Fraternal birth order („die Geburtsfolge der Brüder“) und Homosexualität

Nachdem es in dem Artikel „Höhere Fruchtbarkeit der weiblichen Verwandten als Vorteil der Homosexualität und der Bisexualität?“ bereits darum ging, inwieweit Gene für Homosexualität evolutionär halten konnten (indem der Nachteil geringerer Nachkommen bei den männlichen Nachkommen durch den Vorteil von mehr Nachkommen bei den weiblichen Nachkommen ausgeglichen wird) geht es nunmehr um andere Gründe, die biologisch für Homosexualität ursächlich sein könnten: Ein Kampf zwischen den Interessen der Mutter und den Interessen des Kindes.

Die Forschung hat festgestellt, dass männliche Homosexuelle häufiger als der Schnitt viele männliche Geschwister haben. Aus dieser „fraternal birth order“, der „brüderlichen Geburtenfolge“, muss sich demnach etwas ergeben, was Homosexualität bei Männern begünstigt:

he most consistent biodemographic correlate of sexual orientation in men is the number of older brothers (fraternal birth order). The mechanism underlying this effect remains unknown. In this article, I provide a direct test pitting prenatal against postnatal (e.g., social/rearing) mechanisms. Four samples of homosexual and heterosexual men (total n = 944), including one sample of men raised in nonbiological and blended families (e.g., raised with half- or step-siblings or as adoptees) were studied. Only biological older brothers, and not any other sibling characteristic, including nonbiological older brothers, predicted men’s sexual orientation, regardless of the amount of time reared with these siblings. These results strongly suggest a prenatal origin to the fraternal birth-order effect.

Quelle: Biological versus nonbiological older brothers and men’s sexual orientation

Der Grund könnte eine Immunreaktion der Mutter sein:

In men, sexual orientation correlates with an individual’s number of older brothers, each additional older brother increasing the odds of homosexuality by approximately 33%. It has been hypothesized that this fraternal birth order effect reflects the progressive immunization of some mothers to Y-linked minor histocompatibility antigens (H-Y antigens) by each succeeding male fetus and the concomitantly increasing effects of such maternal immunization on the future sexual orientation of each succeeding male fetus. According to this hypothesis, anti-H-Y antibodies produced by the mother pass through the placental barrier to the fetus and affect aspects of sexual differentiation in the fetal brain. This explanation is consistent with a variety of evidence, including the apparent irrelevance of older sisters to the sexual orientation of later born males, the probable involvement of H-Y antigen in the development of sex-typical traits, and the detrimental effects of immunization of female mice to H-Y antigen on the reproductive performance of subsequent male offspring. The maternal immune hypothesis might also explain the recent finding that heterosexual males with older brothers weigh less at birth than heterosexual males with older sisters and homosexual males with older brothers weigh even less than heterosexual males with older brothers.

Quelle: Fraternal Birth Order and the Maternal Immune Hypothesis of Male Homosexuality

Es scheint auch einen ähnlichen Effekt bei Transsexuellen zu geben:

BACKGROUND:

As previous studies with homosexual males have revealed a later birth order, more older brothers and more brothers than sisters, this research was extended to a large series of transsexual males and females, some of whom are homosexual.

METHODS:

The male sample comprised 442 male-to-female transsexuals, subdivided by sexual partner preference: 106 homosexual, 135 heterosexual, 155 bisexual and 46 asexual. One hundred female-to-male transsexuals were also studied: 75 homosexual, 16 bisexual, seven heterosexual and five asexual. Birth order was computed by both Slater’s Index and Berglin’s Index.

RESULTS:

Homosexual male-to-female transsexuals have a later than expected birth order and more older brothers than other subgroups of male-to-female transsexuals. Each older brother increases the odds that a male transsexual is homosexual by 40 %.

CONCLUSIONS:

Hypotheses explaining the extension of prior findings to this large sample of transsexual males include a progressive maternal immunization to the male foetus either through the H-Y antigen or protein-bound testosterone or alterations in foetal androgen levels in successive pregnancies, all modifying male psychosexual development. Data on the sexual orientation of younger brothers of homosexual male transsexuals in this study are not consistent with the progressive immunization hypothesis.

Quelle: Birth order and ratio of brothers to sisters in transsexuals.

Das H-Y Antigen scheint in der Hodenproduktion eine gewisse Rolle zu spielen, was es genau bewirkt scheint aber noch recht unklar zu sein. Hier wird hoffentlich weitere Forschung weitere Einsichten bringen.

Der Effekt soll für für circa 1 von 7 Homosexuellen verantwortlich sein:

In men, sexual orientation correlates with the number of older brothers, each additional older brother increasing the odds of homosexuality by approximately 33%. However, this phenomenon, the fraternal birth order effect, accounts for the sexual orientation of only a proportion of gay men. To estimate the size of this proportion, we derived generalized forms of two epidemiological statistics, the attributable fraction and the population attributable fraction, which quantify the relationship between a condition and prior exposure to an agent that can cause it. In their common forms, these statistics are calculable only for 2 levels of exposure: exposed versus not-exposed. We developed a method applicable to agents with multiple levels of exposure—in this case, number of older brothers. This noniterative method, which requires the odds ratio from a prior logistic regression analysis, was then applied to a large contemporary sample of gay men. The results showed that roughly 1 gay man in 7 owes his sexual orientation to the fraternal birth order effect. They also showed that the effect of fraternal birth order would exceed all other causes of homosexuality in groups of gay men with 3 or more older brothers and would precisely equal all other causes in a theoretical group with 2.5 older brothers. Implications are suggested for the gay sib-pair linkage method of identifying genetic loci for homosexuality.

Quelle: How Many Gay Men Owe Their Sexual Orientation to Fraternal Birth Order?

13 Gedanken zu “Fraternal birth order („die Geburtsfolge der Brüder“) und Homosexualität

  1. Aha Christian, hat „die Forschung“ das ergeben. Anhand einer nichrepräsentativen Probandenmenge von 944. Ich wette mit dir, dass es einen Unterschied macht, ob man eine solche Untersuchung in San Francisco oder in Kansas durchführt – aber „die Forschung“ hat ergeben. Du scheinst immer ein, zwei Studien irgendwo rauszusaugen und die dann als „die Forschung“ hier herzustellen. So kann man sein Weltbild auch untermauern.

  2. Es gibt ja weitere studien hierzu und ich interessiere mich durchaus für gegenstudien, wenn du welche hast. Der artikel sollte erst einmal eine einführung sein. Mir wäre es zudem lieb, wenn du kritik vom ton her auf einer sachlicheren ebene halten würdest. Das führt ja in der sache zu keinen abstrichen

  3. @Christian
    Was terminator meint:
    Schreib nicht „die Forschung hat festgestellt“ sondern „Ich habe Studien darüber gefunden, dass“
    Denn du hast nur letzteres – unabhängig davon ob dir jemand Gegenstudien präsentieren kann oder nicht.

    Hast du denn Studien, die auf eine Kausalität hinweisen und nicht nur auf eine Korellation? Ist der Umstand überall rausgerechnet, dass Wohlstandsgesellschaften zu einer geringeren Kinderanzahl tendieren? Wie ist das bei der 1-Kind-Politik in China und Japan, bei der höchstens noch ein Kind geboren werden darf, wenn das erste ein Mädchen war. (ob das zweite dann ein Junge wird, ist ja fraglich aber vom Prinzip her kenn ich es so). Und wie ist das dann prozentual zu Familien mit vielen Kindern?
    Und wie ist das bei weiblichen Homosexuellen? (Die du mir scheinbar oft raus lässt. Lesben sind auch homosexuell. Alle ;))

  4. @Khaos.kind

    „Hast du denn Studien, die auf eine Kausalität hinweisen und nicht nur auf eine Korellation?“

    Was würde dir denn als Kausalitätsnachweis genügen und wie meinst du würde es sonst zu der Korellation kommen? Sie ist ja schon recht ungewöhnlich.

    „Ist der Umstand überall rausgerechnet, dass Wohlstandsgesellschaften zu einer geringeren Kinderanzahl tendieren?“

    Du meinst, dass Wohlstandsgesellschaften weniger Schwule produzieren? Das müsste ja der Fall sein, wenn das die Zahlen erklären sollte?

    „Wie ist das bei der 1-Kind-Politik in China und Japan, bei der höchstens noch ein Kind geboren werden darf, wenn das erste ein Mädchen war. (ob das zweite dann ein Junge wird, ist ja fraglich aber vom Prinzip her kenn ich es so).“

    Ein Mädchen ist, wie es ja bereits in den Studien steht, für die Chancenerhöhung irrelevant. Lediglich die Zahl der Brüder ist interessant. Japan hat allerdings meines Wissens nach keine 1-Kind-Politik. Wäre wohl in einer Demokratie auch schwer durchzusetzen. Aber theoretisch müsste die 1-Kind-Politik zu einem absinken der Prozentzahl von homosexuellen Männern für dieses Land führen. Und zwar gegenüber einem unregulierten Zustand um etwa 1/7.

    „Und wie ist das dann prozentual zu Familien mit vielen Kindern?“

    Familien mit vielen Söhnen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass gerade die letztgeborenen Söhne schwul sind. Das ergibt sich aus den Studien. Insofern verstehe ich deine Frage nicht?

    „Und wie ist das bei weiblichen Homosexuellen? (Die du mir scheinbar oft raus lässt. Lesben sind auch homosexuell. Alle )“

    Es geht hier um eine Geburtsreinfolge der Brüder, dieser Umstand betrifft eben auch nur Brüder. Inwiefern habe ich dann die Lesben rausgelassen? Das ist ungefähr so, als würde man bei Betrachtungen von Schwangerschaften von Homosexuellen die Schwulen rauslassen.
    Ich schreibe ja auch recht ausdrücklich:

    Die Forschung hat festgestellt, dass männliche Homosexuelle häufiger als der Schnitt viele männliche Geschwister haben. Aus dieser „fraternal birth order“, der „brüderlichen Geburtenfolge“, muss sich demnach etwas ergeben, was Homosexualität bei Männern begünstigt

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