Mütter im Konkurrenzkampf

Ein Beitrag im SZ-Magazin über den Konkurrenzkampf unter Müttern:

Sobald Mütter über ihre Kinder sprechen, über das Ausmaß der Betreuung und den Grad ihrer Berufstätigkeit, ist es vorbei mit einer normalen Unterhaltung. Dann gehen wir instinktiv in Alarmbereitschaft und wetzen die Messer, für einen gezielten Angriff oder die wütende Verteidigung. Es geht sofort um alles, auch wenn dieses »alles« sich hinter dem sperrigen Begriff »Lebensentwürfe« versteckt. Jeder Lebensentwurf ist Ergebnis langer, zäher, Nerven kostender Verhandlungen, mit dem Partner, den Kindern, dem Arbeitgeber. Deswegen sind wir so empfindlich, weil es darum geht, wie wir leben. (…)

Tatsächlich gab es kaum ein Ereignis in meinem Leben, das meine Welt so sehr auf den Kopf stellte wie die Geburt des ersten Kindes – und das beileibe nicht nur wegen der plötzlichen vollkommenen Fremdbestimmung durch kleinkindliche Dauerbedürfnisse. Bis zu dem Tag der Geburt hatte mir niemand gesagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, hatte mir niemand Vorschriften gemacht, wurde nicht ständig hinterfragt, ob ich etwas auch wirklich so mache, wie »man« es mache. Doch kaum lag das Kind auf dem Tisch, ging es los: »Sie wollen nach Hause, Sie machen doch beim Wickeln noch alles falsch«, polterte die Hebamme, als ich das Krankenhaus nach zwei Tagen verlassen wollte. Es folgten Massen ungebetener Einwände, Ratschläge und Kommentare – bis heute. In meinem 16 Jahre währenden Dasein als Mutter wurde laufend – subtil oder erstaunlich direkt – meine Art zu leben an den Pranger gestellt. Und immer waren es Frauen, die sich schlecht getarnte, giftige Kommentare einfach nicht verkneifen konnten. An Seitenhiebe von Männern kann ich mich nicht erinnern.

(…)

Überall treffen Mütter in fröhlicher Gemeinschaft zusammen: beim Babyschwimmen, beim Kinderturnen, bei Kindergarten- und Schulfesten, an schönen Nachmittagen auf Spielplätzen. Doch der Schein der heiteren weiblichen Solidargemeinschaft trügt, hinter der Herzlichkeit und Anteilnahme lauern die Konkurrenz, der Argwohn, der Wettstreit, die Missgunst, der Neid. Natürlich, Frauen sind besonders teamfähig und kommunizieren besser als Männer, sie sind sensibler und oft selbstloser, was die Gemeinschaft angeht – aber sie haben eben auch eine Eigenschaft, die man landläufig Stutenbissigkeit nennt.

Eine Erklärung für diese Anfeindungen untereinander liefert die Autorin auch gleich mit:

Aber warum ist der Brennpunkt ausgerechnet die Mutterschaft, die doch für all das Gute und Selbstlose im Menschen steht, das Leben Gebende? Weil die Mutterschaft nichts Selbstverständliches mehr ist, seit Frauen entscheiden können, ob und wann und wie viele Kinder sie bekommen. Es entspricht einem Naturgesetz: Wer die Wahl hat und sich freiwillig entscheidet, der oder vielmehr die muss auch dazu stehen. Denn allen Beteiligten droht theoretisch immer der Super-GAU, nämlich dass sie feststellen oder davon überzeugt werden, dass sie die falsche Wahl getroffen haben. Und dass es dann für eine Umentscheidung zu spät ist, weil die Kinder eben da sind und der Job weg ist, oder halbiert, gedrittelt oder sonstwie reduziert, oder weil nur noch der Job da ist, die fruchtbaren Jahre aber vergangen sind. Das darf nicht passieren, deswegen werden schon mal vorsichtshalber die Krallen ausgefahren, und wenn die eigene Verteidigung schwierig scheint, muss eben zur Rechtfertigung das Lebensmodell der anderen infrage gestellt werden, schlecht gemacht, runtergezogen.

Es passt eigentlich ganz gut zu diesem Artikel „„Männer konkurrieren um was sie tun, Frauen um was sie sind“

Wenn man um Lebensentwürfe konkurriert, dann kann ein abweichender Lebensentwurf eben eher ein Angriff sein.

Ich finde es auch unter dem Aspekt der „Täterschaft“ interessant. Die Frauen, die sich hier untereinander bekämpfen und ihren jeweiligen Lebensstil schlecht machen, einfach nur als durch ihre Rollenbilder geleitet und als Helfer des Patriarchats anzusehen finde ich sehr einfach. Zumal in dem Artikel ja seitens der Autorin angesprochen wird, dass die jeweilige Entscheidung das Ergebnis eines überlegten Prozesses von intelligenten Frauen ist.