Sexparties bei der Hamburg-Mannheimer Versicherung

Die Hamburg Mannheimer hatte 2007 wohl die besten Versicherungsvertreter mit einer Incentive-Reise belohnt, bei der auch Prostituierte anwesend waren.

Aus dem Bericht der Süddeutschen:

„Unsere Recherchen haben ergeben, dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise zirka 20 Prostituierte anwesend waren.“ Zu den Details der Reise machte die Sprecherin keine Angaben.

Nach Schilderungen von Teilnehmern hatte die Hamburg Mannheimer jedoch alles bestens organisiert. „Die Damen trugen rote und gelbe Bändchen“, berichtete ein Gast in seiner eidesstattlichen Versicherung. „Die einen waren als Hostessen anwesend, die anderen würden sämtliche Wünsche erfüllen. Es gab auch Damen mit weißen Bändchen. Die waren aber reserviert für die Vorstände und die allerbesten Vertriebler.“

Nicht äußern wollte sich die Versicherung auch zu laut Bericht rechts und links von den Quellen aufgestellten Himmelbetten, die dem Handelsblatt zufolge mit Tüchern verhängt waren. „Jeder konnte mit einer der Damen auf eines der Betten gehen und tun was er wollte“, erklärte ein Teilnehmer demnach.

„Die Damen wurden nach jedem solcher Treffen mit einem Stempel auf ihrem Unterarm abgestempelt. So wurde festgehalten, welche Dame wie oft frequentiert wurde.“

Jetzt ist Prostitution zunächst erst einmal ein legaler Beruf, der Besuch einer Prostituierten ebenfalls und das Abhalten von Sexparties steht jedem frei. So gesehen ist niemand zu schaden gekommen, auch wenn man über die Ausgestaltung reden kann. Der sexpositive Feminismus sollte mit dem Grundsatz einer solchen Party zunächst erst einmal keine Probleme haben.

Helga von der Mädchenmannschaft hat folgende Kritik anzubringen, die ich auszugsweise in Form eines kleinen Rant besprechen möchte:

Die hatte ihre besten Vertreter geladen – ob dort keine erfolgreichen Vertreterinnen arbeiten oder diese schlicht nicht eingeladen wurden, bleibt unklar.

Ein klassischer Satz, der Frauenbenachteiligung im Raum stehen läßt. Dass in der Spitzengruppe der Vertreter eher und vielleicht auch nur ausschließlich Männer zu finden sind überrascht ja angesichts von der höheren Bereitschaft von Männern in Berufen mit Provisionen (und damit Risiko) zu arbeiten und deren höherer Bereitschaft zu Überstunden etc eigentlich nicht. Anzeichen dafür, dass die Frauen hier ausgeschlossen wurden, sind zunächst erst einmal nicht vorhanden. Die genauso erfolgreichen Frauen (es muss sie ja geben) arbeiten eben nach Helga woanders. Kein Wunder bei diesem sexistischen Laden. Dass die Reise nach der Feststellung, dass man nur Männer in der Spitzengruppe hat auf diese Weise geplant wurde, kommt als Möglichkeit nicht vor. Auch nicht, dass man bei Vorhandensein einer Frau einfach noch einen Callboy für sie abgestellt haben könnte (denn Männer und Frauen sind ja gleich, da wäre sie sicherlich begeistert gewesen) wird nicht thematisiert.

Wem sich hier der Eindruck aufdrängt, Frauen wären mehr als Fleisch und Ware behandelt worden, denn als Mensch – es geht noch gruseliger

Prostitution ist eben eine Dienstleistung. Und nur weil die Prostituierten als solche kenntlich gemacht wurden (was angesichts anderer Hostessen sicherlich auch erforderlich war) bedeutet es nicht, dass man sie nicht dennoch als Mensch behandelt hat.

Zu den Stempeln dann:

Ich glaube, ich will nicht einmal wissen, warum sie diese Dokumentation an den Sexarbeiterinnen haben vornehmen lassen.

Ich eigentlich schon. Aber ich bin auch ein neugieriger Mensch. Abbauen von Hemmungen, indem man sieht, dass die Kollegen es auch gemacht haben? Wettbewerb? Da werden die besten Vertreter, die ja durch ihre Umsätze gestempelt werden, mit Frauen konfrontiert, die für Sex gestempelt werden.

Und was ist dort mit der körperlichen Selbstbestimmung passiert? Jeder durfte mit den Frauen tun, was er wollte – auch wenn sie das nicht wollte?

Und gleich sehr schön durch bewusstes Falsch verstehen noch etwas Vergewaltigung reingebracht. Den der Vorwurf ist hier ja wohl eher an den Haaren herbeigezogen. Das hier gemeint war, dass er machen konnte, was er wollte, sofern die Frau dem zustimmte, sollte eigentlich klar sein. Dass man dann Frauen angeheuert hat, die eine breite Angebotspalette haben, wäre wieder etwas anderes.

Dann nimmt sie noch zu dem Beitrag in der Mitarbeiterzeitschrift Stellung, in dem zu der Reise gesagt wird, dass sie ein Mordsspass und niemand dabei war, der nicht noch mal mitwollte.

Dazu heißt es dann:

Dabei tun sich hier noch ganz andere Abgründe auf. Ob sich „Back to the roots“ nun auf die Vergangenheit bezieht oder derartige Parties auch auf niedrigeren Ebenen der Versicherung an der Tagesordnung sind – das möchte ich nun doch gern wissen.

Ein Sündenpfuhl wurde offenbart, überall Sexparties! Gut, dass die Mädchenmannschaft das aufgedeckt hat!

Irgendwie erinnert mich dieser Stil an Alice Schwarzer. Suggestivfragen, die schreckliches Andeuten. Möglichkeiten unter dem Vorwand, sie aufklären zu wollen, in den Raum stellen.

Meiner Meinung nach spricht die Kritik den wesentlichen Punkt gerade nicht an:

  • Dürfen Firmen Belohnungen für gute Abschlüsse bieten, die insbesondere Männer ansprechen?
  • Ändert sich diese Betrachtung, wenn in der Gruppe, die belohnt wird, lediglich Männer vorhanden sind?
Es wirft auch noch einmal ein interessantes Licht auf die Unterschiede im Sexualtrieb von Männern und Frauen. Ein paar heiße Prostituierte haben hier anscheinend eine sehr denkwürdige Party bewirkt. Nicht alle Männer dort werden das Angebot genutzt haben, einige werden vielleicht sogar eher gute Miene zum schlechten Spiel gemacht haben oder mitgeteilt haben, dass es nicht ihr Ding ist, aber im Ganzen kann ich mir schon vorstellen, dass es die meisten Gäste als gute Party gesehen haben. Hinzu kommt der Vorteil, etwas verbotens, verruchtes zusammen gemacht zu haben, einer elitären Gruppe anzugehören, die darüber Stillschweigen zu bewahren hat. Eine solche Party ist in gewisser Weise aufgrund ihrer Umstrittenheit und ihrer moralischen Angreifbarkeit ein Costly Signal. Denn wenn einer der Mitarbeiter danach zur Presse gegangen wäre und geredet hätte, dann hätte es den Skandal eben schon damals gegeben. Es ist insoweit eine Botschaft im Sinne von „Wir vertrauen euch“, die im Gegenzug Verbundenheit bewirkt. Die Kollegen haben insofern ein Geheimnis. Zumal man über die Stempel, die die Frau erhält, ja auch deutlich gemacht hat, dass die (verheirateten und vergebenen) Kollegen Sex hatten. Natürlich ist es auch eine Präsentation von Macht und Extravaganz, da eine Privatperson so etwas wohl kaum auf die Beine stellen wird. Ein „bleibt bei uns und strengt euch an, dann werdet ihr Sachen wie diese erleben“. Und, weil es über so etwas auch immer gewisse Gerüchte gibt, eine Motivation für die anderen Mitarbeiter: Ihr wollt die Erfüllung all eurer Sexträume mit wunderschönen Frauen, die alles machen, was ihr wollt? Nur ein paar Abschlüsse mehr und ihr seid auch dabei“.
Und das ist meiner Meinung nach der Punkt, an dem eine feministische Kritik berechtigt einhaken kann. Denn Frauen werden so sicherlich nicht verleitet, in den Club der besten Vertreter einzusteigen. Angesichts der Anzahl der Frauen, die das wollen und das Potential dazu haben, aber wahrscheinlich bei rein ökonomischer Betrachtung durchaus verschmerzbar (was nicht bedeutet, dass man hier alles nur streng ökonomisch sehen sollte).
Interessant finde ich : Welche andere Aussicht motiviert die Mitarbeiter entsprechend, sich anzustrengen. Welches andere außergewöhnliche Ereignis, dass auch Frauen anspricht, hat die gleiche Faszination für alle Mitarbeiter und verbindet über das verbotene Element genau so stark?
Mir fällt wenig ein. Vielleicht sollte man sich auf die Suche nach solchen Ereignissen machen, um Alternativen aufzuzeigen.