Männerrechtsbewegung, Maskulismus: Quo vadis?

Leser Leszek schreibt in einem Kommentar:

Ich bin in der Tat der Ansicht, dass rationale Argumente und wissenschaftlich fundierte Konzepte absolut unerlässlich sind. Bewegungen auf nicht-rationaler, d.h. auf mythologischer Grundlage können eventuell gesellschaftliche Veränderungen bewirken – aber keine guten! Sie ziehen kulturelle Regression nach sich (weshalb ich ja z.B. auch den Matriarchatsfeminismus für eine regressive Variante des Feminismus halte).

Propagandalügen können zeitweise effektiv sein, aber sie korrumpieren eine Bewegung von innen, irgendwann fliegen sie auf und werden einem um die Ohren geschlagen und was durch sie letztendlich erreicht wird, ist entweder negativ oder hat keinen dauerhaften Bestand.

Eine soziale Bewegung braucht ein solides theoretisches Fundament, und dieses sollte um Objektivität bemüht sein, d.h. wissenschaftlich fundiert, auf rationalen und überzeugenden Argumenten beruhend, offen für Kritik.

Das halte ich für unerlässlich, wenn eine soziale Bewegung nicht nur Erfolg haben, sondern auch etwas Konstruktives bewirken will, das dauerhaft Bestand hat.

Sind Vernunft und Wissenschaft also m.E. unerlässlich, so sind sie aber auf keinen Fall ausreichend. Vernunft und Wissenschaft sind notwendige, aber nicht hinreichende Faktoren für das Erreichen von mehr Gerechtigkeit. Für sich genommen bewirken sie zuwenig.

Etwas anderes muss hinzukommen, und das ist das Entscheidende:

DIE FÄHIGKEIT EINER SOZIALEN BEWEGUNG IN DER HERRSCHENDEN ÖFFENTLICHKEIT EIN GEFÜHL DER MORALISCHEN EMPÖRUNG ZU ERZEUGEN!

Das ist ein sehr zentraler pragmatischer Aspekt des Erfolges sozialer Bewegungen. Der Feminismus hatte Erfolg, weil es ihm gelungen ist moralische Empörung hinsichtlich des Themas der Diskriminierung der Frau in der Öffentlichkeit hervorzurufen, (m.E. in manchen Aspekten berechtigt, in anderen nicht).

Ich will Roslins Argument, dass hierbei auch eine männliche Instinktdisposition Frauen zu schützen und zu helfen eine gewisse Rolle spielt nicht widersprechen, das spielt sicherlich mit rein, trotzdem greift diese Erklärung m.E. zu kurz.

Der Erfolg des Feminismus erklärt sich darüber hinaus aus einer universell anwendbaren Strategie: Moralische Empörung über Unrecht in der Öffentlichkeit wachzurufen.

Losgelöst von Rationalität und Ethik kann moralische Empörung auch viel Schlechtes bewirken, wenn sie von destruktiven Kräften instrumentalisiert und in die falschen Kanäle gelenkt wird, aber trotzdem ist die Erzeugung eines Gefühls moralischer Empörung für die Beseitigung von Unrecht unerlässlich. Anders geht es nicht. (…)

Die entscheidende Frage lautet also: Wie können gut begründete und berechtigte Anliegen der Männerrechtsbewegung so in die Öffentlichkeit getragen werden, dass hinsichtlich der Formen des Unrechtes unter dem Männer in unserer Gesellschaft zu leiden haben, ein allgemeines Gefühl der moralischen Empörung in der Gesellschaft entsteht?

Ein Gefühl öffentlicher Schande, nach dem Motto: So dürfen wir mit unseren Jungen und Männern doch nicht umgehen.

Darauf sollte in pragmatischer Hinsicht fokussiert werden.

Welche Aktionen, welche Formen von Propaganda sind dazu geeignet?

Völlig ungeeignet ist alles, was ganz im Gegensatz dazu moralische Empörung gerade gegen die Männerechtsbewegung hervorruft: Frauenfeindliche, homophobe, fremdenfeindliche und ultrarechte Einstellungen sind nicht nur allgemein entschieden zu verurteilen und zu bekämpfen, egal wo sie auftreten, sondern sie sind für den Erfolg der Männerrechtsbewegung auch rein pragmatisch in hohem Maße schädlich. Da bin ich ganz mit Arne Hoffmann.

Der Ansatz: Wir zensieren auf unseren Blogs und in unseren Foren gar nichts, weil die Feministinnen ja so viel zensieren ist pragmatisch falsch, geht nach hinten los, führt nur dazu dass die Mehrheit der Vernünftigen von einer kleinen Gruppe Schreihälse vertrieben wird und ein negatives Image in der Öffentlichkeit entsteht – strategisch schlecht!

In pragmatischer Hinsicht sollte es vor allem darum gehen ein Gefühl der moralischen Empörung über Diskriminierungen und Benachteiligungen von Männern in der Öffentlichkeit wachzurufen. Wollt Ihr Erfolg haben, dann strengt Eure Phantasie an und überlegt Euch, was in dieser Hinsicht funktionieren kann.

Konkrete Beispiele von Jungen und Männern, die stark unter bestehenden Missständen leiden, können ein gutes Mittel sein. Ein konkretes Beispiel bewirkt bei vielen Menschen mehr als tausend Statistiken (letztere sollte man als Beleg allerdings auch zur Hand haben.)

Bildliche Darstellungen können sehr effektiv sein.

Propagandistische Aktionen, die aus dem Rahmen des Gewohnten fallen – aber in sympathischer Weise – können hilfreich sein.

Besonders menschenverachtende Zitate von Radikalfeministinnen können angeprangert werden.

Vielleicht ist irgendwer der Meinung, was ich hier gesagt habe, sei doch offensichtlich und ein alter Hut, außerdem zu allgemein und zu wenig konkret. Nun ja, ich hatte bislang einfach nicht den Eindruck, dass Strategiediskussionen in der Männerrechtsbewegung tatsächlich unter der von mir vorgeschlagenen Prämisse geführt werden.

Es ist natürlich auch nicht meine Aufgabe, hierzu ein detailliertes Konzept zu entwickeln.

Ich bin weder Männerrechtler noch Feminist, sondern nur ein linker Gutmensch, der jede Diskriminierung ablehnt, egal ob Frauen oder Männer betroffen sind.

Ich bin übrigens auch nicht der Ansicht, dass alle in unserer Gesellschaft bestehenden Benachteiligungen von Männern nur vom Feminismus herrühren. Manchmal spielen gewisse Varianten des Feminismus eine Rolle, manchmal sind ganz andere Faktoren ausschlaggebend.

Die Männerrechtsbewegung gleicht der feministischen Bewegung sehr darin, dass multikausale Analysen der Ursachen bestehender Missstände nicht so ihre Stärke sind. Für die einen ist es immer „das Patriarchat“, für die anderen immer „der Feminismus“.

Die Wirklichkeit scheint mir doch komplexer. Allerdings teile ich die Ablehnung von misandrischem Radikalfeminismus und Genderfeminismus in ihren Grundlagen wie ihren Auswirkungen voll und ganz.

Meine Wertschätzung für bestimmte Equity-Feministinnen, liberale Feministinnen und Anarcha-Feministinnen beeinträchtigt dies allerdings nicht.

O.K., zurück zum Thema: Mein Vorschlag ist wie gesagt Strategiediskussionen, Öffentlichkeitsarbeit und praktische Aktionen immer bewusst unter der zentralen Prämisse durchzuführen: Wie kann moralische Empörung über Unrecht in der Öffentlichkeit wachgerufen werden? Dabei sind wahrnehmungs- und kommunikationspsychologische Erwägungen von herausragender Bedeutung.

Es mag persönlich befriedigend sein, sich in irgendwelchen Foren auszukotzen, pragmatisch wegweisend ist das nicht. Die Mehrheitsbevölkerung kann nur gewonnen werden, wenn man in für sie nachvollziehbarer Weise an sie herantritt. Das Entstehen einer von der Mehrheitsbevölkerung abgeschotteten Subkultur oder eines elitären Zirkels sollte unbedingt vermieden werden.

Der Radikalfeminismus diskriminiert nicht nur Männer sondern auch Frauen: Frauen, die von sich aus gerne Hausfrauen und Mütter sein wollen, Frauen, die ohne Quoten Karriere machen wollen, Frauen, die ihre Väter, Männer, Söhne, männlichen Freunde lieben, Frauen, die ihre Heterosexualität genießen. Das sollte einbezogen werden. (Nebenbei bemerkt: der Radikalmaskulismus diskriminiert natürlich auch Männer, insbesondere Schwule und Migranten. Auch da gleichen sich die Fanatiker auf beiden Seiten wieder darin, dass sie es noch nicht einmal fertig bringen die jeweils eigene Zielgruppe konsequent zu umfassen.)

Also, worauf ich hinaus will: die Männerrechtsbewegung wäre m.E. gut beraten anstatt frauenfeindliche Einstellungen in den eigenen Reihen zu kultivieren, besser die Frauenfeindlichkeit der anderen Seite deutlich zu machen.

Die meisten Frauen sind keine Parasiten, genauso wenig wie die meisten Männer patriarchalische Gewalttäter. Mütter leiden ebenfalls darunter, wenn ihre Söhne in der Schule scheitern, Selbstmord begehen, Drogen- und Alkoholprobleme entwickeln. Die Interessen von Männerrechtlern und den Müttern von Jungen gehen hier unmittelbar ineinander über. Warum wird das nicht genutzt?

Das Potential, hinsichtlich Intersektionalitäten und thematischer Überschneidungen mit anderen sozialen Bewegungen wird ebenfalls weder theoretisch herausgearbeitet, noch praktisch genutzt.

Die Männerrechtsbewegung weist viele Intersektionalitäten und Bezüge zu anderen Bewegungen auf: Das Thema der Diskriminierung von Jungen hat Bezüge zur Kinderrechtsbewegung, das Thema speziell der Diskriminierung von ausländischen Jungen hat eine deutlich antirassistische Komponente, die Forderung, dass männliche behinderte Gewaltopfer ebenfalls ein Anrecht auf einen Selbstbehauptungskurs haben sollen, überschneidet sich mit Forderungen von Interessengruppen von Menschen mit Behinderung, das Thema der hohen Zahl männlicher Arbeitsunfälle hat eine kapitalismuskritische Dimension, der Kampf gegen die einseitige Wehrpflicht eine potentiell antimilitaristische, – vieles weitere könnte genannt werden.

Vermutlich liegt es daran, dass die politisch heterogene Männerrechtsbewegung einen relativ starken konservativen Flügel hat, dass solche Intersektionalitäten und thematischen Überschneidungen mit anderen sozialen Bewegungen weder theoretisch reflektiert noch im Sinne einer konstruktiven Bündnispolitik genutzt werden. Strategisch klug ist das m.E. nicht – auch nicht, wenn man konservativ ist und sich den Erfolg der eigenen Bewegung wünscht.

Dass die Forderung eines Adoptionsrechts für homosexuelle Paare kein selbstverständliches Anliegen der Männerrechtsbewegung ist, ist auch wieder so eine Inkonsequenz.

Wer Männerrechtler ist, der sollte m.E. jede Diskriminierung und Benachteiligung von Männern kritisieren, und nicht nur bestimmte, die ihm ideologisch in den Kram passen. (Aber jede Diskriminierung ihrer jeweiligen Bezugsgruppe zu kritisieren, das kriegen Männerrechtler ja genauso wenig hin wie Feministinnen.)

Worauf ich hier hinauswill, ist hoffentlich deutlich geworden: Durch Isolierung von anderen sozialen Bewegungen mit sich überschneidenden Themen bleiben viele praktische Möglichkeiten ungenutzt.

Ich finde das interessante Denkansätze und stelle daher den Kommentar hier noch einmal als Artikel ein.