Der sexuelle Markt und sexnegativer bzw. sexpositiver Feminismus

Sex unterliegt ebenso wie viele andere Handlungen den Regeln von Angebot und Nachfrage. Auch die feministischen Positionen lassen sich danach einordnen.

Als Grundlage wäre davon auszugehen, dass Männer zunächst erst einmal mehr von Beziehungen unabhängigen Sex wollen als Frauen und Frauen daher mit Sex ein gewisses Mittel in der Hand haben, um Männer zu beeinflussen und Ziele zu verwirklichen. Im Gegenzug wollen allerdings Frauen auch gerne Beziehungen, üblicherweise auch mit sexueller Befriedigung, wenn diese auch weniger im Vordergrund steht

Sex ist dabei also ein potenitelles „Machtmittel“, was aber im Einsatz Nachteile hat.

Es kann für Frauen günstig sein, den Sex zurückzuhalten und dadurch den Preis über eine Angebotsverknappung zu verteuern. Es kann also der Sex erst beispielsweise gegen eine Beziehung mit möglichst langer Unterhaltsverpflichtung abgegeben werden. Dies war lange Zeit der Fall, eine Frau ging nach Möglichkeit jungfräulich in die Ehe in der sie dann idealerweise nur Sex mit einem einzigen Mann hatte, der sie im Gegenzug versorgte. Diese Strategie war insbesondere deswegen auch erfolgreich, weil der eigene Preis, den Frauen für Sex einkalkulieren mussten, sozusagen die „Herstellungskosten“, nämlich eine Schwangerschaft von diesem Mann, ebenfalls sehr hoch war.

Die andere Strategie ist, den Sex möglichst großzügig auszuteilen in der Hoffnung dadurch die weniger freigiebigeren Konkurrentinnen auszustechen. Der „Werbeslogan“ wäre demnach „Warum bei ihr warten, wenn du bei mir gleich bekommst, was du haben willst“ und sich auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, den man dann nutzen kann, um ihn an sich zu binden. Diese Strategie ist günstiger geworden, seit moderne Verhütungsmittel Sex ohne Folgen ermöglichen. Sie hat aber gleichzeitig den Nachteil, dass sie den Preis für Sex absenkt. Für den Mann ist es wenig ersichtlich, warum er einen Preis für Sex zahlen soll, wenn er ihn unproblematisch bei einer anderen Frau bekommen kann. Zudem ist ein Nachteil, dass ein Produkt, dass billiger als alle anderen Produkte im Umfeld angeboten wird, häufig als Produkt geringer Qualität angesehen wird, was die Wahrscheinlichkeit einer Bindung durch Sex weiter einschränkt.

Natürlich sind diese Strategien in ihrer reinen Form Übertreibungen und es existieren diverse Mischformen und sie werden in diesen Mischformen von verschiedenen Frauen

Natürlich haben auch Frauen ein Interesse daran, Sex zu haben und viele Frauen wollen auch einfach einmal so Sex haben, gerade mit einem für sie sehr attraktiven Mann. Aber dennoch besteht das Gefälle zwischen den Geschlechtern bei freien Sex, so dass die Grundstrategien vorhanden bleiben.

Der sexnegative (oder der „normale“) Feminismus vertritt dabei eher die Position, den Sex möglichst teuer zu machen und so die Konkurrenz unter Frauen zurückzunehmen. Das bietet den Vorteil, dass die Frauen Sex zu ihren Bedingungen anbieten können und nicht darauf angewiesen sind, mit der Konkurrenz mitzuhalten. Klassische Positionen wäre dabei die Abwertung des sexuellen soweit es Triebhaft oder als Konkurrenzmodell auftritt. Es wäre aus dieser Position heraus verständlich,

– Pornographie abzuwerten, da sie zum einen ebenfalls Anforderungen aufstellt (sowohl was das Aussehen der Frauen als auch die Auswahl an sexuellen Praktiken betrifft)

– Prostitution abzulehnen, weil sie einen einfachen Zugang der Männer zu Sex bedeutet und damit ebenfalls den Druck auf Frauen erhöht, mit diesem Angebot zu konkurrieren

  • sexualisierte Kleidung abzulehnen, weil diese den Druck auf Frauen erhöht
  • Sex als Machtmittel des Mannes darzustellen und die Erfüllung sexueller WÜnsche des Mannes als Anbiederung an diesen oder „das Patriarchat“
  • Sex als gefährlich darzustellen
  • heterosexuellen Sex abzuwerten
  • den stärkeren Sexualtrieb des Mannes zu verteufeln und als unmoralisch darzustellen

Diese Spielart ist auch für lebsische Frauen interessant, da sie Sex als Machtmittel gegen den Mann eh nicht einsetzen können und stark sexualisierte Welt insoweit nachteilig ist.

Der sexpositive Feminismus hingegen folgt eher der zweiten Position und hat ein Interesse daran, jede Abwertung sexueller Freizügigkeit auszuschalten, damit dieser effektiver eingesetzt werden kann, ohne die damit verbundenen Nachteile zu vermeiden. Wenn alle Frauen Schlampen sind, dann ist keine Frau eine Schlampe und es folgt eine geringere subjektive Qualitätsabwertung. Die Strategie ist zum einen für Frauen, die sich einen geringen Marktwert zuschreiben, interessant, da sie mit Sex als Lockmittel ihren Wert erhöhen können und natürlich auch für Frauen, die sehr starke Lust auf Sex haben, da sie stärker davon betroffen sind den Preis für Sex zu erhöhen als andere Frauen und von einer Gesellschaft profitieren, in der der Marktwert bei billigem Preis für Sex weniger sinkt und bei der sie zudem den Vorteil haben, die anderen Frauen eher übertrumpfen zu können. Gleichzeitig besteht auch bei dieser Spielart ein starkes Interesse daran zwar die Möglichkeit für die Frau, Sex anzubieten, möglichst frei zu gestalten, aber dabei ihr möglichst viele Rechte zu bieten, Nachteile hieraus abzufangen.

Es wäre aus dieser Position heraus verständlich,

  • Pornos zu bejahen und als gesellschaftlich normal zu behandeln, da sie Sex „normaler“ machen
  • Prostitution zu bejahen, da es eine Normalität von viel Sex mit verschiedenen Männern bestätigt und „normalschlampiges“ Verhalten im Gegenzug weniger extrem macht
  • zu betonen, dass die Macht beim Sex immer bei der Frau liegen muss, zB über das Zustimmungskonzept, strikte „Nein heißt Nein“-Politik (die Einschränkungen, die bei strikter Durchführung theoretisch auch auf die Frau fallen sind aufgrund des stärkeren Sexualtriebs und der daraus folgenden Zuweisung des aktiven Parts an den Mann aus Sicht der Frau vernachlässigungsfähig)
  • „Lookism“ und „Schönheitsidealen“bekämpfen (gerade aus Sicht der Frauen, die diese nicht erfüllen)
  • strikte Vergewaltigungsgesetze zu fordern
  • sexuellen Kontakten anderer Frauen zu fördern und hierzu aufzufordern
  • konservatives Sexverhaltens abzuwerten
  • Leugnung eines geringeren Sexualtriebs der Frau (wenn die Frau genau so viel Sex will wie der Mann, dann bietet sie nicht ein billigeres Produkt an, sondern nur ein normales Produkt

Diese Spielart wäre für lesbische Frauen dann interessant, wenn sie durch die stärkere Betonung des sexuellen eine Lockerung der Sexualmoral auch in Bezug auf homosexuellen Sex erhoffen.