„Die Evolution hat kein Ziel, folglich gibt es auch keinen evolutionären Druck“

Lucia merkt folgendes an (um Beleidigungen gekürzt):

„Die Evolution hat kein Ziel und folglich gibt es auch keinen evolutionären Druck. Der kann nur durch die Lebensbedingungen entstehen, an die sich die Lebewesen anpassen oder aussterben.“

Richtig daran ist natürlich erst einmal, dass die Evolution kein Ziel hat. Da sie auf Mutation und Selektion beruht ist sie ein endloser Prozess, der kein Endstadium erreichen kann. Es gibt kein „perfektes Lebewesen“ und auch kein „unfertiges Lebewesen“. Deutlich wird dies auch an der Red Queen Theory, die die Konkrurrenz der Lebewesen untereinander betrachtet. Da Lebewesen miteinander agieren und miteinander konkurrieren müssen sie sich zumindest untereinander anpassen und ein „perfektes Lebewesen“ wäre nur bis zur nächsten positiven Mutation seines Feindes oder Konkurrenten perfekt.

Das bedeutet aber nicht, dass Evolution nicht ein bestimmter Prozess in eine Richtung sein kann, der sich (kurzzeitig) anhand bestimmter Sachzwänge entwickelt. Den neben der zufälligen Mutation besteht Evolution eben auch aus Selektion. Und es lassen sich gewisse Kriterien für eine Selektion aufstellen, wenn sich auch daraus die tatsächliche, konkrete Evolution nicht vorhersagen läßt.

Ein Beispiel wäre das Erreichen eines flugfähigen Vogels auf einer Insel ohne natürliche Feinde. Durch das Wegfallen der Fressfeinde sind bestimmte Selektionsfaktoren, die bisher auf den Vogel einwirkten, weggefallen. Es spricht damit vieles dafür, dass sich bei diesem Vogel Systeme, die gerade unter diesen Selektionsfaktoren entstanden sind, wegfallen werden und andere Faktoren, die bisher durch diese Selektion unterdrückt werden, nunmehr aufleben. Das Fliegen erlaubt einem Vogel beispielsweise die schnelle Flucht vor einem Fressfeind. Im Gegenzug verbietet ihm das Fliegen die Bildung vieler Nahrungsmittelreserven, die Bildung stabiler, aber schwerer Knochen etc. Zudem bedeutet Fliegen, dass man sich kostenintensive Flugmuskeln zulegen muss und diese unterhalten muss, was selbst bei Nichtnutzung zum Fliegen erhebliche Verursacht. Der allgemeine Druck, einen möglichst kostensparenden Körper zu haben, kann sich daher ohne natürliche Feinde wesentlich besser entwickeln. Natürlich kann auch die Nahrungssuche ein Fliegen erfordern, etwa bei steilen Küsten und Fischfang bei ansonsten bestehender Nahrungsknappheit.Natürlich kann die Flugfähigkeit auch im Rahmen der sexuellen Selektion eine richtige Rolle spielen und deswegen erhalten bleiben. Dennoch kann man beobachten, dass Vögel unter diesen Umständen sehr häufig ihre Flugfähigkeit einbüssen werden, dicker und stabiler werden, ihre Fluchtinstinkte verlieren.

Das bekannteste Beispiel ist der Dodo. Wie an der allseits bekannten Geschichte des Dodos deutlich wird ist dieser Verlust der Flugfähigkeit natürlich kein Ziel im Sinne eines Plans der Evolution gewesen. Aber weil Evolution eben planlos verläuft und daher überlegungen wie „Irgendwann wird einmal ein Raubtier auf die Insel kommen, es wäre besser für die Gattung, wenn auch nicht unbedingt für das jetzt lebende Einzelwesen, sich die Flugfähigkeit und die Fluchtinstinkte zu erhalten“ innerhalb des Prozesses natürlich nicht stattfinden können, ist es nicht fehlerhaft davon zu sprechen, dass ein selektiver, evolutionärer Druck weggefallen ist. Ebenso kann man natürlich auch den Menschen betrachten. Über den weitaus größten Teil der Menschheitsgeschichte (also zumindest etwa 4,5 Millionen Jahre) bestand ein höherer Selektionsdruck für Menschenfrauen als für Menschenmänner sich einen Partner zu suchen, der bereit war, Teile der Kosten einer Schwangerschaft zu übernehmen.

Dieser Selektionsdruck macht sich auch beim Menschen bemerkbar, die deswegen seltener als der Mann reinen Sex ohne gefühlsmäßige Bindung will und formt im Gegenzug aufgrund der Ausgestaltung bei der Frau im Wege der sexuellen Selektion auch wieder die Partnerwahl des Mannes. Das Ergebnis dieses Prozesses und des damit einhergehenden Red Queen Races betrachtet insbesondere die Sexual Strategies Theory. Inzwischen ist der diesbezügliche Selektionsdruck weggefallen. Veränderungen ergeben sich insbesondere daraus, dass Verhütung eine Abkoppelung von Sex und Fortpflanzung ermöglicht hat und zudem das hochentwickelte Sozialsystem, Unterhaltsgesetze, die verbesserte Möglichkeit einer Drittbetreuung etc in modernene Staaten Frauen ermöglichen, die Kosten einer Schwangerschaft an den Mann auch gegen dessen Willen oder an die Gemeinschaft weiterzureichen. Das Wegfallen des Selektionsdruckes in diese Richtung bedeutet aber nicht, dass die durch diesen Selektionsdruck entstandenen biologischen Grundlagen wegfallen.

Dabei sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen:

a) Zeit

Der Wegfall des Selektionsdruck ist noch nicht lange her. Effektive Verhütung ist erst mit der industriellen Herstellung von Verhütungsmitteln möglich, Kondome etwa seit ca. 1930, die Pille etwas später. Erst ca. etwa den 70ern, also seit nunmehr gerade einmal 3 Generationen, ist effektive Verhütung möglich

b) Sexuelle Selektion

Sexuelle Selektion funktioniert über biologisch verankerte Partnerwahlkriterien. Diese stabilisieren das System, da sie zu einem Selbstöläuferprozess führen können. Wenn Männer Frauen mit häufig wechselnden Sexualpartnern aufgrund dieser Kriterien als weniger attraktiv für eine Langzeitbindung ansehen, dann bleibt es auch bei Wegfallen des Selektionsdrucks hierfür vorteilhaft, entsprechende Frauen nicht zu wählen bzw. Männer, die sich mit entsprechenden Frauen für eine Langzeitbindung einlassen nicht zu wählen, weil aufgrund der abgespeicherten Partnerwahlkriterien Töchter bzw. Söhne, die nach diesen Kriterien entstehen, schlechtere Chancen auf dem Partnermarkt haben. Die Söhne würden von den Frauen abgewertet werden, weil sie sich mit entsprechenden Frauen auf Langzeitbindungen einlassen, die Töchter für Langzeitbindungen uninteressanter werden. Diese Nachteile stellen also ebenfalls einen Selektionsdruck dar, der das System stabilisieren kann.

c) Fehlende Selektion in eine abweichende Richtung

Die Kriterien, die sich nach dem bisherigen Selektionsdruck aufgebaut haben, verschwinden nur dann, wenn der wegfallende Selektionsdruck zu Veränderungen im Genpool führt. Bei dem Dodo beispielsweise konnte ein Vogel, der schwächere Flugmuskeln hat, genauso gut überleben. Wenn Dodos aufgrund eines reichhaltigen Nahrungsangebots und weniger Fluchtnotwendigkeit insgesamt fetter wurden, flogen vielleicht auch die Dodos mit besseren Muskeln weit aus weniger. Insgesamt wirkten sich daher solche Nachteile nicht aus, hingegen mussten die Vögel mit guter Flugmuskulatur diese nach wie vor unterhalten und starben daher vielleicht in Dürrezeiten eher. Die Gene für schwache Flugmuskeln könnten sich daher gut im Genpool anreichern. Die Frauen, die dank Verhütung folgenlosen Sex mit vielen Partnern haben konnten, bekommen aber nicht mehr Kinder als die Frauen, die das nicht wollten. Denn das verhindert die Verhütung ja gerade. Sie bekommen vielleicht sogar deswegen später Kinder als Frauen, die früh eine feste Partnerschaft eingehen und konzentrieren sich eher auf Karriere etc. Eine gentische Veränderung stellt sich nicht ein, weil ein bestimmtes Verhalten praktiziert wird. Das wäre Lamarckismus. Sie würde sich hier einstellen, wenn Frauen, die mehr Sexualpartner haben als der Schnitt mehr Kinder haben würden als Frauen, die weniger Sexualpartner haben als der Schnitt.