Evolution in einer modernen Gesellschaft

Bei Betrachtungen des zukünftigen Menschen oder einer Abschätzung der weiteren Evolution des Menschen wird fälschlicherweise davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Trends sich immer evolutionär auswirken und Anforderungen aus der heutigen Leistungsgesellschaft sich in der Evolution des Menschen niederschlagen müssen.

Dabei wird aber übersehen, dass Evolution nicht einfach eine Anpassung an bestehende Herausforderung ist, wie sie gerne dargestellt wird. Sondern Evolution immer voraussetzt, dass die Gene weitergegeben werden. Evolution belohnt nicht die besten Gene per se, sondern es reichern sich Gene im Genpool an, wenn sie sich über lange Zeit in Körpern befinden, die viele Kopien dieser Gene machen.

Das fällt häufig zusammen: Gene, die bessere Startvoraussetzungen schaffen, sorgen dafür, dass mehr Genkopien angefertigt und unterhalten werden können und damit auch die Gelegenheit haben, weitere Genkopien anzufertigen.

Allerdings befreit uns die moderne Gesellschaft von dem Druck, der bisher auf schlechten Genen lag. Nicht angepasste Menschen sterben nicht unbedingt früher oder haben schlechtere Leben. Vielleicht haben sie im Gegensatz zu hochintelligenten fleissigen Menschen ein geringeres Einkommen, aber das reicht auch aus, um Nachwuchs in hoher Zahl auf die Welt zu bringen. Hingegen mag eine Anpassung an das moderne Leben zu einer Karriere führen, wenn diese aber dann so erbittert verfolgt wird, dass Nachwuchs keinen Platz hat oder nur ein statt zwei oder gar mehr Kindern produziert wird, dann reichern sich diese Gene nicht im Genpool an, sondern werden im Gegenteil seltener.

Die zukünftige genetische Entwicklung des Menschen bestimmen daher nicht mehr die Anforderungen oder Vorstellungen der Gesellschaft, sondern – sofern wir keine Technik entwickeln, mit der wir unsere Gene verändern können – der Teil der Gesellschaft, der die meisten Kinder bekommt, unabhängig davon, ob dieser dem Leitbild der Gesellschaft entspricht.

Die Evolution ist nicht modern oder gerecht. Sie hat kein Ziel und führt nicht zu einer besseren Welt. Es zählt nur die Anzahl der Gene.

13 Gedanken zu “Evolution in einer modernen Gesellschaft

  1. Die Flut an modernen Verhütungsmitteln hat deshalb den einigermaßen überraschenden Effekt, dass sich vermehrt Gene durchsetzen, die das Vergessen oder die falsche Anwendung dieser Mittel begünstigen.

    Man wird unweigerlich an den Film ‚Idiocracy‘ erinnert.

  2. @Faulgor

    Dann würden Menschen /evtl. nur Frauen vergesslicher werden? Interessanter Gedanke. Wäre interessant, ob da ein signifikanter Anteil an Kindern raus kommt.
    Aber in der Tat setzt dies den Grundgedanken der Evolution eher um: Evolutionstechnisch ist das Bekommen oder Nichtbekommen von Kindern der Maßstab.

  3. Wenn der Mensch vielmehr seine Umwelt formt als er durch die Umwelt (mittels evolutionärer Prozesse) gefomt wird, dann ist eine neue Stufe der Evolution erreicht, die anderen Gesetzmässigkeiten folgt. Der Mensch als Spezies wird nicht mehr durch die Selektion (sexuelle Selektion ausgeklammert) gestaltet, sondern er wird Gestalter. d.h er selbst bestimmt die Parameter der evolutionären Entwicklung der Spezies Homo Sapiens. Ein grundlegender Unterschied.

    Die nächste, bisher nicht reale Stufe der Evolution ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die dann Wirklichkeit wird, wenn die erste Maschine ein Bewusstsein entwicklet.

    „“Es hat immer Geister in der Maschine gegeben. Zufällige Codesegmente gruppierten sich und formten unerwartete Protokolle. Diese unvorhergesehenen freien Radikale rufen grundlegende Fragen hervor, nach freiem Willen, Kreativität und sogar nach der Natur dessen, was wir Seele nennen.““
    http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Asimov

  4. „Die zukünftige genetische Entwicklung des Menschen bestimmen daher nicht mehr die Anforderungen oder Vorstellungen der Gesellschaft, sondern – sofern wir keine Technik entwickeln, mit der wir unsere Gene verändern können – der Teil der Gesellschaft, der die meisten Kinder bekommt, unabhängig davon, ob dieser dem Leitbild der Gesellschaft entspricht.“

    war evolution nicht schon immer ein wettbewerb der kulturen in dessen folge es dann mehr oder wenige nachwuchs gab ?

    • @ Holger

      Selektion passiert sowohl auf Gruppenebene, als auch auf Individualebene, sowohl auf Zellebene, als auch auf Molekülebene.

      Mutation ist als Begriff enger gefasst als Selektion. Möchte man dieses Konzept für die verschiedenen Ebenen generalisieren, müsste man von ungeplanter Veränderung sprechen. (?)

      • hi messi
        präzieser wäre wohl gewesen den kulturellen wettbewerb als zusätzlichen aspekt zu beschreiben.
        oder als verstärkenden ?

        ungeplante veränderung das ist das was evolution im grunde ausmacht.

        selektion ist doch die interpretation des zufalls.
        wie formen in wolken erkennen. wenn man die selektion vorhersagen könnte wäre es ok prozesse auch rückwirkend so zu bezeichnen.
        wie beim wetter die vorhersage bestätigt das verstehen,also ist es möglich die vergangenheit zu erklären.

  5. @ Peter

    *…rufen grundlegende Fragen hervor, nach freiem Willen, …*

    „Freier Wille“ ist ein Widerspruch in sich. Wille ist nicht frei, sondern zwingend. Die Freiheit kann den Willen nicht betreffen, ausser nihilierend. Man kann situativ frei, bar jeden Wollens sein, aber man kann nicht wählen, was man wollen möchte.

  6. @ Messi
    Freier Wille ist insich noch kein Widerspruch, wenn wir die Sphären auseinanderhalten. Objektiv, aus der Metaebene betrachtet, wird „bewußtes Wollen“ natürlich von unbewußten Prozessen, welche wiederum materialistisch gedeutet werden können, beeinflußt. Sogesehen „weiß“ das Gehirn, bevor es mir – phänomenologisch – bewußt wird, was ich gleich „wollen“ werde. Auf dieser objektiven Ebene ist „freier Wille“ ein Quatsch.

    Auf einer phänomenologischen Alltagsebene und aus dieser kommen wir als Personen nicht heraus, ist der freie Wille kein Quatsch. Wir erfahren unsere Handlungen als von uns gewollt, und können von uns gesetzte Handlungen dahingehend unterscheiden ob wir sie wollten oder es einen äußeren Zwang dazu gab.

    Interessant wird die Sache wenn wir an die Trieblichkeit des Menschen herangehen. Es kann sein, dass du phänomenologisch betrachtet, als handelndes Subjekt keinen Sex willst, der vorgelagerte Trieb in dir jedoch schon. Nachdem du dann Sex gehabt hast, bist du verwundert über dich selber. Es gibt ja auch genug Menschen mit Störungen der Impulskontrolle. Die wollen bewußt gewisse Handlungen nicht setzen, machen sie dennoch, das wird dann mit innerem Zwang konotiert.

    Ich kann schon wählen was ich wollen möchte.

    Bsp: Ich sitze in einem Gefängnis. Der Wärter kommt und sagt: Wähle aus, ob du zuerst materialistisch dann phänomenologisch etwas zu Trinken oder zu Essen wollen wirst. Ich wähle das Essen, bekomme genug zu trinken und weiß, dass ich in der nahen Zukunft etwas zu Essen wollen werde, zuerst materialistisch deutbar als Hungergefühl – Trieb -, später phänomenologisch deutbar, im bewußten Willen jetzt etwas zu essen zu bekommen: Ich möchte endlcih etwas zu essen haben!

  7. @ Terminator

    *Auf einer phänomenologischen Alltagsebene und aus dieser kommen wir als Personen nicht heraus, ist der freie Wille kein Quatsch.*

    Ich finde schon. Wille kann nicht frei sein, aber er kann sich frei entfalten oder eben nicht.

    *Ich kann schon wählen was ich wollen möchte.*

    Das glaube ich nicht, und ich glaube auch nicht, dass Du das glaubst:

    *Interessant wird die Sache wenn wir an die Trieblichkeit des Menschen herangehen. Es kann sein, dass du phänomenologisch betrachtet, als handelndes Subjekt keinen Sex willst, der vorgelagerte Trieb in dir jedoch schon.*

    Das Postulat der Freiheit des Willens ist politisch und juristisch notwendig, vielleicht individuell geboten, aber trotzdem (bzw. genau auch dadurch) falsch. Grundsätzlich kann man Freiheit mit Undeterminiertheit gleichsetzen. Der Wille ist aber prädeterminierend.

    *… im bewußten Willen jetzt etwas zu essen zu bekommen: Ich möchte endlich etwas zu essen haben!*

    Nein, ich glaube, ich MUSS jetzt essen, weil`s in mir will.

  8. Wie gesagt, ich halte deine Argumente zum Großteil dem Umstand geschuldet, dass du eine Sphärenverschiebung, -vermischung vornimmst, ohne diese zu begründen. Du fischt gleichzeitig in verschiedenen Gewässern, vergisst aber dabei, dass bestimmte Fischarten nur im Süßwasser vorkommen. So ist es auch mit dem phänomenologischen! „Willen“. Phänomenologisch gesehen ist der Wille zumeist frei, deine Gegenargumente kommen von einer materialistischen „Metaebene“, welche aber wiederum nur phänomenologisch erkannt, gedeutet werden kann.

    • @ Terminator

      *dass du eine Sphärenverschiebung, -vermischung vornimmst, ohne diese zu begründen*

      Ich sehe diese Sphärenvermischung im Begriffspaar „FREIER WILLE“, nicht in meiner Opposition.

      *deine Gegenargumente kommen von einer materialistischen „Metaebene“*

      Nein, die Metaebene ist rationalisiert und korrekt. Ich EMPFINDE das aber primär so. „Man muss nur wollen! dann geht dies und das, Berge setzen sich in Marsch und Träume werden wahr.“ Wenns zwischendurch mal so läuft, dann sind wir sorgenfrei, weil der Wille frei von Behinderung ist, aber trotzdem wird der Wille nie frei sein können. Freiheit bedeutet, dass wir machen können, was wir wollen müssen.

      Natürlich hast Du recht: Freiheit und Wille schwimmen in verschiedenen Gewässern. Freien Willen gibts somit genau so wenig wie den Wal-Fisch.

  9. @ messi

    Ich sage es abschließend so: Solange die Wissenschaft die neuronale Grundlage des Erlebens der Willensfreiheit noch nicht identifiziert hat, bleibe ich Kompatibilist und halte es mit Max Planck, der einst meinte:

    „Von außen, objektiv betrachtet, ist unser Wille kausal gebunden; von innen, subjektiv betrachtet, ist der Wille frei.“

  10. Evolution wird ganz sicher falsch verstanden, solange man sie nur in ihrer biologischen Form analysiert – insbesondere, wenn man über Vererbung gesellschaftlicher Trends schreibt.

    Evolution bedient sich verschiedenster Erbformen und beim Menschen ist längst Kultur die bedeutendste. Zusammen „erbaut“ die Menschheit ein „kulturelles Gebäude“ – dieses wird dadurch aufrechterhalten, dass Information konserviert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Diese Informationsbewahrung, oder Informationsvererbung ist der bedeutende Aspekt, wenn man über Evolution spricht

    – die Informationsbewahrung der Gene ist demgegenüber in unseren Zeiträumen recht bedeutungslos geworden

    http://divinenaturalsociety.blogspot.de/2013/03/erwachendes-kosmisches-bewusstseins.html

    🙂

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