Die Tragik des Allgemeinguts

Durch Mark Ridleys Buch „The Origin of Virtue“ bin ich auf drei interessante Konzepte gekommen, die meiner Meinung nach für das Verständnis moderner Gesellschaften interessant sind.

Die „Tragik des Allgemeinguts“ wird klassischerweise an Vieh, dass auf einer öffentlichen Wiese grast, dargestellt. Grundlage ist eine Wiese, an der keine Eigentums oder Nutzungsrechte einzelner Personen bestehen. Alle Viehhalter können ohne Einschränkungen ihr Vieh auf dieser Wiese grasen lassen. Die Wiese kann aber nachhaltig nur von einer bestimmten Anzahl von Tieren genutzt werden. Eigentlich haben alle den besten, lang anhaltensten Vorteil, wenn die Wiese von sagen wir 100 Tieren genutzt wird. Das Problem ist aber, dass es sich für jeden einzelnen Nutzer der Wiese lohnt ein weiteres Tier auf die Wiese zu stellen. Er hat dann den Vorteil des weiteren Tiers, der Nachteil der Überweidung verteilt sich aber auf alle Nutzer, trifft ihn also geringer als der Zusatznutzen durch das weitere Tier. Zudem muss er befürchten, dass alle anderen Nutzer ebenso verfahren werden (weil es ihnen am meisten bringt) und er daher die Nachteile eh haben würde. Dieses Problem löst sich, wenn entweder das Eigentum oder das ausschließliche Nutzungsrecht an der Wiese einer bestimmten, überschaubaren Anzahl von Personen gehört. Denn diese Personen können miteinander verhandeln und Nutzungen ausschließen oder beschränken. Sie können sich unter Hinweis auf kontrollierbare Absprachen auf eine Weidenutzung beschränken, die die Wiese optimal langfristig ausnutzt, weil sie sich darauf verlassen können, dass auch die anderen sich entsprechend verhalten und daher für sie ein greifbarer langfristiger Vorteil entsteht. Dieser Vorteil besteht aber nur, wenn ein Regulationssystem greift und durchgesetzt werden kann. Greifen zu viele Personen auf eine Ressource zurück, dann ist eine Regelung, die alle berücksichtigt nicht mehr vorteilhaft, da dann zu kleine Stücke übrig bleiben. Dabei soll die Zahl, die noch eine vernünftige Aushandlung erlaubt bei ca. 150 Personen liegen (Dunbars Zahl).

Dieses Prinzip findet auf viele Bereiche Anwendung:

Bei dem Schutz wilder Tiere lohnt es sich für einen Jäger, dem das Gebiet nicht gehört und der an diesem auch keine ausschließlichen, durchsetzbaren langfristigen Nutzungsrechte hat, nicht, sich zu beschränken. Wer ein Tier ziehen läßt, damit es sich fortpflanzt und die Art erhält, muss damit rechnen, dass es der nächste Jäger erlegt und damit sein Verzicht keine Auswirkungen hat. Ähnliche Gedanken dürften in der Steinzeit zur Ausrottung nahezu allen Großwilds jeweils nach Eintreffen der Menschen in dem jeweiligen Gebiet geführt haben.

Weitere Beispiele Ridleys sind:

  • Lobsterfang an der Amerikanischen Küste: Bestimmte Streifen sind in einem inoffiziellen System bestimmten Fischergruppen zugewiesen, die eine Fremdnutzung unterbinden (zB durch Abschneiden fremder Fangkörbe) und deswegen ein langfristiges Interesse an einem nachhaltigen Fang haben. Es werden daher nur soviele Lobster entnommen, dass die Bestände stabil bleiben
  • Bewässerungsabsprachen: Ein Fluss wird von den Bauern zur Bewässerung anliegender Felder benötigt. Die Bauer weiter oben am Fluss könnten soviel Wasser entnehmen, dass für die Bauern unten nicht genug verbleibt. Sie benötigten allerdings die Hilfe der Bauern stromarbwärts bei der Errichtung bestimmter Dämme und Schleusen. Es wurden daher Absprachen über die Entnahme getroffen. Als dann staatlicherseits moderne, dauerhafte Dämme gebaut wurden, war die Mithilfe der Bauern stromabwärts nicht mehr erforderlich. Die Bauern stromaufwärts entnahmen daher mehr Wasser, dass jetzt ein öffentliches Gut war, und die Absprachen wurden zu Lasten der Bauern unten nicht mehr eingehalten.

Das Problem der „Commons“ sind insofern die „Freerider“ bzw. „Trittbrettfahrer“. Also die, die die Beschränkungen, die Einzelne sich bei der Nutzung öffentlicher Ressourcen aus Gründen der Nachhaltigkeit auferlegen, nicht für sich akzeptieren, aber die Vorteile der Beschränkungen nutzen. Mit zu vielen Freeridern oder „Ausnutzern“ bricht das System zusammen. Gleichzeitig ist es günstig Freerider bzw. Ausnutzer zu sein, da man so am meisten Vorteile erhält, sofern der vorteil in einem gewissen Verhältnis zu zum einen der Wahrscheinlichkeit steht, dass man als Ausnutzer erkannt wird und zum andern zur Höhe der Strafe der Gemeinschaft. Damit stehen sich zwei Gesichtspunkte mit jeweils Selektiven Vorteilen gegenüber:

  1. Erkenne Freerider möglichst umfassend und sorge dafür, dass sie Nachteile haben
  2. Versuche so viel wie möglich für dich rauszuholen, wenn es keiner mitbekommt.

Das wirkt sich so aus, dass wir eine Abneigung gegen jeden haben, der sich nach unserer Meinung ein zu großes Teil vom Kuchen abschneidet, wenn er in unserer Gruppe ist und es zu unseren Lasten geht, aber nicht dagegen haben, wenn wir uns selbst oder (aufgrund der Verwandtenselektion) unseren Verwandten unbemerkt ein größeres Stück vom Kuchen abschneiden können.

Ich kann mir vorstellen, dass dies zum einen den Kommunismus so interessant und zum anderen so unerfolgreich macht.

Interessant weil uns der Gedanke gefällt, dass jeder in der Gruppe „Nation“ ein gleiches Stück vom Kuchen bekommt und niemand mehr als der andere, sofern er nicht aus nachvollziehbaren Gründen mehr braucht („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“). Unerfolgreich, weil staatliche Leistungen und Steuereinnahmen öffentliche Güter sind und daher sehr anfälig für die Tragik des Allgemeinguts sind. Da das Volk zu groß ist für ein Interesse an echte Nachhaltigkeit ist jeder geneigt Ausnutzer des Systems zu sein und sich einen möglichst großen Teil der öffentlichen Mittel abzuzweigen. Wir sehen keinen Grund außer der Entdeckung, der uns hindert, Mittel abzuzweigen. Und wir sehen auch keinen Grund warum andere das nicht machen. Um so mehr verteilt wird, um so eher kann man sich etwas abzweigen. Wer nicht etwas für seine Familie oder Freunde von diesem öffentlichen Gut abzweigt wird bei geringen Entdeckungsrisiko nicht als gewissenhaft, sondern als geizig gelten. Wer seinen Verwandten keine Posten zuschachert oder andere Vorteile verschafft, der gilt bei einem reinen Verteilungssystem als dumm, weil er sein Freeriderpotenzial nicht ausnutzt. Den der auf den einzelnen entfallende Vorteil eines solchen Verhaltens ist zu gering. Und das Entdeckungsrisiko schwindet, wenn auch alle anderen, die verteilen, wenig Interesse an einer Entdeckung des eigenen Abzweigens haben.

Dieser Vorteil besteht natürlich auch im Kapitalismus. Allerdings haben hier mehr Personen einen Nachteil durch hohe Staatseinnahmen und zudem die Möglichkeit, sich über eigene Leistungen Vorteile zu verschaffen. Das verbessert das Interesse an einer Überwachung und effektiven Verwaltung und erhöht damit das Risiko einer Entdeckung.