Gynozentrischer Feminismus

In einem Artikel auf dem Blog „Feminist Critics“ geht es in dem Artikel „Revised definition of Gynocentric Feminism“ darum, auf Gleichberechtigung ausgerichteten Feminismus von einem Feminismus abzugrenzen, der lediglich Fraueninteressen dienen soll:

The term actually gets at the principles, beliefs, attitudes, and assumptions of the feminist in question. Gynocentric views include

  • Men are universally privileged by gender and women are not
  • Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.
  • Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).
  • Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).
  • Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.
  • Any similar beliefs or assumptions

Gynocentricity isn’t simple binary state. The more a particular feminist adheres to the above principles, the more gynocentric she is. The less she adheres to them, and the more she adheres to contrary notions, the less gynocentric and more egalitarian she is.

Ich finde diese Definition sehr gelungen, weil sie in der Tat viele Erscheinungen des „Gender- und Privilegienfeminismus“ in das richtige Licht setzt. Es geht insoweit um den Grad der Frauenbezogenheit, weil all diese Theorien und Ansätze tatsächlich unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden können, inwieweit sie Frauen in den Vordergrund rücken und Männer in den Hintergrund bzw. inwieweit sie in einem Diskurs die Position der Frau stärken  und es dem Mann erschweren, seine Position zu vertreten.

1. „Men are universally privileged by gender and women are not“

Zu den Privilegientheorien habe ich schon einiges geschrieben:

In der Tat zeugt eine Ansicht, dass nur die Männer privilegiert sind, davon, dass man die Geschlechter sehr einseitig wahrnimmt. Wer dann noch zu dem Kunstgriff greift alle Privilegierungen der Frauen als „wohlwollenden Sexismus“ anzusehen, aber nicht zu untersuchen, inwieweit dies auch bei den Männern der Fall sein könnte, der nimmt in der Tat eine sehr frauenbezogene Perspektive ein.

2. „Women have inescapably or presumptively superior insights into questions of gender than men.“

Auch das war schon häufiger Thema hier

Der Gedanke, dass Frauen die unterdrückte Gruppe sind und deswegen bei jedem Problem auch immer die besseren Einsichten haben führt über das „epistemische Privileg“ dazu, dass sie bei einem gynozentrischen Blickwinkel alle Probleme im Verhältnis der Geschlechter besser beurteilen können. Wer das epistimische Privileg kombiniert mit „Männer sind privilegiert“ und „Männer können nicht benachteiligt werden, was als Benachteiligung von Männern erscheint, ist lediglich ein wohlwollender Sexismus gegenüber Frauen“ kommt zu so gynozentrischen Ansichten wie Lantzschi in dem Artikel „„Es gibt keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten

3. Women are entitled to define the terms of gender discussions and that men must “check” their gender privilege before entering into those discussions (and women don’t have to check theirs).

Das ist im Prinzip auch bereits oben behandelt worden. Da Frauen nicht privilegiert sein können, jedenfalls nicht als Frauen (allenfalls wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Klasse oder ihrer sexuellen Orientierung etc) können sie ihre Privilegien ignorieren, gleichzeitig aber das „Ablegen“ von Privilegien bei Männern fordern, damit diese sich überhaupt beteiligen können. Das führt dann zu solchen Listen, wie sie hier aufgestellt werden, unter denen bestimmte gynozentrische Feministen dann überhaupt eine Beteiligungsmöglichkeit für Männer sehen. Diese Liste schränkt aber Männer wieder so ein, dass letztendlich eine Gleichberechtigung nicht mehr vorhanden ist.

4. Men oppressing other men is an example of men ‘oppressing themselves’ (or other similar ‘men are Borg’ type notions).

Ein beliebtes Argument innerhalb einer Geschlechterdiskussion.

Beispielsweise in dieser Form:

  • Männer müssen ihre Privilegien ablegen und aktiv daran arbeiten Frauen in Führungspositionen zu bekommen
  • Wenn Männer häufiger als Frauen Obdachlos sind, dann liegt das am Patriarchat und die Männer müssen es selbst lösen, da sieht man mal wie schädlich das Patriarchat für Männer ist, Frauen haben mit der Gesellschaft nichts zu tun, selbst die nicht, die Führungsverantwortung haben
Sprich: Um so gynozentrischer der Blickwinkel um so eher sind Probleme, die eher Frauen betreffen, Probleme, die von allen, insbesondere den Männern zu lösen sind und um so eher sind Probleme, die typischerweise Männer betreffen, Probleme, die zumindest bezüglich der Männer von eben den Männern gelöst werden müssen.

5. Criticism of feminist misandry is presumptively invalid, illegitimate, or suspect.

Wenn der Blickwinkel auf Frauen bezogen ist, also gynozentrisch, dann steht Fehlverhalten gegenüber diesen im Vordergrund. Fehlverhalten von Frauen gegenüber Männern kann dann nur eine Ablenkung oder aber jedenfalls zu ignorieren sein. Die Backlash-Theorie geht ebenfalls in diese Richtung. Sie erlaubt es alle Kritik am Feminismus, eben auch solche, die Männerfeindlichkeit darstellt, bereits formell, also ohne Prüfung des Inhalts, abzuweisen, weil sie eben nur ein Versuch ist, den Feminismus einzuschränken. Der gynozentrische Feminismus hat bei solchen Vorhaltungen auch Slogans wie „What about the menz“ zur Abwertung entwickelt, mit denen Vorhaltungen direkt als Derailing abgewertet werden und demnach nicht weiter geprüft werden müssen.

6. Any similar beliefs or assumptions

Es ist vielleicht schon in den anderen enthalten, aber ich meine, dass hierzu auch die vielen Mittel gehören, mit denen ansonsten Diskussionen abgewürgt werden, weil die auf Frauen bezogene Perspektive bereits als nicht diskutabel angesehen wird, und man nicht diskutieren will, sondern Einsicht erwartet und Gegenargumente lediglich als Machtmittel im Diskurs ansieht. Ich habe einige unter dem Beitrag „Tipps für Diskussionen auf feministischen Blogs“ und „Machtmittel im Diskurs“ dargestellt.

Insgesamt scheint mir die Frage, inwieweit die Frau in den Mittelpunkt gerückt wird und Probleme des Mannes ausgeblendet werden durchaus einen interessanten Vergleich von Positionen zu ermöglichen.