Geschlechtsumwandlung und die Finanzierung über die Krankenkasse

Ich lese gerade Judith Butlers „Undoing Gender„. Das Buch behandelt in einzelnen Kapiteln relativ unabhängig voneinander bestimmte Themen, in einem eben auch die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die Kosten einer Geschlechtsumwandlung über eine Krankenkasse übernommen werden sollen.

Dabei kritisiert Butler, dass dies von psychologischen Tests abhängig gemacht wird, die bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse voraussetzen und nicht der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen wird.

Die Regelungen, die Butler bespricht, stellen eher auf die hier vertretene Auffassung ab, dass Transsexualität ein gewisser biologischer Zustand und keine bewußte, rationale Entscheidung ist. Demnach wird die Kostenübernahme davon abhängig gemacht, dass man über Gutachten nachweist, dass man „tatsächlich“ Transsexuel ist und nicht lediglich unabhängig von einer Transsexualität seinen Phänotyp ändern will.

Butler stellt hingegen darauf ab, dass Geschlecht ohnehin eine Konstruktion ist, die gesellschaftlich errichtet wird und daher die Zuordnung innerhalb der vorgesehenen Testsvon vorneherein eine Farce sein muss. Sie kritisiert, dass man sich auf solche Tests vorbereiten kann und muß um die richtigen Antworten geben zu können und damit diese Tests zu einer Performance um bestimmte Geschlechterrollen werden.

Statt dessen solle man eben einfach den Hausarzt und den Patienten entscheiden lassen, ob die Operation das Richtige für den- oder diejenige ist, ohne es von weiteren Kritieren abhängig zu machen.

Dabei führt sie als Beispiel die Entscheidung einer Brustkrebspatientin an, bei der eine Patientin alles versucht, um ihre Brüste zu retten, während eine andere (in ihrem Beispiel eine männlichere Lebse) gleich beide Brüste abnehmen läßt und diese nicht vermisst.

Des weiteren führt sie an, dass es unfair wäre, dass armen Menschen eine Entscheidung verbaut sei, die reiche Menschen treffen könnten.

Meiner Meinung nach trennt Butler nicht hinreichend gründlich zwischen den beiden hier bestehenden Ebenen

  • Dem Wunsch seinen Körper umzugestalten
  • der Pflicht der Allgemeinheit die Kosten für die Erfüllung dieses Wunsches zu übernehmen

Der Wunsch seinen Körper umzugestalten und diesen seiner eigenen Wahrnehmung des Ichs anzupassen ist legitim und solange er aus eigenem Geldbeutel bezahlt wird, mag jeder machen, was er will. Es spielt insofern keine Rolle, ob er dies aufgrund tatsächlicher biologischer Unterschiede, etwa der Testosteronrezeptoren will oder einfach weil er meint, dass er seinen Privilegien als Mann dadurch besser entfliehen kann und nicht länger an der Unterdrückung der Frauen arbeiten will / deren Schmerzen auf sich nehmen und mit ihnen leiden will.

Menschen haben das Recht mit ihrem Körper anzustellen, was sie wollen, solange sie damit nicht andere Personen belasten. Selbstmord oder Verstümmelungen sind zulässige Entscheidungen, wobei solche Taten allerdings immer die Gefahr mit sich bringen, dass der eigene Willensentschluss nicht frei ist, sondern auf anderen Umständen beruht, die man nicht mehr in der Hand zu haben meint oder schlicht auf Depressionen etc, die natürlich einen biologischen Ursprung haben können.

Natürlich sollte hierunter auch das Recht fallen, seinen Körper anzupassen, wenn gleich ich ebenso der Auffassung bin, dass man sich eine solche Entscheidung gut und reiflich überlegen sollte. Und auch die Ärzte , die eine solche Behandlung tuen gut daran. die Entscheidung ihres potentiellen Kunden auf Ernsthaftigkeit und Freiheit in der Willensbildung zu hinterfragen, da die Folgen sicherlich gravierend sind und die Operation sehr umgreifend.

Davon unberührt ist aber die Frage, wer die Rechnung zahlt. Hier macht es sich Butler mit ihrem „Man sollte die Entscheidung akzeptieren“ doch recht einfach und geht meiner Meinung nach auch einem klassischen Fehlschluß auf dem Leim, der darin besteht, dass es egal ist, was die Krankenkassen zahlen. Krankenkassen sind – das sollte man sich immer wieder vor Augen halten – eine wunderbare Einrichtung der menschlichen Zivilisation, bei der letztendlich ein Solidarpakt zwischen Fremden geschlossen wird, die jeweiligen Kosten einer Krankheitsbehandlung gegenseitig zu übernehmen. Der Wert dieser Vereinbarung fällt uns nicht mehr auf, weil wir die Krankenkassen nicht mehr als solche wahrnehmen, sondern lediglich noch als Institution, die anscheinend unbegrenzte Geldmengen verwaltet und der man Leistungen abverlangt. Weil diese Leistungen in gewisser Weise als „COmmon Good“ wahrgenommen werden, als freie Leistung, deren Abruf niemanden schadet, wird auch ein unnötiges Abrufen dieser Leistungen und eine Leistungserschleichung ähnlich wie bei einem anderen Versicherungsbetrug nicht als Tat mit einem großen Unrechtsgehalt wahrgenommen, sondern eher als legitimer Versuch, das Beste für sich herauszuholen.

Der Solidarpakt geht aber nicht generell dahin, dass jede Unzufriedenheit oder jede andere medizinisch lösbare Problemstellung finanziert wird, sondern darin, dass Kosten übernommen werden, die aufgrund eines medizinischen Leidensdruck oder dessen Vorbeugung entstehen abzufangen.

Die Abgrenzung ist sicherlich im Einzelfall schwierig, aber es ist dennoch notwendig sie vorzunehmen.

Bei weniger politischen Themen werden dies die meisten auch einsehen:

Ein Popidol verliert bei einem Unfall seinen rechten Arm. Fan A erklärt, dass es für ihn schlichtweg unerträglich ist, in einer Welt zu Leben, in der Popidol einen Arm hat, A aber 2 Arme. Jedesmal wenn er auf seinen Arm schaue fühle er die Ungerechtigkeit der Welt und es entstehe ein erheblicher Leidensdruck. Er wolle selbst einarmig sein, aus Solidarität mit dem Popidol.

Wir würden wohl eher demonstrieren, wenn die Krankenkasse diese Entscheidung akzeptieren würde und die Kosten übernehmen würde. Hingegen würde es wir es selbstverständlich finden, dass die Kosten einer Amputation übernommen werden, wenn jemand eine Krankheit hat, die von seinem Arm auf den Rest des Körpers überzugreifen droht und dies ein sicherer Weg wäre, die Krankheit zu stoppen, selbst wenn nicht erwiesen ist, dass diese Krankheit tatsächlich übergreift.

Einer Frau mit extremen Rückenschmerzen eine Brustverkleinerung zu finanzieren ist etwas anderes als einer Frau mit kleinen Brüsten eine Brustvergrößerung zu finanzieren.

Ähnliches muss meiner Meinung nach auch bei einer Geschlechtsumwandlung gelten. Wenn die Person „biologisch-medizinisch“ Transsexuell ist, dann stammt ihr Wunsch, eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen aus einer Diskrepanz zwischen ihrem Phänotyp und dem Gehirngeschlecht sowie evt dem gesamten Körperempfinden über einen Bodyplan. Das Unwohlsein, dass aus dieser Mischung entsteht, hat hier eine Ursache in der Biologie, was eine Umlage der Kosten rechtfertigen kann.

Natürlich könnte man dem entgegen halten, dass der eigentliche Leidensdruck nicht durch die Biologie entsteht, sondern dadurch, dass die Gesellschaft ein Verhalten, das als Abweichung des für den Phänotyp typischen Verhaltens wahrgenommen wird, nicht akzeptiert. Insofern wäre hier ein starkes Kulturanteil gegeben. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass diese kulturellen Wahrnehmungen der Abweichung darauf beruhen, dass Männer und Frauen im Schnitt tatsächlich anders sind und daher das Verhalten so auffällig ist, gerade weil unsere Biologie darauf ausgerichtet ist, solche Unterschiede festzustellen, dann halte ich eine Kostenübernahme in diesem Bereich für vertretbar.

Fehlen hingegen die Grundlagen und die Person mit dem Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung rechtfertigt dies rein philosophisch oder poslitisch, dann wäre diese Person meiner Meinung nach darauf zu verweisen, dass ihm diese Entscheidung natürlich freisteht, aber sie dann die Kosten hierfür selbst übernehmen muss. Das Politische ist in dieser Hinsicht eben privat.

Natürlich kann man darüber streiten, ob die Tests, die gegenwärtig verlangt werden, dieser Abgrenzung gerecht werden oder zu hart angesetzt sind. Allerdings ist es eben medizinisch ein besonderer Fall, mit besonderen Kosten, der nur schwer mit Fakten zu belegen ist. Wir können eben leider bzw. glücklicherweise noch nicht in die Köpfe der Menschen gucken. Verständlich finde ich es daher, dass diese Entscheidung nicht einem Hausarzt überlassen wird, der üblicherweise nicht die hinreichende Fähigkeit und Neutralität hat um ein auch aus Sicht der Solidargemeinschaft Krankenkasse neutrales Fachgutachten zu erstellen.

Wenn dies dazu führt, dass man sich auf Tests vorbereiten kann und dabei auch bestimmte Fragen einstudieren kann, dann ist dies nicht ein Fehler des Systems, sondern eine schlichte Täuschungshandlung und Versicherungsbetrug (wenn man durch falsche Angaben einen nicht bestehenden Zustand vortäuscht um Versicherungsleistungen zu erhalten, auf die man sonst keinen Anspruch hat). Das man in Tests betrügen kann rechtfertigt nicht den Verzicht auf Tests. Das Butler diese Diskrepanz nicht wahrnimmt folgt eben aus dem Problem, dass Versicherungsleistungen abstrakt wahrgenommen werden und daher keine Schädigung vermutet wird.

Im übrigen werden damit auch die Transsexuellen geschädigt, die eine Leistung erhalten würden, da das vorbereiten auf die Tests zwangsläufig deren Schwierigkeit erhöht, weil die Testenden davon ausgehen müssen, dass eine solche Vorbereitung erfolgt ist und daher Antworten kritischer hinterfragen müssen. Aber auch hier ist sich natürlich jeder selbst der Nächste.

Hinzukommt, dass bei einer rein politischen oder auf Wünschen basierenden Geschlechtsumwandlung das Risiko einer wiederholten Geschlechtsumwandlung mit den darauf folgenden Kosten nicht auszuschließen ist

Insgesamt erscheint es mir daher gerechtfertigt, dass Geschlechtsumwandlungen dann finanziert werden, wenn gutachterlich bestätigt wird, dass eine „tatsächliche Transsexualität“ vorliegt. So kann sowohl den Interessen der Transsexuellen als auch den Interessen der Transsexuellen Rechnung getragen werden. Die Ausgestaltung im einzelnen und die Anforderungen an die Transsexualität mögen dabei diskutabel sein.