Mann“ auch nicht leiden. Zum einen, weil der Sprecher damit eben nicht nur eine Aussage über sich selbst macht (Selbstironie wäre „ich kann das nicht, ich bin halt doof“.), sondern auch über die Gruppe, der er selbst angehört und das deren „Sprecher“ er sich in diesem Moment geriert. Aus der Aussage „ich kann das nicht“ ist plötzlich „alle Männer können das nicht“ geworden, und weil es ja von einem Mann kommt, muß oder kann es zumindest wahr sein. (*) Aber die Logik dahinter war ja gerade das Thema von Christians Artikel, wobei ich einen großen Unterschied sehe, ob sowas unter vier Augen oder öffentlich geäußert wird. (Oder gleich im Fernsehen, wie bei „W wie Wissen“ vor einigen Wochen.)

    Zum anderen wird aber das Vorurteil benutzt, um das eigene Unvermögen zu entschuldigen. Ich kann das nicht deshalb nicht, weil ich es nicht (genug) geübt habe oder weil ich es noch nie versucht habe oder weil ich es garnicht tun will, nein, ich kann es überhaupt nicht können, weil ich ein Mann bin. (Natürlich kommt es darauf an, was „es“ im konkreten Fall ist. Wenn es sich offensichtlich um einen Witz handelt, sind wir wieder beim Artikel.)

    B20

    (*) Wobei es sich natürlich so verhält, daß eine negative Allaussage einer Frau über Männer jederzeit politisch korrekt ist, der umgekehrte Fall aber keineswegs. Naja, manche Männer wären beleidigt, wenn eine Bekannte ihnen gegenüber äußert, Männer seien Schweine, andere würden sie noch entschuldigen. Entspanntheit ist da vermutlich eine DHV.

    • „Steile Ansage von einer selbstbezeichneten “Thekenschlampe”.“

      Dieser „Titel“ wurde mir nicht von meinen Freunden verliehen, sondern ist in der Gastro die inoffizielle Jobbezeichung für das, was ich tue. Ich hätte mich entweder endlos darüber aufregen oder ihn mir einverleiben können. Hab mich für letzteres entschieden.

      „Möglich. Aber kannst Du das auch so formulieren, daß es nicht tierisch herablassend rüberkommt?“

      Eigentlich sollte es etwas herablassend sein, also nein.
      Warum sollte das ironisch gemeint sein? Weil mein Blog auch niveaulos ist in deinen Augen? Der ist, wie man unschwer erkennen kann, nicht politisch.

      Beim Rest stimme ich dir zu. Ich hasse es, wenn eine Frau von sich behauptet, dies und das nicht zu können, weil sie eine Frau ist. Die johlende Zustimmung der anwesenden Männer ist ihr damit sicher, während man selber als humorlose Spielverderberin dasteht, wenn man nicht mitjubelt. Aber warum sollte ich jubeln, wenn ich gerade über zwei Ecken beleidigt wurde?
      Selbst wenn es als Witz gemeint ist (das kann ja auch kaum jemand ernst meinen), ist der halt schlicht nicht witzig.

      • @Robin

        [„Thekenschlampe“]
        Ich hätte mich entweder endlos darüber aufregen oder ihn mir einverleiben können. Hab mich für letzteres entschieden.

        Na, zwischen endlos aufregen und als Bloguntertitel benutzen sehe ich ja noch ein paar mögliche Zwischenstufen. Aber die Schlampenmärsche letztes Jahr habe ich ja auch schon nicht verstanden…

        Warum sollte das ironisch gemeint sein?

        Weil ich da gerade diesen Blogpost von Dir gelesen hatte:

        Ist da vielleicht jemand einfach nur frustiert oder will beweisen, was für dicke Eier er hat?

        Was hättest Du geschrieben, wenn es sich um eine Beamtin gehandelt hätte? Darüber spekuliert, ob sie gerade ihre Tage hat?
        Außerdem findet sich allein in den Artikeln auf der momentan ersten Seite Deines Blogs 14 mal das Wort Tussi.

        Versteh mich nicht falsch, ich kann auch keine Tussis leiden (T. definiert als „dumme, oberflächliche Frau“), es sei denn natürlich, sie haben ausreichend wenig an. Und das sind auch keine Äußerungen, die unter normalen Umständen irgendjemanden (Hier kann ich natürlich nur für mich sprechen.) aufregen würden.
        Aber ich habe mittlerweile keine Skrupel mehr, mich feministischer Argumentationen zu bedienen, wenn es mir Vorteile bringt. Und wenn jemand seinen ersten Kommentar in einem Blog dazu nutzt, sich durch die absichtlich herablassend vorgetragene Feststellung, der eigene Freundeskreis sei besonders antisexistisch und daher niveauvoll und nicht so primitiv wie andere, selbst zu erhöhen, dann denke ich schon, daß in dieser Hinsicht das Anlegen von deutlich höheren Maßstäben als unter normalen Umständen völlig angemessen ist. (Oder kürzer: Wenn jemand für sich selbst höhere Maßstäbe aufstellt, messe ich ihn auch danach.)

        Weil mein Blog auch niveaulos ist in deinen Augen? Der ist, wie man unschwer erkennen kann, nicht politisch.

        Damit hat das nichts zu tun. Tatsächlich bin ich inzwischen durch und habe mich durchaus gut unterhalten. Meine Hochachtung übrigens für die Aktion mit dem besoffenen Fascho.
        (Die positive Verbindung von Politik und Niveau verstehe ich jetzt allerdings nicht, falls die beiden Sätze in irgendeinem Zusammenhang stehen sollten.)

        Bombe 20

  11. @Christian: Die Anekdote ist natürlich mehr als traurig. Solche Menschen kann ich nicht ernst nehmen. Ich glaube, an deiner Stelle hätte ich möglicherweise gar nicht geholfen 😉

    Ich neige ja eher zum Gegenteil, was aber auch nicht okay ist, allerdings als Resultat (oder eher Trotzreaktion) des eindeutig frauenfeindlichen Familienverbandes, in dem ich aufgewachsen bin, angesehen werden kann. So habe ich auch meinen neuen Kleiderschrank alleine aufgeschlagen, statt einfach mal einen meiner Mitbewohner um Hilfe zu bitten. Das hat nicht gerade Spaß gemacht, für sowas braucht man eigentlich zwei Personen (egal ob männlich oder weiblich), aber ich wollte halt beweisen, dass ich niemanden brauche.
    Naja, einmal und nie wieder. Man lernt nie aus.

  12. @Bombe:

    „Na, zwischen endlos aufregen und als Bloguntertitel benutzen sehe ich ja noch ein paar mögliche Zwischenstufen. Aber die Schlampenmärsche letztes Jahr habe ich ja auch schon nicht verstanden…“

    Das stimmt wohl. Jedenfalls fällt der Titel ins Auge und was besseres ist mir nicht eingefallen. Vorschläge? 😉

    „Was hättest Du geschrieben, wenn es sich um eine Beamtin gehandelt hätte? Darüber spekuliert, ob sie gerade ihre Tage hat?“

    Ehrlich gesagt sage ich solche Sachen manchmal auch ganz unabhängig vom Geschlecht… Ich sag ja auch zu Frauen „Alter“ (gut, das habe ich im Blog geändert, ich dachte das versteht keiner).

    „Außerdem findet sich allein in den Artikeln auf der momentan ersten Seite Deines Blogs 14 mal das Wort Tussi.“

    Ich habe noch nie verstanden, warum „Tussi“ sexistisch sein soll. Aber danke für die Statistik 🙂

    „Aber ich habe mittlerweile keine Skrupel mehr, mich feministischer Argumentationen zu bedienen, wenn es mir Vorteile bringt.“

    Ich frage mich, ob mich eine Äußerung gegen Sexismus direkt zur Feministin macht, aber gut. Kann man so sehen. Doch gibt es wohl verschiedene Arten des Feminismus und bestimmt einige Vertreterinnen, die Bezeichnungen wie „Tussi“ kategorisch ablehnen (ich meine… es gibt ja sogar solche, die Bezeichnungen wie „Mann“ oder „Frau“ ablehnen. Welche Auswüchse!). Da gehöre ich aber nicht dazu. Also würde ich damit auch nicht argumentieren.
    Mein Freundeskreis ist bestimmt nicht antisexistisch (wenn dies das Gegenteil von Sexismus meinte und nicht das Fehlen eines solchen). Ich weiß ja auch nicht warum, aber solche Witze sind bei uns einfach NIE Thema. Das liegt bestimmt nicht daran, dass meine Freunde besonders feinfühlig sind (eher das Gegenteil…) und meine Freundinnen alles engagierte Feministinnen (zu meinem Leidwesen sind da einige in manchen Dingen doch recht konservativ). Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt ist, dass ein Kommentar wie „höhö, Frauen und Einparken!“ schlicht und ergreifend als unwitzig angesehen wird und deshalb nie verwendet wird. Würde ich sowas von mir selbst sagen, bekäme ich keine Lacher, sondern kollektives Stirnrunzeln. Ich meine, wie alt ist der Spruch bitte? Sowas halte ich weiterhin für niveaulos, wenn man Niveau in diesem Zusammenhang definiert als etwas, das vielschichtig, unerwartet, kreativ ist.
    Das heißt ja auch nicht, dass ich generell gegen Frauenwitze bin! Sie müssen halt nur gut sein. Darüber hab ich bei „Family Guy“ sehr gelacht:
    Lois: „Typische Männerphantasie, Frauen die Bier trinken. Ich wette, die Werbung hat ein Mann gemacht.“
    Peter: „Natürlich hat die ein Mann gemacht! Es ist Werbung und kein köstliches Thanksgiving-Dinner!“

    Ein Brüller! Aber das ist natürlich Ansichtssache. Für andere mag ein Einparken-Joke der Gipfel es Humors sein…

    „Damit hat das nichts zu tun. Tatsächlich bin ich inzwischen durch und habe mich durchaus gut unterhalten. Meine Hochachtung übrigens für die Aktion mit dem besoffenen Fascho.“

    Danke, sowas ist doch schön zu lesen (es geht auch bald weiter, nur haben mich sowohl meine Hausarbeiten als auch ein schöner Mann vom Schreiben abgehalten 😉 )!

    „(Die positive Verbindung von Politik und Niveau verstehe ich jetzt allerdings nicht, falls die beiden Sätze in irgendeinem Zusammenhang stehen sollten.)“

    Naja, in einem Blog mit politischen Inhalt erwartet man doch schon rein stilistisch was anderes als meinen bewusst gewählten Gossenslang 😉

  13. Was ist Political Correctness? Die beste Kurzdefinition für die pseudo-linke Variante der Political Correctness, die ich bisher gefunden habe: Politisch korrekt zu sein, bedeutet universelle Toleranz und Sensibilität gegenüber allen Menschengruppen zu predigen, während man gleichzeitig über weiße, heterosexuelle Männer herzieht.

    • Die Sekte Reclaim Society propagiert in etwa das, Sie schreibt u.a.:

      „Rassismus ist ein strukturelles Machtverhältnis, das räumlich, zeitlich und historisch kontextuaisiert ist und auf asymmetrischen Machtrelationen basiert, d.h. männlich sozialisierte Personen können nicht sexistisch diskriminiert werden und weisse nicht rassistisch.“

      Tia, wer glaubt wird seelig und wer nicht, ist ein Rassist und Sexist! 🙂

      Ist ja eigentlich schon erstaunlich, wie viel Schwachsinn es auf der Welt so gibt! 😀

      • Ein schöner Text dieser Psychosekte ist z.B. folgender: Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese in einem ganz eigenen Universum leben und auch einen eigenen Sprachcode erfunden haben, wo Aussenstehende nicht mehr so richtig mitbekommen, um was es eigentlich genau geht. Nein, man kann wirklich nur hoffen, dass solche Leute nie weitreichendere Machtpositionen einnehmen können:

        „Um ca. 13:30 Uhr kam eine verantwortliche Person von Siempre Antifascista, die wir als ‘weiß’ und typisiert gelesen haben. Nachdem der Person mehrmals erklärt wurde, dass und warum es inakzeptabel sei die Ausstellung in diesem Raum zu haben, erklärte sich die Person und die hinzugekommene andere verantwortliche Person (die wir als ‘weiß’ und frauisiert gelesen haben) dazu bereit, die Ausstellung nach draußen zu verlegen. Während der Diskussion wurde das Prinzip der Definitionsmacht von den Verantwortlichen von „Siempre Antifascista“ nicht akzeptiert, rassistische und sexistische Inhalte wurden negiert und negativ Betroffenen die dadurch entstandenen re_traumatisierunden Gewalterfahrungen abgesprochen. Die Person von „Siempre Antifascista“ wandte Master Suppression Techniques an (Strategien/ Techniken der jeweils dominanten Gruppe ihre Machtposition und Hierarchie zu sichern, indem sie die Sprechakte von Unterdrückten delegitimieren, ignorieren… z.B. durch Unterbrechen, Augenrollen, Körpersprache, wegdrehen, empörtes Schnaufen…). Verschieden positionierte Personen, im Bezug aus Rassismus haben Vetos gegen die Ausstellung eingelegt. Das einzige Argument, was letztlich zur Verlegung der Ausstellung führte war, das No Border Berlin den zuvor reservierten Raum für den Veranstaltungstag brauchen würde.

        Gedächtnisprotokoll vom 01.07.2012

        reclaim society! (rs!) ist teil des No Border Berlin Netzwerkes und hatte am 01.07.2012 im Park vorm New York im Bethanien Plenum. Um ca. 14:40 betrat rs! die Räume des Bethaniens um das Plenum drinnen weiterzuführen. Dort fanden wir erneut die besagte Ausstellung in dem Raum vor der Küche vor. Einige hatten die Ausstellung bereits am Vortag bei dem Netzwerktreffen von No Border Berlin gesehen, einige sahen sie an dem Tag zum ersten mal.Verschiedene Personen von rs! sahen sich die Ausstellungsstellwände an und markierten und kommentierten die verschiedenen rassistischen und sexistischen Inhalte. (Zu diesem Zeitpunkt befand sich noch eine weitere Person in dem Raum, die wir als ‘weiß’ und typisiert gelesen haben, die den Raum bei Beginn des Konflikts jedoch verließ). Nach kurzer Zeit begann Lisa (Person die als nicht-’weiß’ und frauisiert gelesen wird und Flucht-, Asylheim und Exilerfahrung hat) die Stellwände umzudrehen und ans Fenster zu stellen, so dass die gewaltvollen Inhalte nicht mehr sichtbar waren. Andere Personen von rs! fingen an das Gleiche zu tun. Eine andere Verantwortliche Person als am Vortag – die wir als typisiert und ‘weiß’ lasen – kam in den Ausstellungsraum gestürmt und fragte mit lauter und aggressiver Stimme was wir da tun würden und dass das ja nicht schon wieder passieren könne. Darauf antwortete Lisa unter anderem, dass die Ausstellungsinhalte rassistisch sind und sie triggern. Die genannte Verantwortliche Person (VP) unterbrach Lisa aggressiv und zeigte mit dem Finger auf sie. Tobi (positioniert sich als Person of Color im deutschem Kontext und wird typisiert gelesen) intervenierte verbal und sagte der VP, dass sie nicht mit dem Finger auf jemenschen zeigen solle. Daraufhin ging die VP 1-2 Schritte auf Tobi zu, zeigte provokativ mit dem Finger auf Tobi (scheinbar um seine Macht zu demonstrieren). Dann wandte sich die VP wieder Lisa zu. Lisa wies VP auf seine strukturelle, hegemonial Position (‘weiße’ typisierte Person) hin, worauf VP antwortete, dass die Person selbst ja nichts dafür könne, ‘weiße’ Eltern zu haben, wo sie geboren sei und welche „Hautfarbe“ sie hätte. Tobi wies VP – auf eine Stellwand verweisend – auf ein Beispiel der Re_Produktion rassistischer Inhalte in der Ausstellung hin. VP reagierte darauf mit der aggressiv und in einem verhöhnendem Ton gestellten Frage: „Wie redet ihr denn über Rassismus wenn ihr nicht Leute zitiert?“. Lisa antwortete darauf, dass sie mit diesen rassistischen Sachen schon die ganze Zeit von Nazis auf der Straße angemacht wird und den Scheiß zu hören bekommt – und zwar nicht weil sie sich dazu entschieden hat einen Antifa-Button zu tragen – und sie dass nicht auch noch in diesen Räumen lesen möchte. [Womit Lisa – basierend auf Definitionsmacht – ein Veto gegen diese Ausstellung eingelegt hat]. VP argumentierte vor allem damit, dass die Ausstellung ein Event des Bethaniens sei und wir uns – wenn wir ein Problem hätten – an die „Leitung“ des Bethaniens wenden sollten. Jemensch von rs! hat VP darauf hingewiesen, dass das Bethanien ein kollektivistisches Projekt ist und es somit keine „Leitung“ gäbe. Maren (‘weiß’ und frauisiert) wies VP außerdem darauf hin, dass es einer der Grundsätze des Bethaniens sei, dass Rassismus, Sexismus … nicht re_produziert werden dürften und das alle Personen in diesen Räumen die Verantwortung dafür haben und rs! diese hiermit wahrnehme. Während der gesamten verbalen Auseinandersetzung wurde vor allem von VP auf eine sehr aggressive Art und Weise kommuniziert, sowohl durch Körpersprache die sehr bedrohlich wirkte als auch durch Master Suppression Techniques. Zu dem Zeitpunkt kam eine Person, die wir als ‘weiß’ und frauisiert gelesen haben und die bereits am Vortag präsent war, in den Raum und drückte ihre Genervtheit über den Konflikt aus und hantierte von da ab mit ihrem Handy rum (es war rs! unklar ob sie ‘Verstärkung’ rufen würde o.ä.). rs! fuhr fort die Stellwände der Ausstellung umzudrehen und an die Fensterseite zu räumen. Hier oder kurz später kam eine weitere Person dazu, die wir ebenfalls als ‘weiß’ und typisiert lasen. Die VP und die dazugekommene Person wurden nun handgreiflich: sie haben vor allem Lisa versucht am Arm zu packen sie zurückzuziehen und sich ihr konfrontativ in den Weg zu stellen. Hierbei sah sich Lisa immer wieder gezwungen mit VP und der weiteren ‘weißen’ typisierten Person in den Austausch von Sätzen zu gehen, da beide aggressiv in Ton und Körpersprache (beide stark hegemonial männlichkeitsperformend) forderten Stellungnahmen von ihr zu erhalten. Lisa hat sich in diesem Kontext auch „Ihr macht genau das gleiche wie Nazis“ gesagt um sich auf die strukturelle Gewaltausübung von ‘weißen’ und deren Absprechen von Definitionsmacht wann, wie und wo Rassismus passiert, zu beziehen. Auch andere Personen von rs!, wurden von den ‘weißen’, typisierten Personen angeschrien, an Armen gepackt und gezogen, ihnen wurde sich in den Weg gestellt und sie wurden durch die ‘weißen’ typisierten Personen von „Siempre Antifascista“ zurückgedrängt und geschoben. Zwischendurch ging die VP zum Fenster des Raumes und rief den Menschen die dem unten stattfindenden Büffet beiwohnten zu, dass sie support bräuchte. VP riss dabei eine Stellwand die am Fensterrahmen angehängt war herunter. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde rs! vorgeworfen die besagte, von der VP runtergeworfene Stellwand, vorsätzlich beschädigt zu haben. Auf den Supportaufruf kamen mehrere ‘weiße’ zu der Situation, griffen allerdings nicht ein, sondern guckten der Situation (und den Handgreiflichkeiten) als passives Publikum zu. Als Marie (Women of Color und frauisiert gelesen) eine Stellwand umdrehen wollte kam die VP auf sie zu, packte sie am rechten Handgelenk und der linken Schulter, und drückte Marie einen Schritt zurück. Es war Marie in der Situation nicht möglich zu reagieren da sie von diesem physischem Gewaltmoment so überwältigt war. Auch nachdem VP sie zurückgedrängt hatte, lies VP Marie nicht sofort los, sie ist dann zu einer anderen Ecke des Raumes gegangen und hat versucht eine weitere Stellwand umzudrehen. Dort kam die andere ‘weiße’ typisierte Person aggressiv auf Marie zu und brüllte sie an, dass sie das nicht machen solle. Marie merkte in dem Moment wie die zuvor hochgekommenen ‘weißen’ ‘Antifas’ der Szene wie einem Spektakel folgten und fühlte sich nicht im Stande weiter verbale Kritik anzubringen.

        [um die strukturelle Gewalt klarzumachen: zwei ‚weiße‘, typisierte Personen insbesondere die beiden einzigen als nicht-‚weiße‘ gelesenen, frauisierten Personen verbal und körperlich an und versuchen sie daran zu hindern, diese Objekte die rassistische und sexistische Gewalt re_produzieren von einem „emanzipatorischen, Rassismus- und Sexismus- kritischen ‚linken‘ Ort“ zu entfernen]

        Als (fast) alle Stellwände umgedreht waren, kam rs! in der Mitte des Raumes im Kreis zusammen. Lisa sagte sie hätte kein Lust mehr, mit ‘weißen’ typisierten Personen zu reden, daraufhin hat sich eine externe von uns als ‘weiß’ und frauisiert gelesene Person in die Gruppe eingemischt, auf Tobi gezeigt und gesagt, dass er doch auch ‘weiß’ sei. Dieses Verhalten wurde von rs! als grenzüberschreitend wahrgenommen. Tobi erklärte der besagten Person kurz das Konzept von ‘weiß’sein, dass ‘weiß’ keine Hautfarbe sondern eine soziale Position sei. Die Person entfernte sich allerdings erst nach erneuten Aufforderungen. Als rs! sich entschied den Raum zu verlassen, hat die nun auf der Fensterbank sitzende VP laut geklatscht und sich als Sieger inszeniert. Lisa sagte
        dann beim rausgehen „Super, Ausländer raus! Das ist doch was ihr wollt?!“. VP klatschte weiter und grinste dazu. Einige Personen von rs! diskutierten beim rausgehen erneut mit dort Anwesenden, gaben dies jedoch relativ schnell auf, da klar war, dass eine „Diskussion“ unmöglich war.

        http://reclaimsociety.wordpress.com/

    • @ Leszek

      „Politisch korrekt zu sein, bedeutet universelle
      Toleranz und Sensibilität gegenüber allen
      Menschengruppen zu predigen, während man
      gleichzeitig über weiße, heterosexuelle
      Männer herzieht.“

      85% der für unser heutiges Leben relevanten
      Errungenschaften auf allen Gebieten wurden
      von eben dieser Gruppe gemacht.
      Neid muss man sich meist sehr hart
      erarbeiten.

    • PC ist ein Machtmittel in den Händen jener, die für sich beanspruchen, PC definieren und darüber richten zu dürfen, was pc ist und was nicht.

      So können die von ihnen angeblich intendierten herrschaftsfreien Diskurse ihrer Herrschaft unterworfen werden.

      Natürlich nur, um einem guten Zweck zu dienen: dem Kampf gegen Rassismus und Sexismus z.B., dem Kampf gegen Rechts.

      Eine wunderbare Methode, ungehemmt dem eigenen Rassismus (antiweiß) und Sexismus (antimännlich, vor allem gegen den weißen heterosexuellen Mann gerichtet) zu frönen.

      PC-Inquisitoren sind vergleichbar den Inquisitoren des Mittelalters, die von sich behaupteten, um der Liebe Christi willen, um des Heiles der Gesellschaft willen auch und gerade um des Heiles der von ihnen Denunzierten willen, Diskurse ihrer zensurierenden Korrektheit unterwerfen zu dürfen, die „uneigennützig“ zu handeln beanspruchten und gerade deshalb nur umso bewusstloser und ungehemmter ihren Egoismus, ihren Willen zur Macht, ihre Unterdrückungssehnsucht und -lust ausleben konnten, ihre Straflust, ihr Racheverlangen für all die vielen Kränkungen, die sie erfahren haben mochten in ihren jeweiligen Leben.

      Dafür kann der Inquisitor nun, in seiner Funktion als Verteidiger des „Guten“, ungehemmt Genugtuung erlangen, sein verletztes Ego bandagieren mit der Macht, die er ausübt, die er usurpiert und mit Moraaaal verbrämt.

      Verachtenswert, egal in welcher Kostümierung die Tartüffiade aufgeführt wird.

    • Political Correctness ist das moderne Überbleibsel der Anklage wegen Gotteslästerung. Eine Form der politisierten Frömmigkeit also, die bestimmte Dinge aus dem öffentlichen Raum in etwas Heiliges verwandeln will, mit einem Ritus, dem sich alle zu unterwerfen haben. Unterwerfe Dich also dem Willen der Frommen und nimm ihre Anleitung demütig an! Der jeweils konkrete Inhalt ist natürlich sehr relativ und hängt stark davon ab, welchen Hintergrund die jeweilige Person hat. Ich warne aber davor, dass nur als ein Phänomen der Linken zu sehen. Es gibt das selbstverständlich auch bei den Rechten und in der Mitte der Gesellschaft.

      • @Itsme

        Du schreibst:

        Ich warne aber davor, dass nur als ein Phänomen der Linken zu sehen. Es gibt das selbstverständlich auch bei den Rechten und in der Mitte der Gesellschaft.

        Kommentar:

        Ist richtig! Ich sehe es gerade in der Schweiz, wo es darum geht, dass sogenannte Fumoirs auch nicht mehr erlaubt werden sollen in den Kneipen. Wenn Du Dir die Diskussion anschaust, geht dies m.E. ein bisschen in die gleiche Richtung. Der Psychoanalytiker Peter Schneider verteidigt ja die durch Personal bedienten Fumoirs und Peter Schneider ist ein Linker. Dagegen argumentiert ein Gesundheitsapostel, der wahrscheinlich irgendwo politisch in der MItte angesiedelt ist.

        http://www.tagesschau.sf.tv/Hintergrund/Abstimmungen/Abstimmung-23.-September/Initiative-Schutz-vor-Passivrauchen/Rauchverbote-Freiheitsberaubung-oder-Gesundheitsschutz?WT.zugang=ts_na9

      • @ itsme

        Gegenwärtig ist PC vor allem ein Machtmittel der Linken. Dass dies auch wieder anders werden kann und wird, wenn die Tide wechselt, ist klar.

        • Das sehe ich durchaus nicht so. In den USA ist die Rechte dabei sehr aktiv. Und in Deutschland gibt es eine breite liberale „Political Correctness“, die über den Mechanismus des Vorwurfs des „Totalitarismus“ oder „Planwirtschaft“ funktioniert. Man muss dabei bedenken, dass hier verschiedene Mechanismen ablaufen, die leicht dazu verleiten, die Gemeinsamkeit nicht mehr zu sehen: Rechte glauben typischerweise, dass die Gegenwart von irgendwelchen bösen Mächten von pervertiert wurde und wir zu dem früheren Zustand zurückkehren müssen, indem wir die Ausländer rausschmießen oder die Amerikanische Verfassung ihrer ursprünglichen Intention nach wieder herstellen oder was weiß ich noch. Linke political Correctness sieht sich im Zustand der Unterdrückung und meint alle guten Menschen müssten sich in einer Bewegung für die Herstellung einer herrschaftsfreien Zukunft zusammenfinden. Die sich verweigern, wandern auf den Müllhaufen der Geschichte, weil sie „veraltet“ denken. Liberale „Political Correctness“ geht davon aus, dass der status quo der am wenigsten schlechte aller möglichen Zustände ist, so dass jede substanzielle Veränderung per se vom Teufel ist. Das führt dazu, dass wir eine Ideologie der totalen Verwaltung der Gegenwart bekommen. Und das ist exakt das, was sich derzeit in der EU abspielt. Man braucht sich nur anzuschauen, was mit dem sog. Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) institutionalisiert werden soll: Ein Regierungsinstrument, dass jeder zukünftigen politischen Veränderung, selbst auf parlamentarischem Wege, sowie jeder rechtlichen Verantwortung der Akteure (paradoxerweise) rechtlich entzogen ist, und dabei lediglich den aktuellen Regierungen der Staaten der EU untergeordnet ist.

        • @ itsme

          Aber der Status Quo, der hier stabilisiert werden soll, ist doch der eines eher linken sozialstaatlichen Etatismus, keine liberale Ordnung. Dass dieser eher linke sozialstaatliche Etatismus den Gleichstellern und (Geschlechter-)Planwirtschaftlern immer noch nicht links genug ist, ändert nichts daran, dass der Mainstream heute nicht konservativ, sondern eher linksliberal ist.

        • @Roslin

          Mir scheint konservativ ist heute links-liberal. Und umgekehrt. Weil es nicht mehr sexy überhaupt ist politische Überzeugungen zu haben. Das faszinierende der letzten Jahrzehnte ist für mich ein beschleunigtes Verfallen der alten ideologischen Gegensätze von Links und Rechts. Die SPD wird „rechter“ als früher, die CDU/CSU „linker“. Verglichen freilich mit einem Standard von Rechts und Links, der selbst der Vergangenheit entnommen ist. Insofern muss ich Dir teilweise Recht geben: Das was wir erleben ist mehr eine administrative Absicherung des Funktionierens von Märkten nach den Interessen derjenigen, die vor allem Geldkapital besitzen. Dazu werden allerdings nach wie vor bestimmte Versatzstücke liberalen Gedankengutes gebraucht. Was nicht heißt, dass andere Versatzstücke nicht zugleich eingemottet werden.

          Ich glaube übrigens nicht, dass der Sozialstaat stabilisiert werden soll. Im Gegenteil. Er wird entweder abgebaut oder umfunktioniert. Beispielsweise wurde ja durch diese neuen EU-Verträge das Haushaltsrecht der Parlamente stark eingeschränkt. Nämlich sowohl durch nationale Schuldenbremsen in den Verfassungen, als auch über diesen ESM, den wir dann ja vielleicht bald haben und nie wieder loswerden. Der einzige, der was davon hat, ist jemand, der Geldkapital investiert hat. In Zukunft soll effektiv, d.h. ohne lästige politische Einmischung unsere gemeinsame „Wettbewerbsfähigkeit“ verwaltet werden können. Und das hat m.E. in der Vergangenheit keineswegs zu mehr Sozialstaat geführt, sondern bestenfalls zu einer Transformation von Sozialstaatlichkeit und der Bereitstellung einer öffentlichen Infrastruktur in eine Art pädagogische Apparatur zur Erziehung zu mehr Wettbewerbsfähigkeit.

          Vielleicht ist Dir auch aufgefallen, dass die Gleichstellung von einem ursprünglichen Gleichheitsansinnen heute eher mit ökonomischen Argumenten transportiert wird. Bei dem guten Endolex, der sich dann verabschiedet hat, nachdem er mit mir diskutiert hatte, konnte man das sehr gut bemerken: Gleichstellung wird heute als Faktor unserer Wettbewerbsfähigkeit propagiert. Es macht Unternehmen proftabler etc.

          Aber der Status Quo, der hier stabilisiert werden soll, ist doch der eines eher linken sozialstaatlichen Etatismus, keine liberale Ordnung.

          Ah ok, Du gehörst zu diesem Typ von Liberalen, die eig. konservativ-liberal sind. Ja das ist ein bisschen was anderes. Eure Werte sind natürlich für den modernen Neo-Liberalismus eher hinderlich. Sie stören das Verwaltungshandeln. Allerdings würde ich sagen, dass diese Auffassung dann eher in die Richtung mancher Leute in den USA geht, die sagen, wir haben heute Sozialismus für die Reichen, wir wollen den wirklichen Kapitalismus zurück! Ich denke man erkennt daran: Ganz schön verwirrt die alten ideologischen Trennlinien heute.

      • „Eine Form der politisierten Frömmigkeit also, die bestimmte Dinge aus dem öffentlichen Raum in etwas Heiliges verwandeln will“

        ich glaube eher, dass es sich dabei um eine art selbsterhöhungs-ralley handelt, diese leute wollen selbst heilig werden. die regeln werden so aufgestellt, dass man immer noch höher, noch schneller und noch weiter moralisieren und vermeitliche diskriminierung aus der kleinsten ritze kratzen kann. aus siesem grund hat das ganze auch kein ziel, dass irgendwann erreicht ist, denn es gibt unter den gutmenschen immer noch einen besseren, der sich noch tierfer bücken kann.

        • @hottehü

          Das ist richtig, wobei ich das nicht als Widerspruch sehen würde. Natürlich fühlen sich fromme Menschen auch als sehr moralisch, immerhin können sie anderen ja exzellente Predigten halten. Das ist unglaublich ermächtigend. Die Regeln werden auch in der Tat von Anfang an so aufgezogen, dass sie im Durchschnitt eher nicht befolgt werden. Der Grund dafür ist aber, dass man einen Zustand der Schuld erzeugen muss. Denn die Unterwerfung unter Frömmigkeit erfolgt durch Reue. Und Reue setzt voraus, dass es Schuld gibt. Und Schuld wieder, dass es Unrecht gibt. Deswegen ist das ganze abhängig von einer moralisch-juristischen Ideologie, bei der eine Begierde nach einem imaginären Objekt bestimmte juristische Regeln erzeugt, deren durchschnittliche Nicht-Einhaltung vermittels der dadurch entstehenden Schuld die Reproduktion der Begierde garantiert.

          Was übrigens erklärt, warum es bei den Marxisten in der Praxis auch nie ein Absterben des Staates geben kann, sondern nur eine Verstaatlichung aller sozialen Verhältnisse. Weil nämlich die Begierde nach dem „Reich der Freiheit“ eine Reihe von juristischen Formen ins Werk setzt, die effektiv das Gegenteil dessen bewirken, was die offizielle Ideologie verkündet. Aber dabei handelt es sich natürlich nicht um einen dummen Zufall, einen Unfall der Geschicht oder dgl. sondern um das Wesen der Sache selbst.

      • Political Correctness ist das moderne Überbleibsel der Anklage wegen Gotteslästerung. Eine Form der politisierten Frömmigkeit also…

        Das seh ich auch so. Die PC-Protagonisten sind Frömmeler, bigotte Moralapostel in einer säkularisierten Welt.
        Bemerkenswert ist doch, dass die vehementesten Vertreter der PC selten bis nie aus der Unterschicht stammen. Es ist die kultivierte Selbstgerechtigkeit. Die kostet ja nichts.

  14. Political Correctness ist vor allem eine ausgezeichnete Strategie der herrschenden Kapitalistenklasse eine Teile-und-Herrsche-Funktion unter dem Deckmantel linker Ideologien ablaufen zu lassen. So kann man Menschengruppen gegeneinander ausspielen, aufeinander hetzen, Widerstandspotentiale spalten und dadurch die eigene Herrschaft stabilisieren.

    Political Correctness ermöglicht darüber hinaus die Unterminierung und Zerstörung klassischer linker Werte und Ziele: Das Engagement für die Arbeiterklasse und die sozial Benachteiligten wird geschwächt durch Umlenkung der Priorität auf radikal- und genderfeministische Diskurse, für die Linke faktisch irrationale und irrelevante Zielvorgaben wie mehr Frauen in Aufsichtsräten gewinnen Priorität vor dem Engagement für die Frauen und Männer der Arbeiterklasse und Unterschicht.

    Jungen und Männer werden psychologisch kastriert, in ihrer Selbstbehauptungsfähigkeit geschwächt – am besten von klein auf durch geschlechtssensible Pädagogik- so dass kommenden sozialen Revolten gegen zunehmenden neoliberalen Sozialabbau möglichst vorgebeugt werden kann.

    Die Geschlechtersolidarität wird gespalten, das in der Geschlechtersolidarität liegende Widerstandspotential soll so weit wie möglich reduziert werden.

    Durch die Ideologie des Multikulturalismus wird das klassische linke humanistisch-universalistische Ideal der Gleichwertigkeit der Menschen durch die Idee der Gleichwertigkeit der Kulturen samt aller in ihnen enthaltenen Werte und Praktiken ersetzt. Die emanzipatorische Dimension klassischen linken Denkens wird dadurch zerstört, denn nun können frauendiskriminierende, männerdiskriminierende, kinderdiskriminierende, homophobe und zahlreiche andere die Menschen beschränkende und unterdrückende Glaubenssätze, Wertesysteme und damit zusammenhängende Praktiken gerechtfertigt und vor Kritik immunisiert werden, wenn sie nur als Bestandteil irgendeiner Kultur gelten.

    Die Ideologie des Multikulturalismus kann von der herrschenden Klasse zudem als ideologische Verschleierung eingesetzt werden, um notwendige Maßnahmen zur besseren Integration von Migranten, die auch und gerade den Migranten selbst zugute kämen und ihnen bessere Partizipationsmöglichkeiten ermöglichen würden, nicht vorzunehmen. Kommt es dann zu Integrationsproblemen, können diese, selbst wenn es dabei nur um eine Minderheit von Migranten geht, im Sinne der Teile-und Herrsche-Strategie funktionalisiert werden.
    Die Entstehung von islamischem Fundamentalismus auf der einen Seite, antimuslimischem Rassismus auf der anderen Seite fungiert wiederum als Spaltungsstrategie zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft und zur potentiellen Erleichterung eines autoritären Staatsumbaus.

    Die übersteigerte Fixierung der Political Correctness auf Sprachaspekte ist zudem ausgezeichnet geeignet um von den soziologischen, historischen und kulturellen Ursachen von Diskriminierung, Ausgrenzung und sozialer Ungerechtigkeit abzulenken und eine wirksame Bekämpfung dieser Phänomene gerade zu verhindern, indem auf Nebenschauplätze wie immer neue Sprachregelungen fokussiert wird.

    Des Weiteren ermöglicht es die übersteigerte Fixierung auf Sprachaspekte, eine Entfremdung der Linken von der Restbevölkerung zu fördern, am besten derart, dass linke Intellektuelle der Restbevölkerung mit Sprachumerziehungsversuchen auf die Nerven fallen anstatt die wirklichen Interessen der Arbeiterklasse, der sozial Benachteiligten und Ausgegrenzten wahrzunehmen, offensiv zu vertreten und die Menschen zu Selbstorganisation und Widerstand zu ermutigen.

    Das Wertesystem der Political Correctness ist soziozentrisch, nicht universalistisch, negativ besetzt werden z.B. die Attribute: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, christlich.
    Diskriminierungen, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, welche Menschen mit diesen Attributen hier oder weltweit betreffen, werden aus dem öffentlichen Diskurs ausgeklammert.

    Es werden niemals endende Privilegienreflektionen gefordet (Male Privilege, Critical Whiteness) und anstatt auf die Herstellung allgemeiner Gerechtigkeit wird auf die Internalisierung einer negativen Selbst-Identität der Angehörigen der von der Political Correctness verpönten Gruppen gesetzt. Der pädagogische Gegenteileffekt solcher Maßnahmen kann natürlich nicht ausbleiben, psychodynamische Abwehrreaktionen zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Identitätsgefühls sind vorprogrammiert. Diskriminierung kann nicht durch Diskriminierung beseitigt werden, sie wird dadurch auf allen Seiten angeheizt – Effekt: Menschengruppen können gegeneinander gehetzt werden, um die eigene Herrschaft zu festigen – teile und herrsche.

    Critical Whiteness z.B. (schon der Begriff transportiert Rassismus gegen Weiße) wird nicht von der herrschenden Klasse gefördert, um Rassismus gegen Nicht-Weiße zu bekämpfen, sondern um diesen zu verstärken – denn das ist der einzige langfristige Effekt, den solche Erziehungs- und Schuldinternalisierungsideolgien haben können. Die ständigen Forderungen nach Privilegienreflektionen und „Ablegen des Weißseins“ befördern langfristig einen Umschlag ins Gegenteil, (jeder psychologisch gebildete Mensch weiß das) – je mehr Feindschaft zwischen Menschengruppen, desto besser für die herrschende Klasse und darum wird´s von ihnen gefördert.
    Für eine wirksame Bekämpfung von Rassismus ist „Critical Whiteness“ eine völlig verfehlte Theorie und Strategie.

    Political Correctness dient der Schwächung der Linken, um sie politisch irrelevant zu machen, sie daran zu hindern ihre Ziele zu erreichen und fungiert als ideologischer Deckmantel für die herrschende Klasse zur Verfolgung ihrer eigener Herrschafts- und Profitinteressen.

    Wenn es die Political Correctness nicht gäbe, müsste die herrschende Kapitalistenklasse sie erfinden. Ich denke, genau das hat sie getan.

    Selbstverständlich möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass diese scharfe Kritik der pseudo-linken Variante der Political Correctness mich blind machen würde vor dem destruktiven Potential der rechten Political Correctness-Varianten, zu denen z.B. der rechte Anti-Kulturmarxismus-Diskurs gehört, jene widerwärtige Verschwörungstheorie, die gegen alle Fakten postuliert, eine kleine Gruppe jüdischer Marxisten hätte einen Masterplan zur Zerstörung der westlichen Zivilisation entworfen und die alle möglichen Absurditäten über linke Theorien und Bewegungen verbreitet.

    Kein Zweifel auch, dass die meisten rechten Kritiker der pseudo-linken Variante der Political Correctness auf nichts anderes aus sind, als ihre eigene reaktionäre rechte Variante der Political Correctness kulturell und institutionell zu verankern, um alle Errungenschaften und Freiheiten, die uns die 68-Bewegung gebracht hat, rückgängig zu machen und uns in eine autoritäre, regressive, erzkonservative, freiheitsfeindliche Gesellschaft zurück zu befördern.

    Als freiheitlicher Sozialist kann ich hier nur das wiederholen, was zahlreiche Theoretiker des freiheitlichen Sozialismus stets betonten: Der freiheitliche Sozialismus wählt nicht zwischen zwei Übeln: er bekämpft jedes Übel.

    (Nachtrag: Keine meiner Kritiken an den rechten Varianten der Political Correctness bezieht sich auf irgendwelche der Mitdiskutanten auf diesem Blog, die ich alle schätze, auch wenn sie konservative Einstellungen vertreten. Ich denke dabei an ganz andere Leute.)

    • @ Leszek

      *…eine ausgezeichnete Strategie der herrschenden Kapitalistenklasseeine ausgezeichnete Strategie der herrschenden Kapitalistenklasse…*

      Ja, die herrschende Klasse.

      Ich glaube, wenn ich Optimist bin, dass Dummheit, Gier und Egomanie der jeweiligen Fraktionen, in denen sich die Dummheit, Gier und Egomanie der verschiedenen Individuen bündeln, um ihre jeweilige Egomanie und Gier besser befriedigen zu können, völlig genügen, um das zu Beobachtende in Gang zu setzen, dass es da keinen bösen Master Mind gibt, der, strategisch genial, finstere Pläne konzipiert und stringent verfolgt.

      Wenn ich Pessimist bin glaube ich auch an die diabolische Weltverschwörung der Kulturmarxisten und der Konsum-und Finanzkapitalisten, die einander als jeweils nützliche Idioten der je eigenen Agenda benutzen wollen und so, Hand in Hand, das Christliche Abendland in den Orkus befördern.

      Nur der Untergang einer Zivilisation, nicht der Menschheit, geschweige denn der Welt.

      Wir werden sehen.

      • Für die pessimistischen Phasen würde ich empfehlen einfach einmal zu reflektieren, dass das christliche Abendland die meisten der Machttechniken erst entwickelt hat, bevor sie im 19. und 20. Jahrhundert erst so richtig in einer säkularisierten Geschichtsmetaphysik zum Einsetz kamen. Hätten sich nicht im Rahmen von eschatologischen Religionen bestimmte ideelle Zusammenhänge entwickelt, man hätte die Geschichte nie derart deuten können. So wie die Antike es ja auch nicht getan hat.

        • @ itsme

          Trotzdem sind auch in der Antike Staaten/Zvilisationen ausgelöscht worden/zusammengebrochen.

          Die Deutung mag eine andere gewesen sein, die dem Geschehen zugrundeliegenden ökonomischen/sozialpsychologischen Ursachen, die wirkenden Kräfte, sind die gleichen wie heute.

          Weil die Menschen sich nicht wesentlich verändert haben.

        • Interessant, weil genau das natürlich eine wesentlich antike Deutung ist von Werden und Vergehen ist. Die Auffassung, dass die Natur des Menschen zu Zyklen von Geburt, Blüte und Tod bestimmter Organisationen führt und dass daher große Veränderungen aus einer solchen zyklischen Bewegung her verstanden werden können, ist eher etwas sehr unchristliches. Polybios‘ Verfassungskreislauf wäre so ein Beispiel. Das Christentum setzt zunächst einmal eine Verschlechterung der Natur des Menschen in eine ursprüngliche Vergangenheit: Adam’s Sündenfall. Die Natur ist „getrübt“ wie das z.T. so schön genannt wurde. Erst dadurch ergibt sich die Notwendigkeit als auch die Empfänglichkeit für das Heil. Und das Heil ist eingebettet in eine Heilsgeschichte, deren Abschluss am Ende des neuen Testaments in der Apokalpyse des Johannes vorweggenommen wird. Die Widerkunft Christ ist eine zukünftige Transformation des Menschen in seiner Natur, die die Sünde wieder hinfortnimmt und das ewige Leben verspricht.

          Dann hat man sich natürlich schnell beeilt diese Vorstellung nicht zu konkret zu verstehen, weil das natürlich eine gewisse Sprengkraft besitzt, wenn man die Widerkunft als einen konkreten historischen Zeitpunkt interpretiert. Aber hier liegt natürlich ein ganz wesentlicher Bruch mit dem antiken, vorchristlichen Weltbild.

          Die Deutung mag eine andere gewesen sein, die dem Geschehen zugrundeliegenden ökonomischen/sozialpsychologischen Ursachen, die wirkenden Kräfte, sind die gleichen wie heute.

          Meinst Du nicht, dass die Erfindung eines eschatologischen Zeitverständnisses eine bemerkenswerte sozialpyschologische Neuerung darstellt? Sie ermöglicht es Menschen sich in einer ganz anderen Form von Organisation (z.B. der Kirche) zu verstehen, als das vorher möglich war. Damit werden auch neue Institutionen möglich. Ich würde sagen das Aufkommen solcher Vorstellungen hat eben auch reale Effekte. Das heißt nicht, dass alle alten Mechanismen verschwinden, aber es kommt schon was neues hinzu.

    • @Leszek

      Na ja, das ist ja nun auch eine sehr eigentümliche Interpretation des Ganzen, wo ich wohl viel nicht unterschreiben könnte, was Du schreibst, aber ich gewisse Dinge auch für richtig erachte. Aber wie es so ist, thematisiere ich nun mal das, was ich wohl ein bisschen anders als Du sehen würde.

      1. Wer ist die Kapitalistenklasse? Also wie ist die Kapitalistenklasse definiert und wer gehört dazu und wer nicht?? Wäre ja schon mal eine sehr zentrale Frage. Zudem: Würde sich dann die Frage stellen, ob wir es hier um eine Klasse „an sich“ oder „für sich“ handelt, was ja auch schon bei Marx die wesentliche Unterscheidung war. Es wirft dann auch die Frage auf, ob eine solche Population quasi homogen ist und in Eintracht am gleich Strick zieht oder wir nicht auch Konkurrenzkämpfe innerhalb einer solchen Population haben. Zudem würde sich dann die Frage stellen, ob hier vor allem auf das ökonomische Kapital rekurriert wird und andere Ressourcen und Kapitalarten negiert werden? Und eine Klasse impliziert ja auch, dass sie eben die selben Interessen und das gleiche Bewusstsein/die selbe Mentalität haben und quasi auch alle am gleichen Strick ziehen, wenn es gegen andere Populationen (z.B. Klassen) geht und wir hier quasi eine Steuerungsinstanz haben, die alles koordiniert (Voluntarismus) etc.?
      2. Würde sich dann auch die Frage stellen, ob die klassischen linken Werte und Ziele immer so verschieden oder divergent sind zu anderen politischen Gruppierungen oder wo die Konvergenzen und Divergenzen oder Überschneidungen liegen.
      3. Das Geschlecht einfach als eine Strukturkategorie zu negieren, hilft nun m.E. auch nicht gerade viel weiter: Bei der politischen Partizipation spielte das Geschlecht u.a. lange eine sehr wichtige Rolle: Wie gesagt, in der Schweiz wurde erst 1971 auf nationaler Ebene das Frauenstimmrecht eingeführt und auf kantonaler Ebene teilweise erst 1990; das sind ja erst 22 Jahre. Und das Geschlecht spielt ja auch z.B. bei der Lebenswerwartung, bei der Suizidrate, bei der Gesundheit, beim Wehrdienst etc. auch eine Rolle. Richtig ist natürlich, dass hier Probleme der Unterschicht etc. aus dem Blickfeld geraten können, aber hier die einzelnen „Ungerechtigkeiten“ gegeneinander auszuspielen, finde ich nun auch wiederum nicht sehr sinnvoll. Also mein Motto wäre eher: „Das Eine tun und das Andere nicht lassen.“
      4. Zu den radikal- und genderfeministischen Diskursen: Dort wo es darum geht, dass Homosexuelle und Transsexuelle die selben Rechte bekommen wie die Heterosexuellen etc., sind diese Diskurse m.E. sehr sinnvoll. Also, auch hier wäre eine differenzierte Sichtweise m.E. wünschenswert.
      5. Zum Multikulturalismus: Heisst für mich nur, dass pluralistische Lebensformen überall Platz haben sollen, selbstverständlich unter der Maxime, dass die Verfassung und die Gesetze auch für die unterschiedlichsten pluralisierten Lebensformen verbindlich sind, aber innerhalb dieser verbindlichen Rechtsordnung sollen plurale Lebensformen akzeptiert sein. Und die Integrationsthematik von Ausländern, Flüchtlingen sonstigen Einwanderungen wäre dann wieder ein anders Fass, das man nun unabhängig vom Multikulturalismus diskutieren müsste.
      6. Zur Fixierung auf Sprachaspekte: Das Problem bei diesen Leuten ist, dass sie eben das eigensinnige Subjekt nicht auf der Rechnung haben und quasi meinen, der Mensch sei ein Reaktionsdepp: Zum Einen werden gewisse Sprechakte immer wieder unterschiedlich interpretiert: Ein Wort hat für jenen Menschen diese Konnotation und für einen anderen Menschen eben eine andere. Zum Anderen wirken Diskurse nicht deterministisch auf das Subjekt, sondern viele andere Aspekte spielen auch noch eine Rolle, ob sich dann eine bestimmte Interpretation oder Klassifizierung durchsetzt oder nicht; aber das Problem ist dabei natürlich auch, dass wenn man gewisse Sprechakte verbieten will, eben dies auch immer mit der Meinungsfreiheit kollidiert etc. Aber ich würde eben Diskriminierungen, die nun durch Sprache oder Nicht-Sprache bedingt sind, nicht einfach gegeneinander ausspielen, sondern integrieren.
      7. Ja: Sprachumerziehungsversuche sind nur schon deshalb zu bekämpfen, weil sie in die allgemeine Meinungsäusserungsfreiheit eingreifen und das ist nun wirklich tunlichst zu bekämpfen.
      8. Na ja: ob soziozentrisch der richtige Ausruck ist. Ok, für eine gewisse Psychosekte, die ihre eigenen Werte aufstellt und den Anspruch auf Universalität ihrer eigenen Werte hat, ist dieser Begriff ev. richtig. Ich würde eher von ego-sozio-zentrisch sprechen! 🙂
      9. Nun: eine Privilegienreflexion ist sicherlich ab und an sinnvoll, nur sollte diese nicht ad hoc und subjektivistisch passieren, sondern in einer wissenschaftlichen Sozialstrukturanalyse etc., aber beim Rest in diesem Abschnitt würde ich Dir zustimmen.

    • @Leszek

      So kann man Menschengruppen gegeneinander ausspielen, aufeinander hetzen, Widerstandspotentiale spalten und dadurch die eigene Herrschaft stabilisieren.

      Daran stimmt eine Sache nicht: Wenn Political Correctness von Links oder Rechts zur Macht kommt, führt das tatsächlich zu Veränderung. Die alte Herrschaft wird durch eine neue, meist autoritärere ersetzt (immerhin verkörpert sie ja das erfolgreiche „Neue“, also hat sie wohl eine größere Autorität und kann besser Befehle geben, als das „Alte“).

      Der pädagogische Gegenteileffekt solcher Maßnahmen kann natürlich nicht ausbleiben, psychodynamische Abwehrreaktionen zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Identitätsgefühls sind vorprogrammiert.

      Sicher, deswegen produziert der sich institutionalisierende Feminismus auch hysterische Gegenreaktionen, deren Selbstdarstellung dann stark an das Männerbild des Faschismus (d.h. Mussolini) erinnern. Denn der Faschismus ist nicht umsonst eine Art hysterisch-aktivistische Reaktion gewesen. Ich bin also ganz der Auffassung, dass das kein Zufall ist, dass sich solche Männerbilder dann bei einigen als Reaktion herausbilden. Blöderweise wird das Problem natürlich wieder nur auf der ideologischen Ebene thematisiert. Ganz analog übrigens zu der Frage aller echten Stalinisten: Ist Genosse x etwa ein revisionistischer Abweichler? Man muss den Revisionismus bekämpfen, wo man ihn sieht, nicht wahr? Also braucht man mehr ideologische Erziehung. Das Versagen der Pädagogik ist ein Anzeichen eines Mangels an Pädagogik.

      Jungen und Männer werden psychologisch kastriert, in ihrer Selbstbehauptungsfähigkeit geschwächt – am besten von klein auf durch geschlechtssensible Pädagogik- so dass kommenden sozialen Revolten gegen zunehmenden neoliberalen Sozialabbau möglichst vorgebeugt werden kann.

      Wirklich faszinierend, nicht? Das muss man auch erstmal so erkennen können. Speziell wenn alle das Gegenteil erzählen. Wobei das natürlich nicht bewusst geschieht. Übrigens fällt mir da die Sache mit dem Iran und dem Anschluss der Frauen von vielen Studienfächern ein. Meine persönliche Vermutung wäre hier, dass das ein Versuch der iranischen Eliten ist, die Männer zu besänftigen, für die es sonst keine Jobs gibt. (Warum sonst sollte man den Ausschluss der Frauen auch sonst damit begründen: Es gibt zu viele Akademiker?) Lustig ist, dass das so nicht diskutiert worden ist. Nicht, dass ich diese Maßnahme der Iranis unterstützten würden, aber sie scheint mir nicht so ideologisch motiviert zu sein, wie die westlich-weibliche Kritik daran.

      Political Correctness dient der Schwächung der Linken, um sie politisch irrelevant zu machen, sie daran zu hindern ihre Ziele zu erreichen und fungiert als ideologischer Deckmantel für die herrschende Klasse zur Verfolgung ihrer eigener Herrschafts- und Profitinteressen.

      Allerdings wäre es jetzt wichtig zu sehen: Das macht die Linke, oder ein nicht unwesentlicher Teil von ihr, mit sich selbst. Ansonsten kommst Du leicht zu so Verschwörungstheorien, die die CIA oder den Congress for Cultural Freedom bzw. die herrschende Klasse des Monopolkapitals dahinter sehen wollen oder dgl.. Jede Propaganda, so es sie denn gibt, muss aber auch auf einen bestimmten geistigen Nährboden fallen. Und wenn man mal ein bisschen historisch nachschaut, denke ich, wird man immer wieder darauf kommen, dass die marxistische Geschichtsauffassung hier einen äußerst destruktiven Einfluss hatte. Um Foucault frei zu zitieren: Der Marxismus ist eine der der Hauptursachen der Zerstörung der politischen Imaginationsfähigkeit. Das liegt daran, dass er die Vorstellung transportiert und nährt, es gäbe einen „zukünftigen Zustand“, der sich heute politisch antizipieren ließe. Und dabei spielt es übrigens nicht die geringste Rolle, ob man diesen Zustnad konkret oder leer antizipiert, lediglich die Antizipation als solche ist relevant. Diejenigen, die meinen sie hätten die Gegenwart durchschaut und würden die Zukunft antizipieren, entwickeln notwendigerweise besagte politische Frömmigkeit. Damit wird die Gestaltung der Gegenwart prinzipiell zu einer Art Komplizenschaft mit dem politisch-Bösen. Der Effekt davon ist notwendigerweise die Selbstzerstörung der eigenen Gestaltungsfähigkeit. Und derselbe Mechanismus hat den Feminismus seit den 1970er Jahren auch nahezu durchweg bestimmt. Würde ich jedenfalls behaupten.

    • Ich sehe das genau wie Leszek, Diversity, Gender-Feminismus und bestimmte Formen von Antirassismus/Multikulturalismus wirken objektiv als Verhinderer politischer Veränderungen, und die herrschenden Kreise in Politik und Wirtschaft wissen das sehr wohl und handeln entsprechend. Frauenquoten sind billiger als höhere Löhne.

      Die Linke hatte sich mal „Gleichheit“ als politisches Ideal auf die Fahne geschrieben, heute gilt Diversität/Identität als Ideal, das ist so ziemlich das Gegenteil, und es ist mit materieller Ungleichheit
      durchaus vereinbar.

      „If, for example, you are looking to promote someone as Head of Sales in your company and you are choosing between a straight white male and a black lesbian, and the latter is in fact a better salesperson than the former, racism, sexism and homophobia may tell you to choose the straight white male but capitalism tells you to go with the black lesbian. Which is to say that, even though some capitalists may be racist, sexist and homophobic, capitalism itself is not.“

      http://newleftreview.org/II/52/walter-benn-michaels-against-diversity

  15. Es gibt Gesellschaftsbereiche, die mit political correctness gar nix am Hut haben.

    Ein „Mr. Emerging Markets“ bspw. kann auf eine Frage wie:

    „Was ist Ihnen lieber: ein demokratischer Staat oder eine Diktatur?“

    nonchalant folgendermaßen antworten:

    „Mobius: Oh, ich liebe Diktaturen. Oder besser gesagt, ich mag starke, durchsetzungsfähige Regierungen, die die Menschen aber trotzdem gut behandeln.“

    http://www.focus.de/finanzen/boerse/interview-besser-als-das-rote-kreuz_aid_557017.html

    Und absolut niemand stört sich öffentlich daran…

  16. Falls sich jemand für eine linke Kritik des Multikulturalismus interessiert:

    Neben den marxistischen/anarchistischen Kritiken des Multikulturalismus, die ich an anderer Stelle schonmal verlinkt hatte, gibt es auch noch eine interessante Kritik des Multikulturalismus aus linksliberaler Perspektive:

    H.E. Baber – The Multicultural Mystique: The Liberal Case Against Diversity

    Hab´s mir mal bestellt.

  17. Pingback: Rassismus | Alles Evolution

  18. Ideengeschichtliche Ursprünge des Konzepts binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness

    Im Folgenden soll eine kurze Darstellung der ideengeschichtlichen Linie gegeben werden, die zu der Idee binärer Oppositionen und dualistischer Hierarchien in der postmodernen Political Correctness geführt hat, also zu den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

    Die postmoderne Political Correctness beruht, wie schon häufiger erwähnt, auf einer falsch angelegten, einseitigen und unwissenschaftlichen (Anti-)Diskriminierungstheorie, die so funktioniert, dass stets einer Gruppe der Status der „Norm“ und einer anderen Gruppe der Status der Abweichung oder Ableitung von dieser Norm zugewiesen wird. Jene Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wird dann pauschal abgesprochen Bezugspunkt von Diskriminierungen sein zu können.

    Anstatt also ergebnisoffen auf allen Seiten zu prüfen, ob und inwieweit Diskriminierungen vorhanden sind und dann zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wird einfach dogmatisch vorausgesetzt, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben.

    Auf diese Dinge bin ich in früheren Kommentaren schon häufig eingegangen und hatte mir auch Gedanken darüber gemacht wie eine tatsächlich wissenschaftliche, humanistisch-universalistische und integral-antisexistische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung jenseits der postmodernen Political Correctness aussehen könnte, die im Gegensatz zur postmodernen PC keine Menschengruppe per se ausschließt.
    Graublau hatte aus einigen solcher Kommentare Artikel auf Geschlechterallerlei gemacht, ich verlinke sie an dieser Stelle, um ausführliche Wiederholungen hierzu an dieser Stelle zu vermeiden:

    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/10/31/gastartikel-was-ist-political-correctness/

    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/11/02/gastartikel-nutzt-die-postmoderne-political-correctness-den-neoliberalen-oekonomischen-herrschaftseliten/

    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/12/19/gastartikel-leszek-ueber-intersektionalitaet/

    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/12/23/gastartikel-leszek-darueber-wie-eine-echte-ungleichheits-und-diskriminierungsforschung-aussehen-kann/

    In diesem Beitrag soll es um eine Rekonstruktion der ideengeschichtlichen Linie gehen, die zu der Idee der hierarchischen Anordnung, die den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ zugrundeliegt, geführt hat.

    Ich beginne mit einigen längeren Zitaten hierzu aus dem m.E. ausgezeichneten Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt „Multikulturalismus und Political Correctness in den USA“.
    Das genannte Buch ist das wissenschaftliche Standardwerk zur Entstehung von Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, es ist mit großer Sachkenntnis geschrieben, enthält Belegquellen, ist pc-kritisch, aber sachlich und beschreibt ausführlich wie die postmoderne Political Correctness im Zuge einer US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus in Verbindung mit einigen US-amerikanischen Quellen entstanden ist. (Das Buch hat absolut nichts zu tun mit der unwissenschaftlichen antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie oder anderem rechten Propagandamüll.)

    Hildebrandt geht in dem Unterkapitel 5.6. „Binäre Oppositionen und dualistische Hierarchien“ ausführlich auf die Entstehung der Idee dualistischer Hierarchien in der postmodernen PC ein, beginnend mit dem klassischen Strukturalismus des französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss, der mittels strukturalistischer Methoden schriftlose, kleinräumige Gesellschaften besser zu verstehen versuchte:

    „Vereinfacht formuliert, bestand das Resultat dieser strukturalistischen Analyse darin, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit der untersuchten Gesellschaften als ein binäres System erschien, (Levi-Strauss 1992: 249), das „sich mit Hilfe von Gegenüberstellungen und Wechselbeziehungen (…), anders ausgedrückt mittels logischer Beziehungen“ (Levi-Strauss 1991: 81) aufbaut (…). Auf der Basis dieser theoretischen Voraussetzung führte die Analyse vielfältiger Verwandtschaftsstrukturen Levi-Strauss zu der Annahme eines grundlegenden, wenn auch nicht universellen Dualitätsprinzips, das durch seine Dichotomien (130f.) die untersuchten Gesellschaften als dualistische Gesellschaften mit dualistischer Organisation und dualistischen Institutionen erscheinen ließ (Levi-Strauss 1991: 36f). Für die vielfältigen Mythen anthropologischer Gesellschaften gilt nach Levi-Strauss Analoges. Die Mythen sind durch ein „Bündel differentieller Elemente“ (Levi-Strauss 1992: 158) strukturiert, die in Form binärer Oppositionen und Gegensatzpaaren auftreten, wie z.B.: Mutter/Tochter, älter/jünger, flussabwärts/flussaufwärts, Westen/Osten, Süden/Norden, unten/oben, Erde/Himmel, Mann/Frau, Endogamie/Exogamie, Erde/Wasser etc. (182 f.) „Die Mythen organisieren sich also zu einem dichotomischen System mit mehreren Etagen, auf denen Korrelations- und Gegensatzbeziehungen vorherrschen“ (237). Der Mythos strukturiert die verschiedenen Wirklichkeitsdimensionen einer Gesellschaft auf der „geographischen, ökonomischen, soziologischen und sogar kosmologischen“ Ebene in binären Dichotomien. Die menschliche Welt erscheint damit vollständig durch das Prinzip der Differenz zwischen Gegensatzpaaren strukturiert.“

    (aus: Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 198)

    „Dieses Strukturprinzip (…) übernahm (Jaques) Derrida von Levi-Strauss und übertrug es auf die Analyse der westlichen Ideen- bzw. Metaphysikgeschichte (…).“

    (aus: ebd. S. 198)

    „Zum zweiten beraubt Derrida die binären Oppositionspaare ihrer herrschaftspolitischen Unschuld, die sie bei Levi-Strauss besaßen, der sie im wesentlichen als gleichberechtigte Elemente eines Paares behandelte und die Betonung stärker auf den Ausgleich als die Konfrontation beider Elemente legte, weil nach ihm „das mythische Denken ausgeht von der Bewusstmachung bestimmter Gegensätze und hinführt zu ihrer allmählichen Ausgleichung“ (Levi Strauss 1991: 247). Im Gegensatz zu Levi-Strauss geht Derrida nun prinzipiell von der hierarchischen Anordnung dieser Elemente in einem Gegensatzpaar aus. „Sehr schematisch: eine Opposition metaphysischer Begriffe (zum Beispiel Sprechakt/Schrift, Anwesenheit/Abwesenheit usw.) ist nie Gegenüberstellung zweier Termini, sondern eine Hierarchie und die Ordnung einer Subordination.“ Durch diese Hierarchie und Subordination des einen Begriffs unter den anderen erscheint immer ein Terminus gegenüber dem anderen privilegiert und strukturiert damit die Textur der metaphysischen Tradition des Abendlandes als eine Abfolge hierarchischer Systeme aus unter- und überprivilegierten Termini.“

    (ebd. S. 199)

    „Der amerikanische Multikulturalismus rezipiert dieses strukturalistische Theorem der binären Oppositionen, die dualistische Hierarchien bilden und wendet es nicht nur auf die Analyse der abendländischen Tradition an, sondern auch auf die Analyse der Struktur der amerikanischen Gesellschaft an. Durch die in der metaphysischen Grundlage des amerikanischen Selbstverständnisses vorfindlichen binären Oppositionspaare, fände sich nicht nur in der dominanten Kultur der Vereinigten Staaten ein System hierarchischer Dichotomien, sondern diese schlügen sich auch in der Struktur der sozio-politischen Wirklichkeit nieder.
    Diese Strukturanalyse wird aus der Perspektive der „Rainbow Coalition“ all jener Gruppen vorgenommen, die Iris M. Young als „Oppressed Minorities“ bezeichnete und die zu den Neuen Sozialen Bewegungen der „Politics of Identity“ und der „Politics of Difference“ gerechnet werden.“

    (ebd. S. 199)

    Soweit Mathias Hildebrandt.
    Also, gehen wir den von Mathias Hildebrandt beschriebenen Ablauf noch einmal mal in drei Schritten durch, um die Sache genauer zu verstehen.

    1. Schritt:

    Der französische Ethnologe/Anthropologe Claude Levi-Strauss, Hauptvertreter der strukturalen Anthropologie bzw. des ethnologischen Strukturalismus, gelangte im Rahmen seiner strukturalistischen Analysen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften zu der Auffassung, dass die kulturelle Weltsicht bzw. das kulturelle Bedeutungs- und Wertesystem, einschließlich der Mythen dieser Gesellschaften wesentlich von Dualismen bzw. Gegensatzpaaren geprägt sei.

    Claude Levi-Strauss war m.E. durchaus ein bedeutender Ethnologe, (er glaubte übrigens im Gegensatz zu vielen Poststrukturalisten an eine universelle menschliche Natur). Ich vermute, dass Levi-Strauss mit seiner Analyse über die Relevanz von Gegensatzpaaren für ein besseres Verständnis der kulturellen Weltsicht und der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften wohl nicht völlig falsch lag, habe aber den Eindruck, er übertreibt diese Erkenntnis etwas zu stark.
    Dies ist allerdings natürlich eine Diskussion, die von Fachleuten im Bereich Ethnologie und Mythologie geführt werden muss. Gestehen wir Levi-Strauss aber ruhig erstmal zu, diesbezüglich einen diskussionswürdigen Beitrag zur Ethnologie und Mythologie geleistet zu haben.

    2. Schritt:

    Der französische poststrukturalistische Philosoph und Begründer der Philosophie und geisteswissenschaftlichen Methode der Dekonstruktion Jaques Derrida überträgt Claude Levi-Strauss Idee der Strukturierung von kulturellen Weltsichten durch Dualismen/Gegensatzpaare nun von den schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften, mit denen sich die Ethnologie beschäftigt, auf den geographischen Raum des sogenannten Abendlandes und dessen philosophischer Ideengeschichte. Derrida meint eine Strukturierung durch Gegensatzpaare auch als ein wesentliches Element westlichen philosophischen Denkens erkennen zu können. Im Unterschied zu Claude Levi-Strauss Analyse der Mythen schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften meint Derrida nun allerdings bei der philosophischen Ideengeschichte des Abendlandes zu erkennen, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der Regel hierarchisch gegliedert aufgefasst würden. Ein Gegensatzpol würde auf diese Weise stets einen höheren Rang erhalten, der andere würde hingegen abgewertet.

    In der m.E. lesenswerten Einführung in den Poststrukturalismus von Stefan Münker & Alexander Roesler geben diese folgendes Beispiel für diese Auffassung Derridas:

    „Der Ausgangspunkt von Derridas (1930 – 2004) Überlegungen ist das Verhältnis der gesprochenen Sprache zur Schrift. In der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte sieht er eine Diskriminierung am Werk, welche die Schrift der gesprochenen Sprache gegenüber abwertet. Das geschriebene Zeichen wird dem Lautzeichen gegenüber als sekundär angesehen, als bloße Verschriftlichung des vorangegangenen Lautzeichens. (…) Egal ob Platon, Aristoteles, Rousseau, Hegel oder Husserl, alle diskriminieren die Schrift zugunsten des gesprochenen Worts. In dieser abwertenden Geste sieht Derrida ein wiederkehrendes Muster der Philosophiegeschichte, das er identifizieren und kritisieren wird.“

    (aus: Stefan Münker & Alexander Roesler – Poststrukturalismus, 2. Auflage, J.B. Metzler, 2012, S. 39)

    Ob Derrida mit seiner Annahme in der westlichen Philosophiegeschichte würde die Schrift gegenüber dem Wort diskriminiert, Recht hat oder nicht, mögen Philosophiehistoriker diskutieren und entscheiden.

    Allerdings halte ich Derridas Annahme, dass die westliche Philosophiegeschichte GRUNDSÄTZLICH von solchen hierarchisch gegliederten Dualismen/Gegensatzpaaren durchzogen sei, doch für fragwürdig und zumindest schwer begründbar und belegbar.

    Ich vermute, dass diese Sichtweise übertrieben ist und eher eine einseitige dogmatische Vorannahme darstellt. Ich würde eher vermuten, dass sich bestimmte hierarchisch gegliederte Dualismen in manchen Phasen der Philosophiegeschichte nachweisen lassen, in anderen Phasen nicht (dafür vielleicht andere) und dass sich in jeder Phase der Philosophiegeschichte auch viele Dualismen/Gegensatzpaare ohne hierarchische Gliederung finden lassen.

    Eine umfassende und um Objektivität bemühte Überprüfung und kritische Analyse dieser Sichtweise Derridas im Hinblick auf die westliche Philosophiegeschichte zu leisten, wäre sicherlich eine interessante Aufgabe für Philosophiehistoriker, (vielleicht gibt es ja solche kritischen Analysen auch bereits). Ich bin bei dieser Annahme von Derrida jedenfalls skeptisch und vermute, dass es sich hier eher um einen schwächeren Teil seines Werks handelt.

    Für eine fundierte kritische Analyse der postmodernen Political Correctness ist es unvermeidbar, auch die Anknüpfungspunkte der postmodernen Political Correctness im französischen Poststrukturalismus zu analysieren, denn die postmoderne Political Correctness ist ja aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus hervorgegangen.

    Und daher kann man es auch der Philosophie von Derrida nicht ersparen, die spezifischen Anknüpfungspunkte und ideengeschichtlichen Linien im Hinblick auf die postmoderne Political Correctness analysieren, denn auch wenn Jaques Derrida selbst nichts dafür kann, dass sein Werk von US-amerikanischen PC-Ideologen geplündert wurde und Aspekte seines Werkes für die postmoderne Political Correctness instrumentalisiert wurden, so ist für ein genaueres Verständnis der theoretischen und ideengeschichtlichen Grundlagen der postmodernen Political Correctness eine solche ideengeschichtliche kritische Analyse doch unerlässlich.

    Mir geht es dabei jedoch keinesfalls darum, in jene pauschale, von wenig oder keinerlei Kenntnis geprägte (und manchmal antisemitisch unterfütterte) Derrida-Ablehnung einzustimmen, wie sie sich in einem Teil des Lagers der rechten PC-Kritiker findet.

    So wird Jaques Derrida z.B. als einziger poststrukturalistischer Theoretiker in einer von dem antisemitischen Verschwörungstheoretiker und bekannten Vertreter der rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie William S. Lind herausgegeben Schrift ausführlicher erwähnt. Die Berücksichtigung von Derrida in der antisemitischen rechten Anti-Kulturmarxismus-Ideologie erklärt sich dabei natürlich aus Derridas jüdischer Herkunft.

    Die linke und links-maskulistische PC-Kritik, um die es mir geht, wendet sich hingegen entschieden sowohl gegen die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie (die ein besonders verlogenes und abstoßendes Beispiel für das darstellt, was ich als „Political Correctness von rechts“ bezeichne) ebenso wie gegen die postmoderne Political Correctness.

    Dass es leider auch antisemitischen Kritiken an Derridas Philosophie gibt, bedeutet freilich nicht, dass jede Kritik an Derridas Philosophie antisemitisch wäre.

    Und des Weiteren muss Kritik an Derridas Philosophie zu üben, natürlich auch nicht zwangsläufig bedeuten, sein Werk völlig abzulehnen. Zwar geht es mir in diesem Beitrag nicht um eine ausführliche Analyse von Teilwahrheiten und Fehlern in der Philosophie Derridas, dennoch möchte ich an dieser Stelle auch noch einen Aspekt von Derridas Werk kurz erwähnen, den ich als bleibende Leistung ansehe.

    Eine Leistung von Derrida liegt m.E. z.B. darin, mit der Dekonstruktion eine neue Methode der Textinterpretation entwickelt zu haben, mit der philosophische Texte immer wieder aufs Neue auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragt werden können. In einer aktuellen Einführung zu Derrida wird dieser Aspekt prägnant auf den Punkt gebracht:

    „Das „Durchsprechen“ (…) ist, gemäß einer Einsicht Jaques Derridas, eine Form des Erbens, das heißt eine Form der Aneignung und Weitergabe von Überliefertem. Seinem Ruf (…) zum Trotz hat niemand so oft wie Derrida betont, dass wir Erben sind, Erben einer philosophischen und politischen Tradition, für die wir die Verantwortung zu übernehmen haben. Dieses Erbe ist jedoch niemals einfach lesbar, es ist heterogen, in sich widersprüchlich und zerklüftet.
    „Ein Erbe versammelt sich niemals“, heißt es in „Marx Gespenster“ von 1993. „Es ist niemals eins mit sich selbst. Seine vorgebliche Einheit, wenn es sie gibt, kann nur in der Verfügung bestehen, zu reaffirmieren, indem man wählt. Das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muss aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen. (…) Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben. Man würde vom Erbe affiziert wie von einer Ursache – natürlich oder genetisch. Man erbt immer ein Geheimnis – „Lies mich!“, sagt es, „wirst du jemals dazu imstande sein. “

    (aus: Susanne Lüdemann – Jaques Derrida zur Einführung, Junius, 2013, S. 12)

    Dass die dekonstruktive Art zu lesen für Vertreter anderer philosophischer Traditionen anfangs sehr irritierend sein kann, beschreibt der Marxist David Harvey in einer amüsanten Passage in seinem lesenswerten Buches „Marx Kapital lesen“. Harvey, der Seminare zu Marx „Kapital“ abhielt, geriet einmal unverhofft an eine Gruppe von Derrida-Anhängern:

    „In einem Jahr versuchte ich, das „Kapital“ mit einer Gruppe aus dem Romanistik-Seminar an der John Hopkins zu lesen. Ich war äußerst frustriert, weil wir uns fast das ganze Semester mit dem ersten Kapitel aufhielten. Ich sagte immer wieder: „Schaut mal, wir sollten im Text weitergehen und wenigstens bis zum politischen Streit um den Arbeitstag kommen“, woraufhin sie sagten, „Nein, nein, nein, wir müssen das noch klar kriegen. Was ist der Wert? Was meint er mit Geld als Ware? Worum geht es beim Fetisch?“ und so weiter. Sie schleppten sogar die deutsche Ausgabe an, um die Übersetzung zu prüfen. Es stellte sich heraus, dass sie alle in der Tradition von jemandem standen, von dem ich noch nie gehört hatte und von dem ich dachte, dass er ein politischer oder sogar intellektueller Idiot sein müsse, weil er diese Herangehensweise ausgelöst hatte. Es handelte sich um Jaques Derrida, der Ende der 1960er Jahre, Anfang der 1970er Jahre, eine zeitlang an der Hopkins gewesen war. Als ich im Nachhinein über diese Erfahrung nachdachte, wurde mir klar, dass mir diese Gruppe beigebracht hatte, wie unerlässlich es ist, sorgsam auf die Sprache (…) zu achten (…).“

    (aus: David Harvey – Marx Kapital lesen, VSA, 2011, S. 13)

    Lesen im Sinne der Dekonstruktion ist also alles andere als oberflächlich.

    Machen wir weiter mit dem eigentlichen Thema – 3. Schritt:

    Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird nun Jaques Derridas Annahme von der Strukturierung der westlichen Philosophiegeschichte durch hierarchisch gegliederte Dualismen/ Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen. Nicht nur die westliche Metaphysik, sondern vor allem das Verhältnis verschiedener Menschengruppen zueinander innerhalb der kulturellen Weltsicht, die sich auf die sozialen Strukturen auswirke, wird nun als streng hierarchisch gegliedert interpretiert.
    Daraus wird abgeleitet, dass es Diskriminierungen immer nur auf einer Seite geben könne, dass eine Seite stets privilegiert, die andere Seite stets diskriminiert sei. Diese undifferenzierte Sichtweise erhält innerhalb der sich herausbildenden PC-Ideologie den Status eines dogmatischen Glaubenssatzes und wird nicht mehr hinterfragt.
    Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommenen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entstehen nun die uns bekannten politisch korrekten „Norm-Feindbilder“:

    – Norm: weiß, Abweichung: nicht-weiß
    – Norm: männlich, Abweichung: weiblich
    – Norm: heterosexuell, Abweichung: homosexuell
    – Norm: cissexuell, Abweichung: transsexuell
    – Norm: westlich, Abweichung: nicht-westlich

    Mit diesem einseitigen Modell im Hinterkopf wird es nun für politisch korrekte postmoderne Linke schwierig sich vorzustellen, dass es viele Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen geben kann, die nicht in dieses dualistische Schema passen.

    Übersehen werden dabei meiner Ansicht nach unter anderem:

    – die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

    http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

    manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

    – die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

    http://www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

    – Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern), denn „christlich“ wird in der PC-Ideologie mit „westlich“ assoziiert. (Allerdings interessieren sich nicht nur politisch korrekte postmoderne Linke, sondern auch die christlichen Kirchen selbst leider nicht besonders für dieses Thema.)

    – Diskriminierende und autoritäre Werte, Normen und Gesetze im orthodoxen und islamistischen Scharia-Islam und die innerislamischen Betroffenen islamischer Unterdrückungspraxis jederlei Geschlechts (denn der Islam wird in der PC-Ideologie mit „nicht-westlich“ assoziiert).

    Kurz auf den Punkt gebracht – das politisch korrekte Konzept der „Norm-Feindbilder“ bewirkt nun genau das, was der ursprüngliche französische Poststrukturalismus eigentlich kritisieren wollte: ungerechte Ausschlüsse.

    Nach dieser etwas längeren Darstellung der ideengeschichtlichen Linie, die zu den politisch korrekten „Norm-Feindbildern“ führte, zum Abschluss noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

    – Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss vertritt die Ansicht die kulturelle Weltsicht und die Mythen in schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften seien stark von Dualismen/Gegensatzpaaren geprägt.

    – Der französische poststrukturalistische Philosoph Jaques Derrida überträgt diese Idee auf die westliche Philosophiegeschichte und meint außerdem, dass die Dualismen/Gegensatzpaare in der westlichen Metaphysik grundsätzlich hierarchisch gegliedert seien.

    – Im Zuge einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus wird Derridas Idee hierarchisch gegliederter Dualismen/Gegensatzpaare auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen.

    – Im Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem französischen Poststrukturalismus übernommen Idee der Ausschlussfunktion, die von Normen ausgehen kann, entsteht aus der Vorstellung hierarchisch gegliederter Beziehungen zwischen Menschengruppen im kulturellen Wertesystem, das Dogma Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben sowie die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

    – Die politisch korrekten „Norm-Feindbilder“ produzieren neue Ausschlüsse und bewirken, dass reale Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen übersehen werden, wenn diese nicht der dogmatisch vorausgesetzten einseitigen und empirisch nicht überprüften politisch korrekten theoretischen Konstruktion entsprechen.

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