Wer Sexismus finden will, findet ihn auch

Die feministische Fachzeitschrift „Women Quarterly“ hat eine Studie dazu, dass Sexismus eher auffällt, wenn man dafür sensibilisiert ist (die Mädchenmannschaft berichtet ebenfalls):

Three experiments were conducted in the United States and Germany to test whether women and men endorse sexist beliefsbecause they are unaware of the prevalence of different types of sexism in their personal lives. Study 1 (N = 120) and Study 2 (N = 83) used daily diaries as a method to encourage individuals “to see the unseen.” Results revealed that encouraging women to pay attention to sexism, in comparison to attention to other social interactions, led to a stronger rejection of Modern Sexist, Neosexist, and Benevolent Sexist beliefs (Studies 1 and 2) and to negative evaluations of Modern and Benevolent Sexist men described in profiles as well as to more engagement in collective action on behalf of women (Study 2). In contrast, for men, paying attention to sexism did not have these effects. Results from Study 2 suggest, and from Study 3 (N = 141) confirm, that men’s endorsement of Modern and Neosexist beliefs can be reduced if attention to sexism and emotional empathy for the target of discrimination is encouraged. Finally, a follow-up survey indicated that the attitude change in women and men was stable over time. The implications of these findings for interventions to reduce women’s versus men’s endorsement of sexist beliefs are discussed.

Quelle: Seeing the Unseen

Zunächst erst einmal zu den Sexismus Definitionen:

Modern Sexist (…) and Neosexist (…) beliefs both originate from the same concept of Modern Racism (…) and have been developed to measure “hidden” prejudice against women. Theoretically, both are indicated by

(a) beliefs in the rarity of discrimination against women,

(b) antagonism toward women’s demands, and

(c) resentment of efforts to address gender inequality.

Wer also meint, dass Diskriminierungen von Frauen selten sind erhöht damit den Sexismus in der Gesellschaft. Wer Forderungen von Frauen ablehnt ist sexistisch und wer dagegen ist, Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern anzusprechen ist auch sexistisch.

Was Ungleichheiten sind und wie hoch Diskriminierungen seien dürfen oder welche Forderungen gerecht sind, wäre dabei natürlich erst einmal eine zu diskutierende Frage, über die man geteilter Meinung sein kann.

Weiter in der Studie:

We propose that women and men endorse Modern Sexist and Neosexist beliefs to some extent because they are not aware of the overall prevalence and extent of sexism in their personal lives.

Die Frauen selbst haben solche sexistischen Ansichten, weil sie nicht wissen, wie der Sexismus ihr Leben betrifft. Wie könnten sie auch, bevor der Feminismus es ihnen gesagt hat?

Und natürlich der Benevolent Sexism, der wohlwollende Sexismus:

Benevolent Sexist beliefs represent a particular type of sexism that might be disregarded because of its ostensibly positive qualities (Glick & Fiske, 1996). It portrays women as “pure,” the “better” sex, and as idealized caregivers. Moreover, it reinforces the idea that women should be protected and financially provided for by men. Although these beliefs can be perceived as being subjectively affectionate, they are condescending because women are perceived as weak and incompetent. Consequently, Benevolent Sexist ideology reinforces power differences between women and men. For instance, Benevolent Sexist justifications heighten women’s acceptance of discriminatory acts (Moya, Glick, Expósito, de Lemus, & Hart, 2007). Moreover, relative to blatantly Hostile Sexism, exposure to Benevolent Sexism increases women’s satisfaction with the societal system (Jost & Kay, 2005) and undermines women’s participation in collective action to counter gender discrimination (Becker & Wright, in press). Further, patronizing behavior, which represents one aspect of Benevolent Sexism, diminishes women’s cognitive performance (Dardenne, Dumont, & Bollier, 2007; Vescio, Gervais, Snyder, & Hoover, 2005). Despite its negative implications and consequences, Benevolent Sexism is not recognized as a type of sexist prejudice among many women and men (e.g., Barreto & Ellemers, 2005; Bohner, Ahlborn, & Steiner, 2010; Glick et al., 2000; Swim, Mallett, Russo-Devosa, & Stangor, 2005).

Das wesentliche habe ich dazu eigentlich schon in dem Artikel „Männliche Privilegien, weibliche Privilegien und wohlwollender Sexismus“ gesagt. Es ist ein geschickter Zug, Vorteile von Frauen als Nachteile auszugeben und einfach nur diese Spiegelseite zu betrachten und sich dann noch darüber zu wundern, dass die Leute eine andere Betrachtung vornehmen und die Nachteile nicht wahrnehmen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Benevolent Sexism, also der wohlwollende Sexismus. Dabei geht es darum, dass bestimmte Verhaltensweisen, die Frauen bevorzugen, diese eigentlich diskriminieren, weil sie sie abwerten, ihnen nicht zugestehen, so etwas selbst zu machen, ihnen Erfahrungen vorenthalten oder was auch immer.

Ein Mann, der einer Frau die Tür aufhält diskriminiert diese eigentlich, denn er stellt sie als zartes gebrechliches, jedenfalls nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft dar.

Ein Mann, der einen schweren (aber nicht zu schweren) Kasten für eine Frau trägt, bevormundet diese und spricht ihr die Fähigkeit ab, dies selbst zu tun.

Ein Mann, der eine Frau ins Rettungsboot steigen läßt, weil sonst kein Platz frei ist, ist ein elendiger Sexist, aber nicht gegenüber seinem eigenen Geschlecht und damit sich selbst, sondern gegenüber der Frau, die er als nicht hart genug ansieht, um mit dem Schiff unterzugehen.

Mir erscheint diese Theorie des wohlwollenden Sexismus als eine so gewagte Konstruktion, bei der ein Vorteil in einen Nachteil umgemünzt wird, dass ich es erstaunlich finde, dass dieser in der feministischen Kultur nicht mehr Widerstand hervorruft.

Natürlich KANN ein solches Verhalten nachteilig sein. Etwa wenn Frauen von „Kavalieren“ von einer Tätigkeit ausgeschlossen werden, weil sie nach deren Auffassung „zu gefährlich/belastend für eine Dame sind“. Aber die Vorzüge in Nachteile zu verwandeln und sich dann noch zu beschweren und den anderen einen Sexisten zu nennen, dass ist eine Menge Chuzpe.

Eigentlich sollte man den Hut ziehen, aber ich bin nicht sicher, ob diese Form der Ehrerbietung nicht auch sexistisch gegenüber einer Frau ist.

Nach meiner Einschätzung sehen Frauen an sich dies gemischt. Aufdringliches Kavaliertum wird in der Tat als nachteilhaft angesehen, es zeigt ja schließlich auch „Neediness“, also den Umstand, dass man meint, sie auf diese Weise für einen gewinnen zu müssen, weil normales Verhalten nicht ausreicht oder eben tatsächlich Ablehnung.

Nichtaufdringliches Kavaliertum hingegen wird durchaus geschätzt und als normale Höflichkeit empfunden, die keine Ehrverletzung oder Benachteiligung darstellt.

Viele Frauen wünschen sich nichtaufdringliche Kavaliere, weil es eine Form des Umsorgens und des auf den anderen Achtens ist.

Aber wie sagte bereits David Chapelle in dem ersten hier verlinkten Video:

„Chivalry is Dead–and Women Killed it“

Hübsch sind auch die Testfragen:

“Over the past few years, the government and news media have been showing more concern about the treatment of women than is warranted by women’s actual experiences”

Wenn jemanden dann Aussagen wie „bei dem Unglück wurden 11 Menschen getötet, darunter 5 Frauen, getötet“ vor Augen hat, dann ist er ein Sexist.

Interessant sind die Beispiele:

Incidents: Awareness of Sexism Condition

Benevolent Sexist Incidents

Observed a man helping a woman with a task because he assumed that, as a woman, she should not have to grapple with it (e.g., long drive, selection of a new laptop, carrying shopping bags).

Alles schwere Vorfälle. Frauen sollten dagegen energisch vorgehen. „Lass mich das für dich tragen, es ist schwer“ ist eine Unterdrückung der Frau. Es ist gut, dass dafür sensibilisiert wird.

Heard someone compliment a woman, because she exhibited behavior he or she assumed was an ability particularly well suited and appropriate for women (e.g., compliment how skillful she cared for her child as a woman or how well she cooked dinner for her family as a woman).

Also „Du bist eine hervorragende Hausfrau, der Braten ist köstlich“ oder „Du bist echt eine gute Mutter, wie zufrieden dein Kind aussieht“ sollte man nicht mehr sagen.

Observed a man acting chivalrous toward a woman because he thought that women needed special attention although she said she didn’t need this special treatment (e.g., by insisting on paying for her dinner, by insisting on bringing her home).

„Ich bring dich noch nach Hause, es ist schon dunkel – Nein, lass nur, es ist kein Problem – Mach ich doch gerne“ -Sexismus. „Lass nur, ich übernehme die Rechnung – Ich kann auch was zahlen – Nein, nein, ist schon okay, ich lade dich ein“ – Sexismus

Blatant Sexist Incidents

Observed a man sexually harassing a woman (e.g., staring, ogling, unwanted touching, unwanted flirting, catcalling).

Kann natürlich alles in der Tat eine Belästigung sein. Aber es hängt natürlich auch davon ab, was die Frau so anhatte und inwiefern das ungewollte Flirten aufdringlich war.

Heard derogatory terms used to refer to women (e.g., bitch, chick).

„Die Schlampe hat mich betrogen“ Sexismus. „Der Schlappschwanz verdient nicht genug“ – nicht hinterfragt.

Heard beliefs that women were not as able to do things traditionally associated with men (e.g., bad at math, sports, cars, leadership).

Das sie sie gar nicht können wäre in der Tat falsch. Ansonsten ist die Bemerkung, dass Frauen im Schnitt schlechter einparken können ja zB zutreffend.

Die Studie hat so viele Grundannahmen, die nicht hinterfragt sind und Ideologie wiederspiegeln, dass es erstaunlich ist. Die Definition von Sexismus ist sehr ideologisch.

Das hat auch andere zu einer kritischen Stellungnahme veranlasst:

What sort of examples qualified as sexism? Based on a list of behaviors in the paper, sexism was essentially considered to be any differential treatment based on gender, regardless of whether it was good or bad. A man telling a woman to stay in the kitchen qualified as sexism. But a man opening a door for a woman or believing that women should be rescued first in a disaster qualified as „benevolent sexism.“ Tired of hearing about sexism? That’s sexist, too.

As it turns out, if everything is defined as sexism, then sexism ends up being everywhere.

The goal of the study was to determine whether alerting men to sexism made them more understanding toward women. The authors concluded that it did, but they also unsurprisingly found that men and women disagree on the severity of sexist beliefs.

Es ist eben genau diese Ausweitung der Definitionen, die es schwierig macht. Nicht jeder Mann, der für eine Frau Elektronik kauft, ist ein Sexist. Mitunter sind Frauen recht froh, wenn man dies für sie macht, weil sie sich für diesen Bereich in der Tat im Schnitt seltener interessieren.

Es ist gut auf Sexismus zu achten und ihn sich bewusst zu machen- Aber man sollte es auch nicht so sehr übertreiben, dass man nur noch Sexismus sieht.