Sind Kategorien wie Mann und Frau sinnvoll?

Die Abgrenzung von Mann und Frau kann in Einzelfällen schwierig sein. Eine Diskussion dazu gab es schon einmal in dem Artikel „Wann ist ein Mann oder eine Frau ein Mann oder eine Frau?“ Allerdings wird aus diesem Einzelfall mitunter abgeleitet, dass eine Abgrenzung zwischen Mann und Frau an sich nicht möglich sei und diese Kategorien daher sinnlos sein. Meiner Meinung nach handelt es sich allerdings lediglich um eine klassische Abgrenzungen mit verschwimmenden Mittelwert oder einer Unschärfe in der Mitte. Dies kommt häufiger vor und macht Kategorien nicht sinnlos.

Ein Beispiel ist ein Kind. Es gibt den Begriff „Kind“ und den Begriff „Erwachsener“ (Beispiel wenn ich mich recht Erinnere von Dawkins übernommen). Deutschland ändert sich die Einteilung mit der Vollendung des 18. Lebensjahres. Diese Einteilung ist in gewisser Weise beliebig. Mit der Vollendung ändert sich nichts an der Person. Sie wird nicht von einem Tag auf den anderen Erwachsen, sondern es ist ein kontinuierlicher Effekt. Dennoch ist es sinnvoll eine Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen vorzunehmen, ob Kriterium nun das 16. das 18. oder das 21. Lebensjahr (oder ein späteres Datum) ist. Ein 6 jähriges Kind ist kein Erwachsener und ein 40 jähriger kein Kind. Die Abgrenzung ist, obwohl es Unklarheiten geben kann, sinnvoll und überall auf der Welt zu finden.

Wer behaupten würde, dass eine Abgrenzung zwischen Erwachsenen und Kindern nicht möglich ist, und diese daher gleich sein müssen, der würde zu recht Kritik ernten.

In der Geschlechterdebatte ist dies ähnlich. Die Abgrenzung von Mann und Frau bereitet uns in 90% überhaupt keine Probleme und in 98% quasi keine, auch wenn einige Merkmale nicht dem Standard entsprechen. Vielleicht in 1% aller Fälle wird es kniffelig und in einem Prozentsatz von unter einem Prozent mag eine Abgrenzung nicht möglich sein, weil Kriterien beider Geschlechter so stark vermischt sind, dass man nicht sagen kann, welcher Anteil prägend ist.

(andere Beispiele dafür: Übergangsformen in der Evolution, Einteilung von Zeitaltern, Heiss oder kalt, sonnig oder bewölkt, gut und schlecht etc)

15 Gedanken zu “Sind Kategorien wie Mann und Frau sinnvoll?

  1. Du fragst ob eine Einteilung in zwei Kategorien sinnvoll ist? Ich sage nur dazu X und Y, mehr nicht, vielleicht noch Eizelle und Samenzelle. Wie gesagt, es ist total nebensächlich ob man von Mann-Frau, Gugo-Mesi oder wie auch immer spricht, phänotypische Einteilungsschemata sind vorbewußt. Das hat wenig bis gar nichts mit Kultur zu tun. Menschen aus einem anderen Kultur, einer anderen Rasse werden zu Beginn generalisiert – Asiaten, Europäer, Afrikaner etc. sehen alle gleich aus.

    Ein duales Einteilungsschema ist uns primär gegeben. Diskriminiere ich jemand, wenn ich Frau Mann sage? Ich könnte ja auch Mensch sagen, aber dann diskriminiere ich die Tiere. Sage ich Lebewesen „diskrininiere“ ich die unbelebte Natur, sage ich etwas, diskriminiere ich das Nichts.

  2. Das Problem ist eben, dass Sprache natürlich einen Aspekt der Willkür hat. Ob ich „Frau“, „Woman“ oder „Mujer“ sage, ist willkürlich. Es gibt allerdings historisch niemanden, der diese willkürlichen Begriffe ausgewählt hat, wie implizit unterstellt wird.

    • Genau so ist es, es gibt keinen, sich durch die Zeit durchziehenden Weltgeist mit dem Namen: Patriarchat, der sich kulturell – über Gene gehts ja schlecht im Gleichstellungsfeminismus – fortpflanzt und alle Männer dazu determiniert, bewußt oder unbewußt Frauen zu unterdrücken, qua ihres So-Seins. Man könnte sich eigentlich nur an die Stirn greifen und lachen, ob der Dummheit, welche in einer solchen Aussage mitschwingt – wozu solche idealistischen Baukastensätze jedoch dennoch führen können, haben uns Mao und Stalin leider schmerzlich gezeigt. Und der Kaiser trägt doch keine Kleider!

  3. „“Sind Kategorien wie Mann und Frau sinnvoll?““

    Allein der Umstand, dass diese Frage ernsthaft diskutiert werden MUSS ist Beleg für die fortschreitende Dekadenz westlicher Gesellschaften.

    Kategorisierungen, die sich in der Sprache manifestieren, sind zwar Konstrukte des menschlichen Geistes, aber selbstverständlich nicht vollständig vom Wesen der Dinge unabhängig. Am Anfang steht die Unterscheidung durch die sinnliche Wahrnehmung, die bei Radikalkonstruktivisten durch wirre, verkopfte Theorien ohne Bezug zur sinnlichen Wahrnehmung ersetzt wurden.

    Ähnliches wird zu Kategorien zusammengefasst, um die Dinge zu ordnen. Meines Wissens unterscheidet jede Sprache, auch eine afrikanische, die sich über Jahrtausende ohne europäischen Einfluss gebildet hat, zwischen Mann und Frau. Wie könnte es auch anders sein. Ja sogar Tiere unterscheiden zwischen „männlich“ und „weiblich“, nur Radikalkonstruktivisten vom Staate Absurdistan tun das nicht, wobei sie sich standardmässig auf erkenntnistheoretische Argumente berufen wie „es gibt keine (absolute) Objektivität“, „es gibt keine gesicherte Erkenntnis (ausser ihrer eigenen, die selbstverständlich unumstösslich ist, was zur selbstreferentiellen Inkonsistenz führt)“. Damit, so glauben sie, hätten sie sich jeder Kritik entledigt. Diese philosophische Anschauung ist weder neu noch originell und lässt sich bis zu den griechischen Sophisten zurückverfolgen.

    Kiswahili beispielsweise kennt kein „männlich“, „weiblich“ und „sächlich“ als Nominalklassen, sondern ganz andere, insgesamt 14. Eine davon bezeichnet Lebewesen, die durch das Präfix „m“ lautlich gekennzeichnet werden. Frau heisst „mwanamke“ und Mann „mwanaume“, der Baum „mti“. Ausnahmen sind meist Lehnwörter aus dem Arabischen, Englischen oder Deutschen. Auch wenn sich die Nominalklassen sehr von den unseren unterscheiden, so haben wir doch ebenso die Kategorie „Lebewesen“, auch wenn sie nicht direkt in der Sprache als Nominalklasse ausgezeichnet wird. Auch gibt es kein „er“, „sie“ oder „es“, sondern nur das Präfix „a“. Daraus ergibt sich natürlich nicht, dass nicht unterschieden würde und diese Kategorien nicht bestünden, sondern nur, dass ein anderer Weg gewählt werden muss, um anzuzeugen, dass es sich um eine Frau oder einen Mann oder eine Pflanze oder Tier handelt, von dem die Rede ist, wenn die sogenannte m/wa-Klasse Anwendung findet.

    Letztendlich ist für den Radikalkonstruktivisten nur massgebend, wer sich im Diskurs durchsetzt, wer die Diskurshoheit erlangt und diese behauptet. Alles eine Machtfrage. Der real existierende Feminismus steht exemplarisch für diese Art der Sophisterei.

    • „Allein der Umstand, dass diese Frage ernsthaft diskutiert werden MUSS ist Beleg für die fortschreitende Dekadenz westlicher Gesellschaften.“

      Nur keine Aufregung, außerhalb subventionierter Universitäten vollgestopft mit gelangweilten Geisteswissenschaftlern, diskutiert niemand diese Frage, weil jedem sofort klar ist, dass es die Kategorie „Mann“ und „Frau“ gibt. Das ergibt sich schon aus der Sexualität.

    • @ Peter Bosshard

      *Letztendlich ist für den Radikalkonstruktivisten nur massgebend, wer sich im Diskurs durchsetzt, wer die Diskurshoheit erlangt und diese behauptet. Alles eine Machtfrage. *

      Humpty-Dumpty-Philosophie:

      ‘When I use a word,’ Humpty Dumpty said in rather a scornful tone, ‘it means just what I choose it to mean—neither more nor less.”

      ‘The question is,’ said Alice, ‘whether you can make words mean different things.’

      ‘The question is,’ said Humpty Dumpty, ‘which is to be master—that’s all.’

  4. Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau mag biologisch sehr sinnvoll sein. Diese biologische Unterscheidung ist vorgegeben. Die Schwierigkeiten kommen mit begrifflicher Differenzierung. Was zum Beispiel Judith Butler thematisiert, ist ja nicht der Standardfemminismus, den vielleicht hier eine Alice Schwarzer vertritt, sondern ein grundsätzliches Problem der Ontologie, dabei gehen ihre Bezüge auf Hegel und Heidegger. Im Wesentlichen geht es darum, was wir eigentlich machen, wenn wir mit Sprache umgehen, nämlich differenzieren. Diskriminieren tun wir, wenn wir Sprache in gesellschaftlichen Kontexten verwenden (auch das Nichts wie ja hier in den Kommentaren angemerkt wird). So wie ich Judy nun verstehe, geht es ihr, um die Frage einer ursprüngliche Ontologie, die sich nicht mehr in Begrifflichkeiten versteigt. Dass das natürlich auch an entsprechenden Stellen in biologische Argumentationen eingeführt wird, schmälert nicht den Wert ihrer Theorie, macht Sie aber von dieser Seite angreifbar. Ich würde aber nicht gleich behaupten, dass sie einen Radikalkonstruktivismus vertritt, sondern eben einen hegelianischen. Es gibt deutliche Zielpunkte, die in ihrer Theorie formuliert sind und sie denkt eben über die Möglichkeit einer ursprünglichen Ontologie nach. Das sind natürlich philosophische Probleme, die weniger etwas mit der Frage nach der Funktionsfähigkeit der Biologie zu tun habe. Was ich mich bei diesem Blog hier immer nur frage, ist, ob mit der Evolutionstheorie dann tatsächlich der erkenntnistheoretische Anspruch vertreten wird, die Welt so zu erklären wie sie ist oder ob eher eine wissenschaftlich skeptische Haltung gegenüber beobachtbaren Phänomenen verfolgt wird.

    Dass du natürlich in Probleme mit der feministischen Front gerätst, tut mir sehr leid.

    Bis dann Norman 🙂

    • „“Ich würde aber nicht gleich behaupten, dass sie einen Radikalkonstruktivismus vertritt, sondern eben einen hegelianischen. Es gibt deutliche Zielpunkte, die in ihrer Theorie formuliert sind und sie denkt eben über die Möglichkeit einer ursprünglichen Ontologie nach.““

      Ich halte J.Butler für ein Orakel, so wie Derrida und einige andere aus dieser Zunft auch. Es ist eine Qual sie zu lesen. Ihre Ausdrucksweise bleibt immer mehrdeutig, der Interpretationsraum gross. Das zeigt sich insbesondere, wenn selbst Fachleute sie auf völlig gegensätzlichen Positionen verorten. Bei Laien liesse sich behaupten, sie hätten eben nicht den nötigen Wissenshintergrund, um ihren Ausführungen zu folgen.

      Die von ihr praktizierte Mehrdeutigkeit ist gewollt. So wie das eben bei Orakeln und Wahrsagern aus gutem Grund üblich ist.

      • *lach* Nein, gegen Orakel und Wahrsager hätte ich auch vieles einzuwenden. Ein schlechter Stil kann schon unerträglich werden. Diesen sehe ich aber bei Butler und Derrida nicht so stark. Die Mehrdeutigkeit ist einigen Fällen erwünscht, weil es um das Problem der Mehrdeutigkeit geht. Ich hingegen habe die Beiträge aus der französischen Philosophie immer als sehr fruchtbar angenommen. Ich denke es geht weniger um die Frage nach einer Erkenntnistheorie, sondern um die dahinterliegende und zugrundeliegende Ontologie. Dass Fachleute Theorien unterschiedlich verorten, sehen wir auch in vielen anderen Disziplinen bis hin zur Physik. Bei Kant gibt es ebenso die unterschiedlichsten Deutungen. Das sind für mich noch keine Argumente. Für mich fragt sich eher wie bestimmte Mondlandschaften des Denkens wieder zurück in die Welt der Empirie integriert werden. Im Grunde sind ja Allsätze der Evolutionstheorie oder Rational-Choice-Theorie leere Gebilde und in dem Moment wo sie auf empirische Aussagen zurückgebracht werden, verlieren sie ihren ursprünglich groß angelegten Informationsgehalt. Die Frage nach den Brückenhypothesen ist schwierig. Bei den metaphysischen Fragen von Kant, Derrida oder Butler geht es aber zumeist nicht um die Zurückholung in die Empirie, sondern nur um die Logik des Denkens. Daher ist es auch oftmals falsch, wie der Femminismus, diese wollen nämlich ein empirisches Thema gesellschaftlich verorten. Ich muss aber auch zugeben, dass ich Butlers Werk nicht in und auswendig kenne, es also durchaus sein kann, dass sie hin und wieder empirische Theorien verortet. Wenn ich aber noch mal in the „Psychic Life of Powers“ hineinschaue, dann denke ich, dass es ihr um die Frage der Begriffsbildung von Kategorien geht, die zwar biologisch eingegrenzt sind, aber dann auch zurückbezogen werden auf die Identität des Menschen, der sich eben als metaphyisch denkendes Wesen (ob das nun richtig ist oder nicht) versteht. Natürlich kommt es bei einer nicht ontologischen Interpretation zu Frontstellungen zwischen einem femministischen Radikalkonstruktivismus (der in der Regel keine Rückendeckung von der Philosophie erwarten kann)mit radikal-empirischen Theorien. Ich denke kritikabel ist Butlers Position nun nur, wenn dieser Blog es darauf anlegt, zu sagen, dass unser gesamtes Denken nur aus biologischen Notwendigkeiten besteht und es keine Überschusspotentiale gibt. Ob sich die Evolution das aber leisten könnte, weiß ich nicht (ah hier ist wahrscheinlich irgendwo ein Zirkel 😉 Anpassung bedeutet doch zu einem gewissen Grade auch, auf die Möglichkeit von Wechselbedingungen eingerichtet zu sein.

        Bis dann erstmal.

  5. @ Christian …Heiss oder kalt, sonnig oder bewölkt, gut und schlecht etc)

    Bei diesen Beispielen handelt es sich um Polaritäten. An den Polen selbst, zB. beim Guten bzw. Schlechten befindet sich fast nichts, das Gros der Dinge liegt dazwischen. Die Geschlechter bilden aber keine Polarität sondern eine Dichotomie, zwischen ihnen liegen nur seltene Entwicklungsabweichungen. Die charakterlichen Atributte, die man den Geschlechtern zuschreibt, sind allerdings wieder polar. Wenn wir Polarität und Dichotomie unterscheiden verschwindet das Scheinproblem.

  6. Etwas zu kategorisieren ist immer wichtig. Es gibt nun mal Frauen und Männer. Man kann in Studien doch nicht nur immer allgemein von Menschen reden? Ein Beispiel: Frauen äußern andere Beschwerden bei Herzinfarkten als Männer, da den Ärzten oft nur die typisch männlichen Beschwerden bekannt sind, werden bei vielen Frauen die HI oft nicht erkannt. Macht man jetzt aus Mann/Frau nur noch Mensch, woher weiß man dann für wen welche Beschwerden typisch sind? Mensch hat andere Beschwerden als Mensch, AHA. Wir sind nicht alle gleich.

  7. @Fibonaccie
    off topic. Ich hab mal in deinen Blog geschaut. Wahrscheinlichkeit und Zufall: damit sprichst Du Themen an, die mich seit Jahren beschäftigen. Ich werd bei Gelegenheit mal was dazu schreiben. Mein Ansatz ist, so nebenbei bemerkt, ein anderer.

  8. sein wir doch mal ehrlich: die butler judy betreibt geschwätzbastelei. nebulöse, verquaste und inkonsitente scholastik. bezöge sie sich doch bitte auf heidegger! dann würde sie die frage nach dem wesen von geschlecht stellen und zu ganz anderen erkenntnissen gelangen. tut sie aber nicht.

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